Mitoc-Malu Galben (abgek. MMG, in älteren Publikationen auch La Malu Galben oder nur Malu Galben) ist eine archäologische und anthropologische Fundstätte im Nordosten von Rumänien. Sie ist die landesweit erste entdeckte paläolithische Fundstelle und steht unter Denkmalschutz.

Mit einer 14 m tiefen Abfolge von Löss- und Paläoböden, gut erforschter Chronostratigraphie und zahlreichen archäologischen Überresten, die größtenteils dem Aurignacien und Gravettien zugeordnet werden, stellt Mitoc-Malu Galben eine Schlüsselfundstelle dar für das frühe und mittlere Jungpaläolithikum in Mittel- und Osteuropa.

In den oberen Schichten fanden sich mehrere Körpergräber einer späten sarmatischen Nekropole des 2. bis 4. Jahrhunderts n. Chr.

Geographische Lage und Topographie Mitoc-Malu Galben liegt zwischen der Gemeinde Mitoc (Kreis Botoșani), rund 120 km nördlich der nächstgelegenen Großstadt Iași, und dem Westufer des Flusses Pruth, der die Staatsgrenze zur Republik Moldau bildet. 450 m von der Mündung des Bachs Ghireni entfernt, liegt die Freilandfundstelle auf dem Kolluvium der vierten Terrasse am rechten Talhang des Pruth.

Feuersteinvorkommen

In der Gegend stehen große, schier unerschöpfliche Vorkommen hochwertigen Kreide-Feuersteins an, die sich zum Beispiel hinter der Dorfkirche mehr als einen Kilometer weit erstrecken. Die abgerollten Knollen befinden sich in sekundärer Lage; sie wurden von ihrem Entstehungsort durch die Wassermassen des Prut flussabwärts umgelagert. Farblich variiert das Material von schwarz über blau und dunkelgrau (Prut-Flint) bis hin zu gelblichem braun (Balkan-Flint). Auch am Fuß der unteren Prut-Terrasse sind feuersteinreiche Schichten aufgeschlossen, die für paläolithische Gemeinschaften leicht zugänglich waren und über Jahrtausende hinweg intensiv genutzt wurden. Der Reichtum an sehr hochwertigem, feinkörnigem Rohmaterial erklärt die hohe Fundstellendichte: Allein auf dem Gemeindegebiet von Mitoc sind 14 paläolithische Fundplätze bekannt (Stand 2015). Das Überangebot wird auch als Grund angenommen, dass in den späten jungpaläolithischen Phasen in Rumänien und der Republik Moldau kaum eine Mikrolithisierung der Steinartefakte stattgefunden hat.

Forschung Forschungsgeschichte Der Geologe Gregoriu Ștefănescu (1836–1911) untersuchte 1885 die quartären Ablagerungen in den Prut-Terrassen bei Mitoc. Er stieß in mehr als 2 m Tiefe auf Abschläge sowie bearbeitete Feuersteine und erkannte darin als erster Wissenschaftler in Rumänien einen Aufenthaltsort paläolithischer Menschen. Sein Nachfolger Ion Simionescu (1873–1944) bestätigte 1902, dass die Funde von Mitoc „… zur Herstellung von Waffen und Haushaltsgeräten verwendet wurden.“

Der Geologe und Prähistoriker Nicolae N. Moroşan (1902–1944) veröffentlichte 1938 eine erste ausführliche Beschreibung der geologischen und archäologischen Schichten der Fundstelle. Nach einer Prospektion 1956, 1957 untersuchten Constantin S. Nicolăescu-Plopşor (1900–1968) und Nicolae N. Zaharia (1899–1984) im Folgejahr die Stratigraphie und stellen die aufgedeckten Siedlungsspuren in das Clactonien, Moustérien und Aurignacien.

Vasile Chirica (1943–2021) führte 1978–1990 und 1992–1995 systematische Ausgrabungen durch, in wechselnder Zusammenarbeit mit Kollegen amerikanischer und belgischer Universitäten (Keneth Honea, Marcel Otte, Paul Haesaerts, Pierre Noiret). Dabei entstand ein Großteil der heute mindestens 14 m tiefen Grabungsgrube mit über 30 m Seitenlänge. Ein Teil der zwischen 1978 und 1990 erstellten Grabungsdokumentation ging verloren.

Philip R. Nigst (Cambridge, Wien), Pierre Noiret (Lüttich) und Vasile Chirica leiteten 2013–2016 jährliche Feldarbeiten, bei denen Suchschnitte und neue Gräben angelegt wurden für geologische und stratigraphische Untersuchungen sowie zur Gewinnung weiterer Funde und Befunde.

Stratigraphie mini|200px|Litho- und pedostratigraphische Abfolge sowie unkalibrierte Alter der Schichten

In Mitoc-Malu Galben ist eine 14 m tiefe Sequenz aufgeschlossen, in der sich 13 lithostratigraphische Einheiten (SU) unterscheiden lassen. Jede dieser Einheiten bildet eine individuelle Sedimentationsphase ab, woraus sich eine hohe klimatische und paläoökologische Auflösung ergibt. Diese Chronostratigraphie wird durch 40 Radiokarbondatierungen gestützt und bildet mit einem Alter zwischen ca. 37.400 und 24.000 Jahren cal. BP den Übergang ab von der Marinen Isotopenstufe (MIS) 3 zur MIS 2.

Die untere Hälfte der Schichtenfolge (SU 13–7) besteht überwiegend aus schluffigen Sedimenten und angeschwemmten Schichten. Die Ablagerung von Lössanwehungen lässt sich ab der SU 7 erkennen und setzt sich bis in die SU 1 fort. Auf jede Sedimentationsphase folgt üblicherweise eine Stabilisierungsphase mit Bodenbildung. Dabei zeigen humose Horizonte die borealen bzw. subarktischen Bedingungen der Interstadiale an. Die Gley-Horizonte hingegen entstanden unter periglazialen, extrem kalten und feuchten klimatischen Voraussetzungen, die ihren Höhepunkt ab ca. 24.000 v. Chr. im Letzten Glazialen Maximum (LGM) fanden.

Technokomplexe mini|200px|Grabungen 2013–2016: Übersicht der neu angelegten Gräben und Schnitte

In Mitoc Malu-Galben wurde eine Vielzahl an Siedlungshorizonten des Aurignacien und Gravettien aufgedeckt, die sich überwiegend aus Feuerstellen und angrenzenden Steinschläger-Werkstätten mit dichten Artefaktkonzentrationen zusammensetzen. Anzahl und Größe der Feuerstellen sowie die massenhafte Steinbearbeitung deuten darauf hin, dass sich Jäger-und-Sammler-Gruppen im frühen und mittleren Jungpaläolithikum hier zumindest teilweise auch für längere Zeit aufhielten. Die ungewöhnlich stereotype Formgebung vieler Grundformen und Werkzeuge lässt die Spezialisierung einzelner Personen auf bestimmte Bearbeitungstechniken erkennen.

Aurignacien Fünf aufeinanderfolgende Aurignacien-Schichten sind in den SU 12b bis 8b dokumentiert. Neben zwei Lautscher Spitzen umfasst deren Inventar so typische Werkzeuge wie Kiel-, Bogen- und Mehrschlagstichel, Nasen- und Kielkratzer, Dufour-Lamellen sowie die entsprechenden, teils bipolar abgebauten Klingen- und Lamellenkerne. Die Produktion und das Nachschärfen der Werkzeuge hinterließen enorme Mengen Schlagabfälle.

Gravettien Das Gravettien ist in den SU 7b bis 4a belegt (ca. 31.100 cal BP bis 27.300 / 26.200 cal BP). Das eher lamellenbasierte Werkzeugspektrum besteht aus Gravettespitzen, Mikrogravettespitzen, Schabern sowie Kerb- und Klingenspitzen. Einige Stücke wurden mit der Kostenki-Technik ausgedünnt.

Entrindungs- und Präparationsabschläge deuten darauf hin, dass in Mitoc-Malu Galben einige Feuerstein-Rohknollen zunächst nur grob zugerichtet und nicht unmittelbar verarbeitet wurden. Da sich die so vorbereiteten Kernsteine in der Fundstelle nicht nachweisen ließen, geht man davon aus, dass die präparierten Knollen abtransportiert und anderenorts weiterverarbeitet wurden.

Chronologische Besonderheit mini|200px|Profil an der Fundstelle Willendorf II

Vergleichbar umfassende und fein gegliederte Löss-Paläoboden-Sequenzen wie in Mitoc-Malu Galben sind an den Fundstellen Willendorf II (Österreich) und Molodova V (Ukraine) erforscht. Die Korrelation dieser Stratigraphien hat gezeigt, dass es in der Ostkarpatenregion eine Überlappung von spätem Aurignacien und frühem Gravettien gegeben zu haben scheint. Während sich der Übergang dieser beiden Technokomplexe in Mitteleuropa und der Ukraine üblicherweise relativ abrupt um ca. 34.000 cal. BP vollzog, trat das Gravettien in Mitoc Malu-Galben erst sehr spät um 31.100 cal BP auf. In Molodova V war das Gravettien also bereits etabliert, während in dem nur 90 km südlich gelegenen Mitoc-Malu Galben noch für mehrere tausend Jahre spätes Aurignacien vorhanden war.

Sarmatische Nekropole In den oberen Schichten fanden sich mehrere Körpergräber einer späten sarmatischen Nekropole des 2. bis 4. Jahrhunderts n. Chr.

Siehe auch Pavlov I Krems-Wachtberg

Literatur Philip R. Nigst, Timothée Libois, Paul Haesaerts, Marjolein D. Bosch, Tansy Branscombe, Vasile Chirica, Pierre Noiret: The mid Upper Palaeolithic (Gravettian) sequence of Mitoc-Malu Galben (Romania): New fieldwork between 2013 and 2016 - Preliminary results and perspectives. In: Quaternary International, 20. Juni 2021, Vol. 587–588, S. 189–209, https://doi.org/10.1016/j.quaint.2020.10.046 Lavinia Grumeza: The Sarmatian Cemetery of Mitoc-Malu Galben (Botoșani County/RO): 60 Years Later In: Migration and identity in Eurasia: From Ancient Times to the Middle Ages, Editura MEGA, Cluj‑Napoca, 2021, ISBN 978-606-020-322-3, S. 167–200 L. Moreau, A. Ciornei, E. Gjesfjeld, P. Filzmoser, S. A. Gibson, J. Day, P. R. Nigst, P. Noiret, R. A. Macleod, L. Niţă, M. Anghelinu: First geochemical ‘fingerprinting’ of Balkan and Prut flint from palaeolithic Romania: potentials, limitations and future directions. In: Archaeometry, Juni 2019, Vol. 61, Ausg. 3, S. 521–538, https://doi:10.1111/arcm.12433 Pierre Noiret: Mitoc-Malu Galben In: Le Paléolithique supérieur de Moldavie. Essai de synthèse d’une évolution multi-culturelle. Études et Recherches Archéologiques de l’Université de Liège ERAUL 121, S. 53–77, ISBN 978-2-930495-06-4 Marcel Otte, Vasile Chirica, Paul Haesaerts: L'Aurignacien et le Gravettien de Mitoc-Malu Galben (Moldavie Roumaine), Liège, 2007, Études et Recherches Archéologiques de l’Université de Liège ERAUL 72, ISBN 978-2-930495-03-3

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Einzelnachweise

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