mini|Claire Keegan (2017) Das dritte Licht (englischer Originaltitel: Fosterfoster child: Pflegekind. To foster a child: ein Kind pflegen. Der deutsche, wie auch der französische (Les Trois Lumières), Titel verbindet diese Thematik mit einer himmlischen Licht-Metaphorik. Claire Keegan: Das dritte Licht. Steidl Verlag Göttingen, 2025, S. 73.) ist der Titel einer erstmals 2010,im Magazin The New Yorker und in erweiterter Form im Verlag Faber und Faber, London, als Buch und 2022 in überarbeiteter Form, publizierten Erzählung von Claire Keegan. Erzählt wird die Geschichte eines irischen Mädchens aus prekären familiären Verhältnissen, das während der Sommerferien bei entfernten Verwandten der Mutter viel Zuwendung erfährt, alternative Umgangsformen kennenlernt und dadurch einen Entwicklungsschub erhält. Die deutsche Übersetzung von Hans-Christian Oeser erschien 2013 bzw. 2023.im Steidl Verlag Göttingen
Inhalt Überblick Die nicht namentlich genannte irische Erzählerin berichtet im Rückblick, aber in der Präsensform,Jochen Schimmang: Ein Sommer, der bleibt. Frankfurter Allgemeine Zeitung online, 18. April 2013. über ein in ihr Leben einschneidendes Kindheitserlebnis: einen Sommerferien-Aufenthalt bei entfernten Verwandten in der Nähe des Meeres. Ihre im Juli und August 1981Datierungshinweise sind die Sommerferien in Irland und die Nachrichtenmeldung von einem toten Hungerstreikenden: Irischer Hungerstreik von 1981 spielende Geschichte beginnt mit der Autofahrt von ihrem Wohnort Parkbridge im County Wicklowin diesem County wuchs die Autorin in einer kinderreichen Familie auf einem Bauernhof auf. zum Bauernhof John und Edna Kinsellas an die Küste bei Gorey im County Wexford und endet mit der Rückkehr zu den Eltern (Kap. 8).
Der Grund für die Reise ist die Überlastung ihrer armen, kinderreichen Familie. Vater Dan ist ein arbeitsscheuer Alkoholiker, verspielt sein Geld und zuletzt eine für den kleinen Bauernhof wichtige Kuh und ist, wie am Ende der Erzählung der Stock in seiner Hand andeutet, vermutlich gewalttätig. Haus und Hof sind in schlechtem Zustand. Mutter Mary erwartet wieder ein Kind und muss die meisten Arbeiten der kleinen Landwirtschaft mit den Kindern, so gut es geht, selbst machen und Lohnarbeiter für die Bestellung der Felder suchen. Oft fehlt dazu das Geld und so ist in diesem Jahr das Heu noch nicht gemacht, anders als bei den Nachbarn.
Das Mädchen nimmt am unspektakulären Alltag der freundlichen Gastfamilie teil und verspürt zum ersten Mal in ihrem Leben Verständnis, Geborgenheit und eine unbekannte „Leichtigkeit“. Aber es erfährt auch vom großen Geheimnis der Kinsellas, das ihr von einer klatschsüchtigen Nachbarin verratene Gerücht der tragischen Todesumstände ihres Sohnes, und versteht, dass Edna darüber nicht reden kann. Als das Mädchen am Ende der Sommerferien zu ihren Eltern zurückkehren muss, wird ihm der Unterschied der Lebensumstände und des Umgangstones erst richtig bewusst, denn es fühlt sich inzwischen als Tochter der Kinsellas.
Sommeraufenthalt bei den Kinsellas Nach Meinung des Vaters Dan, der seine kleine Tochter, offenbar im Grundschulalter, zu John und Edna Kinsella bringt, kann sie so lange wie möglich auf dem Bauernhof bleiben und dort auch arbeiten (Kap. 1). Die kinderlosen Kinsellas nehmen das Mädchen gerne bei sich auf und erklären, arbeiten müsse es nicht, könne aber im Haushalt helfen. Sie kennen die prekäre familiäre Situation Dans und Marys, merken sofort, dass das in der Hygiene und emotional vernachlässigte Kind etwas bedrückt. Sie beginnen mit einem gründlichen warmen Bad, dann folgt die Einkleidung, zuerst mit altmodischen Sachen aus einer Kiste, weil Dan den Koffer mit den Kleidern vergessen hat (Kap. 2). Als am nächsten Morgen das Bett nass ist, beruhigt Edna das Kind, das Angst hat, nach Hause geschickt zu werden, die alte Matratze habe geweint und müsse im Freien trocknen, und John stimmt ihr zu, der Raum sei feucht. Dann machen sie sich ein Speck-Frühstück und lassen sich von dem Mädchen bei der Zubereitung helfen: Es holt Zwiebeln aus dem Gemüsegarten und erhält die Verantwortung für den Toast. Den ganzen Tag hilft „die Kleine“ bei der Hausarbeit. Das Abholen der Briefe aus dem Postkasten an der Straße wird zu einem von John gestoppten täglichen Laufwettbewerb „Fräulein Langbeins“, wie er sie humorvoll nennt, gegen die Zeit: „Nach diesem Sommer wirst du wie ein Rentier sein. In der ganzen Gemeinde wird’s keinen Mann geben, der dich ohne Schmetterlingsnetz und Rennrad einfangen kann“.Clare Keegan: Das dritte Licht. Steidl Verlag Göttingen, 2025, S. 39. Dann folgt ein Ratespiel, was wohl in den Briefen steht (Kap. 3). „Und so vergehen die Tage“, ohne Hektik, undramatisch und ohne besondere Ereignisse, mit gemeinsamen Mahlzeiten, Hausarbeit, Kochen, Kuchenbacken, Stachelbeerernte für Marmelade usw. Am Abend kommen Nachbarn zum Plaudern und Kartenspielen und das Mädchen, das vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben liebevoll „braves Mädchen“ oder „Spätzchen“ genannt wird, verspürt immer mehr Geborgenheit und eine unbekannte „Leichtigkeit“ (Kap. 4).
Im zentralen 5. Kapitel der Erzählung fahren die drei in die Stadt Gorey, kaufen dort Mädchenkleider, Süßigkeiten und Bücher, um Lesen zu üben, was dem Kind immer besser gelingt: „Es war wie Rad fahren lernen; ich spürte, wie mir Flügel wuchsen, die Freiheit, an Orte zu gelangen, wo ich zuvor nicht hinkomme, und es war leicht.“Clare Keegan: Das dritte Licht. Steidl Verlag Göttingen, 2025, S. 81.. Als sie nach Hause kommen und zur Totenwache bei einem Begräbnis gerufen werden, erfährt das Mädchen von der neugierigen und schwatzhaften Nachbarin Mildred, dass auch die aufgeschlossenen Kinsellas Geheimnisse haben: Die von Edna aus einer Truhe geholten Jungenkleider gehörten einmal dem beim Spiel mit dem Hund, in einer Jauchegrube ertrunkenem Sohn der Gastfamilie, „So sag[e] man jedenfalls“.Clare Keegan: Das dritte Licht. Steidl Verlag Göttingen, 2025, S. 62. Nachdem John vom Vertrauensbruch Mildreds erfahren hat, macht er mit dem Mädchen eine Wanderung zur Küste, am Strand entlang, und erklärt ihm die Situation. Manchmal sei es das Beste, „nichts zu sagen“Clare Keegan: Das dritte Licht. Steidl Verlag Göttingen, 2025, S. 70.. Von den Klippen aus sehen sie zwei blinkende Lichter und später ein drittes, stetiges, dazwischen. John zieht das Mädchen an sich, als wäre es sein eigenes Kind.
Die sonnigen Sommerferien hätten beinahe tragisch geendet, als das Mädchen mit einem Eimer aus dem Brunnen Wasser schöpfen will und hineinfällt. Durchnässt läuft es zurück ins Haus, verrät aber nicht, was vorgefallen ist. Edna fragt nicht danach und verordnet ihr einige Tage Bettruhe zur Behandlung der Erkältung (Kap 7).
Als die Kinsellas das Mädchen zurückbringen, finden sie die familiäre Situation unverändert angespannt vor, nur um einen Säugling vermehrt. Bei der Umarmung des Pflegevaters zum Abschied kommt der angetrunkene Dan „mit kräftigen, stetigen Schritten“ mit einem Stock auf sie zu: „Ich klammere mich an ihn [John], als würde ich ertrinken, wenn ich losließe und lausche auf die Frau, in deren Kehle sich Weinen und Schluchzen abzuwechseln scheinen, als weine sie jetzt nicht mehr nur für einen, sondern für zwei. […] Wenn ein Teil von mir aus tiefstem Herzen wieder heruntergelassen werden will, der Frau, die sich so gut um mich gekümmert hat, sagen will, dass ich es niemals verraten werde, so hält mich etwas noch Tieferes in Kinsellas Armen fest. ‚Daddy‘ rufe ich ihn, warne ihn. ‚Daddy‘.“Clare Keegan: Das dritte Licht. Steidl Verlag Göttingen, 2025..
Rezeption und Interpretation Die Erzählung gewann unter dem Titel Foster bereits vor ihrer Veröffentlichung den Davy Byrnes Irish Writing Award 2009Writer Claire Keegan wins €25,000 Davy Byrnes award. In: The Irish Times vom 23. Juni 2009. und wurde nach der Publikation im New Yorker am 15. Februar 2010 in The Best American Short Stories 2011 aufgenommen. Zu den Bewunderern zählen Richard Ford, der das Werk einen „Drahtseilakt von ungewöhnlicher erzählerischer Virtuosität“ nannte,Richard Ford, zitiert in: Claire Keegan: Das dritte Licht. Steidl Verlag Göttingen, 2023, Rückseite. und sein Kollege Jeffrey Eigenidis, der die Doppeldeutigkeiten lobte: „Herzzerreißend, jedes einzelne Wort steht am richtigen Platz“.Jeffrey Eigenidis, zitiert in: Claire Keegan: Das dritte Licht. Steidl Verlag Göttingen, 2023, Rückseite. Seitdem ist Keegan eine der bekanntesten, mit vielen Preisen, v. a. für ihre Kurzgeschichten, ausgezeichneten irischen Autorinnen. Foster ist in Irland Schullektüre für das Abschlusszertifikat.
In Deutschland wurde Keegan bereits nach der Erstveröffentlichung des dritten Lichts als wohl „die interessanteste Stimme der gegenwärtigen irischen Literatur“ gelobt,Jochen Schimmang: Ein Sommer, der bleibt. Frankfurter Allgemeine Zeitung online, 18. April 2013. aber erst nach der Verfilmung (2022) verbreitete sich der Bekanntheitsgrad ihrer Erzählung in der literarischen Öffentlichkeit. Nach der überarbeiteten Neuausgabe (2023) wurde Das dritte Licht ausführlich rezensiert, mit der Prophezeiung: wenn alles mit rechten Dingen zugehe, sollte diese Schriftstellerin berühmt werden. Diese Prognose bestätigte sich mit zahlreichen internationalen Auszeichnungen und in Deutschland mit der Verleihung des Siegfried Lenz Preises 2024 an die „große europäische Erzählerin“ für ihr Gesamtwerk.https://www.siegfriedlenz-stiftung.org/preistraegerin-2024-claire-keegan/
In den meisten Buchbesprechungen steht neben der Thematik der vernachlässigten und unerwünschten Kinder, mit einer vermuteten Kritik an der katholischen Kirche,Sigrid Löffler: „Das dritte Licht“ von Claire Keegan, Buchbesprechung. Deutschlandfunk Kultur, 6. Juni 2023. https://www.deutschlandfunkkultur.de/buchkritik-das-dritte-licht-von-claire-keegan-dlf-kultur-c47a7af9-100.html die sprachliche Gestaltung im Zentrum: Die Poesie und Reduktion der Mitteilungen:
Poesie Trotz der Rückschau erzähle das Mädchen im Präsens und das sei „wichtig für die Stimmung der Geschichte“: Keegans Stil zeichne sich „durch eine große Musikalität“ aus, die Tonhöhe, die Nuancen seien wichtig, aber auch die „Pausen und Aussparungen“.Jochen Schimmang: Ein Sommer, der bleibt. Frankfurter Allgemeine Zeitung online, 18. April 2013. Keegans Sprache sei blankgescheuert „wie ein alter Familientisch, in den Fugen oder Holzwurmlöchern voller Poesie, Zartheit und Sehnsucht“.Annemarie Stoltenberg, NDR Kultur, zitiert in: Claire Keegan: Das dritte Licht. Steidl Verlag Göttingen, 2023, Rückseite.
Minimalistische Erzählökonomie