mini|Bertolt Brecht, 1954 während eines Besuchs in den Hamburger Kammerspielen(Foto: Fritz Peyer) Arbeitsjournal ist der Titel, unter dem die im Zeitraum von 1938 bis 1955 entstandenen Tagebücher des Dichters und Dramatikers Bertolt Brecht veröffentlicht wurden. Zum Zeitpunkt des ersten Eintrags, 20. Juli 1938, lebte er bereits seit fünf Jahren im dänischen Exil; die letzte Aufzeichnung stammt vom 18. Juli 1955, notiert also etwa ein Jahr vor seinem Tod in Ost-Berlin, wohin er 1948 nach der Exilzeit zurückgekehrt war. Brecht kommentierte im Arbeitsjournal sein künstlerisches Schaffen und das politische Weltgeschehen sowie sporadisch seine privaten Lebensumstände. Seinen schriftlichen Aufzeichnungen fügte er gelegentlich Fotografien von privaten Begegnungen und Theaterproben sowie sehr häufig Zeitungsausschnitte aus dem jeweils aktuellen Zeitgeschehen hinzu.

Das Arbeitsjournal erschien gedruckt 1973 im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, herausgegeben vom damaligen Mitarbeiter für Regie und Dramaturgie am Berliner Ensemble und späteren Leiter des Brecht-Zentrums der DDR Werner Hecht. In der DDR wurde das Buch als Lizenz-Ausgabe 1977 vom Aufbau Verlag, Berlin und Weimar, nachgedruckt, ergänzt um ein Nachwort des Literaturwissenschaftlers Werner Mittenzwei.Eintrag in der Deutschen Nationalbibliografie.

Übersetzungen erschienen in Englisch, Französisch, Italienisch, Japanisch, Türkisch und Ungarisch.Suchergebnis in der Deutschen Nationalbibliografie

Inhalt Erstausgabe 1973 in drei Bänden mini|Szenenbild aus der Uraufführung der ersten Fassung von Leben des Galilei, 1943 im Schauspielhaus Zürich(Foto: Fred Erismann) Erster Band: 1938 bis 1942 dänemark 20. 7. 38 bis 15. 3. 39 schweden 23. 4. 39 bis 19. 3. 40 finnland 17. 4. 40 bis 13. 7. 41 amerika 21. 7. 41 bis 5. 8. 42 Zweiter Band: 1942 bis 1955 amerika 12. 8. 42 bis 5. 11. 47 schweiz 16. 12. 47 bis 20. 10. 48 berlin 22. 10. 48 bis 18. 7. 55 Dritter Band: Anmerkungen

Aufzeichnungen zum eigenen Werk mini|Szenenbild aus der Berliner Erstaufführung von Herr Puntila und sein Knecht Matti, 1949 im Deutschen Theater (Foto: Eva Kemlein) Den größten Raum nehmen im Arbeitsjournal die kontinuierlich notierten Aufzeichnungen zum eigenen Werk ein. Einige der häufig erwähnten Prosa- und TheaterwerkeSiehe: „Brecht-Titel-Register“ (in der Erstausgabe im Anmerkungsband). sind Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar – mit Notizen zu den fertiggestellten Teilen des 1938–1939 im dänischen Exil geschriebenen, unvollendet gebliebenen Romans, Leben des Galilei – mit Notizen zur ersten, ebenfalls im dänischen Exil geschriebenen Fassung und zur Erarbeitung der zweiten, englischsprachigen Fassung gemeinsam mit Charles LaughtonEine dem Eintrag vom 17. Dezember 1945 hinzugefügte Fotografie zeigt Brecht und Laughton in dessen Garten, über den Brecht das Gedicht Garden in Progress verfasste. von Dezember 1944 bis zur Uraufführung dieser Fassung am 30. Juli 1947 im Coronet Theatre in Los Angeles, Herr Puntila und sein Knecht Matti – mit Notizen zur Zusammenarbeit mit Hella Wuolijoki an dem im finnischen Exil entstandenen Stück, Mutter Courage und ihre Kinder – mit Oktober 1940 einsetzenden Notizen zum bereits im schwedischen Exil geschriebenen Stück und mit zahlreichen Abbildungen, dem Programmzettel zur Zürcher Uraufführung im April 1941 und mehreren Fotografien der Proben und der Berliner Erstaufführung des Stücks am 11. Januar 1949 im Deutschen Theater.

Gestaltung Die meisten Einträge haben eine Länge von weniger als einer Buchseite – in Ausnahmefällen bestehen sie aus nur einem Satz oder sogar einem einzigen Wort (Beispiel: „7. 1. 52 / krugprobe.“Der Eintrag bezieht sich auf Proben zu Kleists Der zerbrochene Krug unter der Regie von Therese Giehse. Premiere hatte die Inszenierung am 21. Januar 1952 in den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin.) Im Original vom Suhrkamp Verlag beginnt jeder Datumseintrag auf einer neuen Seite, wodurch unter kurzen Notizen oft leere Flächen standen. Das Arbeitsjournal erstreckte sich dadurch auf zwei Bände mit mehr als tausend Seiten und dem Band mit den Anmerkungen, ca. 200 Seiten, noch hinzu kommend. In der DDR-Ausgabe wurden die Seiten aufgefüllt, und derselbe Text fand in einem Band auf rund 700 Seiten Platz.

Die von Brecht durchgängig benutzte Kleinschreibung blieb in den Buchausgaben erhalten. Namen und Werktitel wurden, wenn sie auch von Brecht hervorgehoben worden waren, in Versalien geschrieben.

Den chronologisch wiedergegebenen Einträgen wurde die Notiz vom 21. April 1941 als Motto vorangestellt:

Veröffentlichung 1973 im Suhrkamp Verlag mini|Bertolt Brecht und Helene Weigel,am 1. Mai 1954 auf dem Marx-Engels-Platz in Ost-Berlin(Foto: Horst Sturm) In seinem Geleitwort schrieb der Verleger Siegfried Unseld, die Veröffentlichung des Arbeitsjournals zum 75. Geburtstag Brechts sei „einer einzigen Person zu danken“: Helene Weigel. Sie habe es als „das ihr gegebene, große Vermächtnis“ angesehen, „diese Aufzeichnungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen“. Unseld nannte es eine „Genugtuung“ für den Suhrkamp Verlag, „daß es möglich war, so bald nach dem Tode Brechts dieses Arbeitsjournal“ zu veröffentlichen.Siegfried Unseld: Zum Geleit. Bertolt Brecht: Arbeitsjournal, Suhrkamp Verlag, 1973; Band 3: Anmerkungen, S. V (s. Ausgaben).

Tatsächlich waren seit dem Tod Brechts, im August 1956, bereits mehr als sechzehn Jahre vergangen, und Helene Weigel, gestorben am 6. Mai 1971, erlebte die Veröffentlichung nicht mehr. In den ersten Jahren nach dem Tod Brechts war sie es, die, wie es ein Rezensent formulierte „jahrelang die Arbeitsjournale zurückhielt, weil sie die darin Erwähnten nicht unnötig verletzen wollte“, denn Brecht hatte darin nicht selten Abfälliges über andere exilierte Schriftsteller notiert.James K. Lyon: Bertolt Brecht, Arbeitsjournal 1838–1955. In: Brecht-Jahrbuch 1974 (s. Rezensionen).In einer US-amerikanischen Besprechung hieß es: „Aus anderen Quellen erfährt man […], dass es eben jene Helene Weigel war, die diese Veröffentlichung so lange wie möglich verhinderte; und wenn sie es tatsächlich «als das ihr gegebene, große Vermächtnis» ansah, so wundert man sich über die siebzehnjährige Verzögerung seit dem Tod ihres Mannes.“ – Thomas K. Brown: Gedenkt Unsrer mit Nachsicht – Brecht’s Journal, 1938–1955 (s. Rezensionen). Das Zitat im Original: „One hears from other sources […] that it was precisely Helene Weigel who prevented this publication as long as she could; and indeed, if she regarded it as «das ihr gegebene, große Vermächtnis», one wonders at the seventeen-year delay since her husband’s death.“

Laut Herausgeber Werner Hecht hat Helene Weigel dann jedoch seit Ende der 1960er Jahre das Vorhaben verfolgt, „dass [nach der Veröffentlichung von Brechts] literarischen und theoretischen Arbeiten nunmehr die Tagebücher und Journale folgen sollten.“Werner Hecht: Siegfried Unseld: "Beruf Brecht, B.B.". In: Dreigroschenheft, 2003/1, Augsburg, ISSN 0949-8028, S. 5–15. Schon einige Jahre vorher war es zum Konflikt mit der Literaturzeitschrift Sinn und Form gekommen, die anlässlich von Brechts zehntem Todestag ein Sonderheft plante und bei Weigel wegen einer Veröffentlichung von Auszügen aus seinen Tagebüchern angefragt hatte. Helene Weigels Bedingung war, dass die betreffenden Teile „absolut ungekürzt und unverändert“ abgedruckt würden. Diese Bedingung mochte der damalige Chefredakteur von Sinn und Form, Wilhelm Girnus, nicht akzeptieren und wandte sich an Kurt Hager, den Leiter der Ideologischen Kommission des Politbüros der SED, denn es gebe in Brechts Arbeitsjournal viele problematische Stellen; er schrieb:

Im selben Brief mutmaßte Girnus auch über Helene Weigels Beweggründe:

Nachdem eindeutig feststand, dass an eine Veröffentlichung in einem Verlag der DDR auf absehbare Zeit nicht zu denken war, „hatten Ende der sechziger Jahre mehrere Gespräche Unselds mit Helene Weigel stattgefunden“, um sie stattdessen bei Suhrkamp vorzubereiten. Erst zu diesem Zeitpunkt wurde entschieden, die Tagebücher des Zeitraums von 1938 bis 1955 unter dem Titel Arbeitsjournal zu publizieren. Als Herausgeber, und damit auch Verantwortlichen für die vorgesehenen Anmerkungen, beauftragte Weigel ihren Mitarbeiter am Berliner Ensemble Werner Hecht. Die Erstausgabe von Brechts Arbeitsjournal erschien schließlich im Januar 1973 und führte zu einer sehr breiten Rezeption. „In fast 200 Zeitungen und Zeitschriften erschienen Reaktionen“, Besprechungen des Buches oder zumindest Hinweise auf die Veröffentlichung.

Bis zur Veröffentlichung des Buches in der DDR vergingen noch einmal fast vier Jahre; der Aufbau-Verlag brachte es 1977 als Lizenzausgabe der westdeutschen Originalfassung heraus, erweitert um ein Nachwort von Werner Mittenzwei. Der ostdeutsche Literaturwissenschaftler Manfred Haiduk berichtete später, diese Veröffentlichung sei nur der persönlichen Intervention von Brechts Tochter Barbara Brecht-Schall bei Erich Honecker, damals Generalsekretär des ZK der SED, zu verdanken gewesen.Diese Darstellung gemäß

Einzelne Aspekte und ihre Rezeption „Persönlichkeitsrechtliche Überlegungen“, Gegendarstellungen Siegfried Unseld wies in seinem Geleitwort zur Erstausgabe darauf hin, dass Tagebuch-Notizen, „die in erster Linie nicht zur Veröffentlichung bestimmt“ sind, „Ungerechtes enhalten“ können „oder auch spontan gefällte Urteile, die bei einer Nachprüfung vielleicht revidiert worden wären.“ Er drückte damit in zurückhaltender Form aus, dass Brecht für viele der in seinem Arbeitsjournal Erwähnten und ihre politischen Positionen deutliche, oft ironische oder sarkastische Worte benutzte.

Wie im Einzelnen die Abklärung mit den Betroffenen ablief, erläuterten Unseld oder Herausgeber Hecht nicht, aber in drei Fällen entschloss man sich, aus „persönlichkeitsrechtlichen Überlegungen“Werner Hecht: Zur Herausgabe des »Arbeitsjournals«; in Bertolt Brecht: Arbeitsjournal 1938–1955, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1973, Band 3: Anmerkungen, S. VII. deren Namen nicht zu veröffentlichen, sondern jeweils in der ansonsten unveränderten Notiz durch eine Auslassungskennzeichnung zu ersetzen.

So wurde im Arbeitsjournal-Eintrag vom 6. Januar 1949 – „werde aus der probe zum neuen oberbürgermeister berlins [N] geholt“ – dessen Name weggelassen und durch [N] ersetzt. Natürlich ließ sich auch zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Name schnell ermitteln, und bereits in der Rezension von Klaus Völker am 11. Februar 1973 im Spiegel hieß es:

Andere, die ebenfalls vorab über Brechts Wortwahl und Inhalte der sie betreffenden Notizen informiert worden waren, nutzten die ihnen angebotene Möglichkeit zu Gegendarstellungen, die im Anmerkungsband abgedruckt wurden.

Max Horkheimer, von Brecht gemeinsam mit Friedrich Pollock als „doppelclown horkheimer und pollock“ betitelt, wies darin u. a. die Unterstellung zurück, er habe „sich an seinem jeweiligen aufenthaltsort eine professur kaufen“Bertolt Brecht, „Arbeitsjournal 1938–1955“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1973, Eintragung vom August 1941 sowie die Anmerkung hierzu. können.

Golo Mann nahm stellvertretend für seinen 1955 verstorbenen Vater Thomas Mann zu zwei Behauptungen Brechts Stellung – „irrig“ sei es, so Golo Mann, sein Vater habe Brecht als einen von „diesen linken“ denunzieren wollen, und ebenso, sein Vater habe dessen Bruder, Heinrich Mann, finanziell nicht ausreichend unterstützt, habe ihn „buchstäblich verhungern“ lassen. Dass Brecht Thomas Mann an einer Stelle „das reptil“Bertolt Brecht, „Arbeitsjournal 1938–1955“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1973, Eintragungen vom 9. September 1943 und vom 11. November 1943 sowie die Anmerkungen hierzu. nannte, gehörte in den Rezensionen des Arbeitsjournals zu den am häufigsten zitierten Stellen.

Brechts Positionen