mini|Das MIASA auf dem Campus der University of Ghana

Das Merian Institute for Advanced Studies in Africa (MIASA) ist ein Institut an der University of Ghana in Legon, Accra, das als Teil der Merian-Initiative durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) ins Leben gerufen wurde. Ihr übergeordnetes Ziel ist die Förderung der kultur- und sozialwissenschaftlichen Forschung im Globalen Süden durch die Einrichtung und Unterhaltung von Internationalen Zentren für Höhere Studien. Eröffnet wurde das Institut im Dezember 2017 durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Rahmen seines Staatsbesuchs in Ghana.

mini|Außenansicht des MIASA-Gebäudes

Arbeit und Ziele des Instituts Schwerpunkt der Arbeit am MIASA ist das Thema "Sustainable Governance". Governance bedeutet im Kontext der Arbeit von MIASA das Zusammenspiel von informellen und formellen Regeln zur Steuerung öffentlicher Angelegenheiten, eingebettet in soziale, materielle und kulturelle Praktiken des täglichen Lebens. In Verbindung damit hat MIASA drei ergänzende Arbeitsfelder: (1) nachhaltige Umwelttransformation, (2) nachhaltiges Konfliktmanagement und (3) nachhaltige Demokratie.

Die Transformation der globalen Wissensordnung ist ein weiteres strategisches Kernanliegen des Instituts. MIASA agiert hierbei als Brückeninstanz, um die traditionell getrennten akademischen Diskurse des anglophonen und frankophonen Afrikas enger miteinander zu verknüpfen und bestehende globale Asymmetrien in der Wissensproduktion abzubauen. Durch die Förderung des wissenschaftlichen Austauschs zwischen Deutschland, Ghana sowie weiteren afrikanischen und europäischen Partnerstaaten schafft das Institut eine Plattform für transkontinentale Kooperationen. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Qualifizierung und Unterstützung von Nachwuchswissenschaftlern, für die spezifische Förderprogramme bereitgestellt werden. Ergänzend zu diesen Stipendien bietet das Institut gezielte Formate wie Writing/Publishing Workshops an, um die akademische Profilbildung sowie die internationale Sichtbarkeit der Forschenden nachhaltig zu stärken. Die aus diesen Fördermaßnahmen resultierende Forschungstätigkeit schlägt sich regelmäßig in international renommierten Fachzeitschriften wie Cogent Social Sciences, Nationalism and Ethnic Politics oder auch dem Nordic Journal of African Studies nieder.

Wissenschaftliche Untersuchungen zu Karrierewegen von Nachwuchswissenschaftlern in Afrika haben herausgestellt, dass Stipendien wie die von MIASA bereitgestellten Fellowships einen entscheidenden Schritt hin zur Etablierung im Wissenschaftssystem darstellen. Carola Lentz, die ehemalige Präsidentin des Goethe-Instituts, bewertet diese Art der Zusammenarbeit als innovativ; sie betrachtet das Format als richtungsweisend für die Zukunft der Wissenschaftskooperation.

mini|Übersicht über die verschiedenen Merian Centres

MIASA befindet sich auf dem Campus der University of Ghana, Legon (Accra). Es ist das erste von der Bundesrepublik Deutschland initiierte Institute for Advanced Studies in Subsahara-Afrika außerhalb Südafrikas. Neben dem MIASA in Ghana existieren über andere Regionen der Welt verteilt noch vier weitere Merian Centres, welche jeweils ihre eigenen regionalen und globalen Forschungsschwerpunkte setzen und verfolgen. Dieses globale Netzwerk umfasst mit dem ICAS:MP in Neu-Delhi, dem CALAS in Guadalajara, dem MECILA in São Paulo sowie dem MECAM in Tunis weitere internationale Forschungsstandorte, die die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit Südasien, Lateinamerika und Nordafrika institutionell verankern.

Partner Die deutschen Partner des MIASA sind: Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Deutsches Historisches Institut Paris German Institute for Global and Area Studies (GIGA) Der ghanaische Partner des MIASA ist die University of Ghana.

Forschung Das Institut widmet sich der Frage, wie die Geistes- und Sozialwissenschaften durch eine historisch fundierte Perspektive zu einer nachhaltigen Regierungsführung (Sustainable Governance) beitragen können. Die Forschungsagenda konzentriert sich dabei auf drei zentrale Schwerpunkte: nachhaltige Umwelttransformation nachhaltiges Konfliktmanagement nachhaltige Demokratie

Ergänzt werden diese Kernbereiche durch fünf Querschnittsthemen, die Fragen zu Landbesitz, Migration, der Restitution kolonialer Kulturgüter, urbanen Räumen in Afrika sowie Menschenrechten untersuchen.

Theoretischer Ansatz und Interdisziplinarität Ein wesentliches Merkmal der Arbeit am MIASA ist die kritische Dekonstruktion etablierter sozialwissenschaftlicher Begriffe. Ziel ist es, Konzepte, die oft unkritisch als „black boxes“ (nach Latour) übernommen werden, im afrikanischen Kontext neu zu bewerten und theoretisch weiterzuentwickeln. Damit strebt das Institut an, globale Machtasymmetrien in der Wissensproduktion abzubauen und die Sichtbarkeit afrikanischer Wissenschaftsdiskurse in der internationalen Forschung sowie in politischen Entscheidungsprozessen zu stärken.

Methodisch verfolgt das Institut einen breiten interdisziplinären Ansatz. Neben Politik- und Wirtschaftswissenschaften werden systematisch Disziplinen wie Ethnologie, Geschichtswissenschaft, Philologien, Philosophie sowie Umwelt- und Kulturwissenschaften integriert, um neue Forschungsfragen zur Governance-Thematik zu generieren.

Anton Wilhelm Amo Lecture Series Seit 2021 organisiert das MIASA jährlich die „Anton Wilhelm Amo Lecture“ an der University of Ghana in Legon. Die Vorlesungsreihe ist nach dem ghanaischen Philosophen Anton Wilhelm Amo benannt, der im 18. Jahrhundert als erster Afrikaner an deutschen Universitäten (Halle, Jena und Wittenberg) lehrte und forschte. Die Reihe wird in Zusammenarbeit mit dem Department of Philosophy and Classics sowie dem Institute of African Studies der University of Ghana durchgeführt.

Ein primäres Ziel der Vorlesungsreihe ist es, die Sichtbarkeit afrikanischer Forschung zu erhöhen und zur Dekolonisierung der Wissensproduktion beizutragen. Die Veranstaltungen adressieren Fragen der epistemischen Gerechtigkeit und untersuchen, wie die Geistes- und Sozialwissenschaften bestehende Machtasymmetrien im globalen Wissenssystem hinterfragen können. Die Vorträge finden in der Great Hall der Universität statt und werden traditionell durch eine Darbietung des Ghana Dance Ensemble eröffnet.

Die Etablierung der Reihe in Accra steht in enger Verbindung zur Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU), die bereits seit 2013 eine gleichnamige Vorlesungsreihe unter dem Konzept der „Streichung“ (under erasure) durchführt. Die erste MIASA Amo Lecture im Jahr 2021 fiel mit der feierlichen Enthüllung einer restaurierten Gedenktafel für Amo zusammen, die der University of Ghana bereits in den 1970er Jahren von der Universität Halle gespendet worden war. Während die Reihe in Halle Amos Erbe oft als Ausgangspunkt für eine kritische Reflexion westlicher Wissenschaftstraditionen nutzt, dient sie am MIASA als Plattform für die Reklamation und Weiterentwicklung spezifisch afrikanischer Wissensökologien.

Zu den bisherigen Gastrednern zählen international renommierte Wissenschaftler wie J. Obi Oguejifor (2021), Sylvia Tamale (2022) und Felwine Sarr (2023). Im Jahr 2024 nutzte Toyin Falola die Vorlesung, um die „African Ancestral Studies“ (AAS) als neues Forschungsfeld zu begründen, welches indigenes Wissen und afrikanische Kosmologien für die Lösung zeitgenössischer Probleme mobilisieren soll. Die Vorlesung 2025 von Akosua Adomako Ampofo thematisierte unter dem Titel „Where are the therapeutic intellectuals?“ die Rolle der Wissenschaft bei der Heilung gesellschaftlicher Traumata.

Publikationen Aus der Forschungsarbeit ehemaliger und aktiver Fellows des MIASA ist eine Vielzahl wissenschaftlicher Beiträge hervorgegangen, deren Entstehung durch das Institut direkt oder indirekt unterstützt wurde. Die folgende Auswahl stellt zentrale Publikationen dar, sortiert nach thematischen Schwerpunkten.

Sustainability Transformations Oshodi, Abdul-Gafar. 2025. Towards Circular Consent in African Studies: Notes on Methodology. Nordic Journal of African Studies, 34 (2): 158-174. https://njas.fi/njas/article/view/1232 Ayeh, Diana. 2022. Le droit minier face à l’éthique de l’or: Contestations autour d’une concession minière au Burkina Faso. Revue internationale des études du développement 249: 35-62. https://journals.openedition.org/ried/770 Kalfelis, Melina & Kathrin Knodel. 2021. NGOs and Lifeworlds in Africa. Transdisciplinary Perspectives. New York & Oxford: Berghahn. https://www.berghahnbooks.com/title/KalfelisNGOs

Democracy Alber, Erdmute, Gretchen Bauer & Akosua Darkwah. 2025. Rethinking Women’s Political Power in West Africa. Special Issue of Africa Today, 71 (3-4). https://muse.jhu.edu/article/965589 Daniel, Antje, Henning Melber & Florian Stoll. 2023. African middle classness, politics and protest: on the context of this issue. Journal of Contemporary African Studies, 41 (1): 1-12. https://doi.org/10.1080/02589001.2023.2199248 Osei, Anja & Daniel Wigmore-Shepherd. 2022. Personal Power in Africa: Legislative Networks and Executive Appointments in Ghana, Togo and Gabon. Government and Opposition 59 (1): 272-296. https://doi.org/10.1017/gov.2022.42 Crawford, Gordon & Abdul-Gafaru Abdulai. 2021. Research Handbook on Democracy and Development. Cheltenham & Northampton: Edward Elgar Publishing. https://doi.org/10.4337/9781788112659

Migration Kleist, Nauja & Jesper Bjarnesen. 2023. Mediating Mobility in West Africa: Improvisation, Culture, and Volatility in Migration Infrastructures. International Migration Review, 1-25. https://doi.org/10.1177/01979183231205563 Rother, Stefan, Susanne Schultz & Mary B. Setrana. 2021. Transnational Skills Partnerships between Ghana and Germany: A “triple-win” solution? AMMODI Policy Note. https://ammodi.com/2021/06/07/transnational-skills-partnerships-between-ghana-and-germany-a-triple-win-solution/ Yeboah, Thomas, Leander Kandilige, Amanda Bisong, Faisal Garba & Joseph Kofi Teye. 2020. The ECOWAS Free Movement Protocol and Diversity of Experiences of Different Categories of Migrants: A Qualitative Study. International Migration 59 (3). https://doi.org/10.1111/imig.12766

Restitution Tsogang Fossi, Richard & Andreas Mehler. 2025. “Menschliche Überreste” in Universitätssammlungen — ein dringend zu bearbeitendes Erbe kolonialer Gewalt. Postcolonial Hierarchies in Peace and Conflict & Africa Centre for Transregional Research (ACT). Policy Paper Nr. 1. https://doi.org/10.5281/zenodo.15282151 Apoh, Wazi & Andreas Mehler. 2020. Introduction: Issues of Restitution and Repatriation of Looted and Illegally Acquired African Objects in European Museums. Special Issue of Contemporary Journal of African Studies (CJAS), 7 (1). https://journals.ug.edu.gh/index.php/cjas/article/view/235/95

African Cities Stanek, Lukasz. 2024. Race, Time, and Architecture: Dilemmas of Africanization in Ghana, 1951–66. Journal of the Society of Architectural Historians, 83 (2): 191-208. https://doi.org/10.1525/jsah.2024.83.2.191 Mensah, Eyo, Offiong Ebong, Queen Ayeni & Felix Eze. 2023. Women as Public Transport Providers: A Qualitative Study of the Perception of Female Tricycle Riders in Nigeria. Journal of Population and Social Studies 31: 832-848. https://doi.org/10.25133/JPSSv312023.046

Knowledge Production Hartmann, Heinrich & Julia Tischler. 2023. Planting Seeds of Knowledge. Agriculture and Education in Rural Societies in the Twentieth Century. New York & Oxford: Berghahn. https://www.berghahnbooks.com/title/HartmannPlanting Crawford, Gordon, Zainab Mai-Bornu & Karl Landström. 2021. Decolonising knowledge production on Africa: Why it’s still necessary and what can be done. Journal of the British Academy 9 (1): 21-46. https://doi.org/10.5871/jba/009s1.021