mini|Hendrik Frans Verbruggen: Frontansicht der Kanzel (1699) in der Kathedrale St. Michael und St. Gudula in Brüssel, Belgien Die Naturkanzel ist eine besondere Form der barocken Kirchenkanzel. Im Niederländischen als Preekstoel met natuur- of rotsvormige opbouw beschrieben. Sie entstand vorwiegend in Flandern und Brabant im 17. und 18. Jahrhundert und zeichnet sich dadurch aus, dass Kanzelkorb und Treppe in eine naturalistisch gestaltete Landschaftsszenerie eingebettet sind. Diese fast ausschließlich aus Holz gefertigten Kanzeln gehören zu den aufwendigsten und eigenwilligsten Erzeugnissen der südniederländischen Sakralkunst. Sie gelten als kunsthistorische Sonderform innerhalb der allgemeinen Entwicklung der Barockkanzeln.
Gestaltung An die Stelle des traditionellen polygonalen oder zylindrischen Kanzelkorbs mit ornamentalen Relieffeldern und architektonischer Rahmung treten Felsen, Baumstämme und Äste, aus denen der Korb organisch herauszuwachsen scheint. Treppe und Geländer nehmen die Form von Ästen, Wurzeln, Hecken oder Felsen an. Das Bildprogramm umfasst Tiere wie Vögel und Eichhörnchen sowie figürliche Staffage, die von allegorischen Darstellungen der Kontinente bis zu Heiligenszenen und Bekehrungsdarstellungen reicht. Dabei stand die Qualität der Tierdarstellungen in Beziehung zur zeitgleich in den südlichen Niederlanden florierenden Tiermalerei.
Entstehung und geistesgeschichtlicher Hintergrund mini|Hendrik Frans Verbruggen: Frontansicht der Kanzel (1699) in der Kathedrale St. Michael und St. Gudula, Detail: Adam und Eva werden aus dem Garten Eden vertrieben Die Naturkanzel ist ein Phänomen der katholischen Gegenreformation in den südlichen Niederlanden, dem heutigen Belgien. In dieser von der spanischen und später österreichischen Habsburgermonarchie regierten Region, in der der katholische Glaube weit verbreitet war, erlebten der barocke Kirchenbau und die Kirchenausstattung nach dem Konzil von Trient eine besondere Blütezeit. Dies lässt sich mit der Zielsetzung erklären, die Gläubigen durch sinnliche Unmittelbarkeit und szenografische Inszenierung im Glauben zu festigen. Die Kanzel war dabei ein zentrales Element: Als Ort der Predigt sollte sie nicht nur hörbar, sondern auch visuell eindrücklich sein und den Prediger gleichsam in ein lebendiges Bild einbetten.
Der 1699 von Hendrik Frans Verbrugghen geschaffene Predigtstuhl in der Jesuitenkirche in Leuven (heute in der Kathedrale von Brüssel) gilt als wichtiger Vorläufer und Impulsgeber der eigentlichen Naturkanzel. Verbrugghen wurde von seinem Vater Pieter Verbrugghen I. ausgebildet, der zu den führenden Vertretern der flämischen Hochbarockplastik zählte. Hendrik Frans Verbrugghens Kanzel, bei der der Kanzelkorb von Figuren der vier Erdteile getragen wird und die mit Putten und figürlichen Symbolen besetzt ist, wurde zum Vorbild einer ganzen Generation von Bildhauern.
Künstler und bedeutende Werke Zu den wichtigsten Schöpfern von Naturkanzeln in Flandern und Brabant zählen Michiel van der Voort der Ältere und Jacques Bergé.
Michiel van der Voort der Ältere schuf im Jahr 1713 die erste Naturkanzel in der Zisterzienserabtei Hemiksem. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde diese in die Liebfrauenkathedrale in Antwerpen gebracht. Laut dem AKL-Eintrag zu van der Voort lehnt sich deren Aufbau an den 1699 von Verbrugghen geschaffenen Predigtstuhl in Leuven an. Der Kanzelkorb wird von weiblichen allegorischen Gestalten getragen, die die vier Kontinente verkörpern. Den Schalldeckel bildet eine zeltartige Plane, die seitlich von Putti angehoben wird. Besonders bemerkenswert ist die doppelläufige Treppe, deren Geländer in Form von Hecken gestaltet ist, auf denen sich Vögel verschiedenster Art und zwei Eichhörnchen tummeln. Van der Voorts zweite Naturkanzel in der Sint-Romboutskathedraal in Mechelen, die von 1721 bis 1723 entstand, gilt als Höhepunkt der Naturkanzeln in den südlichen Niederlanden. Die Skulpturen, die die Bekehrung des heiligen Norbert, den Kalvarienberg und weitere Darstellungen zeigen, sind so harmonisch zu einem Gesamtkunstwerk verwoben, dass die architektonischen Einzelteile kaum voneinander zu trennen sind. Während der Messe wird der Prediger so zum Bestandteil einer szenografisch durchdrungenen Inszenierung. Für die Prämonstratenser von Ninove schuf Bergé eine Kanzel, der als spätes Exemplar der flämischen Naturkanzeln gilt. Dabei verknüpfte Bergé Elemente der Kanzel in der Kirche Notre-Dame de la Chapelle von Pierre-Denis Plumier aus dem Jahr 1721 in Brüssel mit denen der Klosterkirche Leliendael von Michiel van der Voort dem Älteren.
Die Naturkanzel ist im Wesentlichen ein Phänomen des frühen 18. Jahrhunderts. Ihre Blütezeit liegt zwischen 1700 und 1760. Ende des 18. Jahrhunderts verlor dieser Typus, ebenso wie andere Formen barocker Detailverliebtheit, an Bedeutung, als schlichtere neoklassizistische Formen in Mode kamen. Sie ist auf die südlichen Niederlande beschränkt. In Süddeutschland existieren vergleichbare, wenngleich formal anders gelagerte Sonderformen, wie die Schiffskanzel, die dort eigenständig entstanden sind.
Auswahl
Literatur
Susanne Geese: Kirchenmöbel und Naturdarstellung. Kanzeln in Flandern und Brabant, Verlag an der Lottbek, Ammersbek bei Hamburg 1997. AKL: Allgemeines Künstlerlexikon Online / Artists of the World Online, hg. von De Gruyter, Berlin 2009 (Einträge zu Hendrik Frans Verbrugghen, Michiel van der Voort dem Älteren und Jacques Bergé).
Weblinks Kirchenmöbel und Naturdarstellung : Kanzeln in Flandern und Brabant / Susanne Geese . Inhaltsverzeichnis
Einzelnachweise
Kategorie:Kirchenausstattung Kategorie:Kanzel (17. Jahrhundert) Kategorie:Kanzel (18. Jahrhundert) Kategorie:Kunst (Flandern) Kategorie:Brabant ! !