mini|Onni Niskanen, 1975 Onni Niskanen (* 31. August 1910 in Helsinki; † 20. März 1984 in Solna) war ein schwedischer Sportsoldat und humanitärer Aktivist. Bekannt war er vor allem als Trainer und Betreuer äthiopischer Läufer, darunter Mamo Wolde und Abebe Bikila.

Herkunft Onni Niskanen war nach seinem Bruder Wäinö der zweite Sohn des Finnen Herman Niskanen (1877–1957) und dessen aus Schweden stammender Ehefrau Hulda Törnqvist (1885–1945).Herman Väinö Niskanen (1877 - 1957). In: geni.com, 4. Mai 2022. Nach der Geburt des dritten Sohnes, Erik, im Jahr 1913 wanderte die Familie in das Heimatland der Mutter aus und ließ sich in Solna nieder. Dort wurde 1915 ein vierter Sohn, Arne, geboren.

Werdegang in Schweden Onni wuchs im Stadtteil Råsunda auf. Der sportbegeisterte Junge trat im benachbarten Sundbyberg dem Duvbo IK bei, wo er Gelegenheit fand, wettkampfmäßig Mittel-, Lang- und Crosslauf zu betreiben. Als der Winterkrieg ausbrach, meldete er sich als Freiwilliger und kämpfte in der Schlacht von Salla. Nach zwischenzeitlichem Besuch der Militärakademie Karlberg (Militärhögskolan Karlberg) nahm er als Angehöriger des schwedischen Freiwilligenbataillons (Svenska frivilligbataljonen) auch am Fortsetzungskrieg teil. Anfang November 1941 wurde er schwer verwundet und musste seine sportliche Karriere aufgeben. Er absolvierte eine Ausbildung an der Hochschule für Gymnastik und Sport (Gymnastik- och idrottshögskolan) in Stockholm und übernahm anschließend im Rang eines Majors der Reserve die Sportausbildung der Svea Leibgarde (Svea livgarde), eines Infanterieregiments des schwedischen Heeres (Svenska Armén). Zu einem Wendepunkt in seinem Leben kam es 1946, als er das Angebot annahm, als Sportlehrer in Äthiopien zu arbeiten.

Werdegang in Äthiopien Niskanen wurde Nachfolger von Viking Tamm an der Kadettenschule der kaiserlichen Garde in Addis Abeba. Zweimal pro Woche fuhr er nach Debre Zeyit, wo er an dem von Carl Gustav von Rosen aufgebauten Luftwaffenstützpunkt Trainings mit den äthiopischen Piloten und dem schwedischen Stab durchführte. 1948 wurde er Sportlehrer an der Haile-Selassie-I.-Schule und schließlich Leiter der Abteilung Sport im Ministerium für Bildung. Die an den Dorfschulen tätigen Lehrer erhielten von ihm Rundbriefe mit Empfehlungen für einen elementaren Sportunterricht. Seine erste Aufgabe in Äthiopien war jedoch die Sportausbildung von Soldaten. Kaiser Haile Selassie hatte ehrgeizige Pläne: Zu einer Zeit, als der afrikanische Kontinent im internationalen Sport lediglich durch Ägypten und Südafrika vertreten war, wünschte er, dass seine Leibgardisten wettkampffähig gemacht und an die Weltspitze herangeführt wurden.

Der 36-jährige Onni Niskanen nahm diese Aufgabe an. Er war überzeugt, dass dunkelhäutige Athleten ihren ägyptischen und südafrikanischen Kontrahenten, die ausnahmslos Weiße waren, keineswegs nachstanden. So nutzte er die Olympischen Spiele 1948 in London, an denen er in kaiserlichem Auftrag als Beobachter teilnahm, um die Chancen für eine Bewerbung Äthiopiens um die Mitgliedschaft im Olympischen Komitee auszuloten. Vier Jahre später war das Land bereits offizieller Beitrittskandidat, und Niskanen reiste als Delegierter Äthiopiens im Olympischen Komitee zu den Spielen 1952 in seine Geburtsstadt Helsinki. Wie schon in London wurden auch dort von den für die USA, Jamaika und Trinidad startenden Läufern afrikanischer Herkunft hervorragende Laufzeiten erzielt. Niskanen beschloss, den Erweis zu erbringen, dass diese Leistungen kein Zufall waren, sondern auf permanente physische und psychische Qualitäten zurückgingen und somit reproduzierbar waren. Er kontaktierte die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften und ließ an mehreren äthiopischen Probanden sportmedizinische Untersuchungen durchführen, die seine Annahmen bestätigten. Um auch die Öffentlichkeit zu überzeugen, veranstaltete er Sichtungswettkämpfe, bei denen Vertreter der Presse zugegen waren. Es folgte die offizielle Einladung Äthiopiens zu den Olympischen Spielen 1956 in Melbourne. Dies war der Beginn von Onni Niskanens rund 20-jähriger Tätigkeit als Trainer und Betreuer äthiopischer Läufer bei Wettkämpfen im In- und Ausland. Seine Bilanz kann sich sehen lassen: Bis zu den Spielen 1976 in Montreal, die Äthiopien boykottierte, konnte er drei Olympiasiege (1960, 1964 und 1968) und einen dritten Platz im Marathon, einen zweiten, einen dritten und einen vierten Platz über 10.000 m sowie mehrere Top-Ten-Platzierungen über alle Langstrecken und sogar eine Finalteilnahme über 400 m verbuchen. Dabei handelte es sich jedoch ausschließlich um Männer. Die erste Olympiateilnahme äthiopischer Frauen erfolgte 1980 in Moskau.

Humanitäres Engagement Niskanen war schon in jungen Jahren Mitglied des Roten Kreuzes. Im Jahr 1948 wurde er Generalsekretär des Roten Kreuzes Äthiopiens und verblieb auf diesem Posten bis 1967. Er war Mitbegründer der ersten Rotkreuz-Pflegeschule auf äthiopischem Boden im Jahr 1950. In den 1960er Jahren reiste er nach Kenia, um dort eine vom britischen Roten Kreuz unabhängige nationale Rotkreuz-Organisation aufzubauen, sowie in den Nepal, wo er die Nepalesische Rotkreuzgesellschaft unterstützte und ferner für die UNHCR die Lage der dortigen tibetianischen Flüchtlinge erkundete. Unmittelbar im Anschluss an seine Tätigkeit als Generalsekretär übernahm er für zwölf Jahre (bis 1979) die Geschäftsleitung von ALERT (All Africa Leprosy & Rehabilitation Training Center), einer medizinischen Einrichtung, die auf die Behandlung von Leprapatienten und die Ausbildung von entsprechendem Fachpersonal spezialisiert war. Onni Niskanen, der zweimal verheiratet, aber kinderlos geblieben war, engagierte sich auch für Rädda Barnen, den schwedischen Ableger der NGO Save the Children, deren Ständiger Vertreter in Äthiopien er von 1972 bis 1981 war. Darüber hinaus gehörte er zu den Mitbegründern des äthiopischen Pfadfinderverbands.

Auszeichnungen Niskanen erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter: Orden des Sterns von Äthiopien Wasaorden (Ritter 1. Klasse) Henry-Dunant-Medaille (posthum)

Lebensabend Nach 36 Jahren in Äthiopien verbrachte Onni Niskanen seinen Lebensabend in der Heimat. Er starb im Alter von 73 Jahren in Solna und wurde auf dem dortigen Friedhof im Familiengrab beigesetzt. Marianne Sautermeister, Tochter seines Bruders Arne, zelebrierte den Trauergottesdienst.

Literatur Paul Rambali: Der Mann, der barfuß lief. Die Geschichte des Abebe Bikila. Hamburg (Carlsen) 2008 Das Olympia-Buch. 1896–2004. Bielefeld (Delius Clasing) 2003, S. 146

Weblinks Onni Niskanen. In: Schwedisch-äthiopische Gesellschaft (schwedisch) Ulf Niskanen: Onni Niskanen The Trainer and Coach. mit chronologischer Tabelle über die Tätigkeit in Äthiopien (englisch)

Einzelnachweise

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