Berliner Modesalons entstanden als selbständige Schneiderbetriebe in den Goldenen Zwanzigern. Dazu gehörten Maßschneidereien, Modellateliers und Kleinstserien-Manufakturen. Kunden waren „im Rampenlicht“ stehende Personen aus Wirtschaft und Kultur. mini|Im Modesalon 1927

Kultureller Aufbruch – Wirtschaftlicher Einbruch Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges wollte der „Verband der deutschen Mode-Industrie“ Mode, Kunst und Handwerk als kulturelle Einheit verstärkt fördern.1918 sprach Peter Jessen: „Gestaltungskraft, Phantasie, Geschmack, Kunst im Modewesen zu entfesseln, zu vertiefen und an das Licht zu rücken, ist das eigentliche Ziel unseres Verbandes“.

Die großen Häuser der Berliner Konfektion betrieben bereits vor 1920 interne Salons mit Pariser Originalmodellen und Maßschneidereien für die exklusive Kundschaft (z. B. Herrmann Gerson).

In Übereinstimmung mit der Initiative schufen die Modedesigner der Häuser vermehrt Eigenkreationen. Der Detailhandel in den Studios diente dem Prestige. Haupteinnahmequelle der Konfektionshäuser war weiterhin der Verkauf ihrer Sommer- und Winterkollektionen im Großhandel und Export.

Großhandel und besonders der Export brachen in den Jahren 1918 bis 1923 ein. Gründe waren Handelsboykotte, Reparationen, innenpolitische Kämpfe der jungen Weimarer Republik, Arbeitslosigkeit und Inflation.

Aufschwung und Veränderungen in der Gesellschaft Reparationen wurden begrenzt, Handelsboykotte abgebaut und die Inflation durch Einführung der Rentenmark gedämpft. Ab 1924 hatten Revuetheater vermehrt Zulauf, die UFA begann mit der Stummfilmproduktion, später folgte der Tonfilm. Das Berliner Tageblatt zählt im Jahr 1928 44 Theater, 78 Varietés und 363 Kinos.

Technische Entwicklungen beeinflussten zusätzlich die Modeszene Berlins: Die Chemieindustrie entwickelte Kunstseiden. Die ersten Kraftfahrzeuge belebten die Straßen.

Modestudios in den Golden Zwanzigern Die Kreativ-Initiative des Verbandes wirkte. Gesa Kessemeier schrieb: „Erst jetzt traten – wie in Paris – auch in Berlin einzelne Direktricen und Künstler namentlich als kreative Köpfe hervor“. Noch genauer beschrieb Christine Waidenschlager die Entstehungsphase: „Sucht man nach einem eigenständigen Modeschaffen in Berlin, findet man es sicherlich weniger im Genre der Tages- und Abendmode im eigentlichen Sinn als vielmehr auf dem Gebiet des Bühnenkostüms.“ Die Konfektionshäuser und Maßateliers bekamen Anfragen von den Theatern und die Direktricen und Konfektionäre fertigten die Kostüme für die Produktionen.

Einige Designer verließen ihre Häuser, um speziell Mode für Produktionsfirmen und deren Starpersonal zu machen. Prächtige Villen und Räumlichkeiten sollten imponieren. Mit dem Erfolg der Tonfilme ab 1929 konnten einige Salons (z. B. von Joe Strassner) zunächst die Weltwirtschaftskrise abwehren, manchen Konfektionsfirmen gelang das nicht. Für die Berliner Konfektion benennt Gesa Kessemeier eine Zeitspanne von 1836 bis 1936. Die Berliner Modesalons waren Teil dieser Epoche.

Personen aus der Berliner Modegeschichte Viele dieser Berliner Modesalons beschreibt Gesa Kessemeier mit großem Detailreichtum.

Clara Schultz +Clara Schultz(1908–1933) – Direktrice: Luise BuschAnfangsadresseThemaReferenzkundenVerbindung zuAdresse in BerlinPotsdamer Str. 129–130TheaterkostümeFritzi Massari, Asta Nielsen, Fr. Dr. StresemannAnneliese BuschTiergartenstraße 15 Clara Schultz eröffnete ihr erstes Geschäft unter anderem Namen bereits 1888. 1916 schied sie aus und übergab das Geschäft an Luise Busch. Aus der Konkursmasse von „Clara Schultz“ entstand „Anneliese Busch“.

Max Becker +Max Becker(1917–1937) Direktrice: Erna BeckerAnfangsadresseThemaReferenzkundenVerbindung zuAdresse in BerlinTorstraße 210Kostüme für Stummfilme, Konfektion, AUTOMarlene Dietrich, Clärenore Stinnes, E. Bergner, Lil Dagover ---Budapester Str. 3 Max Becker führte auch Pariser Modelle von J. Lanvin.

Johanna Marbach +Johanna Marbach(1912–1937)AnfangsadresseThemaReferenzkundenVerbindung zuAdresse in BerlinBehrensstr. 53–54Hutmoden, Konzertroben, StummfilmClaire Dux, Pola Negri, Tilla Durieux, Ossi Oswalda Gerson-Prager HausdorffBudapester Str. 16–18 Nach zwischenzeitlicher Kooperation mit „Gerson-Prager Hausdorff“ folgte 1915 ein Neubeginn. 1916 zog man in ein prächtiges Haus in der Lennéstraße 3.

August Kuhnen +August Kuhnen(1920–1936)AnfangsadresseThemaReferenzkundenVerbindung zuAdresse in BerlinLennéstraße 5Maßkonfektion, Pariser ModelleDiplomaten, Adelsfamilien, Wirtschaftsbosse Koch-HausdorffTiergartenstraße 23 Miteigentümer war Ernst Neulaender. Seine Schwester Yva war eine gefeierte Starfotografin. 1927 zog der Salon in die Tiergartenstraße 23. Nach dem Tod von August Kuhnen wurde die Firma des Erben Ernst Neulaender 1936 arisiert. Profiteur war Werner Brüggemann, der die Firma am Kurfürstendamm 213 weiterführte.

Olga de Bayer +Olga de Bayer(1921–1933)AnfangsadresseThemaReferenzkundenVerbindung zuAdresse in BerlinBendlerstraße 3Kostüme für StummfilmeLil Dagover Emil Orlik, KunstmuseumKurfürstendamm 224 Nach 1933 war die Firma noch als „de Bayer Modelle GmbH“ am Kurfürstendamm 155 registriert.

Harald Marenholz +Harald Marenholz(1925–1937)AnfangsadresseThemaReferenzkundenVerbindung zuAdresse in BerlinKönigin-Augusta Str. 44Kostüme für StummfilmeLil Dagover, Brigitte Helm UFALützowufer 9 Er arbeitete im Team mit seinem Bruder Rolf Marenholz zusammen, der die Modelle fotografierte. Ab 1937 war Harald sehr erfolgreich in London. Von dort aus verkaufte er den Salon an Ilse Schwarz. Richard Goetz +Richard Goetz(1926–1938)AnfangsadresseThemaReferenzkundenVerbindung zuAdresse in BerlinKurfürstendamm 213Kollektionen, Tagesmode, AbendkleiderProminenz und Geschäftskunden, Handel, ExportGlaser & GoetzKurfürstendamm 213 Vor den Repressalien des NS-Regimes fliehend, emigrierte Richard Goetz nach Amsterdam, wo er bereits vorsorglich eine Beteiligung an „Hirsch & Cie Amsterdam“ erworben hatte. Nach der Besetzung der Niederlande konnte er schließlich 1942 zu seinem Bruder in die USA fliehen. Vorher musste Richard Goetz sein Unternehmen an Werner Brüggemann weit unter Wert zwangsverkaufen. Bereits unter dem Abschnitt „August Kuhnen“ wurde ausgeführt, dass Brüggemann die in der Tiergartenstraße 23 befindliche Firma „geschluckt“ hatte. Mit dieser zog er jetzt zum Kurfürstendamm 213, da an der Tiergartenadresse die Italienische Botschaft gebaut wurde. „August Kuhnen, Inhaber Brüggemann“ blieb bestehen, „Richard Goetz“ wurde gelöscht. Überzähliges Personal aus der Verschmelzung wurde an die „OHG Herrmann Gerson Gebr. Horn“ abgegeben. Die Gebrüder Horn hatten bereits die Firma Herrmann Gerson arisiert. Richard Goetz wurde nach dem Krieg entschädigt und Brüggemann musste weichen.

Joe Strassner +Joe Strassner(1929–1933)AnfangsadresseThemaReferenzkundenVerbindung zuAdresse in BerlinKurfürstendamm 233Kollektionen, Kostüme für Revue+FILMLilian Harvey, A.M. Wong, Brigitte Helm, Käthe von Nagy, Renate MüllerHerrmann Gerson, UFAKurfürstendamm 202 Angefangen hatte Strassner bei „Paul Hess“ und „Jaques Hobe“. In den Jahren 1927–1929 entwarf er bei Herrmann Gerson Kollektionen. Gesa Kessemeier schreibt: „Joe Strassner war der talentierteste Berliner Designer des 20. Jahrhunderts“. Strassner emigrierte nach London und in die USA.

Wie der „KuDamm“ Modemeile wurde Um 1900 konzentrierten sich die Häuser für den Großhandel und den Export am Hausvogteiplatz, die Geschäfte für den Einzelhandel, Kaufhäuser eingeschlossen, vornehmlich in der Leipziger Straße und dem Werderschen Markt.

Ebenfalls Einzelhandel, unterstützt durch Nähateliers in prächtigen Villen, betrieben die Modesalons des Tiergartenviertels ab 1910.

Den Anziehungspunkten des „Neuen Westens“ wie KaDeWe, Eden Hotel und Tauentzienpalast folgten die ersten Modesalons aus dem Tiergartenviertel nach. Viele der Lokalitäten am Kurfürstendamm wurden beim Neuaufbau nach Kriegsende durch Modefirmen weiter genutzt. Die 50. Berliner Durchreise im Jahr 1962 nahm die Modebranche zum Anlass, diese Firmen vorzustellen.

Einzelnachweise

Kategorie:Mode (Deutschland) Kategorie:Unternehmergruppe Kategorie:Form einer sozialen Gruppe Kategorie:Textilunternehmer (20. Jahrhundert) Kategorie:Wirtschaft (Berlin) Kategorie:Berliner Geschichte (20. Jahrhundert)