Jewgéni Nikolájewitsch Kówski (; * 13. März 1899 in Olhopil, Gouvernement Podolien; † 14. November 1977 in Bischkek) war ein Prosaist, Journalist und Übersetzer, Mitglied des Schriftstellerverbandes der UdSSR (ab 1948), Mitglied der Redaktionskommission der Zeitschrift Literaturny Kyrgystan. Als bedeutendstes Werk im Schaffen Kówskis gilt Forschern des 20. und 21. Jahrhunderts sein Romantriptychon Bruder gegen Bruder.

Biografie Kówski wurde 1899 in der Stadt Olhopil des ehemaligen Gouvernements Kamenez-Podolsk in der Familie eines kleinen Landschaftsbeamten (Krankenhausverwalters) geboren. Er besuchte das Kamenez-Podolsker Gymnasium. Nach dessen Abschluss zog er mit der Familie nach Odessa, wo er 1920 am Odessaer Polytechnischen Institut immatrikulierte, es jedoch nicht abschloss.Dsh. Samaganov: Pisateli Sowetskogo Kirgistana (Biobibliographisches Nachschlagewerk). Hrsg. von A. W. Schirkow. Kyrgyzstan, Frunse 1969, S. 298–299. Er wurde zweimal in Kämpfen gegen Weißgardisten und Machnowtzen verwundet. Nach der Errichtung der Sowjetmacht in der Ukraine erhielt er nach Dienstuntauglichkeit – durch eine in der Lunge verbliebenen Kugel – bei der Lebensmittelkommission des Kreises Tiraspol als Leiter von Getreideannahmestellen eine Anstellung.Stranizý schisni: Wospominanija, rasskasy, otscherki i dramaturgija. Hrsg. und zus.gest. von W. J. Kowski; Rezensent: W. Lewtschenko. Kyrgyzstan, Frunse 1979, S. 24.K. Botoyarow: Pisateli Sowetskogo Kirgistana (Biobibliographisches Nachschlagewerk). Hrsg. von B. Ryspajew. Adabijat, Frunse 1989, S. 307.

Nach dem Ende des Bürgerkriegs in der Ukraine arbeitete er als Buchverteiler der MOPR, als Versicherungsagent und Buchhalter. Nebenbei bildete er sich selbst weiter, besuchte einen Philosophiezirkel, an dem auch Rafail Brussilowski teilnahm, der Kówski mit dem Literaturzirkel „Potoky“ bekannt machte, dem zu jener Zeit bereits Tatjana Tess und Ossip Kolytschew angehörten. Ab den Jahren 1926–1927 erschienen in der „Komsomolskaja Prawda“ und in Odessaer Literaturalmanachen erste Werke Kowskis – „Kismet“, „Maljuka“, „Der offene Kreis“ und andere.Stranizý schisni. 1979, S. 3, 38–39.B. Wladimirskyj: Wenok sjuschetow. Hrsg. und nachgew. von G. Grubnikowa; Vorw. von J. Karakina. Kontinent-Prim, Winnyzja 1994, S. 71. ISBN 5-7707-6834-7.

Im Rahmen von „Potoky“ las Kowski eigene Werke vor und hörte die anderer Teilnehmer, nahm an der Versammlung der Odessaer Abteilung des LEF teil und lernte die Schriftsteller Eduard Bagrizki und Artjom Wjosjoly kennen. Bald darauf fusionierte unter dem Einfluss des Letzteren „Potoky“ mit der Literaturvereinigung „Pereval“; der Zirkel wurde zur Odessaer Abteilung dieser Organisation. Im Namen der Vereinigung wurde Kowski zu dem soeben aus Amerika zurückgekehrten Wladimir Majakowski geschickt, um Eintrittskarten für dessen Auftritt zu besorgen und ihn zur Versammlung von „Pereval“ einzuladen. Majakowski hielt sich damals in Odessa im Hotel „Londonskaja“ auf, und Kowski traf den Dichter im Gespräch mit seinem guten Bekannten Semjon Kirsanow an. Die Einladung lehnte Majakowski ab und nannte ihre Vereinigung einen „stinkenden Leichnam“, händigte jedoch Eintrittskarten für seinen Auftritt im Stadtgarten aus.Stranizý schisni. 1979, S. 43–45.

In Odessa wurde Kowski professioneller Journalist, arbeitete bei der lokalen Komsomol-Zeitung „Molodaja Gwardija“ und bei der „Orlowskaja Prawda“. 1929 zog er nach Moskau, wo er mit den zentralen Zeitungen „Lesnaja promyschlennost“, „Iswestija“ und „Moskowskije Nowosti“ zusammenarbeitete. 1941 evakuierte Kowski als Sonderkorrespondent der Zeitung „Medizinski rabotnik“ nach Frunse (heute Bischkek) und verknüpfte von da an sein Leben mit der Kirgisischen SSR. Zur gleichen Zeit kam auch der Dichter Georgi Schengeli in die Hauptstadt der Republik, mit dem Kowski bereits 1936 in der Redaktion des Staatlichen Literaturverlags bekannt geworden war, als er an der Herausgabe eines ins Russische übersetzten Werks eines französischen Autors arbeitete. Schengeli infizierte sich auf dem Weg in die sowjetische Kirgisistan mit Flecktyphus und wurde in ein Infektionskrankenhaus eingeliefert. Als Sonderkorrespondent des „Medizinski rabotnik“ – eine Stelle, die freien Zugang zu allen Krankenhäusern der Republik verschaffte – besuchte Kowski auf Bitte von Schengélis Frau Nina Leontilewna, der der Zutritt zum Zimmer verwehrt wurde, den Dichter. Über die Begegnung mit Georgi Arkadjewitsch schrieb er:N. W. Perejaslów: Majakowski i Schengeli: schtschatka dlinoju w schisn. Prospekt, Moskau 2018, S. 227–230. ISBN 978-5-392-21644-4.

Der Schriftsteller war häufiger Gast in Schengélis Wohnung: Dort führten sie Gespräche über Literatur und diskutierten Kriegsmeldungen. In seinen Memoiren über Schengeli hob Jewgeni Nikolajewitsch auch eine jener Begegnungen hervor, bei der er Zeuge wurde, wie der Dichter das Poem „Don Juan“ von George Gordon Byron übersetzte.N. W. Perejaslów: Majakowski i Schengeli. 2018, S. 233.

In Frunse war Kowski Mitglied der Redaktionskommission der Zeitschrift „Literaturnyj Kirgistan“, übersetzte Werke lokaler Autoren aus dem Kirgisischen ins Russische, darunter das erste Buch der Trilogie von Kassymaly Bajalinow „Brüderschaft“, Erzählungen von Kassymaly Dshantoschjew und anderen. In verschiedenen Jahren erschienen seine Bücher in republikanischen Verlagen: die Erzählung „Der Garten des Friedens“ (1956), die Erzählbände „Helle Weiten“ (1961), der Essayband „Sie sind neben euch“ (1962), der Band mit Erzählungen und Kurzgeschichten „An der Quelle der Wege“ (1964) und das Romantriptychon „Bruder gegen Bruder“ (1969–1975). Im Dezember 1950 wurde er Mitglied der Kommission des Schriftstellerverbands Kirgistans zur Nominierung des Dichters Alykul Osmonow für den Stalinpreis.Mesgil schana Alykul: Makalalar, kattar, eskerüülör. Hrsg. von P. Kasybajew. Adabijat, Frunse 1990, S. 25. ISBN 5-660-00209-9.

Jewgeni Nikolajewitsch war mit Olga Samojlowna Kowskaja verheiratet und der Vater von Wadim Kowski.W. J. Kowski: Swetjaschtschijsja sled Kaisyna. In: Russki jasyk i literatura w schkolach Kyrgystana, Nr. 2, 2017, S. 55. . 1979 fungierte Kowskis Sohn als Herausgeber und Zusammensteller der Memoiren Jewgeni Nikolajewitschs „Stranizý schisni“, zwei Jahre nach dem Tod seines Vaters.A. Barschaj: Jewrei – Kyrgystanu: ot A do Ja. 2. Aufl., überarb. und erg. Arkus, Bischkek 2021, S. 206. ISBN 978-9967-9275-9-9.

Trilogie „Bruder gegen Bruder“ (1969–1975) mini|„Bruder gegen Bruder“ (Bd. 2, 1974) In den Jahren 1969–1975 erschien Jewgeni Kowskis Romantriptychon „Bruder gegen Bruder“, das die Themen der Revolution und des Zerfalls einer russischen liberal-intellektuellen Familie vor dem Hintergrund des Todes des Familienoberhauptes, ideologischer Differenzen und des sozialen Niedergangs insgesamt aufgreift.R. Schamursina: Soismerjat charaktery s epochoj. In: Literaturnyj Kirgistan, Nr. 5, 1974, S. 116–117.J. K. Osmitel: Kirgisische Sowjetische Sozialistische Republik: Enzyklopädie. Hrsg. von B. O. Orubajewa u. a. Glawnaja redakzija Kirgisskoj sowetskoj enziklopedii, Frunse 1982, S. 373. Nach Ansicht der Literaturwissenschaftlerin Reja Schamursina liegt die Neuerung des Werks in der Geographie des Geschehens – die Ereignisse spielen auf dem Gebiet von Jarmolynzi und anschließend Odessa am Vorabend und während des Ersten Weltkriegs, der Revolution von 1917 und des Russischen Bürgerkriegs. Zu den Vorzügen der Trilogie zählte Reja Sultanowna die Darstellung des Einflusses der Politik auf das Bewusstsein des Menschen, wie die sich entfaltenden Ereignisse sein Verhalten, seine Einstellung und seine Anpassung an das Geschehen bestimmen (etwa der Streit Antoschas mit Antisemiten, die Rede Olegs bei der Gymnasiumsabschlussfeier).

Schamursina vermutete, dass – dem Titel des Werkes „Bruder gegen Bruder“ nach zu urteilen – Kowskis Hauptinteresse der Darstellung des Lebens der Brüder Starchin galt, die fortan getrennt lebten: Eine ähnliche Handlungslösung findet sich auch im Roman „Die Dachse“ von Leonid Leonow und in den „Donerzählungen“ von Michail Scholochow. Hier hätte der Autor nach Meinung der Literaturwissenschaftlerin auf das Alter achten und die Sprache der Figuren individualisieren sollen: als Beispiel führte Schamursina die Rede des Gymnasiasten Oleg Starchin an, der ihrer Meinung nach die Sprache eines Erwachsenen spricht. Schamursina machte auch auf das „Umherwandern“ der Figur Anton Starchin aufmerksam: Im ersten Teil der Trilogie schließt er sich den Revolutionären in Odessa an, zieht sich jedoch nach der Ermordung Koschubskis in sich zurück, obwohl diese Figur vom Autor als eine in sich geschlossene und psychologisch ausgeglichene Natur dargestellt wird. Die Forscherin rechtfertigte dieses Verhalten mit der „Widersprüchlichkeit der intellektuellen Seele“.

Reja Sultanowna bemerkte in der Trilogie eine Fülle an Ereignissen, das Bestreben des Autors, deren Spannung und Komplexität zu zeigen, sowie seine „erstaunliche“ historische und literarische Belesenheit, die Kowski nach ihrer Meinung bisweilen von der Ausarbeitung der Charaktere ablenkt.

L. Wolpe stellte in der Zeitschrift „Druschba narodow“ kreative Überschneidungen des Romantriptychons „Bruder gegen Bruder“ mit Werken von Alexei Tolstoi, Michail Scholochow, Sergei Sergeew-Zenski und Konstantin Fedin fest. Obwohl die genannten Autoren das Thema der geistig-moralischen Veränderungen eines Menschen, der den Ersten Weltkrieg, den Bürgerkrieg und die Revolution durchlebt hat, bereits aufgegriffen hatten, war Kowski nach Wolpes Ansicht in der Lage, die Ereignisse unter seinem eigenen, neuen Blickwinkel zu zeigen. Im Erzählwerk hob L. Wolpe zwei Handlungsstränge hervor. Der erste zeigt das Vorleben der Familie Rimma Antipowna Starchinaja, die vier Kinder erzieht: Die Mutter der Brüder Oleg und Antoscha ist nicht mehr in der Lage, die Normalität des Lebens aufrechtzuerhalten; das Geschehen dringt allmählich in ihren Familienkreis ein und zerstört ihn, und mit der Zeit trennen sich die Gymnasiasten-Brüder voneinander. Im zweiten Handlungsstrang entfalten sich die historischen Ereignisse.L. Wolpe: Proshloye, kotoroye wsegda s nami… In: Druschba narodow, Nr. 4, 1977, S. 275.

L. Wolpe zählte zu den Vorzügen der Trilogie die Fähigkeit des Autors, die Psychologie der Handlungen der Figuren glaubwürdig darzustellen und zu begründen, sowie die Ausgearbeitetheit von Szenen mit Merkmalen jener Zeit. Ebenso wie die Literaturwissenschaftlerin Reja Schamursina stellte L. Wolpe Intertextualität mit Werken L. Leonows fest: Im Roman Kowskis wird die Geschichte der Ksana, der jüngeren Schwester von Antoscha und Oleg, erzählt, die – ähnlich wie die Heldin von Leonows Erzählung „Jewgenija Iwanowna“ – dem Charme eines jungen Mannes erliegt, mit ihm in die Emigration aufbricht und von ihm dort bald verlassen wird.L. Wolpe: Proshloye, kotoroye wsegda s nami… 1977, S. 276.

Im abschließenden Band der Trilogie richtete Kowski seine Aufmerksamkeit vor allem auf die Darstellung des Bürgerkriegs in der Ukraine, wo er neben fiktiven Figuren auch reale historische Persönlichkeiten darstellte, darunter Alexei Brussilow, Alexander Kerenski und andere. In deren Darstellung kritisierte Wolpe den Autor jedoch für das Fehlen einer individualisierten Sprache sowie die Verwendung von Wörtern, die jener Zeit nicht angemessen seien. Abschließend folgerte L. Wolpe, dass es dem Autor gelungen sei, die vergangenen Ereignisse von einer neuen Seite zu zeigen und ein Werk zu schaffen, das zu einer „markanten Erscheinung“ im russischsprachigen Teil der Literatur Kirgistans geworden sei. Die „Markantheit“ des Romantriptychons Kowskis bestätigte auch die Kandidatin der Philologischen Wissenschaften Tsch. A. Dshbolbulakowa (KGTU I. Razzakow), die das Werk zu den „Gipfelleistungen“ der historischen Prosa der Republik zählte.