mini| G. B. Falda, Neuer Plan der Stadt Rom, 1676 (Widmung)
De Rossi alla Pace war der selbst vergebene Name einer aus der Lombardei stammenden und von ca. 1613 bis 1732 in Rom tätigen Familie von Druckern, Verlegern und Händlern von Kupferstichen und Radierungen. Dank eines breiten Themenspektrums und einer innovativen Geschäftsstrategie entwickelte sich das von Giuseppe De Rossi (auch: de’ Rossi, latinisiert De Rubeis) gegründete, dann von seinem Sohn Giovanni Giacomo und von dessen Adoptivsohn Domenico weitergeführte Unternehmen zum erfolgreichsten seiner Zeit. Die Namensbeigabe „alla Pace“ bezeichnete den Standort der bottega und diente der Abgrenzung von einem anderen Familienzweig desselben Gewerbes, den De Rossi in Piazza Navona.
Die De Rossi kauften anfangs nur ältere Platten auf, widmeten sich aber schnell auch eigenen Projekten. Dazu gehörten Abbildungen von antiken und zeitgenössischen Monumenten und Sehenswürdigkeiten der Stadt Rom, Reproduktionen von Malereien der berühmtesten Künstler wie Raffael und Michelangelo, Porträtserien, religiöse und mythologische Motive, mehrbändige Werke mit Veduten, Gärten und Brunnen, neuartige Pläne und Karten sowie architektonische Vorlagenwerke mit Lehrbuchcharakter. Für sie engagierten die Verleger namhafte Graveure wie beispielsweise Giovanni Maggi, Giovanni Battista Falda und Alessandro Specchi.
Erste Generation: Giuseppe Der aus Gallarate in der Lombardei stammende Giuseppe De Rossi (* um 1560) muss sich spätestens 1603 in Rom angesiedelt haben. Im Januar 1616 war er als Druckhändler (mercator designorum), im April desselben Jahres als Bilddrucker (impressor figurar[um]) in der Pfarrei San Tommaso in Parione verzeichnet. Kurz darauf heiratete er Flaminia Fablò (oder Fabula).
Das Gründungsdatum der bottega an der Piazza della Pace ist nicht bekannt, doch nennt Christian Hülsen einen mit der Adresse „de Rubeis alla Pace“ und der Jahreszahl 1613 versehenen Stich. Es handelt sich um eine „Seeschlacht“ vom Meister B mit dem Würfel, die erstmals bei Antonio Lafreri, dann bei Claudio Duchetti, Paolo Graziani und Pietro de Nobili erschienen war. Gesichert ist, dass De Rossi einen beachtlichen Teil der zuvor durch Erbteilung und Verkäufe weit verstreuten Sammlungen Lafreris und Antonio Salamancas wieder zusammen brachte. Sein Nachlass wies ein Sammelsurium aus sakralen, profanen und baulichen Darstellungen, kartografischen Werken und Ornamentvorlagen auf. Darunter befanden sich Kupferstiche nach Tafel- und Wandgemälden von Raffael und Michelangelo, Cherubino Alberti und Annibale Carracci sowie Guercino und Antonio Tempesta.
Zu den bemerkenswertesten Werken zählen die von Giovanni Maggi gestochene Brunnenserie Fontane di Roma e altrove (1618) und die Urbis Romae novissima delineatio (1622, Nachdruck 1637), eine Kopie der Romkarte von Ambrogio Brambilla, die 1590 von Nicolas van Aelst herausgegeben worden war.
Giuseppe De Rossi starb vermutlich zwischen 5. Februar und 7. September 1639 und seine vier Söhne – Giovanni Domenico, Girolamo, Giovanni Giacomo und Filippo – erbten das Unternehmen zunächst gemeinsam. Der Älteste übernahm die Leitung, bis man sich Mitte 1648 auf eine annähernd gleichmäßige Aufteilung des Nachlasses, einschließlich der Kupferplatten, illustrierten Bücher und fertigen Druckgrafiken, einigte. Während Girolamo und Filippo wenig Interesse am Druckgrafikhandel zeigten, führten die beiden anderen Brüder den väterlichen Betrieb weiter: am selben Standort, jedoch als zwei unabhängige Unternehmer.
Zweite Generation: Giovanni Domenico und Giovanni Giacomo Giovanni Domenico De Rossi Giovanni Domenico (* 1619) gab seine Werkstatt in der Via della Pace nach etwa eineinhalb Jahren auf, heiratete Margherita Delfini, die Tochter eines piemontesischen Buchhändlers, und eröffnete Anfang 1650 neben dem Haus seines Schwiegervaters ein eigenes Unternehmen mit einer Druckerei, einem Büro und einem Verkaufsraum in Richtung Piazza Navona. Der Standort war gut gewählt, befanden sich hier doch bereits weitere Buch- und Druckgrafikhandlungen wie die von Giovanni Battista De Rossi.
Das florierende Geschäft fand am 13. August 1653 ein jähes Ende, als De Rossi und seine Frau unerwartet innerhalb weniger Stunden nach kurzer, unerklärlicher Krankheit starben. Aus dem anschließend erstellten Inventar geht hervor, dass der Verleger die Anzahl der in seinem Besitz befindlichen Kupferplatten seit der Erbteilung 1648 vervierfacht hatte. Offensichtlich war es ihm gelungen, zumindest einen Teil der seinen Brüdern Girolamo und Filippo zugesprochenen Stiche zu erwerben.
Im Januar 1654 verpflichteten sich die drei überlebenden Brüder und ihre Mutter zur Rückgabe der Mitgift an Giovanni Francesco Delfini. Dieser verkaufte gleichzeitig seine Forderung an Giovanni Giacomo De Rossi, der damit allein für ihre Begleichung aufkam und im Gegenzug das Erbe seines Bruders erhielt.
Giovanni Giacomo De Rossi Giovanni Giacomo (* 1627) fand sich 1654 im Besitz einer Sammlung von Kupferplatten, Büchern und Drucken wieder, die das gesamte väterliche Erbe sowie alle Stücke, die sein Bruder Giovanni Domenico in fünf Jahren intensiver Arbeit zusammengetragen hatte, umfasste. Zudem gehörte ihm der Unternehmenshauptsitz mit dem prestigeträchtigen Namen „alla Pace“ und dem Hausschild „Paris“ (insegna di Parigi), das der einstige Mitbesitzer angebracht hatte.
De Rossis erster gedruckter Lagerkatalog 1677 veranschaulicht seine Geschäftsstrategie. Anders als zu seines Vaters Zeiten bot der Markt kaum noch Druckplatten aus den Nachlässen einstiger Verlage an, weshalb der Sohn sich auch im Ausland umsehen und neue Grafiken in Auftrag geben musste. Zugleich verlegte er sich mehr und mehr auf den Export seiner Blätter nach Frankreich, wo religiöse Themen weniger gefragt waren als Darstellungen der antiken und neuzeitlichen Stadt Rom. Für die Erweiterung seines Themenspektrums erwarb er (vermutlich 1653) von François Perrier die Kupferplatten seiner berühmten Serie antiker Statuen (Segmenta nobilium signorum et statuarum, erstmals Rom 1638) sowie die Platten der großen Karte Roms von Étienne Dupérac (Urbis Romae Sciographia ex Antiquis Monumentis Accuratiss. Delineata, erstmals ca. 1574). 1654 nutzte er die Gelegenheit zum Kauf einer Serie von etwa 40 Architekturstichen nach Zeichnungen von Pietro Ferrerio (1600–1654) und veröffentlichte sie im Jahr darauf.
Sein Hauptaugenmerk lag jedoch auf der Reproduktion aktueller Malereien, insbesondere den gewinnträchtigen Freskenzyklen und Altarbildern. Als Beispiele seien die von Johann Friedrich Greuter, Camillo Cungi und Cornelis Bloemaert II gestochenen Tafeln nach Deckenmalereien Andrea Sacchis und Pietro da Cortonas (Aedes Barberinae, erstmals 1642) und die Reproduktionen der Malereien im Palazzo Pamphilj durch Carlo Cesio (Galeria dipinta nel palazzo del prencipe Panfilio da Pietro Berrettini da Cortona, 1661) genannt.
Seinem Ziel, dem Schutz vor möglichen Plagiaten, sah sich De Rossi mit der Wahl des neuen Papstes Alexander VII. einen Schritt näher. Dessen 1657 gewährtes Privileg zum Druck seines Porträts war der Auftakt zur wohlwollenden Aufmerksamkeit des kirchlichen Oberhaupts (Effigies nomina et cognomina, 1658). Im selben Jahr traf der Verleger auf den jugendlichen Giovanni Battista Falda, der später zur Schlüsselfigur für den Aufstieg seiner Druckerei werden sollte: Als sein Cousin Giovanni Battista 1664 beim Papst ein Privileg für einen großen Romplan von Lievin Cruyl erhielt, stellte auch Giovanni Giacomo umgehend einen Antrag – und erreichte ein 10-jähriges Vorrecht für all seine Druckwerke. Dieses Sonderprivileg war ein Meilenstein zu der absoluten Vormachtstellung auf dem römischen Markt, die er Anfang der 1680er-Jahre tatsächlich innehatte.
Faldas großformatiger „Neuer Plan und Aufriss der Stadt Rom“ (Nuova pianta et alzata della città di Roma, 1676) machte die 1668 durch den Rivalen veröffentlichte Karte sofort überflüssig und knüpfte stattdessen an die großen kartographischen Projekte des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts an: jene von Antonio Tempesta (1593), Matthäus Greuter (1618) und Giovanni Maggi (1625). Wahrscheinlich veranlasste der frühe Tod des talentierten Stechers den kinderlosen und verwitweten Verleger zur Adoption des seit 19 Jahren bei ihm arbeitenden Domenico Freddiani, der sogleich seinen Namen annahm und später seinen Besitz und das Geschäft erbte. Die von Falda begonnenen Projekte – wie die „Gärten von Rom“ (Giardini di Roma, ca. 1683) und die Brunnen-Folgen (Fontane di Roma, ca. 1675; Teile II–IV ab ca. 1684) – ließ der Verleger von anderen Künstlern fertigstellen. Geplant war auch die Fortsetzung der erfolgreichen Vedutenserie des modernen Rom (Nuovo teatro delle fabriche et edificii in prospettiva di Roma moderna), deren Teile I–III 1665–1669 erschienen waren.
In den 1680er-Jahren wandte sich De Rossi wieder mehr dem sakralen Themenbereich zu. Seine umfangreiche Vorstellung zeitgenössischer Sakralbauten der Stadt (Insignium Romae Templorum Prospectus, 1683) erregte aufgrund der angewendeten Orthogonalprojektion, d. h. in Grundriss, Aufriss und Schnitt, oft auf mehreren, im metrischen Maßstab aufeinander abgestimmten Tafeln, großes Aufsehen. Einige Jahre später folgte ein ebenfalls für Architekten nützliches Werk, eine Sammlung architektonischer Zeichnungen und Stiche von Altären und Kapellen in römischen Kirchen (Disegni di vari Altari e Cappelle, 1688–1689). Der mit dem Datum des 13. Februar 1690 versehene Neudruck war vermutlich die letzte verlegerische Unternehmung De Rossis. Er starb am 5. Januar 1691.
Dritte Generation: Domenico Das Erbe des Domenico De Rossi (* 1647) bestand aus einer Druckerei, die hinsichtlich Produktionsmenge und -qualität die bedeutendste in Rom war, sowie einem Geschäft, das faktisch ein Monopol auf den Verkauf der begehrtesten und wertvollsten Kunstdrucke in Bänden und Einzelblättern innehatte. Dokumente belegen, dass er als einziger Drucker der Stadt über die nötigen Mittel verfügte, um anspruchsvolle Publikationen auf eigene Rechnung und ohne Beteiligung der Autoren zu realisieren. De Rossi schützte sein ausschließliches Nutzungsrecht an den ihm gehörenden Kupferplatten streng, erlaubte keinen Verkauf außerhalb seines Geschäfts an der Piazza della Pace und konnte so den Preis nach Belieben festlegen und ändern. Anders als üblich entnahm er keine Tafeln aus den Bänden, um stets die teuren Gesamtausgaben zu verkaufen.
Die erste bedeutende Publikation mit Domenico als Herausgeber, die „Anatomie“ für Künstler (Anatomia per uso et intelligenza del disegno, 1691), ein Gemeinschaftswerk des Kunstakademie-Direktors Charles Errard und zweier medizinischer Wissenschaftler, war in Wirklichkeit das letzte große Projekt seines Vaters. Auch der große Weltatlas (Mercurio geografico, 1692) bildete lediglich eine erweiterte und vollständig überarbeitete Ausgabe einer Publikation Giovanni Giacomos aus den 1680er-Jahren. Vollkommen eigenständig war dagegen die Produktion von Giacomo Filippo Ametis kartografischem Werk über Latium (Il Lazio con le sue più cospicue strade antiche e moderne e principali casali, e tenute di esso, 1693).
Mit den drei Bänden des Studio d’Architettura civile (1702, 1711 und 1721) schloss De Rossi ebenfalls an zwei Stichfolgen seines Vaters (Nuovi disegni delle architetture e piante und Nuovo teatro delle fabbriche di Roma moderna) an, wobei er letztere bereits 1699 um einen vierten Band erweitert hatte. Für die neue Edition ließ er die Bauten jedoch detailliert vermessen und den Architekten Alessandro Specchi die Zeichnungen neu anfertigen. Die Abfolge des dreibändigen Werks entspricht der damaligen Organisation des Studienplans an der Accademia di San Luca: von den Einzelheiten zum Ganzen, d. h. von Türen und Fenstern über Altäre, Kapellen und Grabmäler zu Kirchen und Palästen.