Die Viehhändlersprache ist eine deutsche Sondersprache, die zum großen Teil aus Hebraismen besteht und bei Verkaufsverhandlungen auf Viehmärkten als Geheimsprache funktioniert hat.

Sprachnamen Interne, von der Sprechergemeinschaft benutzte Bezeichnungen ihrer Sondersprache sind Hebräisch, Lakonisch, Lauschekonisch, Lausch und Kausch (< jd. loschenkaudesch, zu hebr. lešon-kodeš ‚heilige Sprache‘) und Jiddisch. Die Bezeichnungen Viehhändlersprache, Marktsprache der Viehhändler, jüdische Geschäftssprache sind von außen herangetragene Bezeichnungen, also externe Sprachnamen.

Geschichte Gesprochen wurde die Viehhändlersprache vornehmlich beim Handel auf den Viehmärkten von Vieh- und Pferdehändlern, Bauern und Gehilfen beim Auftrieb. Entstanden ist sie im 19. Jahrhundert, und erst mit dem Handelsverbot für jüdische Viehhändler während der Zeit des Nationalsozialismus ging ihr Gebrauch zurück. Nach der NS-Zeit wurde sie noch bis in die 1980er / 1990er Jahre auf Vieh- und Pferdemärkten gesprochen. Im 21. Jahrhundert ist sie weithin verstummt. Verschriftlicht wurde sie erst nach Aufgabe ihrer Funktion als Geheimsprache (handschriftliche Glossare von Sprechern, Zuschriften von Gewährsleuten). Während ihres aktiven Gebrauchs waren sogenannte „Enthüllungsschriften“ im Umlauf, mit deren Hilfe die Viehhändlersprache dekodiert und erlernt werden konnte. Einzelne Lexeme der Viehhändlersprache, wie etwa katzow ‚Fleischer‘ und zossen ‚Pferd‘, sind in der Gegenwart noch in einigen Mundarten und regionalen Umgangssprachen gebräuchlich.

Wortschatz und Funktion Die von den Sprechern beabsichtigte Funktion, Beistehende vom Verständnis des Gesprochenen auszuschließen, erreichte die Viehhändlersprache mit dem Verfremdungsverfahren der Substitution. Allgemeinverständliche Wörter wurden durch Lexeme, die vornehmlich aus dem Westjiddischen und dem Romani und dem Rotwelsch stammen, ersetzt. Als Geheimsprache wurde die Viehhändlersprache vor allem bei Verkaufsverhandlungen gebraucht: ich gev di beis meis schiwwem schuck für die beheime ‚ich biete dir zweihundertsiebzig Mark für die Kuh‘ – mei ratt oder kein masematten! ‚Dreihundert Mark – oder das Geschäft ist geplatzt!‘

Die Besonderheit der Viehhändlersprache innerhalb des Varietätenspektrums des Deutschen liegt vor allem in ihrem tarnsprachlichen Wortschatz, der zu etwa 70 % aus dem Westjiddischen stammt; ca. 20 % gehen auf das Romani zurück, etwa 10 % auf das Rotwelsch und andere kleine Spendersprachen, unter ihnen Romanismen und Niederlandismen. Hinzu kommt in manchen Fällen noch eine „semantische Verwandlung“ oder Spezifizierung. Die angestammte Bedeutung des Wortes wird bei der Integration in die Viehhändlersprache verändert. Beispiele sind etwa: brooche Zuschlag, gib ihm die brooche gib ihm den Zuschlag vs. Bruche Segen; chamienen den Verkauf anheizen, chamieme gut laufendes Geschäft vs. chamm warm, kemime, kemine‚ Wärme, Hitze; choljes Entzündung der Lymphdrüsen im Hals bei Pferden vs. choli allgemein: Krankheit; dibbern beim Handel überreden, bieten vs. dibbern sprechen; emmes beschlossen, abgemacht!, Affirmation beim Abschluss eines Geschäftes vs. emes Wahrheit.

Weiterhin erfahren die spendersprachlichen Wörter bei der Integration in die Viehhändlersprache phonetische Veränderungen, die wesentlich durch mundartliche Einflüsse bedingt sind. Wortbildung und Satzbau der Viehhändlersprache folgen den Mustern der Standard- und Umgangssprache.

Dokumentation und Forschung Die Dokumentation und sprachwissenschaftliche Erforschung der Viehhändlersprache in Deutschland begann in den 1960er Jahren (Werner Weinberg 1969, Florence Guggenheim-Grünberg 1961, 1966, 1973 u. a.). Ende des 20. Jahrhunderts begann die systematische Erhebung von Sprachdaten, deren lexikographische Verwertung und Erforschung. 2025 ist ein Wissenschaftsprojekt initiiert worden, das ein nach den noch verfügbaren Quellen vollständiges „Wörterbuch der deutschen Viehhändlersprache“ zum Ziel hat. Andere in Europa vorkommende Viehhändlersprachen, wie das französische Louchébem der Metzger in Paris, entziehen sich einer lexikographischen Dokumentation, da sie das Textganze durch Inversion verfremden (Louchébem < frz. le boucher).

Literatur

Werner Weinberg: Die Reste des Jüdischdeutschen. Stuttgart 1969.

Weblinks Wolfgang Krischke: Was der Bauer nicht wissen sollte FAZ vom 25. September 2025

Einzelnachweise

Kategorie:Geheimsprache Kategorie:Germanische Sprachen Kategorie:Geschichte (Tierhaltung)