Die 10,5-cm-Kanon m/27 war eine schwedische Feldkanone und wurde in der Zwischenkriegszeit entwickelt und von mehreren Ländern im Zweiten Weltkrieg eingesetzt.

Entwicklung Im Jahr 1927 entwickelte die Firma Bofors, in Zusammenarbeit mit einigen Konstrukteuren der Friedrich Krupp AG ein Geschütz mit einem Kaliber von 10,5 cm. Bei diesem war das Geschützrohr hydropneumatisch gebremst und es erhielt die Bezeichnung 10,5-cm-Kanon m/27. Aufgrund des großen Erfahrungsschatzes der Firma Krupp in Artillerie und der Verbote des Friedensvertrag von Versailles an eigener Artillerie zu forschen oder diese herzustellen, unterstützte Krupp die Bemühungen von Bofors und begann eine Partnerschaft, um diese Verbote zu umgehen. Aus diesem Grund wurden einige Merkmale auch in späteren, modernen deutschen Geschützen der Wehrmacht ebenfalls verbaut.

Technische Beschreibung Die 10,5-cm-Kanon m/27 war für die damalige Zeit ein Hybridgeschütz. Es hatte das Kaliber einer Haubitze aber die Rohrlänge einer Kanone. Das Geschützrohr wurde hydropneumatisch gebremst und hatte ein Kaliber von 10,5 cm. Es gab zwei verschiedene Kaliberlängen, zum einen die L/40 mit 4,2 m und die L/42 mit 4,41 m Rohrlänge. Das Gewicht der Kanone lag zwischen 3,65 t (L/40) und 3,75 t (L/42). Das Geschützrohr selber hatte dabei ein Gewicht von 1,18 t (L/40). Die Kanone hatte in der Lafette einen Höhenrichtbereich zwischen −3 und +45 Winkelgrad. Das seitliche Richten war zu beiden Seiten um je 30 Winkelgrad durch eine spezielle Streulafette möglich. An der Achse befanden sich Stahlspeichenräder mit Gummiüberzug, wodurch ein Transport durch moderne Kraftfahrzeuge kein Problem darstellte.

Die ballistischen Eigenschaften der 10,5-cm-Kanon m/27 waren deutlich besser als die der deutschen 10,5-cm-leichten Feldhaubitze 18. Jedoch war sie vom Gewicht her deutlich schwerer und gegenüber der deutschen schweren 10-cm-Kanone 18 unterlegen. Die verschossene Munition bestand aus 16 kg schweren Granaten mit unterschiedlichen Treibladungen. Dadurch lag eine Reichweite zwischen 12,5 km und 16,3 km. Die verwendeten Zünder waren entweder Aufschlagzünder oder Zeitzünder. Die Kadenz einer eingeübten Bedienmannschaft von neun Soldaten lag bei 4 bis 6 Schuss die Minute, was für ein Geschütz mit getrennten Ladungen (Geschoss und Treibladung) zur damaligen Zeit sehr schnell war. Oftmals waren jedoch nur fünf Schuss innerhalb von zwei Minuten normal. Höhere Feuerraten führten zudem zu einem höheren Verschleiß der Brennkammer und des Verschluss.

Als Munition gab es Übungsgranaten und Sprenggranaten mit Zeit- oder Aufschlagzünder. Je nach Treibladung variierte die Mündungsgeschwindigkeit zwischen 550 m/s bei einer Ladung, 700 m/s bei zwei Ladungen und 750 m/s bei drei Ladungen. Die Reichweite bei einer maximalen Treibladung lag bei 16,5 km, die effektive Reichweite lag bei 12,5 km.

Bezeichnungen Je nach Nutzernation hatte die Kanone verschiedene Namen und Bezeichnungen. 10,5-cm-Kanon m/27 (Schweden) Stuk van 10-veld (Niederlande) 107-мм пушка „Бофорс“ / 107-mm puschka „Bofors“ (Sowjetunion) 10,5-cm-Kanone 335 (h) (Wehrmacht) 10,5-cm-31M ágyú (Ungarn)

Einsatz Schweden Die schwedische Armee setzte ab 1927 vier 10,5-cm-Kanon m/27 als Küstenartillerie ein. Später wurden diese Geschütze zu 10,5-cm-Kanon m/27-34 aufgerüstet und mit einigen Verbesserungen versehen. Im Jahr 1942 wurden sie vom Küstenschutz abgerufen und an die Feldartillerie übergeben.

Niederlande Die niederländische Armee interessierte sich seit längerer Zeit für Geschütze mit großer Reichweite und indirektes Feuer zur Unterstützung der eigenen Truppen. Dabei sollten diese in der Lage sein, im gegnerischen Hinterland für Störungen zu sorgen und Artilleriegefechte zu führen. Bereits Anfang der 1920er Jahre entstanden die ersten Kontakte mit Bofors, was einige Jahre später zum Kauf der 10,5-cm-Haubits m/24 führte. Im Jahr 1927 kaufte die niederländische Armee dann ein neues Geschütz, die 10,5-cm-Kanon m/27. Insgesamt 36 Geschütze wurden bestellt und noch im gleichen Jahr trafen diese mit einer Kaliberlänge von L/40 (4,20 m) ein. Zum Einsatz kamen die als Stuk van 10-veld bezeichneten Geschütze bei den vier Feldartillerie-Regimentern. Jedes Regiment erhielt acht Geschütze, die restlichen vier Stück waren für die Ausbildung vorgesehen.

Anfang der 1930er Jahr wollte die Heeresführung die Zahl der Kanonen deutlich erhöhen. Das Ziel war es, alle acht regulären Artillerie-Regimenter um je eine Abteilung mit der Stuk van 10-veld zu erweitern. Dadurch wollte man acht Abteilungen mit je zwölf dieser Kanonen einsetzten können. Somit entstand ein Bedarf an mindestens 96 Geschützen für die Kampftruppen und weiteren vier bis acht Geschützen für die Ausbildung und Reserve. Doch die Genehmigung blieb vorerst aus und so wurden nur die Aufstockung von 36 auf 52 Geschütze genehmigt. Die Produktion der Geschütze fand in den Niederlanden durch eine Lizenz und unter der Aufsicht der Artillerie-Behörden statt. Diese niederländische Lizenzversion hatte eine veränderte Kaliberlänge von L/42.

In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre prüfte die Niederlande die Möglichkeit, weitere 120 Geschütze bei Bofors zu bestellen. Doch Bofors lehnte ab, da sie zu dieser Zeit komplett ausgelastet waren und es an Rohstoffen mangelte. Aus diesem Grund wendete man sich an Rheinmetall und bestellten dort 120 Geschütze der 10,5-cm-leichte Feldhaubitze 18, wobei nur acht Stück geliefert wurden. Die restlichen wurden von der Wehrmacht übernommen und als 10,5-cm-leichte Feldhaubitze 18/39 eingesetzt.

Im Jahr 1940 war die Stuk van 10-veld das modernste Geschütz in der niederländischen Armee, jedoch nur in einer Anzahl von 52 Stück vorhanden. Zu dieser Zeit waren sie in den Artillerie-Regimentern 9 bis 12 verteilt, wobei sie in jeweils einer Abteilung integriert wurden. Jede Abteilung verfügte über einen Stab von 135 Soldaten mit Munitionszug und drei bis vier Batterien mit jeweils um die 100 Soldaten.

Als der die Wehrmacht im Mai 1940 mit dem Westfeldzug begann, wurden die auch die Artillerie-Regimenter 9 bis 12 in die Verteidigungskämpfe verwickelt. So wurden die Stuk van 10-veld vereinzelt im nördlichen Abschnitt bei der Grebbe-Linie eingesetzt. Auch an der Nieuwe-Maas-Front und bei der Schlacht von Rotterdam wurden die Geschütze eingesetzt.

Sowjetunion Im Jahr 1929 beschaffte die Sowjetunion heimlich eine 10,5-cm-Kanon m/27. Auf dem Artillerie-Testgelände wurde das Geschütz unter der Bezeichnung 107-мм пушка „Бофорс“ со стволом длиной 42 калибра Особой доставки фирмы „Бофорс“ (107-mm puschka „Bofors“ so stwolom dlinoi 42 kalibra Ossoboi dostawki firmy „Bofors“; deutsch: 107-mm-Kanone „Bofors“ mit 42-Kaliber-Sonderlieferungsrohr der Firma „Bofors“) im Jahr 1930 getestet. Hierbei wurde ein spezielles Kaliber geliefert, damit man die 10,7-cm-Granaten der 107-mm-Kanone M1910 nutzen konnte.

Bei den ersten Tests wurden 450 Granaten verschossen, wobei man zwei verschiedene Geschützrohre nutzte. Zum einen das von Bofors gelieferte Sonderrohr, zum anderen ein mitgeliefertes Ersatzrohr. Zwischen Juli und September fanden weitere Tests statt, wobei man 300 Granaten abfeuerte und das Geschütz über eine Strecke von 250 km zog. Bei all diesen Test wurden keine gravierenden Mängel oder Beschädigungen festgestellt, dennoch stellten sich zwei Schwächen heraus. Zum einen musste man bei der Schussabgabe darauf achten, dass die Räder und Lafette fest auf dem Boden standen, da es sonst zu einem Kippen aufgrund des hohen Gewichts kommen konnte. Weiterhin stellte man einen starken Verschleiß des Rohrinnenlebens fest. Die Haltbarkeit lag deutlich unter denen der damaligen eigenen sowjetischen Geschütze. Laut einem Vertreter der Firma Bofors vor Ort lag dies an dem Aufbohren des Rohres von 10,5 cm auf 10,7 cm und der speziellen Geschosse. Aufgrund dieser Erfahrungen wurden von der Sowjetunion keine Geschütze bestellt.

Ungarn In Ungarn wurde eine lizenzierte Version der 10,5-cm-Kanon m/27 gebaut, welche unter der Bezeichnung 10,5-cm-31M ágyú geführt wurde. Später wurden die Geschütze im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront eingesetzt. Aufgrund mangelnder Kapazitäten und fehlender Rohstoffe in geeigneter Qualität kam es jedoch nie zu einer umfangreichen Serienproduktion.

Wehrmacht Nachdem die Wehrmacht am 1. Mai 1940 mit dem Westfeldzug begann und in den Niederlanden einmarschierte, erbeuteten sie viel Kriegsmaterial. Darunter auch fast alle 52 Geschütze der Stuk van 10-veld. Die Wehrmacht nutzte sie unter der Bezeichnung 10,5-cm-Kanone 335 (h) weiter und führte das Geschütz in der Vorschrift Kennblätter fremden Geräts. Zum Einsatz kamen sie hauptsächlich im besetzten Frankreich als Küstenartillerie im Atlantikwall.

Literatur

Einzelnachweise

Kategorie:Geschütz Kaliber 100 mm bis 200 mm Kategorie:Feldkanone