mini|hochkant=1.2|Edward Two-Two mit seiner Frau in Hagenbecks Tierpark (Foto von 1910)Museum für Völkerkunde Hamburg, Eva König (Hrsg.): Photographische Reisen von Alaska bis Feuerland: Indianer 1858–1928. Hamburg 2002.

Hagenbecks Völkerschau der „Sioux-Indianer“ 1910 war eine Völkerschau (im heutigen Sprachgebrauch auch „Menschenzoo“) einer Gruppe von 42 Oglala-Sioux und 10 Cowboys, die von Mitte April bis Ende September 1910 im Tierpark Hagenbeck in Hamburg-Stellingen auftraten. Veranstalter der mit rund 1,1 Mio. Besuchern kommerziell erfolgreichen Schau war Carl Hagenbeck (1844–1913) aus Hamburg, der seit 1875 mit seinen „Völkerausstellungen“ für Aufmerksamkeit gesorgt hatte. Organisiert wurde die Schau von Johan Adrian Jacobsen, der die Gruppe im März 1910 in der Pine Ridge Reservation in den USA durch genau geregelte Verträge anwarb.

Anwerbung der „Sioux-Indianer“ Über die Anwerbung der Sioux liegen ausführliche Überlieferungen und Briefe Jacobsens aus dem Jacobsen-Archiv im Hamburger Museum am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt vor.Hilke Thode-Arora: Für fünfzig Pfennig um die Welt. Die Hagenbeckschen Völkerschauen. Frankfurt am Main 1989. Carl Hagenbeck stand einer „Indianer“-Völkerschau zunächst skeptisch gegenüber, befürchtete er doch, die Sioux könnten „zu schwer zu beaufsichtigen“ sein und „dank ihrer Englischkenntnisse in zu engem Kontakt mit dem Publikum“ treten. Schließlich konnte ihn Jacobsen von der Anwerbung überzeugen. Zusammen mit George W. Everette – genannt „Texas Tex“ – brach er am 8. Januar 1910 in die USA auf, und die beiden erreichten New York City am 16. Januar. Es dauerte fast zwei Monate, bis sie mit einer Gruppe von 42 Indigenen und zehn Cowboys der Pine Ridge Reservation in South Dakota in Richtung Hamburg abreisen konnten.

Während ihrer Reise durch die USA wurden die beiden Agenten vor mehrere Herausforderungen gestellt. Das erste Problem war die Ausstellung der Bürgschaft für die Sioux durch die US-Behörden und beim Bureau of Indian Affairs, die Beschaffung der dafür notwendigen Garantiesumme sowie die Festlegung der Vertragsbedingungen. Zweitens zog sich die Anwerbung hinaus, weil die Oglala-Sioux als „bessere Show-Indianer gälten als die anderer Reservationen“ und zur selben Zeit gleich fünf weitere Agenten in der Pine Ridge Reservation professionelle „Indianer“-Darsteller anwerben wollten, darunter auch ein Agent von Buffalo Bill.Eric Ames: Carl Hagenbeck’s Empire of Entertainments. Seattle 2009. Individuelle Informationen über die neun Männer finden sich in den Quellen kaum.

Schließlich konnte Jacobsen Thomas American Horse als Anführer der „Sioux-Indianer“ verpflichten, der bereits bei anderen Western Shows aufgetreten war. Sein Vater war zuvor mit Buffalo Bill auf Tournee gegangen.Eric Ames: Cooper-Welten. Zur Rezeption der Indianer-Truppen in Deutschland. In: Pascal Blanchard u. a. (Hrsg.): MenschenZoos. Schaufenster der Unmenschlichkeit. Hamburg 2012, S. 217–231. Thomas American Horse stellte die Gruppe zusammen, wobei sich diese Anwerbung über mehrere Wochen zog und Einige kurzfristig wieder absagten. Zur Gruppe gehörte auch Edward Two-Two, der später noch mit der Sioux-Gruppe des Circus Sarrasani auf Tournee ging, 1914 in Essen starb und in Dresden beerdigt wurde. Jacobsen engagierte neben zehn Cowboys außerdem den Übersetzer Charles Géroux.Eric Ames: Carl Hagenbeck’s Empire of Entertainments. University of Washington Press, Seattle 2009. Mit allen Darstellern wurden vorgedruckte Verträge unterzeichnet. Die bereits öfter im Schaugewerbe angeworbenen Sioux wussten durch ihrer Erfahrungen, was die Zurschaustellung während einer Tournee bedeutete, und konnten die Verträge wegen der Konkurrenz der Anwerber zu ihren Bedingungen aushandeln: So wurden die Auftrittszeiten begrenzt, und den Darstellern freie medizinische Versorgung zugesichert sowie im Krankheitsfall der Ausstieg aus dem Vertrag und die kostenfreie Heimreise. Die Gage betrug 24 US-Dollar pro Mann pro Woche inklusive An- und Abreise von New York.

Am Ende notierte Jacobsen am 12. März zufrieden in sein Tagebuch: „Nach Mittag kahm […] die ganze Bande bemalt und aufgeputzt, und führten den ersten Tanz für unzeren Hotel auf. Ich darf wohl sagen, es war ein stoltzen Anblick. Das Herz hupfte mit in Leib für Freude – Es war ein Anblick, der wohl wert zu sehen war.“Hilke Thode-Arora: Die Hagenbeckschen Völkerschauen. Indianer Nordamerikas in Europa. In: Patricia Rochard (Hrsg.) Indianer Nordamerikas. Kunst und Mythos. Ingelheim 1993, S. 80–87. Am 19. März 1910 begann die Überfahrt von New York nach Hamburg auf der President Grant.

Verlauf der Völkerschau

Die Völkerschau im Tierpark Stellingen dauerte vom 16. April bis zum 29. September 1910.Zeitungsinserat im Hamburger Echo, 28. September 1910. Sie zählte rund 1,1 Mio. zahlende Besucher. Wegen der aufwändigen Kulissen, die als eine „nachgebaute Reservation mit Handelsposten, Blockhäusern und Tipis“ inmitten der künstlichen Felsen des Tierparks als große Freilichtbühne angelegt waren, plante Hagenbeck keine Tournee.Hilke Thode-Arora: Indianer und Inuit in Europa: Völkerschauen. In: Museum für Völkerkunde Hamburg, Eva König (Hrsg.): Photographische Reisen von Alaska bis Feuerland: Indianer 1858–1928. Hamburg 2002 S. 69–73.

Laut Hilke Thode-Arora kam es während der Schau zu „Sterbefällen aufgrund unbekannter Rückenmarkstuberkulose“.

Inszenierung Für die Inszenierung konnte Hagenbeck Heinrich Umlauff engagieren. Hagenbecks Sioux-Schau glich in vielen Punkten Buffalo Bill’s Wild West: Ein „Wettrennen zwischen Cowboys und Indianern, Pferderaub, Spiele der Cowboys, Überfall auf die Postkutsche und die Hütte des Siedlers und Kampfszenen. Hinzu kamen Tänze der Indianer und das Aufschlagen der Zelte, und all das wieder in einer zusammenhängenden Szenenfolge“. In Anlehnung an Buffalo Bill’s Wild West wurden Kämpfe zwischen „Indianern“ und weißen Siedlern in Szene gesetzt. Der eindrückliche Artikel des Hamburger Fremden-Blatts vom 17. April 1910 stellte dabei die „Indianer“ als Aggressoren dar:

Die von der Gruppe aufgeführten Tänze sollten eine möglichst „authentische“ Zeremonie zum Ausdruck bringen – anders als bei der ersten Indianer-Völkerschau Hagenbecks der „Bella-Coola“ 1885/86, deren teils als grotesk wahrgenommene Tanzszenen beim Publikum auf Unverständnis gestoßen waren. Hagenbeck versuchte, mit der Schau bewusst an gängige „Indianer“-Klischees anzuknüpfen, wie das Programmheft ausführte:

Kontakt der Darsteller mit dem Publikum Während der fünfeinhalb Monate dauernden Schau sind auch Konflikte dokumentiert: So notierte Jacobsen, dass „viele Zuschauer nach Ende der Vorstellung fast mit Gewalt hinausbefördert werden mussten“. Besonders Thomas American Horse habe den Kontakt zu Hamburger Frauen gesucht. Jacobsen schrieb in sein Tagebuch:

In seinem weiteren Eintrag notierte Jacobsen:

Wahrnehmung und Deutung Die Ethnologin Hilke Thode-Arora erklärt den Erfolg der Völkerschau damit, dass sie gegenüber vorherigen Wild-West-Shows gerade wenig Neues bot und somit die Erwartungshaltung des Publikums und dessen Vorstellungen von für typisch gehaltenen nordamerikanischen „Indianern“ im Sinne von Buffalo Bill, James F. Cooper und Karl May befriedigen konnte. Der Historiker Eric Ames sieht in der Sioux-Völkerschau einen Wandel der Hagenbeckschen Schauen. Statt wie bisher eine Authentizität der zur Schau gestellten Menschen zu suggerieren, bedeute die Anlehnung an amerikanische Wild-West-Shows eine „Hinwendung zur Fantasie“ mithilfe der Inszenierung „kraftvoller Mythen und Legenden“.

Literatur Eric Ames: Carl Hagenbeck’s Empire of Entertainments. University of Washington Press, Seattle 2009, ISBN 978-0-295-98833-7. Eric Ames: Cooper-Welten. Zur Rezeption der Indianer-Truppen in Deutschland. In: Pascal Blanchard u. a. (Hrsg.): MenschenZoos. Schaufenster der Unmenschlichkeit. Les éditions du Crieur Public, Hamburg 2012, ISBN 978-3-9815062-0-4, S. 217–231. Museum für Völkerkunde Hamburg, Eva König (Hrsg.): Photographische Reisen von Alaska bis Feuerland: Indianer 1858–1928, 1. Auflage, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung vom 28. April 2002 bis 15. Juni 2003 im Museum für Völkerkunde Hamburg. Edition Braus, Hamburg 2002, ISBN 3-89904-021-X. Hilke Thode-Arora: Für fünfzig Pfennig um die Welt. Die Hagenbeckschen Völkerschauen. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 1989, ISBN 3-593-34071-2. Hilke Thode-Arora: Die Hagenbeckschen Völkerschauen. Indianer Nordamerikas in Europa. In: Patricia Rochard (Hrsg.) Indianer Nordamerikas. Kunst und Mythos. Verlag Hermann Schmidt, Ingelheim 1993, ISBN 3-87439-267-8, S. 80–87. Hilke Thode-Arora: Indianer und Inuit in Europa: Völkerschauen. In: Museum für Völkerkunde Hamburg, Eva König (Hrsg.): Photographische Reisen von Alaska bis Feuerland: Indianer 1858–1928, 1. Auflage, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung vom 28. April 2002 bis 15. Juni 2003 im Museum für Völkerkunde Hamburg. Edition Braus, Hamburg 2002, ISBN 3-89904-021-X, S. 69–73.

Einzelnachweise

Kategorie:Völkerschau Kategorie:Veranstaltung 1910 Kategorie:Tierpark Hagenbeck Kategorie:Sioux Kategorie:Ausstellung in Hamburg