mini|Dietrich Neuhaus (2025)
Dietrich Neuhaus (* 22. April 1951 in Duisburg-Ruhrort) ist ein deutscher evangelisch-reformierter Theologe, Philosoph und Literaturwissenschaftler.
Leben und Arbeit Geboren wurde Dietrich Neuhaus als zweites Kind des Rheinschifferkapitäns Dietrich Neuhaus und dessen Ehefrau, der technischen Zeichnerin Friederike. Er ist mit der Pfarrerin Lisa Neuhaus verheiratet und hat mit ihr eine Tochter. Er lebt in Frankfurt am Main.
Schulzeit und Studium Neuhaus besuchte in seiner Duisburger Schulzeit zuerst eine Knabenrealschule, anschließend ein Gymnasium mit Aufbauzweig für Realschulabsolventen bis zum Abitur 1970.
Neuhaus studierte Evangelische Theologie, Philosophie und Germanistik an den Universitäten in Bonn, Tübingen und Göttingen. Er war Stipendiat des Evangelischen Studienwerks Villigst. 1975 legte er an der Theologischen Fakultät in Göttingen sein 1. theologisches Examen ab, 1977 sein 1. Staatsexamen in Philosophie und Germanistik mit dem Schwerpunkt Niederlandistik, 1985 sein 2. theologisches Examen bei der Evangelischen Kirche im Rheinland. Von 1989 bis 1995 studierte er berufsbegleitend Renaissancelaute am Dr. Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt am Main bei Sigrun Richter.
Studienaufenthalte verbrachte er in Jerusalem/Israel (1984), Cambridge/UK (1987) und Lissabon/Portugal (2008).
Wissenschaftliche Tätigkeiten Von 1977 bis 1979 war Neuhaus wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Reformierte Theologie an der Universität Göttingen bei Hans-Joachim Kraus. Sein Schwerpunkt war die Psalmenforschung.
Von 1980 bis 1986 war er Wissenschaftlicher Assistent in der Systematischen Theologie an der Universität Paderborn bei Dieter Schellong. Theologischer Forschungsschwerpunkt war die Theologie Karl Barths. In der Literaturwissenschaft stand für Neuhaus die Beschäftigung mit der phantastischen Literatur und dem Schriftsteller Leo Perutz im Zentrum. 1982 wurde Neuhaus mit einer literaturwissenschaftlichen Arbeit über den österreichisch-jüdischen Schriftsteller Leo Perutz an der Universität Paderborn zum Dr. phil. promoviert. Diese Arbeit war die erste monographische Erschließung des Gesamtwerks von Leo Perutz, der als ein erfolgreicher Schriftsteller 1938 aus Wien nach Palästina flüchten musste, und wurde darum in der Fachwelt beachtet. 1984 hatten Neuhaus und dann auch der Hamburger Germanist Hans-Harald Müller den gesamten Nachlass Leo Perutz’ bei dessen Tochter in Tel-Aviv in Israel entdeckt. Er wurde dank des Einsatzes von Müller von der Deutschen Nationalbibliothek erworben, von Müller wissenschaftlich erschlossen und 1987 in einer Ausstellung der Öffentlichkeit präsentiert. Er ist nun Bestandteil des Deutschen Exilarchivs 1933–1945 in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main.
Kirchliche Tätigkeiten Dietrich Neuhaus war von 1983 bis 1985 Vikar in der Reformierten Gemeinde in Göttingen. Nach dem 2. theologischen Examen wurde er 1986 in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau zum Pfarrer ordiniert.
Von 1986 bis 1999 war Neuhaus Studienleiter, zeitweise stellvertretender und amtierender Direktor der Evangelischen Akademie Arnoldshain.
Theologie und Ästhetik, die Zusammenhänge von Religion und Bildender Kunst und Musik waren thematische Schwerpunkte von Neuhaus in der Akademiearbeit. Er war 1990 Mitbegründer der „Arbeitsgemeinschaft Theologie und Ästhetik“, von der Impulse für den Zusammenhang von Kunst und Kirche ausgingen. Gemeinsam mit Andreas Mertin konzipierte und gründete Neuhaus die erste theologische Online-Zeitschrift: „Ta katoptrizomena. Magazin für Theologie und Ästhetik“. Für die erste Ausgabe lieferten Mertin (Holzwege. Zum Verhältnis von Theologie und Ästhetik in der Postmoderne) und Neuhaus (Der Theologe als Dandy. Zur Ästhetik des Protestantismus) die programmatischen Aufsätze. Er verankerte kreativitätspsychologische Workshops mit der israelischen Therapeutin und Kreativitätspsychologin Erika Landau aus Tel Aviv an der Akademie. Die Beschäftigung mit israelischer Gegenwartskunst führte zur Zusammenarbeit mit dem Künstler Igael Tumarkin. Dessen Skulptur „Bindung und Kreuzigung“ wurde 1993 auf Initiative von Neuhaus vor dem Gebäude der Kirchenverwaltung am Paulusplatz in Darmstadt errichtet.
Weitere Themen ergaben sich aus politischen Zusammenhängen. 1987 war Neuhaus der Partei „Die Grünen“ beigetreten, um den realpolitischen Flügel der Partei in Frankfurt am Main zu stärken. Daraus ergaben sich Kooperationen mit der Heinrich-Böll-Stiftung. Von 1988 bis 1998 war Neuhaus Vorsitzender des „Deutsch-Israelischen Arbeitskreises für Frieden im Nahen Osten (DIAK)“. In Kooperation mit der Stiftung konnten große internationale Symposien zum Nahostkonflikt an der Akademie durchgeführt werden. Mit einigen jüdischen Intellektuellen aus der Frankfurter Szene wie Cilly Kugelmann, Micha Brumlik, Dan Diner und Hanno Loewy veranstaltete Neuhaus Tagungen zur Erinnerungskultur, zur deutschen und jüdischen Geschichte. 1996 wurde Neuhaus kurzzeitig zur Bundeswehr eingezogen. Als Oberleutnant zur See nahm er an einer Wehrübung für zivile Führungskräfte bei der Deutschen Marine teil. Es folgten Kooperationstagungen mit dem Militärdekan des Wehrbereichskommandos IV in Mainz und der Marineschule Mürwik.
Neuhaus gehört zum Redaktionsrat der theologischen Zeitschrift „Junge Kirche“, die als publizistisches Organ der Bekennenden Kirche im Nationalsozialismus gegründet worden war. Weiter war er von 1985 bis 1995 Mitherausgeber der „Zeitschrift für Dialektische Theologie“ in Kampen, Niederlande.
1999 verließ Neuhaus die Akademie und wurde Gemeindepfarrer in der St. Nicolai-Gemeinde im Frankfurter Ostend. Aus der Partei „Bündnis 90/Die Grünen“ trat er aus, weil eine Parteimitgliedschaft für ihn mit einem Gemeindepfarramt nicht vereinbar war. Im Zentrum seiner Tätigkeit standen nun Gottesdienst, Predigt und Seelsorge.
2002 wurde Neuhaus zum Dekan des Dekanates Frankfurt-Mitte/Ost gewählt. Die kirchlichen Reformen seit Mitte der 90er Jahre begleitete Neuhaus mit Skepsis. Seine polemische Analyse „Wider den Fundamentalismus der Organisationsberatung in der Kirche“ löste heftige innerkirchliche Debatten aus. 2011 ging Neuhaus in den Ruhestand.
Zivilgesellschaftlich engagiert ist Neuhaus seit 1991 im Rotary Club Frankfurt am Main-Alte Oper, dessen Präsident er 2013/14 war.
Veröffentlichungen (Auswahl) Monographien Erinnerung und Schrecken. Die Einheit von Geschichte, Phantastik und Mathematik im Werk Leo Perutz’, Europäische Hochschulschriften, Reihe 1, Band 765, Frankfurt, Bern, 1984, ISBN 3-8204-7771-3. Theologische Frechheiten und Feinheiten. Vorträge und Aufsätze, Saarbrücken: Fromm Verlag 2021, ISBN 978-613-8-37399-5. Kunst und Religion. Zwei aeternisierende Mächte des Vergessens, in: Die Gegenwart der Kunst. Ästhetische und religiöse Erfahrung heute, hrsg. von J. Herrmann, A. Mertin, E. Valtink, München 1998, ISBN 3-7705-3178-7. Wider den Fundamentalismus der Organisationsberatung in der Kirche. Eine polemische Analyse. 1999
Herausgeberschaften Auf dem Weg zur Nation? Über deutsche Identität nach Auschwitz, hrsg. von H. Funke und D. Neuhaus, Schriftenreihe des Deutsch-Israelischen Arbeitskreises für Frieden im Nahen Osten, Bd. 17, Frankfurt 1989, 140 S. ISBN 3-89228-325-7 Teufelskinder oder Heilsbringer - die Juden im Johannesevangelium, Arnoldshainer Texte, Bd. 64, Frankfurt 1990, ISBN 3-89228-492-X Die PLO und der Staat Palästina. Analysen und Dokumente zur Entwicklung der PLO, hrsg. von D. Neuhaus und Chr. Sterzing, Schriftenreihe des Deutsch-Israelischen Arbeitskreises für Frieden im Nahen Osten, Bd. 21, Frankfurt 1991, ISBN 3-89228-737-6 Von der Schwere Gottes und der Leichtigkeit des Seins. 1. Kolloquium der interdisziplinären Arbeitsgemeinschaft "Theologie und Ästhetik" vom 5. bis 7.10.1990, hrsg. von D. Neuhaus, Arnoldshainer Protokolle 4/92, http//d-nb.info/95379248X "Wer zum Leben, wer zum Tod…". Strategien jüdischen Überlebens im Ghetto, hrsg. von D. Kiesel, C. Kugelmann, H. Loewy und D. Neuhaus, Frankfurt/New York 1992, ISBN 3-593-34764-4 Fernsehen verstehen, hrsg. von S. Abarbanell, C. Cippitelli und D. Neuhaus, Arnoldshainer Texte Bd.76, Frankfurt 1993, ISBN 3-89228-958-1 Erinnerung. Zur Gegenwart des Holocaust in Deutschland-West und Deutschland-Ost, hrsg. von B. Moltmann, D. Kiesel, C. Kugelmann, H. Loewy, D. Neuhaus, Frankfurt 1993, ISBN 3-89228-989-1 "Mit unsrer Macht ist nichts getan…" Festschrift für Dieter Schellong zum 65. Geburtstag, hrsg. von J. Mertin, D. Neuhaus und M. Weinrich, Frankfurt 1993, ISBN 3-89228-990-5 Kirche und Kultur: Beispiel Musik, Frankfurt 1994, ISBN 3-86137-210-X Kain und Abel. Die biblische Geschichte und ihre Gestaltung in bildender und dramatischer Kunst, Literatur und Musik, hrsg. von U. Kienzle, W. Kirsch und D. Neuhaus, Frankfurt 1998, ISBN 3-86137-763-2 Das Opfer. Religionsgeschichtliche, theologische und politische Aspekte, Frankfurt 1998, ISBN 3-86137-746-2 Wie in einem Spiegel. Begegnungen von Kunst, Religion, Theologie und Ästhetik, hrsg. von A. Mertin und D. Neuhaus, Frankfurt 1999, ISBN 3-86137-881-7 Der erste Gesang der Grasmücke, hrsg. von H. Nising, U. Jacob, L. Neuhaus, D. Neuhaus und Chr. Fiebig, Offenbach 2022, ISBN 978-3-9815695-3-7
Rundfunkbeitrag Symposion „Kill me a son“ zur Ausstellung „Gehorsam“ im Jüdischen Museum Berlin 2015: Der Gehorsam Abrahams als Thema einer Kritik der politischen Theologie.
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