Die Scheidenschnäbel (Chionis) sind eine aus zwei Arten bestehende Gattung der Vögel aus der Ordnung der Regenpfeiferartigen. Sie sind die einzige Gattung der Familie Chionidae.

Das Brutgebiet der Gattung liegt ausschließlich in der Antarktis und Subantarktis, im Südwinter zieht eine Art nördlich bis Patagonien. Die komplett weiß gefiederten, etwa hühnergroßen und kompakt gebauten Scheidenschnäbel sind die einzigen Vögel im antarktischen Lebensraum, die ausschließlich an Land leben. Sie sind Kleptoparasiten, die stark von Seevogelkolonien abhängig sind. Von der IUCN werden die beiden Arten als nicht gefährdet eingestuft.

Merkmale Körperbau Der Körperbau der Scheidenschnäbel ist gut an die harschen Umweltbedingungen des antarktischen Lebensraums angepasst. Der Körper ist gedrungen und kompakt gebaut, um durch eine möglichst geringe Körperoberfläche den Wärmeverlust zu minimieren, die Füße und Beine sind für Vögel dieser Größe ungewöhnlich kräftig.

hochkant=1.1|mini|alt=Porträtfoto eines Weißgesicht-Scheidenschnabels|Porträt eines Weißgesicht-Scheidenschnabels.

Zwischen den Geschlechtern besteht hinsichtlich der Größe ein leichter Sexualdimorphismus, Männchen sind im Schnitt 15 % schwerer und etwas größer als Weibchen und haben etwas größere Schnäbel. Die Kopf-Rumpf-Länge liegt zwischen 34 und 41 Zentimetern, die Flügelspannweite zwischen 74 (Weibchen des Schwarzgesicht-Scheidenschnabels) und 84 Zentimetern (Männchen des Weißgesicht-Scheidenschnabels). Das Gewicht liegt zwischen 540 Gramm bei den Weibchen des Schwarzgesicht-Scheidenschnabels und 850 Gramm bei den Männchen des Weißgesicht-Scheidenschnabels. Die Zehen tragen schmale Hautlappen.

Der konische Schnabel ist sehr kräftig ausgebildet, am Ansatz des Oberschnabels sitzt eine Hornscheide. Charakteristisch für beide Arten ist die nackte Gesichtshaut, die vom Schnabelansatz bis über die Augen reicht und warzige Auswüchse trägt. Um die Augen liegt ein wulstiger, nackter Hautring. Hornscheide und Gesichtshaut können zur Altersbestimmung herangezogen werden, da diese Merkmale bei juvenilen Vögeln noch nicht stark ausgeprägt sind. An den Handwurzelknochen sitzt bei beiden Geschlechtern ein kurzer, stumpfer horniger Dorn, der bei Territorialkämpfen eingesetzt wird.

Färbung und Gefieder Das Deckgefieder der Scheidenschnäbel ist rein weiß, darunter befindet sich eine sehr dichte Schicht grauer Daunen. Es ist unklar, ob das weiße Gefieder sich ursprünglich als eine Anpassung an die schneereiche Umgebung entwickelt hat, denn Scheidenschnäbel halten sich häufig an felsigen Stränden auf; dort ist das weiße Gefieder wiederum sehr auffällig. Möglicherweise spielt es eine Rolle bei der Erkennung von Artgenossen. Jährlich nach der Brutzeit wird das Gefieder im März gemausert. Die Mauser dauert mit bis zu 70 Tagen verhältnismäßig lang. Jungvögel und nicht brütende Individuen beginnen bereits ab Januar mit der Mauser.

Bewegung Der Bewegungsablauf beim Gehen erinnert an den von Hühnern, meist laufen die Tiere mit leicht gesenktem, mit jedem Schritt nickendem Kopf langsam umher. Sie sind jedoch auch zu kurzen Sprints in der Lage. Relativ häufig setzen Scheidenschnäbel zudem eine einbeinige Fortbewegung ein: Während ein Fuß zum Wärmen an den Körper gezogen wird, hüpfen sie auf dem anderen Fuß langsam umher. Der Flug ist geradlinig, die Flügel werden kräftig geschlagen, nur selten wird eine kurze Strecke segelnd zurückgelegt. Scheidenschnäbel sind zu weiten Flügen über mehrere hundert Kilometer am Stück in der Lage.

Stimme Scheidenschnäbel geben laute, schrille Rufe von sich, die meist der Abgrenzung und Verteidigung eines Territoriums oder der Verständigung mit dem Partner während der Brutzeit dienen. Während der rituellen Drohgebärden vor einem Territorialkampf geben Scheidenschnäbel oft eine Lautfolge ab, die sich lautmalerisch als „kek kek kek kek kek“ umschreiben lässt. Außerhalb der Brutzeit äußern die Vögel kaum Laute, in Gruppen umherziehende Vögel geben manchmal glucksende Laute von sich. Der Alarmruf, der vor allem bei Sichtung von Skuas geäußert wird, ist ein schriller Pfiff.

Verbreitung und Lebensraum mini|Verbreitung der Gattung Chionis: Weißgesicht-Scheidenschnabel: Sommer: grün; Winter: blau; Schwarzgesicht-Scheidenschnabel: rot|alt=Verbreitungskarte Scheidenschnäbel besiedeln sowohl die Küstenstreifen der antarktischen Halbinsel von der Nordspitze bis nach Grahamland im Süden als auch subantarktische Inseln von den Südlichen Shetlandinseln bis nach Südgeorgien und die Südlichen Sandwichinseln und zwischen den Prinz-Edward-Inseln und Heard. In Südamerika werden die Küste Feuerlands und die Ostküste des Festlands bis zum nördlichen Patagonien besiedelt. Das Vorkommen von Scheidenschnäbeln ist eng an das Vorkommen kolonielebender Seevögel, allen voran Pinguinen, und Robbenkolonien gebunden. Scheidenschnäbel bewohnen vorwiegend felsige Küstenabschnitte und auf den subantarktischen Inseln und dem südamerikanischen Festland auch nahe der Küste gelegene Gras- und Buschländer sowie moorige Flächen.

Lebensweise Streifgebiet und Zugverhalten Während der Brutzeit ist der Aktionsraum auf den Teil der Seevogelkolonie in unmittelbarer Nähe des Nests beschränkt, der als Brutterritorium verteidigt wird. Der Aktionsradius beschränkt sich auf nicht mehr als einen Kilometer. Außerhalb der Brutzeiten suchen die Vögel größere Bereiche nach Nahrung ab und bewegen sich mitunter weite Strecken entlang von Stränden. Streifgebiete von nicht brütenden Vögeln sind bedeutend größer, diese Vögel legen an einem Tag bis zu 30 Kilometer zurück. Mit Beginn der Dämmerung suchen sie Schlafplätze auf, die häufig auf Felsplattformen direkt an der Küste liegen, gelegentlich werden auch Felsvorsprünge im Inland als Schlafplatz genutzt.

Schwarzgesicht-Scheidenschnäbel bleiben in der Regel ganzjährig im Brutgebiet und weichen bei harscher Witterung nur über kurze Strecken aus, während Weißschnabel-Scheidenschnäbel nach der Brutzeit, ab März bis Mai, weitere Strecken ziehen und Gebiete mit gemäßigterem Klima in Südamerika aufsuchen. Dabei legen sie teils mehrere hundert Kilometer zurück und überwintern vor allem an der Ostküste Patagoniens. In Ausnahmefällen wurden einzelne Exemplare in Uruguay und dem südlichen Brasilien gesichtet. Gegen Ende Oktober bis November erfolgt die Rückkehr in die Brutgebiete. Flüge über weite Strecken erfolgen in der Regel ohne Zwischenstopps, bei Gelegenheit werden jedoch auch Eisschollen angeflogen, auf denen Pinguine oder Robben rasten, um dort nach Nahrung zu suchen. Auch Schiffe werden gelegentlich zur Zwischenrast genutzt.

Aktivität und Komfortverhalten Der Großteil des Tages wird mit der Nahrungssuche verbracht. Ein bis zwei Stunden täglich bringen Scheidenschnäbel für die Gefiederpflege auf. Häufig baden die Vögel ausgiebig, bevor sie das Gefieder durch die Öle der Bürzeldrüse wieder einfetten. Bei höheren Temperaturen und Sonnenschein nehmen Scheidenschnäbel Sonnenbäder, indem sie sich an exponierten Orten mit leicht abgespreizten Flügeln niederkauern.

Soziales und antagonistisches Verhalten Scheidenschnäbel treten außerhalb der Brutzeit häufig in Gruppen von bis zu 50 Tieren auf, die gemeinsam Nahrung suchen und dicht beieinanderstehend schlafen. Im Sozialverhalten scheinen die Hornscheide des Schnabels und die warzige Gesichtshaut eine wichtige Rolle zu spielen. Individuen mit größeren Schnäbeln und größeren Auswüchsen auf der Gesichtshaut sind in Gruppen die dominanten Tiere.

Bei den seltenen Territorialkämpfen während der Brutzeit setzen die Tiere den Dorn am Flügel ein, um den Gegner zu schlagen und so zu vertreiben. Zuvor wird jedoch versucht, Eindringlinge durch ritualisierte Drohgebärden zu vertreiben, etwa durch heftiges Kopfnicken und durch Niederkauern mit leicht abgespreizten Flügeln, während mit dem Schnabel in die Luft oder auf den Boden gehackt wird. Zieht sich keiner der Kontrahenten zurück, richten sich die Vögel mit gespreizten Flügeln voreinander auf und zeigen sich die Dornen an ihren Flügeln. Kommt es zum Kampf, dauert dieser meist nur einige Sekunden, während der die Kontrahenten mit den Flügeln aufeinander einschlagen und mit dem Schnabel am Gefieder ziehen. Ernsthafte Verletzungen sind äußerst selten, gewöhnlich enden Auseinandersetzungen ohne einen Kampf. Der Sieger einer Auseinandersetzung verfolgt den Verlierer meist noch über eine kurze Strecke rufend und stark mit den Flügeln schlagend. Außerhalb der Brutzeit kann es vor allem an Kadavern zu Auseinandersetzungen um das Vorrecht zur Nahrungsaufnahme kommen.

Natürliche Feinde und Feindvermeidung Adulte, gesunde Scheidenschnäbel haben keine Feinde, Skuas erbeuten jedoch Eier, Jungvögel und geschwächte Tiere. Im nördlichen Verbreitungsgebiet der Gattung schlagen Wanderfalken vor allem junge Vögel. Offene Bereiche werden gemieden, wenn Skuas in der Nähe sind. Bei einem direkten Angriff versuchen Scheidenschnäbel in der Regel, in einer Gruppe zur Wasserlinie zu fliehen. In geringem Maße tritt Kannibalismus auf, indem unbeaufsichtigte Eier und Jungvögel benachbarter Brutpaare erbeutet werden. Zur Abwehr von Nesträubern spreizen Brutvögel die Flügel leicht ab und hacken mit dem Schnabel auf den Aggressor, während sie zischende Laute von sich geben.

Ernährung Scheidenschnäbel sind ausgeprägte Kleptoparasiten und Aasfresser, die in hohem Maße von den in ihrer Umgebung vorhandenen Kolonien von Pinguinen, anderen Seevögeln und Robben abhängig sind. Als Opportunisten durchsuchen sie auch an Forschungsstationen den Müll nach Essensresten. Wegen der im Kelp enthaltenen Wirbellosen nehmen die Vögel vor allem außerhalb der Brutzeit auch große Mengen dieser Alge zu sich, die sie im Spülsaum finden.

mini|hochkant=1.1|Scheidenschnabel frisst Krill, den Eselspinguine erbrochen haben.|alt=Foto eines Scheidenschnabels und drei Pinguinen In Seevogelkolonien erbeuten sie Eier und gelegentlich auch frisch geschlüpfte Jungvögel. Scheidenschnäbel lauern jedoch vornehmlich auf Altvögel, die ihren Nachwuchs mit Nahrung versorgen wollen. Während die Nahrung an den Jungvogel übergeben wird, versucht der Scheidenschnabel, sie dem Altvogel aus dem Schnabel zu ziehen oder ihn abzulenken, indem er herumflattert und ihm vor den Schnabel hackt. Kleinere Pinguinarten und Kormorane werden gelegentlich auch umgeworfen, um so an die Nahrung zu gelangen. Erbeutete Eier werden mit dem Schnabel aufgehackt und ebenso wie geraubte Jungvögel in der Regel zum Nest gebracht, bevor sie gefressen werden. Robbenkolonien werden vor allem während der Setzzeit aufgesucht, die Scheidenschnäbel fressen häufig die Nachgeburt. In Pinguinkolonien fressen Scheidenschnäbel auch frischen Kot, da dieser noch relativ viele Nährstoffe enthält. In Robbenkolonien trinken Scheidenschnäbel Milch, indem sie ihren Schnabel zwischen die Zitze und den Mund des trinkenden Jungtieres drücken. Abseits von Kolonien und außerhalb der Brutzeit suchen Scheidenschnäbel meist entlang des Spülsaums nach Nahrung und nehmen dann vor allem Wirbellose zu sich. Seltener weichen sie einige hundert Meter ins Inland aus, um dort in Feuchtgebieten nach Nahrung zu suchen. Dabei ziehen die Vögel kleinere Pflanzen aus dem Boden, um im Wurzelwerk verborgene Tiere zu entdecken, außerdem durchwühlen sie mit ihrem Schnabel Flächen lockerer Erde. Knochen mit Fleischresten von angespülten Walen und Robben werden mit den Füßen zu Boden gedrückt, und der Schnabel wird zum Abreißen und Abschaben von Fleischbrocken genutzt. Eine langanhaltende Schneedecke kann außerhalb der Brutzeiten von Seevogelkolonien zum Verhungern vor allem junger und schwacher Vögel führen, da das Nahrungsangebot durch Kolonien fehlt und der Spülsaum nicht genügend Nahrung bietet.

Fortpflanzung Paarbildung