Der Skandinavien-Schweiz-Express war ein von 1922 bis 1926 zwischen Warnemünde bzw. Sassnitz und Basel verkehrender Luxuszug (L). Er war einer von drei Luxuszügen, die von der MITROPA ab 1922 in Deutschland betrieben wurden.
Geschichte Die während des Ersten Weltkriegs 1916 gegründete MITROPA übernahm von der Compagnie Internationale des Wagons-Lits (CIWL) den Betrieb fast aller im Machtbereich der Mittelmächte verkehrenden Schlafwagen und Speisewagen. Die von der CIWL betriebenen Luxuszüge wurden dagegen kriegsbedingt nicht weiter geführt. Nach 1919 verlor die MITROPA zwar wieder die meisten Wagenläufe, sie behielt aber dennoch den früher ebenfalls durch die CIWL betriebenen innerdeutschen Verkehr sowie einige Wagenläufe in bestimmte Nachbarstaaten. Nachdem die CIWL nach Kriegsende damit begonnen hatte, ihr Netz an Luxuszügen wieder aufzubauen, entwickelte die MITROPA ähnliche Pläne.
Ein wichtiger Verkehr war der Transitverkehr zwischen Skandinavien und der Schweiz, vor allem im Winter. Die MITROPA richtete daher ab dem 4. Februar 1922 den Skandinavien-Schweiz-Express unter den Zugnummern L 92/91 ein.Albert Mühl: Internationale Luxuszüge. EK-Verlag, Freiburg im Breisgau 1991 Er verkehrte als reiner Schlafwagenzug ausschließlich der 1. Klasse einmal pro Woche in bestimmten Wintermonaten. Ausgangspunkt waren die beiden Fährhäfen Warnemünde und Sassnitz. Die MITROPA besaß bis 1923 keine fährtauglichen Schlafwagen, die Fahrgäste mussten daher jeweils in den Fährhäfen umsteigen, wofür jeweils ausreichend Zeit zur Verfügung stand. Auf dem Trajekt Warnemünde–Gedser lagen die Betriebsrechte für den Einsatz von Schlafwagen zudem seit Kriegsende wieder bei der CIWL, auf der Königslinie stellten die Schwedischen Staatsbahnen die Schlafwagen. Die beiden Zugteile von Sassnitz und Warnemünde wurden in Rostock Hbf vereinigt bzw. in der Gegenrichtung getrennt. Die Abfahrt in Warnemünde bzw. Sassnitz erfolgte jeweils am Samstag, in der Gegenrichtung kam er am Dienstag in beiden Bahnhöfen an. In Basel endete der Zug im Bahnhof Basel SBB.
Zwischen Rostock und Basel verkehrte der Zug über Schwerin, Magdeburg, Kreiensen, Kassel, Frankfurt (Main), Mannheim und Karlsruhe. Dabei befuhr er mit der Strecke über Oschersleben und Jerxheim auch eine ansonsten kaum mehr für den Fernverkehr genutzte Strecke. Im Winter 1922 verkehrte der Zug mit folgendem Fahrplan:
L 92 Bahnhof L 91 14:20 Sassnitz Hafen 15:19 16:34 Stralsund 13:1217:45Warnemünde11:5118:26Rostock Hbf11:31 19:54 Schwerin Hbf 10:13 20:33 Ludwigslust 09:36 21:21 Wittenberge 08:50 23:09 Magdeburg Hbf 07:03 01:38 Kreiensen 04:37 03:35 Cassel Hbf 02:25 05:16 Marburg 00:31 06:08 Bad Nauheim 23:39 06:50 Frankfurt (Main) Hbf 22:43 08:21 Mannheim Hbf 21:21 09:20 Karlsruhe Hbf 20:23 09:51 Baden-Oos 19:52 10:37 Offenburg 19:15 11:42 Freiburg (Breisgau) Hbf 18:17 12:40 Basel Bad Bf 17:20 13:18 Basel SBB 16:40
Nachdem die französische Armee im Zuge der Ruhrbesetzung Anfang Februar 1923 auch die Bahnhöfe Appenweier und Offenburg an der Badischen Hauptbahn besetzt hatte, musste der Betrieb des Zuglaufs am 4. Februar eingestellt werden. Nach dem Abzug der Franzosen im Dezember 1923 nahm die MITROPA am 19. Januar 1924 den Betrieb wieder auf. Er verkehrte in der Folgezeit jeweils zwischen Anfang Januar und Anfang Mai weiterhin einmal pro Woche. MITROPA und Deutsche Reichsbahn wollten den Zug 1924 zunächst zweimal pro Woche verkehren lassen, davon mussten sie jedoch aufgrund „technischer Schwierigkeiten“ im Frankfurter Hauptbahnhof absehen.Albert Mühl: 75 Jahre MITROPA. Die Geschichte der Mitteleuropäischen Schlafwagen- und Speisewagen-Aktiengesellschaft. EK-Verlag, Freiburg im Breisgau 1992 1922 kostete die Bettkarte 1. Klasse im Einzelabteil 30 Mark, bei Nutzung zweier sogenannter Halbabteile zu zweit jeweils 20 Mark.
Der Skandinavien-Schweiz-Express wurde noch bis Mai 1926 betrieben, dann stellte die MITROPA den Betrieb ihres letzten Luxuszuges ein. Zum 15. Mai 1926 wurde er unter der Zugnummer D 192/191 in einen nächtlichen Durchgangszug (D) mit Schlaf- und Sitzwagen und dem Laufweg Altona–Göttingen–Kassel–Frankfurt–Mannheim–Basel umgewandelt. Ein Flügelzug verkehrte als D 92/91 zwischen Berlin Potsdamer Bahnhof und Göttingen über Magdeburg und Kreiensen. Zwischen 1929 und 1934 wurde dieser Zuglauf als Fernschnellzug (FD) geführt, anschließend als Schnellzug (D).
Eingesetzte Fahrzeuge Der Zug bestand ausschließlich aus Schlafwagen, Speisewagen und Gepäckwagen, er führte nur die 1. Klasse. Der Speisewagen lief zwischen Sassnitz und Basel, wobei die Bewirtschaftung in Basel Bad Bf eingestellt wurde. Auf beiden Flügeln ab Sassnitz und Warnemünde führte er jeweils zwei Schlafwagen und einen Gepäckwagen, so dass er zwischen Rostock und Basel aus insgesamt sieben Wagen bestand. Die Gepäckwagen stellte die Reichsbahn, die Schlaf- und Speisewagen die MITROPA.
Da die MITROPA erst 1923 ihre ersten neuen Schlafwagen seit dem Krieg erhielt, bestand der Fahrzeugpark des Skandinavien-Schweiz-Express anfänglich ausschließlich aus älteren, überwiegend von den Preußischen Staatseisenbahnen übernommenen Schlafwagen. Ab 1923 kamen erste Neubauten hinzu, die konstruktiv den neuen Hechtwagen der Reichsbahn entsprachen. Die MITROPA pachtete diese Wagen von der Reichsbahn. Als Speisewagen kamen ebenfalls Vorkriegswagen zum Einsatz, die die MITROPA im Zuge ihrer Gründung ab 1917 von diversen Speisewagenbetreibern wie Gustav Kromrey und der CIWL-Tochter DESG übernommen hatte.
Der Lokomotiveinsatz ist nur noch teilweise bekannt. Zum Einsatz kamen ausschließlich Länderbahnlokomotiven – die Reichsbahn erhielt ihre ersten neuen Einheitsdampflokomotiven der Baureihe 01 erst Ende 1925 und stationierte diese nicht in Bahnbetriebswerken, die für die Bespannung des Luxuszuges zuständig waren. Zwischen Mannheim und Basel Bad Bf kamen Badische IV h zum Einsatz, schwere Pacifics, die bei der Reichsbahn als Baureihe 18.3 eingeordnet wurden. In Basel Bad Bf musste aufgrund der fehlenden Tragfähigkeit der Rheinbrücke auf Badische VI b umgespannt werden, leichtere Tenderlokomotiven der Achsfolge 1’C’1, die die Reichsbahn als Baureihe 75.1–3 bezeichnete. Nördlich von Mannheim wurden wahrscheinlich Preußische S 10 oder Preußische P 10 eingesetzt. Auf den Abschnitten in Mecklenburg und Pommern bespannten vermutlich Preußische P 8 den Zug, auf der Strecke zwischen Sassnitz und Altefähr ziemlich sicher Preußische T 18. Genaueres ist dazu jedoch nicht mehr bekannt.
Literatur Albert Mühl: Internationale Luxuszüge. Die Großen Europäischen Expreßzüge durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. EK-Verlag, Freiburg im Breisgau 1991, ISBN 3-88255-673-0 Albert Mühl: 75 Jahre MITROPA. Die Geschichte der Mitteleuropäischen Schlafwagen- und Speisewagen-Aktiengesellschaft EK-Verlag, Freiburg im Breisgau 1992, ISBN 3-88255-674-9
Einzelnachweise
Kategorie:Internationaler Fernzug Kategorie:Luxuszug Kategorie:Zuglauf (Schweiz) Kategorie:Zuglauf (Deutsche Reichsbahn 1920–1945) Kategorie:MITROPA