mini|hochkant|Jamaika Baptisten auf Jamaika gibt es nachweislich seit 1783. Mit ihren Anfängen eng verbunden ist der Geistliche George Liele (ca. 1750–ca. 1826), ein entlassener Sklave, der als der erste schwarze Baptistenprediger gilt. Neben Evangelisation und Bildungsarbeit war für die jamaikanischen Baptisten die Befreiung der Sklaven ein bedeutendes Anliegen. Drei der sieben offiziell anerkannten Nationalhelden Jamaikas waren baptistische Geistliche.jnht.com: Fast Facts - National Heroes; abgerufen am 25. März 2026.
Heute arbeiten mehrere baptistische Zusammenschlüsse auf der karibischen Insel. Die größte und älteste unter ihnen ist die 1849 gegründete Jamaica Baptist Union. Weitere nationale Gemeindeverbände sind Seventh Day Baptist Conference of Jamaica, die Association of Independent Baptist Churches (Jamaica), die Fellowship of Independent Baptist Churches of Jamaica (Reformed Baptists), Fellowship National Full Gospel Baptist Churches of Jamaica, die Jamaica Association of General Baptists sowie die Jamaica Fellowship Baptist Convention. Die Jamaica Baptist Union ist Mitglied der Baptist World Alliance (BWA) und ihres karibischen Regionalverbandes Caribbean Baptist Fellowship. Die Seventh Day Baptists sind über ihren internationalen Zusammenschluss ebenfalls Mitglied der BWA. Geschichte mini|hochkant|Gedenkplakette für George Liele Als Pionier der baptistischen Bewegung auf Jamaika gilt George Liele, ein ehemaliger Sklave aus Georgia.Der Nachname Liele existiert in unterschiedlichen Schreibweisen; Leile: so zum Beispiel William H. Brackney: Historical Dictionary of the Baptist (= Historical Dictionaries of Religions, Philosophies, and Movements Band 25). The Scarecrow Press, Inc: Lanham, Maryland, and London, 1999. S. 254 (Artikel Leile, George); Lisle: so unter anderem Er hatte sich als junger Mann in der Baptistengemeinde seines Besitzers Henry Sharp bekehrt, taufen und in die Gemeinde aufnehmen lassen.baptistpress.com: George Liele: The world’s first Baptist missionary (23. Januar 2025); abgerufen am 18. März 2026.Lesley Hildreth, baptist press.com: Missionaries you should know: George Liele (29. Juni 2018); abgerufen am 19. März 2026. Bereits kurze Zeit danach begann er unter seinen Mitsklaven auf zu predigen. Die Gemeinde erkannte sein Begabung und berief ihn zunächst zu ihrem Missionar und ordinierte ihn kurze Zeit später zum Prediger der ersten schwarzen Baptistengemeinde, der Vereinigten Staaten. Liele selbst hatte sie in Savannah mit ungefähr 30 Mitgliedern gegründet.baptiststandard.com: George Liele: The world’s first Baptist missionary (31. Januar 2025); abgerufen am 19. März 2026.
Lieles Besitzer entließ ihn Mitte der 1770er Jahre in die Freiheit. Als er aber 1778 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges (1775–1783) auf Seiten der Royalisten fiel, versuchten seine Erben, George Liele erneut zu versklaven. Nach einem längeren Gerichtsprozess unterlagen sie. Liele wurde nach dreijähriger Haft aus dem Gefängnis entlassen. Da aber die Zeiten und damit auch sein zukünftiges Schicksa unsicher blieben, floh er mit seiner Ehefrau Hannah und seinen vier Kindern im Jahr 1783Russel nennt 1782 als Jahr der Flucht; siehe Horace O. Russel: Artikel Jamaica (1783). In: Baptists around the World. A Comprehensive Handbook (Hrsg. Albert W. Wardin). Broadman & Holman Publishers: Nashville (Tennessee), 1995. S. 302. nach Jamaika, das damals unter britischer Kolonialherrschaft stand. Auf dem Schiff, mit dem die Familie Liele, nach Kingston segelte, befanden sich auch andere britische Royalisten sowie Angehörige britischer Truppen. Von Moses Kirkland, einem Oberst der britischen Armee, mit dem Liele sich nach seiner Haftzeit angefreundet hatte, hatte er einen Kredit erhalten, mit dem er die Kosten der Überfahrt begleichen konnte. Gleich nach seiner Ankunft in Kingston fand Liele Arbeit und konnte innerhalb von zwei Jahren seine Schulden zurückzahlen.baptistpress: esource-library/news/missionaries-you-should-know-george-liele/ Missionaries you should know: George Liele (29. Juni 2018); abgerufen am 18. März 2026. Anfänge mini|hochkant|Montego Bay (zwischen 1820 und 1824) – Hier gründete Moses Baker die erste Baptistengemeinde Westjamaikas Für seine missionarische Arbeit, mit der er sofort nach seiner Ankunft auf Jamaika begann, nahm Liele keinerlei Vergütungen an. Den Lebensunterhalt für sich und seine Familie verdiente er zunächst als landwirtschaftlicher Helfer und später, nachdem er ein Pferd und einen Wagen erworben hatte, als selbständiger Transporteur. Seine missionarische Arbeit blieb nicht ohne Frucht. Er predigte an ungewöhnlichen Orten, so zum Beispiel auf dem Kingstoner Pferderennplatz, taufte Hunderte von Jamaikanern und initiierte für sie örtliche Gemeinden, die sich unter seiner Leitung zu einem Gemeindenetzwerk verbanden. Seine erste Baptistengemeinde gründete Liele noch 1783 in Kingston.Horace O. Russel: Artikel Jamaica (1783). In: Baptists around the World. A Comprehensive Handbook (Hrsg. Albert W. Wardin). Broadman & Holman Publishers: Nashville (Tennessee), 1995. S. 302. Bis 1814 war die Zahl der jamaikanischen Baptisten durch Lieles Dienst direkt und indirekt auf etwa 8000 angewachsen. Ein besonderes Anliegen Lieles war, seinen Gemeindemitgliedern ein Bildungsangebot zu machen. Deshalb gründete er an den Standorten seiner Kirchen sogenannten „Gemeindeschulen“, deren Unterrichtsangebot sich an alle Generationen richtete und im Laufe der Zeit Modellcharakter für die Bildungsarbeit auch anderer Konfessionen bekam.jbu.church: Our Origins (PDF online, S. 7); abgerufen am 21. März 2026.
George Lieles Arbeit wurde immer wieder durch den Widerstand weißer Kolonisten und britischer Regierungsbehörden bedroht. So verbrachte er insgesamt mehr als drei Jahre in jamaikanischen Gefängnissen, da seine Arbeit in den Augen der Behörden als politisch revolutionär betrachtet wurde. Zwar hatte Liele die Sklaverei niemals öffentlich in Frage gestellt, dennoch gilt er als einer der bedeutenden Wegbereiter ihrer Abschaffung.bu.edu: Liele, George (c. 1750-1828). First African American to be ordained and first Baptist to go as a missionary to any other land (Jamaica); abgerufen am 20. März 2026.
Liele verstand es auch, die Begabungen seiner Gemeindemitglieder zu entdecken, sie zu fördern und ihnen Verantwortung zu übertragen. Einer der von ihm eingesetzten Diakone war Moses Baker (ca. 1731–1828), ebenfalls ein freigelassener Sklave, der sich unter der Predigt Lieles bekehrt hatteuni-tübingen.de: Heinz-Jürgen Loth, Artikel „Westindische Inseln“, in: Theologische Realenzyklopädie (PDF online, S. 6.); abgerufen am 21. März 2026. und 1791 in Montego Bay (Westjamaika) eine Baptistengemeinde gegründet hatte. Baker wandte sich an die britische Missionsgesellschaft Baptist Missionary Society (BMS) und bat um Hilfe. Im Jahr 1814 entsandte die BMS daraufhin John Rowe (1788–1816), um eine missionarische Schwesterorganisation auf Jamaika zu gründen. Ihm folgten bis Mitte der 1830er Jahre trotz der Feindseligkeiten jamaikanischer Plantagenbesitzer und den für Europäer unwirtlichen Bedingungen auf der Insel mehr als 60 Baptistenmissionare, deren mitreisende Ehefrauen nicht mitgezählt.Horace O. Russel: Artikel Jamaica (1783). In: Baptists around the World. A Comprehensive Handbook (Hrsg. Albert W. Wardin). Broadman & Holman Publishers: Nashville (Tennessee), 1995. S. 302. „Baptist War“ mini|hochkant|A. Duperly (1833): Zerstörung des Roehampton-Anwesens während des „Baptist War“ (1831/32) Um die Jahreswende 1831/32 kam es auf Jamaika zu einer vom baptistischen Diakon Samuel Sharpe angeführten Revolte, die ca. ein Fünftel der rund 300.000 Sklaven Jamaikas mobilisierte. Da unter den Aufständlern viele Angehörige der Baptistengemeinden waren, ging die Rebellion, die als die größte der brititischen Karibik gilt, als „Baptist War“ (= „Baptistischer Krieg“) in die Geschichtsbücher ein.Andere Bezeichnungen der Revolte sind: Sam-Sharp-Rebellion, Weihnachtsrebellion und Großer jamaikanischer Sklavenaufstand von 1831–32. Hintergrund des Aufstandes war, dass das Londoner Parlament über die Abschaffung der Sklaverei in den britischen Kolonien debattierten und die jamaikanischen Sklavenhalter darauf mit rassistischen Reden und hetzerischen Veröffentlichungen reagierten. Die Sklaven Jamaikas machten derzeit die absolut überwiegende Mehrheit der Inselbevölkerung aus. Die Sklaven hatten auf der Insel nur eine sehr begrenzte Bewegungsfreiheit. Ausnahmen bildeten hier nur die religiösen Feiertage, an denen Sklaven sich zum Gottesdienstbesuch auch weiter von ihren Plantagen entfernen durften. Sharpe nutzte diese Ausnahmegenehmigung, um während der Festgottesdienste den Aufstand vorzubereiten. Nach längeren Planungen wurde Weihnachten 1831 ein Streik ausgerufen, mit dem mehr Lohn und Freizeit von den Plantagenbesitzern gefordert wurde. Die Kolonialregierung und die Besitzer der Sklaven wiesen die Forderungen zurück und setzten Milizen ein, um den Aufstand niederzuschlagen. Die Auseinandersetzungen eskalierten. Im weiteren Verlauf wurden Plantagenhäuser und Zuckerrohrfelder in Brand gesetzt und ein Milizregiment am westlichen Ende der Insel angegriffen. Am Ende der Kämpfe waren vierzehn freie Schwarze, die den Aufstand unterstützt hatten, und über zweihundert Rebellen getötet worden. Nach Ende der Revolte ließ die Justiz rund dreihundert versklavte Männer und Frauen hinrichten; unter ihnen war auch Samuel Sharpe, der heute als einer der sieben Nationalhelden Jamaikas gefeiert wird. Trotz der Niederlage der aufständischen Sklaven gilt der „Baptist War“ als einer der Gründe, weshalb das Vereinigte Königreich 1838 in seinen Kolonien die Sklaverei abschaffte.Samuel Momodu / blackpast.org: The Baptist War (1831-1832) (22. Juli 2017); abgerufen am 23. März 2026.
Weitere Entwicklungen im 19. Jahrhundert mini|hochkant|Joseph Sturge Nach der Sklavenbefreiung und ihrer vollen Emanzipation im Jahr 1838 begannen die Baptisten mit der Konsolidierung ihrer örtlichen Gemeinden. Auch erweiterten sie ihre Bildungsarbeit mit Hilfe des englischen Quäkers, Philanthropen und Sklavenbefreiers Joseph Sturge (1793–1859)Zu Joseph Sturge siehe brtannica.com: Artikel Joseph Sturge: abgerufen am 24. März 2026. um weiterführende Schulangebote. Träger dieser Maßnahmen war die von ihnen ins Leben gerufene Jamaica Education Society, die ohne staatliche Zuschüsse arbeitete. Im selben Zeitraum begannen baptistische Missionare mit der Gründung sogenannter „Freier Dörfer“ (= „Free Villages“).Zu den jamaikanischen „Free Villages“ siehe Sidney W. Mintz: Historical Sociology of the Jamaican Church-founded Free Village System. In: De West-Indische Gids, 38. Jahrgang / Nr. 1 und 2, September 1958. S. 46–70 (PDF online) Dabei ging es um den mit englischen Spendengeldern finanzierten Aufbau ländlicher Siedlungen, die den Lebensunterhalt und die Unabhängigkeit der befreiten Sklaven sichern sollten. Grund war die von ehemaligen Sklavenbesitzern getroffene Vereinbarung, den 1838 befreiten Sklaven kein Land zu verkaufen und sie auf diese Weise in Abhängigkeit von ihren früheren Herrn zu halten. Mit den Anfängen der „Free Villages“ verbunden sind die baptistischen Geistlichen William Knibb (1803–1845),Zu William Knibb siehe William H. Brackney: Historical Dictionary of the Baptists (= Band 25 Historical Dictionaries of Religions, Philosophies, an Movements). The Scarecrow Press, Inc.: Lanham, Maryland und London, 1999. S. 244f; Artikel: Knibb, William (1803–1845). James Phillippo (1798–1879) sowie John Clark (1802–1879).Horace O. Russel: Artikel Jamaica (1783). In: Baptists around the World. A Comprehensive Handbook (Hrsg. Albert W. Wardin). Broadman & Holman Publishers: Nashville (Tennessee), 1995. S. 302.