mini|Ein zentrales Transparent vom Bündnis Nein zur Wehrpflicht

Schulstreik gegen Wehrpflicht ist eine Initiative, die sich seit Ende 2025 gegen eine Reform oder mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland einsetzt. Die Initiative geht von Schülern aus und organisiert ihre Aktionen in Form von Demonstrationen mit Schulstreiks. Ziel ist es, eine gesellschaftliche und politische Debatte über verpflichtenden Wehrdienst und die politische Beteiligung junger Menschen anzustoßen. Die Proteste entstanden im Kontext der sicherheitspolitischen Debatte über die personelle Ausstattung der Bundeswehr sowie über mögliche neue Wehrdienstmodelle. Bislang kam es in zahlreichen deutschen Städten zu Demonstrationen, an denen zehntausende Jugendliche teilnahmen.

Unterstützt werden die Schulstreiks von Schüler- und Studierendenvertretungen, Gewerkschaften, Organisationen der Friedensbewegung, Kirchen sowie unterschiedlichen Gruppen auf der politischen Linken. Kritische Stimmen gibt es vor allem aus dem Lager der schwarz-roten Koalition, aber auch von einzelnen Verbänden und NGOs. Daneben gibt es zahlreiche Stimmen, welche die Ziele der Kampagne zwar nicht unterstützen, aber in unterschiedlicher Weise für einen Dialog mit ihr eintreten.

Hintergrund Die allgemeine Wehrpflicht war in der Bundesrepublik Deutschland bis 2011 ein zentraler Bestandteil der Verteidigungspolitik. Im Zuge einer Reform der Bundeswehr wurde sie im Juli 2011 ausgesetzt, wodurch seitdem der Wehrdienst auf Freiwilligkeit basiert.

In den 2020er Jahren gewann die politische Debatte über eine Reform des Wehrdienstsystems erneut an Bedeutung. Hintergrund waren veränderte sicherheitspolitische Rahmenbedingungen in Europa, unter anderem in Folge des russischen Überfalls auf die Ukraine, sowie Diskussionen über die personelle Stärke der Bundeswehr. So entstand beispielsweise schon in 2024 das Bündnis Nein zur Wehrpflicht (NZW), das von verschiedenen Jugendorganisationen aus dem linken und linksextremen Spektrum getragen wird. Im September 2025 sprach sich auch die DGB-Jugend gegen die Wiedereinführung von Wehrpflicht und anderen Pflichtdiensten aus. Dabei kritisierte sie das geplante Wehrdienstmodernisierungsgesetz sowie Maßnahmen zur Wehrerfassung als Schritte hin zu einer möglichen Reaktivierung der Wehrpflicht.

Im Dezember 2025 verabschiedete der Deutsche Bundestag das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz, das ab 2026 ein Modell des „Neuen Wehrdienstes“ etabliert. Kern ist eine verpflichtende Erfassung aller 18-jährigen Männer durch die Ausfüllung eines digitalen Fragebogens, der für Frauen freiwillig ist. Im Sommer 2026 begann das Bundesverteidigungsministerium unangekündigt damit, 18-jährige Männer verpflichtende Musterungsbescheide zu schicken, selbst wenn diese im Fragebogen ihr Interesse für den Wehrdienst mit "0 von 10" bekundet hatten. Ab Mitte 2027 wird zudem eine flächendeckende verpflichtende Musterung für Männer eingeführt, um die Verteidigungsfähigkeit zu prüfen. Das Gesetz enthält zudem eine Klausel zur sogenannten „Bedarfswehrpflicht“, die vorsieht, dass falls die Zahl der Freiwilligen nicht ausreicht, um den gesetzlich festgelegten Personalbedarf der Bundeswehr zu decken, der Bundestag eine verpflichtende Einberufung von Teilen eines Jahrgangs beschließen kann.

Infolge der geplanten und im Dezember 2025 getätigten Verabschiedung des neuen Wehrpflichtgesetzes vermeldeten die Beratungsstellen für Kriegsdienstverweigerung einen rasant zunehmenden Beratungsbedarf. Die Zeit vermeldete, dass diese eigenen Angaben zufolge geradezu mit Anfragen „geflutet“ werden.Mehr Anfragen bei Beratungsstellen für Kriegsdienstverweigerung. Die Zeit, 18. Oktober 2025, aufgerufen am 8. Juni 2026Immer mehr Menschen suchen Infos zu Kriegsdienstverweigerung, BR24, 18. Oktober 2025, aufgerufen am 8. Juni 2026 Einem Bericht des Spiegel zufolge sind Organisationen wie DFG-VK sowie die Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden (EAK) zunehmend auch mit Anfragen besorgter Eltern konfrontiert.„Was, wenn ich in den Krieg muss?“ – Wie Eltern mit den Ängsten ihrer Kinder umgehen sollten, Claudia Wittke-Gaida, Mitteldeutsche Zeitung, 28. Oktober 2025, aufgerufen am 8. Juni 2026

Organisation Das die Proteste tragende Bündnis formierte sich als Reaktion auf die Debatte zur Wiedereinführung der Wehrpflicht„Schulstreik gegen Wehrpflicht“: Alle Infos zur neuen Jugendbewegung, watson.de, 20. Februar 2026, aufgerufen am 8. Juni 2026, ist dezentral organisiert und eigenen Angaben zufolge „für alle offen, die gegen die Wehrpflicht sind“. Der taz zufolge sei die Bewegung „eine Selbstorganisation von Schüler*\innen, die auf den bundesweiten Konferenzen Forderungen und nächste Schritte festlegt“.Schulstreik gegen Wehrpflicht, Dominik Baur, taz, 8. Mai 2026, aufgerufen am 8. Juni 2026

Unterstützt, mitgetragen oder sympathisierend flankiert wird das Bündnis von einer Reihe zivilgesellschaftlicher Organisationen, Gruppen, Parteien und Initiativen. Die Zeit führte als Unterstützer des ersten Aktionstags im Dezember 2025 unterschiedliche Friedensorganisationen, die Gewerkschaft GEW sowie das BSW auf.Jugendorganisation ruft zu Streik und Protesten gegen Wehrdienst auf, ZEIT, 2. Dezember 2025, aufgerufen am 8. Juni 2026 An den Aktionen am 5. März beteiligten sich unter anderem die GEW, die EVG Jugend, der Arbeitskreis Internationalismus der IG Metall sowie unterschiedliche Gruppen der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di.Über 50.000 Schüler:innen bundesweit im Streik gegen die Wehrpflicht, Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin, pressenza, 9. März 2026, aufgerufen am 8. Juni 2026 Das Nachrichtenportal Watson nannte als Unterstützer im Februar 2026 unterschiedliche Jugendverbände, Gewerkschaften und Friedensorganisationen, die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) sowie, verweisend auf einen Bericht des Spiegel, ver.di Jugend sowie die Jungsozialisten. Weitere Unterstützer laut taz: diverse Orts-, Kreis- und Landesverbände der Linkspartei, der Internationale Jugendverband (IJV), die Interventionistische Linke (IL), die Grüne Jugend sowie die DFG-VK.Fridays for Frieden, Dominik Baur, taz.de, 8. Mai 2026 und „Nicht unsere Politiker“, Marlene Thaler/Anselm Mathieu, taz.de, 5. Dezember 2026, beide aufgerufen am 8. Juni 2026

Eine Recherche des Hessischen Rundfunks ergab, dass an vielen Orten in Hessen und anderen Bundesländern linksextreme Gruppen wie die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend maßgeblich auf die Proteste eingewirkt hätten. Der Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen berichtete, dass auch Organisationen wie die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) oder die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands für die Veranstaltungen mobilisieren. Das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz bezeichnete einzelne Gruppierungen aus dem linksextremistischen Spektrum regional als „Treiber“ hinter Streikaufrufen.

Einer der Initiatoren von „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ war der Göttinger Student Hannes Kramer, Mitglied bei der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend und bei der Deutschen Kommunistischen Partei.

Protestaktionen 2025 Anlässlich der Bundestagsberatungen über die Wiedereinführung der Wehrpflicht am 5. Dezember 2025 fanden die ersten größeren Proteste der Bewegung statt. In weit über hundert deutschen Städten beteiligten sich Schüler – laut Organisatoren 40.000 – an Demonstrationen gegen eine mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht.

2026 Weitere Demonstrationen folgten im Frühjahr 2026. So fanden am 5. März 2026 bundesweit mehr als hundert Demonstrationen statt, an denen insgesamt rund 50.000 Personen, darunter auch Eltern und Lehrkräfte, teilnahmen.

Am dritten bundesweiten Schulstreik nahmen am 8. Mai 2026, dem Tag der Befreiung, mehrere Tausend Jugendliche in über hundert Städten teil.„Schulstreik gegen die Wehrpflicht“: Demos in ganz Niedersachsen bei ndr.de vom 8. Mai 2026.

Am 25. September 2026 demonstrierten mehr als 45.000 junge Menschen in ungefähr 100 Städten anlässlich des vierten Schulstreiks gegen Wehrpflicht.

Reaktionen

Politik Anfang Dezember 2025 begrüßte Linken-Vorsitzender Jan van Aken die Proteste.

Während einer am 4. Dezember im Schleswig-Holsteinischen Landtag stattfindenden Debatte kritisierte CDU-Politiker Martin Balasus die Proteste als naiv, verantwortungslos und mit der Schulpflicht unvereinbar. Der bildungspolitische Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion Schleswig-Holstein, Malte Krüger, äußerte Verständnis für die Sorgen der beteiligten Schüler und sprach sich für einen freiwilligen Wehrdienst mit verbesserten Anreizen aus. Zugleich kritisierte er die öffentliche Kritik an den Demonstrationen als unangemessen und forderte stattdessen den Dialog mit den Jugendlichen zu suchen.

Am 5. Dezember begrüßte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) in einer Rede im Bundestag die Demonstrationen ausdrücklich, verteidigte jedoch zugleich die Reformen als Schritt zur „Verteidigungsfähigkeit“.

Der Landtag von Sachsen-Anhalt beriet am 17. Dezember über einen Antrag der Fraktion Die Linke, der dazu aufrief, Schulstreiks gegen eine mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht zu ermöglichen und Freiwilligendienste auf Bundesebene zu stärken. Die Linke-Fraktionsvorsitzende Eva von Angern verteidigte die Proteste als legitimen Ausdruck der Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Für die SPD plädierte Katja Pähle für eine offene Diskussion mit jungen Menschen über die Thematik. Bildungsminister Jan Riedel (CDU) betonte, dass politische Demonstrationen auch außerhalb der Unterrichtszeit möglich seien und die Schulpflicht nicht infrage gestellt werden dürfe. Oliver Kirchner der AfD lehnte Schulstreiks ebenfalls ab und erklärte, Demonstrationen könnten nach Unterrichtsschluss stattfinden. Konstantin Pott von der FDP äußerte Verständnis für die Anliegen der protestierenden Schüler, sah darin jedoch keine Rechtfertigung für Verstöße gegen die Schulpflicht und bezeichnete Schulstreiks als ungeeignetes Mittel politischer Einflussnahme.

Im März 2026 bekundete Amelie Vollmer, Spitzenkandidatin der Linken für die Landtagswahl in Baden-Württemberg, ihre Unterstützung für Schulstreik gegen Wehrpflicht.

Eine Sprecherin des Bayerischen Innenministeriums erklärte, dass der Widerstand gegen den neuen Wehrdienst mit der traditionellen antimilitaristischen Grundhaltung des politisch linken Spektrums zu erklären sei. Zudem werde die Diskussion rund um die Wehrpflicht von Linksextremisten auch genutzt, „um neue Anhänger im bürgerlich-demokratischen Bereich zu werben und gleichsam die Akzeptanz der eigenen antidemokratischen Standpunkte zu erhöhen“.

Die Initiative wird auch vom BSW unterstützt.

Gewerkschaften Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) teilt die Sorgen vieler Schüler hinsichtlich Wehrpflicht, Frieden und Demokratie und rief ihre Mitglieder dazu auf, die politische Meinungsbildung und das Engagement junger Menschen zu diesen Themen zu unterstützen. Zudem kritisiert die Gewerkschaft die zunehmende Präsenz der Bundeswehr an Schulen und spricht sich gegen aus ihrer Sicht einseitige sicherheitspolitische Darstellungen sowie gegen Rekrutierungsmaßnahmen an Bildungseinrichtungen aus. Die Jugendorganisation der GEW (junge GEW) beteiligte sich an Aufrufen zu Protestaktionen gegen die geplante Wiedereinführung von Musterung und Wehrpflicht.

Die IG Metall und die IG Metall Jugend haben sich mehrmals in verschiedenen Städten den Schulstreiks angeschlossen.

In mehreren deutschen Großstädten solidarisierte sich die DGB-Jugend mit der Initiative und rief zu Streiks auf. Auch die Ver.di-Jugend beteiligte sich an mehreren regionalen und überregionalen Streikaufrufen.

Bildungsverbände Der Deutsche Lehrerverband warnte mit „erzieherischen Maßnahmen bis hin zu einem Verweis“ bei unentschuldigtem Fehlen im Unterricht.