mini|Ratingen

Ratingen ist eine große kreisangehörige Stadt im nordrhein-westfälischen Kreis Mettmann. Die Stadt liegt in der Metropolregion Rhein-Ruhr im Übergangsbereich zwischen Niederrheinischem Tiefland und dem Niederbergischen Land. Ratingen ist mit mehr als 88.000 Einwohnern die größte Stadt des Kreises Mettmann. Die Stadt ist Sitz eines Amtsgerichts, dessen Bezirk dem Stadtgebiet entspricht und das dem Landgericht Düsseldorf zugeordnet ist.

Geografie Geografische Lage Ratingen liegt im nordwestlichen Vorland des Bergischen Landes auf einer der Rhein-Terrassen auf einer Höhe zwischen 55 und ; der Stadtkern liegt um die .

Ratingen grenzt im Süden und Westen an die Landeshauptstadt Düsseldorf, im Norden an die Städte Duisburg, Mülheim an der Ruhr und Essen sowie im Osten an die Städte Heiligenhaus, Wülfrath und die Kreisstadt Mettmann.

Nördlich des Ratinger Zentrums fließt die Anger, im Süden der Schwarzbach. In Ratingen befinden sich mehrere Naturschutzgebiete, unter anderem die Naturwaldzelle Hinkesforst.

Klima Der Jahresniederschlag liegt bei 820 mm.Niederschlagsmittelwerte von Deutschland für den Zeitraum von 1961 bis 1990, Quelle: DWD

Stadtgliederung Ratingen gliedert sich gemäß der Gemeindeordnung für das Land Nordrhein-Westfalen in sechs Gemeindebezirke, die sich jeweils in ein oder zwei Stadtteile unterteilen. Bezirk Stadtteil Einwohner31.12.2021 Postleitzahl Ratingen Mitte Zentrum 23.458 40878 Ost 8.324 40882 West West 18.039 40880 Tiefenbroich Tiefenbroich 6.934 40880 Lintorf/Breitscheid Lintorf 15.109 40885 Breitscheid 4.937 40885 Hösel/Eggerscheidt Hösel 8.472 40883 Eggerscheidt 917 40883 Homberg/Schwarzbach Homberg 5.069 40882 Schwarzbach 463 40882

Geschichte Geologie, Frühgeschichte, Altertum Im Saale-Komplex, der vorletzten Eiszeit vor 300.000 bis 130.000 Jahren, lag Ratingen am Rand des Düsseldorfer Gletschers, dessen Ostrand sich zwischen Ratingen-Ost und Homberg grob mit dem Verlauf der heutigen Autobahn A3 deckte. Bisherige Vorstellungen von fünf verschieden alten Höhenterrassen ließen sich bei der geologischen Untersuchung von Autobahnschneisen nicht bestätigen. Nur eine Schotterterrasse mit eiszeitlich mehrfach umgelagerten Tertiär-Sedimenten konnte festgestellt werden.Günter Drozdzewski u. a.: Eiszeitliche Umlagerung von Tertiär-Sedimenten im Bergischen Land am Rand des Düsseldorfer Gletschers. In: scriptum, Geowissenschaftliche Arbeitsergebnisse aus Nordrhein-Westfalen, online Ausgabe 17, 2020, online, abgerufen am 18. Oktober 2024

Der Beginn erster Besiedlung des Stadtgebietes ist nicht mehr genau feststellbar. Funde von etwa 150.000 Jahre alten Faustkeilen und anderen anthropogenen Gegenständen nahe dem heutigen Silbersee belegen, dass dort bereits zu Beginn der letzten Eiszeit Menschen lebten. Es ist jedoch nicht klar, ob diese Menschen bereits fest siedelten.

Gräberfunde im Ratinger Zentrum lassen jedoch vermuten, dass es etwa 500 v. Chr. bereits eine feste Siedlung gab. Die Spornlage dieser Gegend auf einer flachen Anhöhe zwischen zwei Bächen war für die damaligen Bedürfnisse sehr günstig; noch dazu lag sie an der Kreuzung zwischen Mauspfad, einem antiken Handelsweg zwischen Köln und dem Niederrhein, und dem Hilinciweg, einer Verbindung zwischen Rhein und Bergischem Land.Satzung der Stadt Ratingen zur Erhaltung baulicher Anlagen gemäß § 172 Baugesetzbuch (BauGB) Ratingen-Eggerscheidt (PDF; 159 kB)

Mittelalter Um 500 n. Chr. wurde Ratingen zum Kampfgebiet zwischen Sachsen und Franken.

Die erste urkundliche Erwähnung der Siedlung fand vor 849 im Werdener Chartular statt, wo Ratingen als „Hratuga“ bezeichnet wird. Für den Namen existieren zwei Erklärungen: Er könnte eine Rodung im Wald oder eine „Siedlung des Hratan“ bedeuten.Ratingen. Geschichte von den Anfängen bis 1815. Verein für Heimatkunde und Heimatpflege Ratingen, Essen 2004, S. 15

Seit dem Mittelalter gehörte das Ratinger Gebiet den Grafen, später Herzögen von Berg. Für diese hatte die Siedlung, die anfangs durch Holzpalisaden geschützt war, eine wichtige Bedeutung im Kampf gegen den Erzbischof von Köln. Vermutlich wegen seiner vorteilhaften strategischen Lage wurde Ratingen am 11. Dezember 1276 durch Graf Adolf V. von Berg die Stadtrechte verliehen. Elf Monate zuvor war der Kölner Erzbischof Siegfried von Westerburg in den Besitz von Stadt und Burg Kaiserswerth gelangt. Graf Adolf V. wollte durch die Stadterhebung Ratingens ein Gegengewicht schaffen und das nördliche bergische Gebiet sichern, indem er den alten Kirch- und Gerichtsort, an einem Kreuzungspunkt wichtiger Straßen gelegen, Stadtprivilegien verlieh und befestigen ließ.

Im Gegenzug für die damit verbundenen Privilegien wie zum Beispiel Zoll- und Steuerfreiheit und Monopole auf das Mahlen von Korn und die Herstellung von Grüt, ein damals zur Bierherstellung benötigter Stoff (Grütrecht), baute die Stadt die mächtige Stadtmauer mit großen Verteidigungstürmen und bis zu 8 m breiten Wassergräben.

Im weiteren Verlauf der Geschichte erlebte Ratingen als einer der vier Hauptorte von Berg eine wirtschaftliche Blütezeit. Ratingen hatte Marktrecht, Zunftrecht, eine eigene Münze und ein Gericht, das den Gerichten in Mettmann, Gerresheim und Düsseldorf aufgrund des älteren Stadtrechts in den Konsultationen übergeordnet war. Am 25. November 1377 besuchte Karl IV. die Stadt, etwa 100 Jahre später Christian I. von Dänemark. Die Existenz von drei Vordörfern außerhalb der Stadtmauer (Oberdorf, Bechem und Vowinkel) ist ein Zeugnis des Bevölkerungswachstums. Sie wurden 1405 im Zuge der „2. Kalkumer Fehde“ niedergebrannt, aber bald darauf wieder aufgebaut und zumindest in Teilen auch befestigt.

Die Entwicklung wurde dabei begünstigt durch Ratingens Lage nahe einigen Fernstraßen und dem Rheinhafen in Kaiserswerth, welche Ratingen Zugang zum Handel mit der Hanse verschafften; dass Ratingen selbst Hansestadt war, gilt jedoch als unwahrscheinlich.

Die wichtigste überregionale wirtschaftliche Bedeutung hatte vermutlich die Zunft der Schmiede und Schleifer, die 1362 im Stadtbuch erwähnt wurde. Sie nutzten das Wasser von Anger und Schwarzbach zur Herstellung von Waffen, Werkzeugen (vor allem Messer und Scheren) und anderen Gebrauchsgegenständen wie Musikinstrumenten. Ihre Waren wurden auch im Ausland gehandelt, unter anderem in Antwerpen, im Baltikum und Skandinavien.

Im Jahre 1592 wurden Juden in den Ratsprotokollen erstmals urkundlich erwähnt, als die Männer der kleinen jüdische Gemeinde von Wachdiensten an der Stadtmauer freigestellt wurden.

Industrialisierung und Neuzeit mini|Kartenausschnitt Le Comte de la Marck Sanson 1692

Ab dem 16. Jahrhundert endete die Jahrhunderte währende wirtschaftliche Prosperität Ratingens. Das nahe Düsseldorf wurde 1511 zur Residenz, später zur Landesfestung. Die Pest kam über die Stadt, neue Waffen machten die Stadtmauer unwirksam, und 1641 wurde sie während des Dreißigjährigen Krieges vollständig zerstört, nachdem die Burg Haus zum Haus vom kaiserlichen Melchior von Hatzfeld besetzt wurde, welcher die Stadt angriff und Häuser rund um die Stadt in Brand setzen ließ. Nur noch 140 Menschen lebten damals in Ratingen; 200 Jahre zuvor waren es noch über 1000 gewesen.

Doch ausgerechnet in diesem damals fast bedeutungslos gewordenen Städtchen wird heute der Beginn der kontinentaleuropäischen Industrialisierung gesehen: Der Elberfelder Geschäftsmann Johann Gottfried Brügelmann errichtete 1783 an der Anger eine mechanische Baumwollspinnerei, die als erste Fabrik auf dem europäischen Festland gilt. Ihrer technikhistorischen Bedeutung wegen wird die ehemalige Textilfabrik Cromford heute vom Rheinischen Industriemuseum als Textilmuseum weiterbetrieben.

mini|Postamt Ratingen um 1906

Während der Franzosenzeit Anfang des 19. Jahrhunderts war Ratingen Hauptstadt des Kantons Ratingen und bildete eine Mairie.

Ausdruck der wieder sehr langsam wirtschaftlich erstarkenden Stadt war auch die im 18. Jahrhundert eingerichtete Ratinger Stadtpost. Diese richtete der Ratinger Magistrat spätestens am 19. Juni 1727 ein.Magistratsprotokoll der Stadt Ratingen vom 19. Juni 1727 Die Stadtpost verband die bergische Stadt Ratingen mit Düsseldorf und sorgte dort für den Anschluss an die von den Thurn und Taxis betriebene Kaiserliche Reichspost100 Jahre Oberpostdirektion Düsseldorf 1850 bis 1950. Düsseldorf 1949, S. 18 und damit an die Welt des Handels und der Kommunikation.

Nach dem Wiener Kongress und der Übernahme der Stadt durch Preußen bestand noch bis 1816 eine Poststation der Thurn-und-Taxis-Post, bevor diese am 1. Juli 1816 zum preußischen Postwärteramt wurde.Werner Münzbergs Thurn und Taxis-Poststationskatalog. Lassleben, Kallmünz 1967, S. 230. Infolge des Wiener Kongresses gehörte Ratingen ab 1815 zu Preußen, dem Regierungsbezirk Düsseldorf und der Provinz Jülich-Kleve-Berg (Sitz in Köln), ab 1822 zur Rheinprovinz mit Sitz in Koblenz. Aus der Mairie Ratingen der Franzosenzeit wurde die preußische Bürgermeisterei Ratingen im Landkreis Düsseldorf. 1817 erbauten die Ratinger Juden eine Synagoge an der Bechemer Straße.

Aufgrund von Formsandvorkommen entstand ab der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Eisenindustrie. Auch weitere Industriebetriebe entstanden, etwa eine Papiermühle im Angertal, Dachpfannenbrennereien und mehrere Kalkbrennereien. Doch an Schwung gewann die Wirtschaft erst mit dem nahezu zeitgleichen Bau zweier Eisenbahnlinien, der Ruhrtal-Bahn im Osten (heute Strecke der S 6), die am 1. Februar 1872 ihren Betrieb aufnahm, und der 1873 fertiggestellten „Westbahn“ (Teil der Bahnstrecke Mülheim-Speldorf–Troisdorf), einer Konkurrenzverbindung von Mülheim an der Ruhr über Duisburg-Wedau nach Düsseldorf. Am 28. Mai 1903 wurde die Angertalbahn (heute meist als „Kalkbahn“ bezeichnet) eingeweiht, über die Kalk und Formsand, bis in die 1950er-Jahre auch Personen, aus Wülfrath und den dortigen Kalkwerken zur Westbahn transportiert wurden und noch heute werden.

Aufgrund der nunmehr geschaffenen Verkehrsanbindung siedelten sich im Umfeld der Bahnen zahlreiche kleinere und mittlere Betriebe an: 1883 der Dampfkesselhersteller Dürr, 1910 die Deutsche Lastautomobilfabrik AG (DAAG). In der kommunalen Neuordnung 1929 behauptete Ratingen seine Selbstständigkeit. Die Gemeinde Eckamp mit den heutigen Stadtteilen Tiefenbroich und Ratingen-West wurde 1930 eingegliedert. mini|hochkant|Gedenktafel an die ermordeten Zwangsarbeiter

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurden Stadtverwaltung, Kultur und Gesellschaft gleichgeschaltet. Sozialdemokratische oder kommunistische Funktionäre wie Josef Schappe wurden verhaftet und in „Schutzhaft“ verbracht, jüdische Bürger drangsaliert oder zur Emigration gezwungen. In der Nacht zum 10. November 1938 wurde der jüdische Friedhof an der Werdener Straße geschändet und verwüstet. Ab Sommer 1943 war die Staatspolizeileitstelle Düsseldorf (Gestapo) in Ratingen untergebracht (Lehrerseminar an der Mülheimer Straße 47, heute: Stadtarchiv und Anne-Frank-Schule), da sie in Düsseldorf ausgebombt war. Hier wurden politische Häftlinge, Zwangsarbeiter und Regimegegner verhört und gequält. Im Zweiten Weltkrieg fanden ab 1943 fünf Luftangriffe auf Ratingen statt, die insgesamt 291 Todesopfer unter der Zivilbevölkerung forderten. Insgesamt wurden 141 Häuser mit 264 von den im Mai 1939 vorhandenen 5945 Wohnungen (4,4 %) völlig zerstört und 224 Häuser mit 1700 Wohnungen (28,5 %) stark beschädigt, und rund 3000 Menschen wurden obdachlos.Erich Keyser: Rheinisches Städtebuch, Band III, Stuttgart 1957. Der schwerste Luftangriff am 22. März 1945 richtete mit 550 Spreng- und 14.000 Brandbomben vor allem in der Oberstraße, am Marktplatz und im westlichen Teil der Stadt starke Schäden an; 97 Menschen kamen ums Leben. Das Rathaus und mehrere Schulen wurden beschädigt, das Krankenhaus wurde zu drei Vierteln zerstört, die Pfarrkirche St. Peter und Paul stark beschädigt.