Leonid Alexejewitsch Kutergin (; * 1941 im Oblast Kirow; † Oktober 2001), Deckname Viktor oder Victor, war ein sowjetischer Oberst der Ersten Hauptverwaltung des Geheimdienstes KGB und von 1967 bis 1983 Quelle des Bundesnachrichtendienstes (BND).

Leben Kutergin wurde als Sohn eines Oberst des KGB geboren. 1964 schloss er ein Studium an der Staatlichen Linguistischen Universität Moskau ab. Er beherrschte Deutsch und eine weitere europäische Sprache. Kutergin durchlief eine Ausbildung im KGB. In seiner ersten darauf folgenden Verwendung hatte er Akten in der KGB-Zentrale zu sortieren, wo er Kenntnis über zahlreiche KGB-Agenten in Deutschland erlangte, darunter allein 30 in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn.Gujer 2006 a. a. O.

Kutergin war ab 1964 im Dienstgrad eines Hauptmannes für die Deutschlandabteilung der Ersten Hauptverwaltung (Auslandsaufklärung) des KGB am Generalkonsulat der Sowjetunion in Salzburg in Österreich eingesetzt. Er war hochgewachsen und hatte weiche Gesichtszüge. Mitte Juli 1967, eine Woche vor Ende seines dreijährigen ersten Auslandseinsatzes, suchte er den Kontakt zum BND im bundesdeutschen Generalkonsulat. Mitarbeiter des Referats Gegenspionage der Abteilung Beschaffung aus der damaligen BND-Zentrale in Pullach befragten den Selbstanbieter noch in derselben Nacht. Das Referat leitete zu jener Zeit Volker Foertsch, der später zum Abteilungsleiter im BND aufstieg.

Kutergins Motiv für den Kontakt zum BND waren Versagensängste: Jeder KGB-Offizier musste mindestens eine Quelle werben, um nicht in den Innendienst versetzt zu werden. Kutergin erhoffte sich dabei Hilfe vom BND. Kutergin waren dem BND und dem britischen Secret Intelligence Service als KGB-Angehöriger bereits grob bekannt. Nach zwei weiteren kurzen Treffs kehrte er in die Sowjetunion zurück. Bis dahin hatte er zumindest Teile der ihm bekannten KGB-Agenten dem BND preisgegeben. Er erhielt vom BND den Decknamen Viktor und wurde zum Doppelagenten.

Nach drei Jahren wurde Kutergin ab 1970 erneut in Österreich eingesetzt, diesmal unter der Legende eines Mitglieds der sowjetischen Delegation bei der Internationalen Atomenergie-Organisation in Wien. Der BND wurde darauf aufmerksam, weil er auf einer Beobachtungsliste des US-amerikanischen Geheimdienstes Central Intelligence Agency (CIA) stand, und sprach ihn erneut an. Kuterin sagte nach anfänglichem Zögern zu und traf sich, wieder nachts, mit einem vierköpfigen BND-Team in einer konspirativen Wohnung im Ersten Wiener Bezirk. Sein Weg dorthin wurde zu Kutergins Schutz von einer Observation des BND überwacht. In den folgenden fünf Jahren traf sich das Team regelmäßig nachts mit Kutergin: Nach einem gemeinsamen Abendessen und Gesprächen über Privatleben sowie Alltagssorgen folgten mehrstündige Befragungen. Die gute persönliche Beziehung zwischen Kutergin und den beiden BND-Verbindungsführern war dabei für die nachrichtendienstliche Zusammenarbeit besonders wichtig. Der BND führte ihm mehrere Studenten zu, die er zum Schein anwarb und damit seine Vorgesetzten im KGB beeindruckte. Im Frühjahr 1971 warnte Kutergin den BND, der KGB versuche, Leo Bauer anzuwerben, einem Berater von Willy Brandt, der auch mit Herbert Wehner befreundet war.

1975 kehrte Kutergin erneut nach Moskau zurück. Dort stieg er später zum Oberst auf, nachdem er eine dafür nötige Sicherheitsüberprüfung bestanden hatte. Aus Sicherheitsgründen lehnte Kutergin Treffs in Moskau ebenso ab wie die Nutzung toter Briefkästen. In seiner Wohnung in einem Wohnblock für höhere Funktionäre in einem Außenbezirk Moskaus konnte er zudem keinen Agentenfunk empfangen. Ein eigens entsandtes Messteam der CIA bestätigte den dort gestörten Funkempfang. So konnte Kutergin nur noch etwa alle drei Monate getroffen werden, wenn er Außenstellen der Abteilung P (auch Apparat P. genannt) in Rom in Italien, Zürich in der Schweiz und Lissabon in Portugal besuchte. Dabei handelte es sich in der Endphase des Kalten Krieges um konspirative KGB-Außenstellen in den Sowjetischen Außenhandelsvertretungen, die redundant zu den KGB-Residenturen an den sowjetischen Botschaften waren und im Falle der Ausweisung des Residenturpersonals in Zeiten verschärften Spannungen deren Arbeit übernehmen sollten. Zuletzt war Kutergin stellvertretender Abteilungsleiter der Abteilung P in der Ersten Hauptverwaltung des KGB und Parteiorganisator der Abteilung. Wladimir Alexandrowitsch Krjutschkow, Leiter der Ersten Hauptverwaltung des KGB von 1974 bis 1988, hatte sich für seine Ernennung eingesetzt. Kutergin galt als sein Vertrauter, mit dem er den Abteilungsleiter Jewgeni Petrowitsch Pitowranow überwachen und kontrollieren wollte.

Innerhalb des BND wurde Kutergins Quellenführung vom Referat Gegenspionage sorgfältig abgeschirmt. Er galt als besonders gefährdet. So wurde er nicht in die zentrale Personaldatei des BND aufgenommen. Selbst die fachlich zuständige Auswertung erfuhr nichts von ihm. Stattdessen wurde seine Informationen als von anderer Herkunft getarnt. Wie berechtigt dies war, zeigte die 1990 die Enttarnung von Gabriele Gast als Innenquelle der Hauptverwaltung A des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, die langjährig in der Abteilung Auswertung im Referat Politik Sowjetunion arbeitete. Um Kutergin nicht zu gefährden, wurden die von ihm verratenen KGB-Quellen in der Bundesrepublik im Rahmen des Opportunitätsprinzips nicht unmittelbar an die Strafverfolgungsbehörden und auch nicht oder nur verzögert an das Bundesamt für Verfassungsschutz weitergegeben.

Der BND verfügte über keine Residentur in Moskau. Für Kutergin wurde extra ein BND-Mitarbeiter konspirativ in der Deutsche Botschaft Moskau installiert, worüber dort nur der Botschafter Kenntnis hatte. Der Mitarbeiter wurde zunächst ins Deutsche Patent- und Markenamt eingeschleust, von dort an das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten versetzt und dann an die Botschaft abgeordnet, um seinen nachrichtendienstlichen Hintergrund zu verschleiern. Einmal im Monat hielt er sich zu einer vorher festgelegten Zeit an einem festgelegten Ort auf, damit Kutergin ihn im Notfall kontaktieren konnte, was dieser nie tat.

Kutergin nutzte eine konspirative Wohnung mit zwei weiteren KGB-Mitarbeitern für gelegentliche Treffs. Dort bewahrte er in einem Pappkarton Ansichtskarten auf, die ihm vom BND überlassen und scheinbar von deutschen Touristen aus Moskau verfasst waren. In die Karten konnte er mit Geheimtinte kurze Nachrichten einfügen und sie an Deckadressen des BND in Deutschland schicken. Als dieser Pappkarton eines Tages im Jahr 1983 verschwunden war, entschloss sich Kutergin wegen der möglichen Gefahr einer Enttarnung, von seiner nächsten regulären Auslandsreise nicht nach Moskau zurückzukehren. Er reiste 1984 über den Flughafen Moskau-Scheremetjewo ungehindert in die Schweiz aus, wobei er wie üblich mit einem Spezialausweis die Passkontrolle umging. Seine Frau und seinen Sohn musste er zurücklassen. Die Sowjetunion stellte über das Auswärtige Amt regelmäßig Anfragen, ob Kutergin in der Bundesrepublik sei. Um diese wahrheitsgemäß zu beantworten, wurde er dann jedes Mal für einige Tage nach Innsbruck in Österreich gefahren. Der BND plante, den Tod Kutergins in Afghanistan vorzutäuschen und ein fingiertes, in der Sprache Urdu verfasstes Bekennerschreiben der angeblichen Mörder nach Moskau zu senden. Stattdessen teilte jedoch die CIA dem KGB seinen tatsächlichen Verbleib mit.

Kutergins Überlaufen wurde in der Sowjetunion strenger geheim gehalten als die von Oleg Antonowitsch Gordijewski und Viktor Suworow. Die Abteilung P wurde infolgedessen aufgelöst.

Kutergin wurde bis zu seinem Tod weiter vom BND betreut, materiell abgesichert und lebte in einem sicheren Haus in München. Er wurde südlich von München begraben.

Bewertung Die Führung von Kutergin als Innenquelle im gegnerischen Geheimdienst KGB gilt als einer der größte Erfolge des BND. Er lieferte die Namen von über 100 Quellen in Westdeutschland sowie Informationen aus dem Innenleben des KGB. Auch lieferte er die Jahresberichte der ersten Hauptverwaltung des KGB und der BND bekam über ihn mittelbar Einblicke in Denkweise des sowjetischen Politbüros. Über die Arbeitsaufträge der KGB-Zentrale an deren Wiener Außenstelle, die Kutergin verriet, konnte der BND bewerten, worüber der KGB hinreichend informiert war und wo er Erkenntnislücken hatte. Als erster westlicher Nachrichtendienst erfuhr der BND durch ihn über den sogenannten Apparat P. Kutergin war der größte öffentlich bekannte Erfolg der Gegenspionage des BND gegen die Sowjetunion.

Erinnerung In der Gemäldegalerie BND aus dem Jahr 2015 von Friederike Tebbe und Anette Haas in der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes nimmt das Gemälde „victor“ Bezug auf Kutergin.

Siehe auch Liste deutscher Spione Liste von Spionagefällen in Deutschland

Literatur

Einzelnachweise

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