mini|Emilie Hruska-Salcher, die erste ZahnärztinDie Geschichte der Zahnärztinnen in Österreich vor 1900 ist geprägt vom weitgehenden Ausschluss von Frauen aus dem akademischen Bildungssystem und von einzelnen Pionierinnen, die sich trotz institutioneller Hürden den Zugang zur zahnärztlichen Praxis erkämpften. Das geschah teils durch Ausbildung im Ausland, teils durch Sondererlaubnis durch Kaiser Franz Joseph I.

Situation Das Studium an österreichischen Universitäten war bis zum Ende des 19. Jahrhunderts für Frauen faktisch ausgeschlossen. Obwohl die Verfassung von 1867 formal die Berufswahlfreiheit für alle Staatsbürgerinnen und Staatsbürger garantierte, blieben Mädchen und Frauen der Zugang zu Gymnasien mit Maturaabschluss sowie das Universitätsstudium verwehrt. Frauen, die dennoch ein Studium anstrebten, mussten auf ausländische Hochschulen – insbesondere in der Schweiz und in Frankreich ausweichen. Erst mit einer Verordnung des Ministers für Kultus und Unterricht vom 23. März 1897 wurde für Cisleithanien das ordentliche Frauenstudium ermöglicht, zunächst an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien; die Medizinische Fakultät öffnete sich erst ab 1900.Universität Wien: an der Universität Wien, abgerufen am 24. März 2026. Die Zahnheilkunde war im 19. Jahrhundert noch keine vollständig akademisch verfasste Disziplin: Bis zur Prüfungsordnung von 1909 wurde sie der Philologischen Fakultät zugeordnet, da die Studierenden ohne Matura immatrikulierten; der akademische Abschluss war ein Dr. phil. (s. Geschichte des Zahnarztberufs). Dies eröffnete Frauen gelegentlich informelle Handlungsspielräume, die im regulären Medizinstudium nicht bestanden. Die Ausbildung als Zahnärztin in Paris, Bologna, Zürich, London und Philadelphia war damals außergewöhnlich, aber möglich.

Bekannte Zahnmedizinerinnen Insgesamt sieben ausgebildete Zahnärztinnen und Zahntechnikerinnen, die in Österreich vor 1900 praktizierten, lassen sich belegen. Als Vorläuferin hat jene Frau zu gelten, die 1868 in Wien verhaftet wurde, weil sie Zähne zog und Gebisste einsetzte, ohne über die notwendige Gewerbeberechtigung zu verfügen. Später hieß es, sie besäße doch ein Diplom.

Irene Seethaler mini|Annonce für Irene Seethaler, Zahntechnikerin aus München, 1878 Ende 1878 begann Irene Seethaler am Kolowratring in Wien als Zahntechnikerin tätig zu werden, wobei sie nur Frauen behandelte. Sie stammte aus München. Nach dem März 1879 verliert sich ihre Spur.

Emilie Hruschka (Salcher) mini|Emilie Hruska-Salchermini|Annonce für das Atelier der Zahnärztin Emilie Salcher-Hruska in Bregenz, 19. Mai 1895 Emilie Hruschka (1870 in Oetz in Tirol – 20. April 1953 Bad Gastein) arbeitete anfänglich als Fotokoloratorin. Der Tochter des Innsbrucker Zahnarztes Josef Hruschka war es möglich, bei ihrem Vater die Anfangsgründe zu lernen. Ihre Ausbildung erwarb sie zuerst an L’École et l’Hôpital dentaires libres in Paris, um im Dezember 1887 am Polytechnikum in Zürich das Zahnarztstudium zu absolvieren. Damit war sie die erste österreichische Zahnärztin. Nachdem es aber keine Anrechenbarkeit des Studiums in Österreich gab, konnte sie erst durch eine Erlaubnis von Kaiser Franz Joseph I. im Jahr 1890 eine Praxis in Innsbruck eröffnen. 1892 heiratete sie und trug nun den Nachnamen „Salcher“. Gemeinsam mit ihrem Mann ordinierte sie in Bregenz. Ab 1896 und mindestens bis 1940 arbeitete sie in Innsbruck. Ihr Mann starb 1928. Sie selbst wurde von ihren fünf Kindern überlebt.

Nesty Busek (v. Hügel) mini|Visitenkarte von Nesty Busek, nachgebildet im Neuen Wiener Tagblatt, 26. August 1891Geboren kam am 2. Januar 1870 als Agnes Busek in Wien-Floridsdorf als Kind armer Eltern auf die Welt. Im April 1890 promovierte sie in Bologna und bekam auch eine goldene Medaille für ihre Leistungen zuerkannt. Zuerst begann sie in Split zu arbeiten. Sie war die erste Zahnärztin in Wien und eröffnete 1891 ihre Praxis am Maximilianplatz 14 (heute Roosevelt-Platz). Als Berufsbezeichnung verwendete sie „Chirurgo-Dentista“. Die männlichen Ärzte bemühten sich sehr, ihr das Leben absichtlich schwer zu machen. Die Praxis übersiedelte mehrfach, von der Gerlgasse 31 wechselte sie im Oktober 1892 in die Mariahilfer Straße 6. Danach dürfte sie ihre Praxis aufgegeben haben, Am 23. Mai 1894 heiratete sie in Gersthof den 72-jährigen Hauptmann Karl Ernst Theodor Freiherr von Hügel. Die Zeitungen berichteten darüber, dass die Ehe nie vollzogen wurde und ihr nur dazu gedient haben soll, den Adelstitel zu erwerben. Sie selbst rechtfertigte das schnelle Ende der Ehe am ersten Tag damit, dass er Schulden hatte und an ihrem (nicht vorhandenen) Vermögen interessiert war. Danach verwendete sie den Namen „Baronin von Hügel“. Als Erfinderin meldete sie ein Patent für künstliche Billardkugeln an. Später tauchte zusammen mit ihrer Schwester in Gerichtsspalten von Zeitungen auf, bei denen es um Betrügereien und Geldgeschichten ging. 1907, 1908, 1909 und 1910 veröffentlichte sie literarische Feuilletons. Weitere Spuren fehlen.

Emilie Edel 1895 schloss mit Emily Edel die erste in Österreich geprüfte Frau das Studium ab. Ihr wurde die Berufsausübung aber nur in Bosnien und Herzegowina erlaubt, und da nicht in Sarajevo. Als Zielgruppe galten muslimische Frauen, die sich nicht von männlichen Ärzten behandeln ließen.

Angela Folkmann mini|Dr. Angela Folkmann, 1900mini|Zeitungsanzeige 1898: Angela Folkmann als Assistentin in ihrer eigenen PraxisAngela Folkmann kam als zweites Kind von Dr. Jacob Folkmann und seiner Frau Rosalie (geb. Arnheim) und am 17. November 1859 in Wien auf die Welt. Ihre ältere Schwester war die nachmalige Schauspielerin Clementine Plessner. Am 7. September 1879 heiratete sie den Kaufmann Emil Hammerstein aus Berlin (geb. 20. August 1850 in Stettin – 11. Januar 1906 in Steglitz-Zehlendorf)."Vienna, Lower Austria, Austria Aufzeichnungen," Aufnahmen, FamilySearch (https://www.familysearch.org/ark:/61903/3:1:33S7-LBKB-2HW?view=explore : 16. März 2026), Aufnahme 201 von 324; Stadt- und Landesarchiv Wien. Aufnahmengruppen-Nummer: 005202738 Mit ihrem Ehemann dürfte sie in London gelebt und ein Kind bekommen haben, die Tochter Lydia Hammerstein (London, 24. August 1882 – Juli 1972). Die Ehe dürfte mit Scheidung geendet haben, jedenfalls verwendete sie in Zukunft ihren Geburtsnamen und ließ sich bis circa 1896 am Pennsylvania College of Dental Surgery zur Zahnärztin ausbilden. Ab 1896 versuchte sie, in Wien zu praktizieren, was ihr aber zuerst nicht gelang, weil sie ihre Ausbildung nicht nostrifzieren konnte. Sie suchte per Zeitungsannonce einen Geschäftspartner. 1898 eröffnete sie gemeinsam mit Dr. Jakob Schney eine Praxis in der Mariahilfer Straße 13 im 6. Wiener Gemeindebezirk, wobei sie nach außen als Assistentin auftrat. Diese bestand über mehrere Jahre. Sie war auch in mehreren Vereinen aktiv und Vizepräsidentin des Niederösterreichischen Frauen-Gewerbevereins. Sie trat immer wieder mit Vorträgen auf, darunter einen 1899 über das Frauenstudium und insbesondere das Studium der Zahnkunde in den USA. Ab Januar 1904 betrieb Folkmann alleine eine Praxis in der Dammtorstraße 22 in Hamburg. Zu welchem Zeitpunkt nach 1907 sie die zahnärztliche Praxis aufgab, ist ungewiss. Ab 1910 war sie in Wien im Betrieb ihres verstorbenen Vaters (er hatte 1862 die erste Dienstmann-Agentur Wiens gegründet) tätig und arbeitete als Einkäuferin und englische Sprachlehrerin. Sie starb in Wien am 23. Oktober 1940.

Mary Alexa Gragger Über Mary Alexa Gragger ist beinahe gar nichts bekannt. Sie ordinierte 1898 in der Mühlgasse 22 im 4. Wiener Gemeindebezirk und besaß ein Doktorat der Philosophie (Ph.D.).

Literatur Klaus Riehle: Die erste Zahnärztin in Tirol und Österreich. Erinnerungen der Innsbruckerin Emilie Hruschka, 1870–1953. Ibera Verlag - European University Press Verlagsgesellschaft 2024, ISBN 978-3-85052-406-3

Einzelnachweise

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