mini|Die Darstellung des Dogen Ordelaffo Falier an der Pala d’oro in der Markuskirche mit der Inschrift „OR.FALE/TRUS“ und „DEI GRATIA / VENECI/E DUX“. Er war es, der die Erweiterung des Altarbildes im 12. Jahrhundert in Auftrag gab. mini|Elfenbeinkästchen mit zoomorphen Motiven, Venedig, 1100–1150 Ordelaffo Falier (* in den 1070er Jahren, wahrscheinlich in Venedig (?); † 1117 oder 1118 bei Zara), auch Faliero, Faletro, er selbst schrieb faledro, regierte von 1102 bis zu seinem Tod als Doge von Venedig. Nach der historiographischen Tradition, wie die staatlich gesteuerte Geschichtsschreibung Venedigs genannt wird, war er der 34. Doge.

Seine Regierungszeit war von zahlreichen Naturkatastrophen und von schweren Konflikten mit den Nachbarstädten gekennzeichnet. Das Verhältnis zum römisch-deutschen Herrscher Heinrich V. war allerdings gut. Der seit langer Zeit üblichen Verlängerung der Handelsverträge stimmte er zu, und 1116 besuchte der Kaiser die Stadt.

Als 1102 eine Personalunion Ungarn und Kroatien verband, ließ der ungarische König mehrere Städte in Dalmatien besetzen. Der Doge kam bei einer Schlacht, in der der lange schwärende Konflikt endgültig gelöst werden sollte, bei Zara ums Leben.

Name, Herkunft und Familie Ordelaffo selbst unterschrieb eine Urkunde mit dem Palindrom ordelaf faledro, man konnte den Namen also vorwärts und rückwärts lesen, und er hängte unmittelbar dodoni an.Irmgard Fees: Die Unterschriften der Dogen von Venedig im 12. und 13. Jahrhundert, in: Christian Lackner, Claudia Feller (Hrsg.): Manu propria. Vom eigenhändigen Schreiben der Mächtigen, Böhlau, 2016, S. 149–169, hier: S. 155.

Ordelaffo Falier war, folgt man der Chronik des Andrea Dandolo und der Origo civitatum, der Sohn des Dogen Vitale Falier, der das Amt von 1084 bis 1096 bekleidet hatte und in dessen Regierungszeit die verschollenen Gebeine des hl. Markus, des Stadtpatrons, angeblich auf wunderbare Weise wiedergefunden worden waren. Wahrscheinlich wurde Ordelaffo in Venedig geboren, etwa in den 1070er Jahren. Wie sein Vater wurde er mit Dedoni oder Deodoni benannt, wobei es sich womöglich um einen Zweig der großen Falier-Familie handelte.

Die Chronisten bemängelten, dass Falier seine Verwandtschaft in hohe geistliche und weltliche Ämter brachte. So wurde eine Maria Falier Äbtissin von San Zaccaria, des bedeutendsten Nonnenklosters der Stadt, ein Faletro Falier wurde Abt des Klosters Ss. Trinità e di S. Michele von Brondolo. Ein Giovanni und ein Domenico wurden vom Dogen 1107 und 1112 zu iudices erhoben. Unter den Gesandten am Hof Heinrichs V. befand sich ein anderer Vitale Falier, den der Kaiser als consobrinus des Dogen bezeichnete.

Mindestens zehn Jahre überlebte den Dogen seine Frau Matelda. Nach unsicheren Quellen war sie mit den Este verwandt, oder aber sie entstammte dem Haus Balduins, des Königs von Jerusalem. Die Höhe ihrer Mitgift lag bei 8000 Libra, was auf eine überaus vermögende Abkunft hindeutet. Sie hatte wahrscheinlich zwei Söhne, nämlich Bonifacio, vielleicht jener Bonifacio Falier, Kaplan von S. Marco, der später Bischof von Castello wurde, sowie Vitale, der als Gesandter am ungarischen Hof tätig war.

Das Dogenamt Die Regierungszeiten der Dogen der Zeit um 1100 lassen sich nur anhand der Angaben der Chronisten über die Dauer ihrer jeweiligen Herrschaft errechnen, woraus sich eine gewisse Unsicherheit ergibt. Wenn man etwa akzeptiert, dass der Vater Ordelaffos, der Doge Vitale Falier, im Dezember 1095 und nicht 1096 starb, und dass sein Nachfolger Vitale Michiel I. dementsprechend Ende 1095 oder Anfang 1096 gewählt wurde, folge daraus, dass Ordelaffo Falier erst 1110 Doge geworden sein konnte, nicht 1102.

Naturkatastrophen mini|Karte der Inseln Venedigs im 11./12. Jahrhundert Faliers Regierungszeit, den die Quellen als „iuvenis“ bezeichnen, als ‚jung‘, war von Katastrophen aller Art geprägt. Dazu zählten ausgedehnte Stadtbrände, wie etwa im Januar und im April 1105 (oder 1106).

1117, vielleicht abermals 1118, erfolgte ein Erdbeben, doch viel gravierender war die Springflut, die 1110 Metamaucum, unweit des heutigen Malamocco zerstörte. Dabei war Malamocco-Methamaucum, das alte Zentrum der Lagune von Venedig, bereits in den Vorjahren von schweren Überschwemmungen und Stürmen getroffen worden.Dass diese Überschwemmungen, die zuvor in den Chroniken nicht auftauchten, mit der zunehmenden Abholzung der Po-Ebene zusammenhängen, liegt nahe, vgl. etwa (Vito Fumagalli: Mensch und Umwelt im Mittelalter, Wagenbach, Berlin 1992, S. 46–48). Ab 1108 musste das Cipriano-Kloster von dort nach Murano umziehen, und das Nonnenkloster S. Basso e Leone Confessore, gleichfalls in Metamaucum, zog auf die Insel San Servolo um. Im selben Jahr wurde die Bischofskirche S. Felice e Fortunato – und damit am 10. April 1110 der Bischofssitz – von Metamaucum nach Chioggia verlegt. Am 3. Januar 1117 beschädigte das Erdbeben von Verona zahlreiche Häuser auf Rialto.

Konflikte in Oberitalien, Bau des Arsenals mini|Die Überreste des Torre delle Bebbe an der südlichen Lagune, fotografiert im Jahr 2011 Auch kam es mit den Nachbarn der Lagune zu schweren Konflikten. Der Bischof von Treviso ließ im Mai 1107 das Kloster S. Ilario am Rande der Lagune zerstören, Padua widersetzte sich den Umleitungsarbeiten am Brenta, wobei es zu einer Schlacht an diesem Fluss kam, die, wie es scheint, von Venedig gewonnen worden ist. Angeblich fand die Schlacht beim Torre delle Bebbe südlich der Lagune statt; die Venezianer machten 507 Gefangene. Es heißt, Heinrich V. habe diesen Auseinandersetzungen Einhalt geboten. Ebenso kam es zu Konflikten mit Ravenna. Nur mit Verona gelang der Abschluss eines Handelsvertrages und einer Militärallianz.Heinrich Kretschmayr: Geschichte von Venedig, Bd. I, Gotha 1905, S. 221.

Eine folgenreiche Entscheidung Faliers war der Beschluss zum Bau des Arsenals im Stadtteil Castello, mit dem eine wesentliche Grundlage für die Expansion Venedigs ins Mittelmeer und für seine Position als erste Seemacht Europas gelegt wurde, ebenso wie für eine stark anwachsende Schiffbauindustrie. 1104 wurde das Arsenal von einer Mauer umringt.

Verhältnis zu Normannen, dem Römisch-deutschen Reich, Ungarn Als 1108 die Normannen unter Bohemund, dem Sohn Robert Guiscards, einen neuen Angriff gegen Byzanz begannen, gefährdeten sie damit, wie schon von 1081 bis 1085, die freie Schifffahrt in der Adria, die für Venedig von zentraler Bedeutung war. Trotz der enormen Probleme, die sich auftürmten, gelang es Venedig eine hinreichende Flotte auszustatten, was Bohemund wenig später zur Kapitulation zwang. mini|Gesamtansicht der Pala d’oro: Der Doge befindet sich unten in der Mitte unterhalb des Pantokrators. Rechts neben dem Dogen befindet sich Maria, neben dieser wiederum Kaiserin Irene. Das heutige Bild des Falier, so eine Annahme, habe ursprünglich passend zu Irene den Kaiser Johannes Komnenos dargestellt. Dagegen spricht allerdings, dass der beigefügte Name keinerlei Überarbeitungsspuren aufweist, der Doge zudem nicht die sonst üblichen, kaiserlichen roten Schuhe trägt, sondern schwarze. Ersetzt wurde allerdings zum einen der Kopf, der erkennbar zu klein ist, zum anderen der Nimbus. Diese Überarbeitung könnte 1209 stattgefunden haben, um dem Dogen ein kaiserliches Erscheinungsbild zu geben. Dies würde in die Überarbeitung der venezianischen Geschichte im Gefolge des Dogen Enrico Dandolo und des Vierten Kreuzzugs passen.David Buckton, John Osborne: The Enamel of Doge Ordelaffo Falier on the Pala d’Oro in Venice, in: Gesta 39 (2000) 43–49. mini|links|Kaiser Alexios I. Komnenos (?), Marmor-Rundrelief am Campiello del Angaran, um 1100 mini|links|Kaiser Johannes II. Komnenos, Marmor-Rundrelief, ebenfalls Durchmesser: 90 cm; Byzantinische Kollektion, Dumbarton Oaks, Washington In gutem Einvernehmen scheint Venedig unter Falier mit dem Römisch-deutschen Reich gestanden zu haben, mit dem es am 20. Mai 1111 zu einer Erneuerung der alten Privilegien kam. Damit wurden auch die Ansprüche einiger Bischöfe des Festlands zurückgewiesen. Kaiser Heinrich V. kam 1116 selbst nach Venedig. Stadt und Doge feierten diesen Besuch, bei dem der Kaiser Privilegien für die Klöster San Giorgio Maggiore und San Zaccaria erteilte, mit großem Aufwand.

Außenpolitisch ging Falier zudem zielstrebig das Projekt der Wiedereroberung Dalmatiens an, wo sich die Ungarn seit 1100 festgesetzt hatten. Dabei waren die dalmatinischen Häfen wichtige Stützpunkte für die Flotte und konnten den Kaufleuten als Handelsbasis dienen. In einem der Kämpfe gegen die konkurrierenden Ungarn fiel Falier in der Schlacht von Zadar.

Für San Marco, wo schon die Reliquien des Evangelisten Markus aufbewahrt wurden, wurden weitere Reliquien erworben – neben den Gebeinen des Heiligen Stephan auch ein Splitter aus dem Kreuz Christi –, die insgesamt die Stadt Venedig als Ziel von Pilgerfahrten noch anziehender machten. Ein Teil der ältesten Mosaiken, so etwa die Figuren der Heiligen in der Apsis, dann zumindest eines der Bronzeportale des Atriums wurden unter Ordelaffo Falier ausgeführt. Auch der Auftrag, die berühmte Pala d’oro in Byzanz zu schaffen, erfolgte in dieser Zeit, nach Andrea Dandolo im Jahr 1105.Zur Pala d’oro vgl. Wolfgang Fritz Volbach: Gli smalti della pala d’oro, in: Hans Robert Hahnloser (Hrsg.): Il tesoro di S. Marco, Bd. I: La pala d’oro, Sansoni, Florenz 1965, S. 254, 258, 268, 271, 273–276, 279, Tafel 58; Josef Deér: Die Pala d’Oro in neuer Sicht, in: Byzantinische Zeitschrift LXII (1969) 308–344; Sergio Bettini: Le opere d’arte importate a Venezia durante le crociate, in: Steven Runciman et al. (Hrsg.): Venezia dalla prima crociata alla conquista di Costantinopoli nel 1204, Fondazione Giorgio Cini, Storia della civiltà veneziana, Bd. I, Florenz 1979, S. 157–190. Möglicherweise handelt es sich aber auch um ein Geschenk des byzantinischen Kaisers Alexios I. an den Verbündeten. An dem Kunstwerk lässt sich ein Porträt identifizieren, das Falier mit der Aureole, dazu Namen und Titel angibt. Unklar ist, ob es sich um ein zeitgenössisches, originales Werk handelt, und wenn, ob es überarbeitet und verändert worden ist, oder ob es überhaupt erst 1209 angefertigt wurde, als der Doge Pietro Ziani und Angelo Falier, Prokurator von S. Marco und Nachkomme des Ordelaffo Falier, die Pala vergrößern und umgestalten ließen.

1112 wurde auf Initiative des Dogen ein öffentliches Gelände an die Familie Basilio (Baseggio) für 2000 libra verkauft. Dieses Grundstück befand sich nahe der Kirche San Bartolomeo, wo sich zeitweise die Zecca befand. Mit der besagten Summe beglich die Stadt ihre Schulden bei einem Bürger und ermöglichte mit dem Rest dem Patriarchen von Grado die Ausstattung einer Legation nach Konstantinopel.Das verarmte Patriarchat erhielt 1107 von Ordelaffo Falier nicht nur eine Kirche im venezianischen Quartier von Konstantinopel, um seine Einnahmen zu erhöhen, sondern auch ein dort gültiges Monopol auf Waagen, Maße und Gewichte mit den entsprechenden Abgaben. Dies führte jedoch zu Schwierigkeiten, so dass der Patriarch 1169 die Einnahmen an Romano Mairano, einen venezianischen Fernhändler, auf sechs Jahre verpachtete. Dies galt für den gesamten Besitz Grados in Konstantinopel (David Jacoby: The Expansion of Venetian Government in the Eastern Mediterranean until the late Thirteenth Century, in: Gherardo Ortalli, Oliver Jens Schmitt, Ermanno Orlando (Hrsg.): Il Commonwealth Veneziano Tra 1204 e la Fine Della Repubblica, Identità e Peculiarità, Istituto Veneto di Scienze, Lettere ed Arti, Venedig 2015, S. 73–106, hier: S. 80 f.). Auch wurde eine Flotte, vermutlich für die Rückeroberung Dalmatiens, aufgelegt.