mini|Das Stiefelgefäß von Leithaprodersdorf
Das Stiefelgefäß von Leithaprodersdorf ist ein frühbronzezeitliches Keramikobjekt der Wieselburger Kultur, das 2005 im Zuge archäologischer Rettungsgrabungen an der Fundstelle Kreuzäcker in Leithaprodersdorf (Burgenland, Österreich) gefunden wurde. Es handelt sich um ein Miniaturgefäß in Form eines Stiefels mit aufgesetzter Tasse und zählt zu den seltenen sogenannten Schuhgefäßen.
Fundumstände Das Gefäß stammt aus Grab 58 Gst. 6368, der Bestattung eines etwa 10- bis 11-jährigen Kindes. Es wurde gemeinsam mit weiteren Beigaben, darunter eine Muschel und ein Dentaliumröhrchen, geborgen. Der Fundkontext deutet auf eine besondere symbolische oder funktionale Bedeutung innerhalb der Bestattung hin. Violetta Reiter: Leithaprodersdorf, Flur Kreuzäcker. Gräber der Ragelsdorf-Oggau-Gruppe, der Leithaprodersdorf-Gruppe und der Wieselburg-Kultur. Fundberichte aus Österreich Beihefte 5, Wien 2026, S. 100–102.
Beschreibung Das Gefäß ist 8,1 cm hoch und stellt die keramische Nachbildung eines linken Stiefels dar. Auf dem Stiefel sitzt eine kleine Tasse in der für die Wieselburg-Kultur typischen Form. Der Stiefel ist detailliert ausgearbeitet und zeigt anatomische Merkmale wie Fußbogen, Ferse und Knöchel. Die Oberfläche ist mit feinen Ritzlinien verziert, die ursprünglich mit weißer Paste inkrustiert waren und sowohl eine Verschnürung als auch dekorative Elemente darstellen. Die Spitze des Stiefels wurde restauratorisch ergänzt; ob sich dort ursprünglich eine Öffnung befand, ist unklar.
Einordnung und Vergleich Schuhgefäße sind seltene archäologische Funde, die überwiegend aus Grabkontexten bekannt sind. Ihr Verbreitungsschwerpunkt liegt in der Spätbronzezeit und der älteren Eisenzeit, während das Exemplar von Leithaprodersdorf zu den frühen Vertretern dieser Form zählt.Maria Kohle: Schuhgefäße der Bronze- und Eisenzeit. Überlegungen zur Funktion und Bedeutung, Ethnographisch-Archäologische Zeitschrift 54, 2013, S. 52.
Vergleichbare Funde stammen unter anderem aus der spätneolithischen Vučedol-Kultur in Slawonien Jacqueline Balen: Vučedol. Vinograd Streim, Hrvatski arheološki godišnjak 4, 2007, S. 86, Böheimkirchen Johannes-Wolfgang Neugebauer: Böheimkirchen. Monographie des namengebenden Fundortes der Böheimkirchnergruppe der Věteřovkultur. Teil 1. Die Grabungen der Jahre 1929, 1945–1949 und 1955, Archaeologia Austriaca 61/62, 1977, S. 81, Abb. 12/3. und Unterhautzental Monika Griebl: Gesellschaft, Kult und Religion. In: Michaela Lochner (Hrsg.), Brandbestattung und Bronzemetallurgie. Die Urnenfelderkultur in Niederösterreich (1300–800 v. Chr.), Archäologie Niederösterreichs 5, Wien 2021, Abb. 11/37 in Niederösterreich, Mannersdorf am Leithagebirge (keltisches Kindergrab) Peter C. Ramsl: Das latènezeitliche Gräberfeld von Mannersdorf am Leithagebirge, Flur Reinthal Süd, Niederösterreich, Mitteilungen der Prähistorischen Kommission 74, 2011, S. 182, Tafel 36. , sowie der ungarischen Nekropole Budapest-Békásmegyer, wo zahlreiche Schuhgefäße aus Brandgräbern der Urnenfelderkultur entdeckt wurden. Rózsa Kalicz-Schreiber und Nándor Kalicz: Die Stiefelgefäße des spätbronzezeitlichen Gräberfeldes von Budapest-Békásmegyer. In: Cornelia Becker, Marie-Luise Dunkelmann, Carola Metzner-Nebelsick, Heidi Peter-Röcher, Manfred Roeder und Biba Teržan (Hrsg.), Chrónos. Beiträge zur prähistorischen Archäologie zwischen Nord- und Südosteuropa, Internationale Archäologie. Studia honoraria 1, Rahden/Westf. 1997, Abb. 2–8. Typisch für diese Gefäße sind ihre L-Form, der hohle Körper, geometrische Verzierungen und häufig eine Durchlochung an der Spitze.
Deutung Die Funktion und Bedeutung von Schuhgefäßen ist nicht eindeutig geklärt. Aufgrund ihrer häufigen Beigabe in Kindergräbern werden sie teilweise als Spielzeug interpretiert. Antike Schriftquellen deuten Schuhgefäße zudem als Zeichen einer symbolischen Heirat. Maria Kohle: Schuhgefäße der Bronze- und Eisenzeit. Überlegungen zur Funktion und Bedeutung, Ethnographisch-Archäologische Zeitschrift 54, 2013, 53, Abb. 2; 56–57, 60–61, 64, 66. Die mögliche Durchlochung der Spitze könnte auf eine Verwendung im Rahmen von Trankopfern hinweisen. Im Fall von Leithaprodersdorf wurde auch eine Deutung als Teil einer medizinischen Ausstattung diskutiert, mit der das Kind behandelt oder beim Sterben begleitet wurde. Darüber hinaus könnte der Stiefel symbolisch für Mobilität stehen und dem Verstorbenen das „Fortgehen“ ins Jenseits ermöglichen. Violetta Reiter: Leithaprodersdorf, Flur Kreuzäcker. Gräber der Ragelsdorf-Oggau-Gruppe, der Leithaprodersdorf-Gruppe und der Wieselburg-Kultur. Fundberichte aus Österreich Beihefte 5, Wien 2026, S. 100–102.
Bedeutung Das Stiefelgefäß von Leithaprodersdorf liefert wichtige Einblicke in die symbolische Welt der Frühbronzezeit, die handwerklichen Fähigkeiten der Keramikproduktion, sowie die Schuhmode vor rund 3700 Jahren. Es zeigt die Nachbildung eines eng anliegenden, geschnürten Lederschuhs, der vermutlich sowohl Schutz als auch Beweglichkeit bot und möglicherweise ein Statussymbol darstellte. Aufgrund seiner frühen Datierung und seines guten Erhaltungszustands gilt das Fundstück als bedeutendes Beispiel innerhalb der Entwicklung der Schuhgefäße in Europa.
Literatur Franz Sauer: Das frühbronzezeitliche Schuhgefäß. In: Leithaprodersdorf Underground, Horn 2025, S. 50–53.
Einzelnachweise
Kategorie:Leithaprodersdorf Kategorie:Keramikgefäß Kategorie:Archäologischer Fund (Österreich) Kategorie:Archäologischer Fund (Bronzezeit) Kategorie:Geschichte des Burgenlandes Kategorie:Schuhe