Verhör und Tod in Winterthur ist eine Reportage von Erich Schmid über die Winterthurer Ereignisse. Das Buch erschien 1986, also rund zwei Jahre nach der Verhaftungsaktion «Engpass». Es bildete auch die Grundlage für den gleichnamigen Dokumentarfilm von Richard Dindo.

Schmid schildert darin die Ereignisse aus der Perspektive der direkt betroffenen Jugendlichen und ihrer Angehörigen. Er vermittelt das Bild einer Polizei und Justiz, die mit unverhältnismässiger Härte vorging und teilweise rechtliche Grenzen überschritt. Im Zentrum steht die Frage nach den genauen Umständen, die zum Selbstmord von Gabi S. während der Untersuchungshaft führten – nach einem Verhör, das zwischen sieben und neun Stunden gedauert haben dürfteSchmid: Verhör und Tod in Winterthur. 2002, S. 135 f. und das nur rudimentär protokolliert wurde.

Schmid interessiert sich dabei insbesondere für Hans Vogt, den leitenden Beamten der Bundesanwaltschaft, der kurz nach den Festnahmen in den Innendienst versetzt wurde und sich darauf das Leben nahm. Er entwickelt die These, dass Vogt den anonymen Brief an Gabi S. (der ihren Freund Aleks Weber der Untreue bezichtigt und von Vogt genutzt wurde, um sie zu einer Aussage gegen ihn zu bewegen) selbst verfasst hatte. Diese These wird später durch Vogts Witwe und mehrere graphologische Gutachten gestützt.

Das Buch schildert die Ereignisse nicht chronologisch, sondern es folgt Schmids Recherchen. So fügen sich Eindrücke und Erkenntnisse mosaikartig zu einem Gesamtbild zusammen. Dieses Bild zeigt eine Gesellschaft, die geprägt ist vom Kalten Krieg und von rechtsbürgerlichen Eliten, in der Kritiker – seien es protestierende Jugendliche, seien es investigative Journalisten – überwacht und sanktioniert werden. In diesem Klima eskalierte die Winterthurer Jugendbewegung, die mit Protesten gegen den Export von Schwerwasseranlagen an Argentinien 1980 und gegen die Waffenmesse W81 1981 begann und in Sachbeschädigungen und Anschlägen eskalierte: «Das alles schaukelte sich gegenseitig hoch, bis es 1984 brannte und knallte.»Schmid: Verhör und Tod in Winterthur. 2002, S. 46.

Am Anfang seiner Reportage schreibt Schmid: «Immer mehr frage ich mich, wo denn eigentlich ich selber stehe als aussenstehender Berichterstatter. – Ist es möglich, Distanz zu wahren und neutral zu bleiben?» Diese Frage ist allerdings rhetorisch: Das Buch nimmt klar Partei für die Winterthurer Jugendlichen, indem es Dinge aufdeckt, die von den Behörden verschwiegen oder falsch dargestellt worden waren. Schmid schreibt explizit, er habe sich «vorgenommen, bei meinen Recherchen eine Gegenuntersuchung vorzunehmen, also die Winterthurer Strafuntersuchung zu untersuchen».Schmid: Verhör und Tod in Winterthur. 2002, S. 69. Er kritisiert auch die Medien in Winterthur und Zürich, die ihre Rolle als vierte Gewalt nicht wahrgenommen und nicht unabhängig über die Winterthurer Ereignisse berichtet hätten.Schmid: Verhör und Tod in Winterthur. 2002, S. 92–95.

Während seiner Recherchen wurde Schmid von den Behörden überwacht: Er beschreibt mehrfach, wie er während Besuchen in Winterthur beschattet wurde, einmal kam es sogar zu einer Konfrontation mit einem Beschatter.Schmid: Verhör und Tod in Winterthur. 2002, S. 36–39. Wie er später herausfand, wurde auch sein Telefonanschluss abgehört. Schmid dokumentiert zudem, wie die Behörden aktiv seine Nachforschungen behinderten, indem sie das Vertrauen von Gabis Mutter oder deren Seelsorgerin untergruben und bei seinem Arbeitgeber intervenierten.

Zum Zeitpunkt der Recherchen war Schmid freier Mitarbeiter des Tages-Anzeigers und für diesen als Gerichtsberichterstatter am Zürcher Obergericht akkreditiert. Die Reportage verfasste er allerdings im Auftrag des Limmat Verlags. Chefredaktor Peter Studer warnte ihn am 4. Dezember 1985 schriftlich, dass seine Tätigkeit für die Zeitung «nicht mehr sinnvoll» wäre, sollte er eine «einseitige Brandpolemik gegen die Justiz entfachen».Schmid: Verhör und Tod in Winterthur. 2002, S. 189. Nachdem Schmid am 4. September 1986 die Ergebnisse seiner Recherchen in einer Pressekonferenz präsentiert hatte, beendete der Tages-Anzeiger die Zusammenarbeit umgehend.

Im Nachwort zur Neuauflage von 2002 resümiert Schmid: «Die Behörden versuchten mich zu kriminalisieren, sie denunzierten mich bei meinem Arbeitgeber mit falschen Anschuldigungen, sie hörten mein Telefon ab, sie kontrollierten meine Post und schüchterten die Mutter der toten Gabi ein, um meine Kontakte mit ihr zu stören. […] Winterthur offenbarte mir drei Jahre vor dem so genannten Fichenskandal jene unheimlichen politischen Überwachungen, die später zu einem nationalen Thema wurden.»Schmid: Verhör und Tod in Winterthur. 2002, S. 209.

Rezensionen Peter Hug: Erich Schmids Recherchen über «Verhör und Tod in Winterthur». In: Tages-Anzeiger. 19. Dezember 1985, S. 23. Danni Härry: Polizei beobachtete Recherchen über Winterthurer Ereignisse. In: Berner Zeitung. 8. Januar 1987, S. 4. Danni Härry: «Verhör und Tod in Winterthur»: Eine Untersuchung. In: Basler Zeitung. 5. Januar 1987, S. 7. Johannes Beringer: «Verhör und Tod in Winterthur». In: Einspruch. Nr. 2, April 1987. Astrid Deuber-Mankowsky: «Verhör und Tod in Winterthur». In: Die Tageszeitung. 5. Juni 1987, S. 11.

Weblinks Erich Schmid: Verhör und Tod in Winterthur. Überarbeitete und ergänzte Neuauflage 2002 (PDF; 6,3 MB)

Einzelnachweise

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