mini|Titelseite von Georg Wernhers Hauptwerk De admirandis Hungariae aquis hypomnemation., 2. Auflage Wien 1551, Verlag Aegidius Aquila (Drucker), Kupferstecher und Kartograph: Augustin Hirschvogel, verziert mit dem Wappen des Herausgebers Siegmund von Herberstein. Georg Wernher, auch Georg Werner (, , , alle Sprachvarianten auch mit der Schreibung Werner, , * um 1490, spätestens 1497 in Patschkau (Paczków), Fürstentum Neisse, Schlesien; † wenige Tage vor dem 8. Juli 1556 in Eperies (Prešov), Oberungarn, Königliches Ungarn) war ein ungarischer Renaissance-Humanist, Schulrektor, Ratsherr, Burgpräfekt, Statthalter, Finanzbeamter, Diplomat, lateinisch-altgriechischer Dichter und Wasser- und Heilwasserbeschreiber schlesischer Herkunft.
Er gilt als herausragende Persönlichkeit des Renaissance-Humanismus in Ostmitteleuropa. Als Kammerrat legte er den Grundstein der 1567 begründeten Zipser Kammer, eine der beiden königlichen Güter- und Finanzkammern im habsburgischen Teil des durch Bürgerkrieg und Osmanische Besetzung dreigeteilten Königreichs Ungarn. Als Diplomat handelte vorwiegend er, zeitweilig durch Gebietstausch, die Wiedervereinigung des westlich-nördlichen Teils der Habsburger mit dem östlichen Teil Siebenbürgen aus. Er war königlicher Rat und Vertrauter des Kaisers und Königs Ferdinand I. Als Beamter und Humanist stand er in Kontakt mit Siegmund von Herberstein und weiteren Diplomaten, zahlreichen Humanisten und dem Reformator Philipp Melanchthon. Seine Dichtung in lateinischer und griechischer Sprache wird bis heute als sehr elegant und kreativ eingeschätzt. Aus seinen Alltagskontakten, Literaturkenntnissen und brieflichen Angaben ist bekannt, dass Wernher neben den klassischen Sprachen und seiner Muttersprache Deutsch auch fließend Ungarisch, Slowakisch, wohl auf hohem Niveau Tschechisch und Polnisch und möglicherweise Rumänisch beherrschte. Sein Ziel der Veröffentlichung einer mehrbändigen Geschichte Ungarns verhinderte sein Tod 1556.
Georg Wernher verfasste als Hydrograph (Wässerbeschreiber) die europaweit erste mittelalterlich-neuzeitliche, für damalige Verhältnisse chemisch-geologisch und medizinisch systematisierte und klassifizierte Beschreibung von vielen Heilquellen und Wassern. Er gilt als Vater der Balneologie (Bäderheilkunde) in Ungarn, besonders in der heutigen Slowakei, und verfasste Standardwerke über Heilwässer in Ungarn allgemein und in der damals zwischen Ungarn und Polen geteilten Region Zips. Zahlreiche slowakische Heilquellen verdanken ihm ihre Ersterwähnung. Dabei beschrieb er auch als einer der ersten die Zementation im Vitriolverfahren des Kupferbergbaus und erwähnte nebenbei Beweise, dass Gesteine nicht seit der biblischen Schöpfung bestanden haben können, über 200 Jahre bevor sich diese Erkenntnis wissenschaftlich durchsetzte.
Herkunft und Studium Georg Wernher hinterließ in so unterschiedlichen Bereichen prägende Einflüsse, dass die ersten Historiker, die sich mit ihm beschäftigten (Jan Daniel Janocki 1774, István Weszprémi 1774, Gustav Bauch 1898 und Elfriede Rensing 1933) überlegten, es könnte sich um zwei Namensvetter handeln, was widerlegt ist.Zoltán Csepregi: Bújócskázó életrajz. Wernher György (1490?–1556) hányatott ifjúsága. (Ungarisch: Eine versteckte Biografie. Erkenntnisse zur Jugend von Georg Wernher (1490?–1556).) In: Acta Historiae Litterarum Hungaricarum 29 (2006), S. 41–46, Seine Biografie ist in großen Teilen erforscht, die Wertung einiger Details und Quellenfunde wird in jüngerer Zeit diskutiert und revidiert. Alle Forscher sind sich einig, dass er in seiner Zeit herausragt, aber es gibt bis heute keinen wissenschaftlichen Artikel, der alle Aspekte seiner Tätigkeiten abdeckt.Ágnes Póka: Ein Humanist in der Finanzverwaltung. Die Beamtenlaufbahn von Georg Wernher (1497?–1556). In: Zsolt K. Lengyel et al. (Hrsg.): Ungarn-Jahrbuch. Zeitschrift für interdisziplinäre Hungarologie. Band 33 (Jahrgang 2016/17), Regensburg 2018, S. 7–24,
Georg Wernher wurde um 1490 in der damals schon vorwiegend deutschsprachigen Stadt Patschkau an der Glatzer Neiße – später die Grenze zwischen Niederschlesien und Oberschlesien, auf der rechten, oberschlesischen Flussseite gelegen – geboren. Sein genaues Geburtsjahr ist unbekannt, es wird um 1490 geschätzt und kann nach seiner Studienzeit nicht später als 1497 gewesen sein. Er entstammte einer nicht sehr wohlhabenden Kaufmannsfamilie aus Patschkau, das im 15. Jahrhundert als Handels- und Messestadt aufblühte.Martin Homza; Stanisław A. Sroka (Hrsg.): Historia Scepusii II. Dzieje Spisza od roku 1526 do roku 1918. (polnisch: „Historia Scepusii II. Geschichte der Zips vom Jahr 1526 bis zum Jahr 1918.“) Bratislava, Krakau 2021, S. 390 (Kurzbiographie von Jana Balegová). Der sonst wenig bekannte Vater hieß Martin Wernher.Jana Balegová: Humanista Jerzy Werner–wychowanek Akademii Krakowskiej. In: Prace Historyczne. Zesztyczy Naukowe Uniwersytetu Jagiellońskiego 2011, S. 83–95, Seine elementare und weiterbildende Schulbildung erhielt er wohl in Patschkau. Wenige Biografen vermuten, allerdings ohne Belege in den Quellen, er könnte auch das Gymnasium von Neisse (poln. Nysa), nicht von Patschkau, besucht haben.
mini|Collegium Maius der Universität Krakau Von 1511 bis 1514 studierte er an der Universität Wittenberg und ab 1515 an der Universität Krakau, wo er 1519 den baccalarius artium (B.A.) erwarb. Sein Studium war der Förderung der aus der nordungarischen Region Zips stammenden reichen Bergunternehmerfamilie Thurzo, die in den Hochadel aufgestiegen war, zu verdanken. Johannes V. Thurzo war Fürstbischof von Breslau und damit automatisch auch Reichsfürst von Neisse, wo Patschkau lag, vormals Rektor der Universität Krakau und vermittelte vielen ärmeren Söhnen Stipendien und Kontakte. Bereits 1515 trat Wernher als begabter Student in Erscheinung, als er seinem Krakauer Rhetorik- und Poetiklehrer Valentin Eck aus Lindau für sein Lehrbuch De arte versificandi opusculum („Über die Kunst des Dichtens“) im Vorwort ein elfsilbiges Empfehlungsgedicht in lateinischer Sprache veröffentlichte. Einer seiner Studienfreunde in Krakau war der schlesische Lateindichter und Diplomat Georg von Logau, mit dem er später einen Gedichtband veröffentlichte, und der Wernhers Begabung für lateinische und griechische Dichtung lobte. Viele Krakauer Studenten verehrten damals den europaweit führenden Humanisten Erasmus von Rotterdam, aber sein Lehrer Johannes Antoninus aus Kaschau empfahl nur Georg Wernher an Erasmus für Briefkontakte, die vielleicht nicht entstanden, jedenfalls nicht erhalten sind. Aus Briefkontakten mit Antoninus ist aber bekannt, dass Erasmus von Wernher wusste. Noch 1527 zierten einen publizierten (nicht erhaltenen) offenen Brief Erasmus’ an König Sigismund I. von Polen mehrere lateinische Gedichte Krakauer Humanisten, auch von Wernher. In Krakau freundete sich Wernher mit dem damaligen kaiserlichen Gesandten aus Wien in der Hauptstadt Polens, Siegmund von Herberstein, an. Der sehr belesene Wernher zeigte auch immer vertiefte naturwissenschaftliche und medizinische Kenntnisse, deren Herkunft nicht ganz geklärt ist. Nach dem Tod seines Förderers Johannes Thurzo veröffentlichte er 1520 in Krakau eine erste lateinische Elegie auf ihn und seinen Bruder Alexius Thurzo.
Das folgende Magisterstudium schloss er mit Sicherheit nicht ab, falls er es überhaupt antrat. Rensing vermutete früher, dass er an der Universität Wien Magisterstudent war, was heute Jana Balegová und Ágnes Póka ausschließen, weil sich bald Lebensstationen im östlichen und nördlichen Königreich Ungarn nachweisen lassen. Der in Wiener Matrikeln geführte Student Georgius Hungarus (Georg der Ungar), Schüler von Johannes Cuspinian und dem aus Siebenbürgen gebürtigen Jakobus Piso, war wohl ein anderer. Die Biografin Tünde Katona und der Kirchenhistoriker Jan-Andrea Bernhard vertreten die Hypothese weiterhin, auch weil Cuspinian, Piso und der damals ebenfalls in Wien lehrende Caspar Ursinus Velius zu Wernhers Briefkontakten zählten; für Piso war Wernher 1527 sogar Herausgeber seiner Gedichtsammlung.Jan-Andrea Bernhard: Konsolidierung des reformierten Bekenntnisses im Reich der Stephanskrone. Ein Beitrag zur Kommunikationsgeschichte zwischen Ungarn und der Schweiz in der frühen Neuzeit (1500−1700). Göttingen 2017, S. 207–211, Es ist aber ausgeschlossen, dass er das Magisterstudium abschloss oder lange Zeit verfolgte, weil sich schon 1519 Spuren in Ungarn finden.
Ungarn, Stadtämter in Eperies (Prešov) und Bürgerkrieg Um 1519 ging Wernher ins Königreich Ungarn. Nach älteren Angaben war er Lehrer in Eperies (slowakisch: Prešov, deutsch heute auch Preschau, ungarisch: Eperjes), Kaschau (slow. Košice, ung. Kassa) und Kronstadt/Siebenbürgen (rumänisch: Brașov, ung. Brassó). In Eperies wird 1520 ein Junggeselle Georgius als Privatlehrer und 1521 ein Baccalaureus Georgius in städtischen Rechnungsbüchern aufgeführt. In Kronstadt wird am 29. Mai 1523 Baccalaureus Werner scholasticus erwähnt (Bacchelor Werner, Schulrektor). Sein Umzug aus Krakau oder Wien nach Ungarn ist auch sicher, weil 1523 in Krakau eine lateinische Elegie Wernhers auf die Passion Jesu mit ausdrücklicher Widmung zu Ehren des ungarischen Reichskanzlers und Erzbischofs von Esztergom, Ladislaus (László) Szalkai, erschien. Mit dem Umzug nach Ungarn folgt Werner einer unter Humanisten verbreiteten Tradition, in anderen Ländern Stellungen zu suchen, wobei vielleicht auch seine Beziehung zur Familie Thurzo aus Nordungarn eine Rolle spielte.
Im Jahr 2006 bewies der ungarische Historiker Zoltán Csepregi, dass Wernher von 1521 bis Ende 1523 schon Schulrektor der städtischen Bürgerschule und ab 1519 auch Stadtschreiber in Kronstadt war. Csepregi konnte Wernhers Handschrift in den Archiven der Stadt identifizieren. Demnach war der 1520 und 1521 in Eperies erwähnte Lehrer Georg mit Sicherheit ein anderer, denn 1519 fertigte Wernher erstmals eine Urkunde in Kronstadt an. Die erwähnten Lehrertätigkeiten in Eperies und Kaschau beziehen sich möglicherweise auf spätere Etappen seiner Biografie (siehe Kapitel zum Rektor). mini|hochkant=1.3|Die zentrale Stadtkirche von Eperies/Prešov/Eperjes, die Nikolai-Konkathedrale aus dem 14. Jahrhundert Gesichert nachweisbar wird sein Aufenthalt in Ungarn danach 1524, als er die Stelle des Stadtschreibers in der damals fast ausschließlich deutschsprachigen Handelsstadt Eperies annahm, wo Rensing seine Handschrift erkannte, 1525 war er daneben alleiniger Finanzbuchhalter der Stadt und 1526 stieg er zusätzlich in den Stadtrat auf. Póka konkretisiert, dass es der „Kleine Rat“ oder „Innere Rat“ aus Geschworenen (iuratus) war, der gerichtliche Aufgaben hatte, dem er bis mindestens 1534 angehörte. Um 1530 wurde er Vorsitzender dieses Rates, also Stadtrichter von Eperies,Jenő Szűncs: A szepesi kamarai léveltár 1567–1813. (ungarisch: „Das Archiv der Zipser Kammer.“) Budapest 1990, S. 7–11, was er wahrscheinlich 1534 aufgab, als er in dem Jahr in den „Großen Rat“ oder „Äußeren Rat“, der die politischen und wirtschaftlichen Fragen der Stadt entschied, als centumvir (dt. „Hundertleut“, weil dieser Rat 100 Mitglieder hatte) wechselte. Diesem Rat gehörte er 1534–1536 und 1538 an.
Rensing hatte 1933 vermutet, dass Wernher 1524–1526 Sekretärsaufgaben für die Kanzlei des jungen ungarischen Königs Ludwig II. übernahm, was aber auf einem Übersetzungsfehler beruhte. Die überlieferte Zeile Ad Georgii Silesium regis Pannoniae a secret[ari]is bedeutet „an den schlesischen Georg von den Sekretären des ungarischen Königs“.