Kon-kon (Mari-Sprache, kyrillisch кон-кон), auch kon-kón, konkon, ist ein Musikbogen ohne einen mit dem Saitenträger verbundenen Resonator, der von den Mari in den zum europäischen Teil Russlands gehörenden autonomen Republiken Mari El, Tatarstan und Baschkortostan zumindest bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts zur Tanzbegleitung gespielt wurde und noch gelegentlich als Kinderspielzeug dient. Der mit dem Mund verstärkte kon-kon ist ein Mundbogen und als solcher ein in Europa seltenes oder einzigartiges Relikt im äußersten Nordosten. Dieser einfachste und älteste Saiteninstrumententyp kommt auch in Nord- und Zentralasien nur noch vereinzelt vor.

Herkunft und Verbreitung mini|Musiker der indigenen Völker Taiwans mit einem dem kon-kon entsprechenden Mundbogen gongqin und einer Bambusrahmenmaultrommel, um 1935 Musikbögen werden bis heute vor allem in Afrika südlich der Sahara (dort auch mehrsaitige Pluriarc), Nord- und Südamerika (berimbau in Brasilien), vereinzelt in Indien (villadi vadyam und dhankul), Ozeanien und Ostasien (Mundbögen in Taiwan, azusa yumi in Japan) gespielt. Heute kommen außerdem eng mit Musikbögen verwandte Musikstäbe (Teufelsgeige) in einigen Regionen Europas vor. Abgesehen von der möglicherweise einen Mundbogen darstellenden steinzeitlichen Abbildung in der Drei-Brüder-Höhle in Frankreich sind aus prähistorischer Zeit keine Musikbögen in Europa bekannt.Ellen Hickmann: Europe, pre- and proto-historic. 3. Archaeological finds. (iv) Chordophones. In: Grove Music Online, 2001. Die Interpretation einzelner Jagdbögen auf bronzezeitlichen (um 1800 – um 500 v. Chr.) Felsritzungen in Südschweden als Musikbögen ist spekulativ. Vgl. Cæcilie Andreas Andersen: Swedish rock art depictions of sound producing instruments – Potential bow instruments and musical behaviors. In: Adoranten, 2024, S. 1–8 Diese Verbreitung von Musikbögen ist relativ gut erforscht. Über die historische und teilweise andauernde Verwendung von Musikbögen in der Wolgaregion westlich des Ural und östlich davon in Sibirien wurde jedoch international weniger berichtet.Nicht erwähnt in: Ulrich Wegner: Musikbögen und Musikstäbe. II. Verbreitung. In: MGG Online, (1997) November 2016; und: David K. Rycroft: Musical bow. In: Grove Music Online, 2001; und: Jeremy Montagu: Origins and Development of Musical Instruments. Scarecrow Press, Lanham 2007, S. 196

Zu den traditionellen Musikinstrumenten der indigenen kleinen Völker in Sibirien gehören bei allen Völkern Rasseln und mit Ausnahme der Samojeden Maultrommeln (qopuz). Einfache Mundbögen waren und sind noch vereinzelt fast in der gesamten Region verbreitet. Die Samojeden, Jukagiren und die Yupik (auf der Tschuktschen-Halbinsel) setzten den Mundbogen anstelle der spieltechnisch ähnlichen Maultrommel ein. Bei anderen Völkern wie den Selkupen und Keten östlich des Ural ist der Mundbogen ein Musikinstrument der Frauen („Frauen-Maultrommel“). Südlich davon, in Zentralasien, dient der Mundbogen bei einigen Turkvölkern, etwa im Kusnezker Becken, bei Chakassen und bei Altaiern, den Schamanen als Hilfsmittel für ihre Heilungszeremonien.Yuri Sheykin: Siberian peoples: Traditional instruments. In: Oksana Dobzhanskaya (Hrsg.): Musical Culture and Art of the Arctic Peoples. Publishing Center of the Arctic State Institute of Culture and Arts, Jakutsk 2018, S. 20–24

E. Pekarskiys dreibändiges Wörterbuch der jakutischen Sprache (Moskau 1959) enthält eine detaillierte Beschreibung der Musikinstrumente der Jakuten in der ostsibirischen Republik Sacha, darunter der Schamanentrommel dungur, der zweisaitigen Streichlaute kyryympa (ähnlich der mongolischen morin chuur) und der Maultrommel chomus. Daneben kennen die Jakuten noch den Mundbogen tirdirgiir (, „zittern“) aus einem dünnen Weiden-, Birken-, Lärchen- oder Wacholderzweig, der mit Rosshaaren bespannt ist und als Kinderspielzeug dient. Wenn mit Daumen und Zeigefinger die Saite nach außen gezogen und dann losgelassen wird, ergibt sich ein schnappendes Geräusch („tirr…tirr“), was zu dem lautmalerischen Namen führte. Mit der Dicke des Rosshaarbündels ändert sich die Tonhöhe. Der Ton ist sehr leise und praktisch nur vom Spieler selbst zu hören, wenn er die Saite in den Mund nimmt. Wie der Mundbogen am Entwicklungsbeginn der Saiteninstrumente steht, so bildet das nur vom erzeugenden Individuum wahrnehmbare Hörerlebnis einen Ursprung der Musik.Dyakonova Varvara Egorovna: The studying of Yakut musical instruments on the basis of linguistic and ethnographic data from „The Yakut dictionary“ by E. Pekarskiy. In: Proceedings of the 9th Conference on Interdisciplinary Musicology CIMI 4, Berlin 2014, S. 395f; Dyakonova Varvara Egorovna: About the Origin of the Names of Yakut Fonoinstruments and Technology of their Manufacturing. In: Oksana Dobzhanskaya (Hrsg.): Musical Culture and Art of the Arctic Peoples. Publishing Center of the Arctic State Institute of Culture and Arts, Jakutsk 2018, S. 68–70

Die Mari gehören zu den Wolga-Finnen und damit zu den nicht-russischen Völkern im europäischen Teil Russlands, der als Wolga-Föderationskreis verwaltet wird. Die kulturelle Diversität der Wolga-Finnen drückt sich auch in ihren Musikinstrumenten aus, deren Verwandte entweder im östlichen Europa oder in Sibirien zu finden sind. Während sich die Tataren und Baschkiren mit ihrer langen randgeblasenen Flöte kurai nach Osten an der tüidük der Turkmenen, der sybyzgy der Hirten in Kasachstan und mit ihrer Langhalslaute an der kasachischen dombra orientieren, stehen die Kerbflöten, Zithern und Sackpfeifen der Mari, Mordwinen, Udmurten und Tschuwaschen mit osteuropäischen Instrumenten in Verbindung. Zwei Musikinstrumente sind in dieser Region einzigartig: der Mundbogen kon-kon der Mari und die tschiptschirgan, eine aus einem 1,5 bis 2 Meter langen Rohr bestehende sucked trumpet („Saugtrompete“) der Udmurten.Mark Slobin, Jarkko Niemi: Russian Federation. II. Traditional music. 2. Non-Russian peoples in European Russia. In: Grove Music Online, 2001

Der kon-kon wird als Urahn der in der Wolgaregion verbreiteten Kastenzither gusli (russisch гусли) angesehen. Außerdem und obwohl im prähistorischen Europa keine Belege für Musikbögen gefunden werden konnten, zieht Igor Đurović (2020) auf der Suche nach dem Ursprung der serbokroatischen Streichlaute gusle den kon-kon der Mari als ein uraltes Relikt und als ein Indiz für die Existenz eines prähistorischen europäischen Zupfinstruments heran. Đurović erwähnt ferner einen archaischen litauischen Mundbogen smuikas, dessen Saite mit einem Stab gerieben worden sei, und will damit eine frühe Verwendung des Streichbogens in Europa belegen.Igor Đurović: Origins of the Serbian Gusle: From the Prehistory to the Middle-Ages. Iconea Publishing, London 2020, S. 5f, bei Đurović in der Schreibweise „smuigas“. Litauisch smuikas bezeichnet seit etwa dem 10. Jahrhundert Fiedeln und heute die Violine. Vgl. Gaila Kirdienė: The drone styles of Lithuanian folk fiddle music. In: Ian Russell, Chris Goertzen (Hrsg.): Routes and Roots. Fiddle and Dance Studies from around the North Atlantic. The Elphinstone Institute, University of Aberdeen, 2012, S. 73–97, hier S. 73 Der einzige ansonsten erwähnte Musikbogen in Litauen (pūslinė) gehört zum Typus des Bumbass mit einer zwischen Saite und Saitenträger eingeklemmten Schweinsblase als Resonator.Curt Sachs: Die litauischen Musikinstrumente in der Kgl. Sammlung für Deutsche Volkskunde zu Berlin. In: Internationales Archiv für Ethnographie. Band 23. E.J. Brill, Leiden 1916, S. 1–8, hier S. 1f ()

Bauform und Spielweise mini|Mari-Familie in Zarjowokokschaisk, heute Joschkar-Ola, um 1900 zur Zeit des Gouvernements Kasan Der kon-kon ist ein Mundbogen, also die einfachste Form eines Jagdbogens, und besteht aus einem ungefähr 60 Zentimeter langen Zweig, der durch die zwischen beiden Enden gespannte Saite leicht gebogen wird. Früher wurde die Saite aus gewachsten Hanffasern und später aus Darm hergestellt. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wurden Saiten aus Metalldraht üblich. Der Spieler legt den Stab an einem Ende zur Resonanzverstärkung quer in den geöffneten Mund, um durch Veränderung des Mundraums den Klang zu beeinflussen. Die Saite wird mit der rechten Hand gezupft und mit der linken Hand am anderen Ende verkürzt, wodurch sich der Ton erhöhen lässt. Der kon-kon diente zur Begleitung mancher Tänze und als Klangerzeuger für Kinder.Bruno Nettl, 1960, Kapitel: 5. Instruments.

Andere einfache und alte Musikinstrumente der Mari sind die Gefäßflöte schüschpik und die Birkenrindentrompete sürem-puch. Die Sackpfeife schüvir und die kleine Holztrommel tümir werden für die Tanzmusik bei Hochzeiten eingesetzt. In der Volksmusik gespielte Saiteninstrumente sind die dreisaitige Fiedel kovizh und die trapezförmige Kastenzither küsle (vgl. husle). Alle früher verwendeten Musikinstrumente waren einfach konstruiert und für die eher schlichten monophonen Melodien der Volkslieder ausgelegt. Häufig wurden sie bei Zeremonien der Familie und bei Tieropferritualen gebraucht. Die finno-ugrische Musiktradition der Mari ist von Einflüssen der slawischen und turkischen Nachbarn geprägt, weniger von der polyphonen russischen Volksliedtradition. Die Volksmusik besteht aus kurzen lyrischen Liedern, während eine von anderen finno-ugrischen und nordasiatischen Völkern bekannte epische Gesangstradition fehlt.Mark Slobin, Jarkko Niemi: Russian Federation. II. Traditional music. 2. Non-Russian peoples in European Russia. (iii) Maris (Cheremis). In: Grove Music Online, 2001

mini|Zeichnung des litauischen Musikbogens pūslinė, dessen Saite durch eine Schweinsblase verstärkt wird, auf einer Briefmarke Die Musik des kon-kon und der anderen Saiteninstrumente gehört zu den Volksliedformen. Der Bordunton, auf dem generell das Musikbogenspiel basiert, findet sich auch beim Spiel auf der Fiedel und auf der im 20. Jahrhundert eingeführten viersaitigen Violine, bei der die tiefe g-Saite stets leer gestrichen und die Melodie auf den anderen Saiten gespielt wird. Die mittelalterliche Entwicklung eines Streichbogens für ein mehrsaitiges Lauteninstrument wurde in Europa durch den Wunsch befördert, mit dem immer über zwei Saiten zugleich gestrichenen Bogen einen ständigen Bordunton spielen zu können.Werner Bachmann, Robert E. Seletsky, David D. Boyden, Jaak Liivoja-Lorius: History of the Bow. II. The bow in Europe to c1625. In: Grove Music Online, 2001 Wahrscheinlich wurde auch der mit einem Bogen gestrichene, tief tönende litauische Musikbogen pūslinė als Borduninstrument verwendet.Gaila Kirdienė: The drone styles of Lithuanian folk fiddle music. In: Ian Russell, Chris Goertzen (Hrsg.): Routes and Roots. Fiddle and Dance Studies from around the North Atlantic. The Elphinstone Institute, University of Aberdeen, 2012, S. 73–97, hier S. 91

Wesentliche Kenntnisse über die Volksmusik der Wolgaregion im 19. Jahrhundert sind der ersten musiktheoretischen Monografie des Ethnographen W. A. Moschkow (Мелодии Волго-Камья, „Melodien der Wolga-Kamja“, 1894) zu verdanken. Daraus geht auch die Stimmung der Zither gusli und anderer Volksmusikinstrumente hervor.Е. С. Таникова (Elena Sergejewna Tanikowa): Чувашские гусли в научном наследии В.А.Мошкова. („Tschuwaschische Gusli im wissenschaftlichen Erbe von V. A. Moschkow“) In: Philharmonica. International Music Journal, Nr. 1, 2022, S. 41–47 Viele frühere Volksmusiker beherrschten mehrere Instrumente und übertrugen so die jeweiligen Melodien und Spieltechniken. Dadurch blieb die Spieltradition des kon-kon auch dort erhalten, wo der Mundbogen selbst nicht mehr verwendet wird. Analog wurden etwa Melodien der Sackpfeife auf ein Streichinstrument oder Melodien der gusli auf die russische Langhalslaute balalaika übertragen.