mini|Sofia Nădejde, 1910, Porträt von ihrem Bruder Octav Băncilă Sofia Nădejde (* 14. September 1856 in Botoșani, Fürstentum Moldau; † 11. Juni 1946 in Bukarest, Rumänien) war eine rumänische Romanautorin, Übersetzerin, Journalistin und Frauenrechtlerin. Sie war die erste Frau in Rumänien, der es erlaubt wurde, ihre Abiturprüfung an einem Jungengymnasium abzulegen, die erste Frau, die eine Literaturzeitschrift leitete, und die Autorin des ersten feministischen Romans in der Geschichte der rumänischen Literatur. Sie veröffentlichte über 1500 Seiten Literatur und Hunderte von Artikeln zu sozialen, feministischen und politischen Themen in Publikationen wie Contemporanul, Femeia Română, Drepturile Omului, Munca und vielen anderen.
Leben und Werk mini|Sofia Nadejde, 1895 (nach einer Fotografie aus dem 19. Jahrhundert) Nădejde war das älteste von vier Kindern von Vasile Băncilă Gheorghiu und Pulheria Profira Neculce, und Schwester des Malers Octav Băncilă. Sie besuchte das Internat Glowaska in ihrer Heimatstadt und erwarb ihr Abitur in Iași. 1876 heiratete sie standesamtlich den Publizisten Ioan Nădejde, ein Mitglied der sozialistischen Bewegung in Rumänien, und bekam mit ihm sechs Kinder.
In ihrem Wohnhaus entstand das Hauptquartier der Iași-Bewegung und diente als Redaktion der Zeitung Contemporanul. Als am 1. März 1881 die Gruppe Narodnaja Volea Zar Alexander II. ermordete, wurden die Sozialisten zeitweise zu Ausgestoßenen der Gesellschaft. Polizeibeamte durchsuchten ihr Haus in Sărărie, doch sie fanden nicht das Notizbuch, in dem die Namen der beteiligten Sozialisten verzeichnet waren. Ihr Ehemann wurde der Verbreitung des Atheismus und der sozialistischen Revolution samt ihrer Grundideen beschuldigt. Infolge des Prozesses verlor er seine Stelle an der Universität.
Nădejde verfasste Hunderte von Artikeln zu verschiedenen Debattenthemen, Feuilletons, Reden zur Frauenemanzipation, aber auch Skizzen, Kurzgeschichten, Rezensionen und Übersetzungen aus der Weltliteratur. Die Zeitung Contemporanul erreichte innerhalb von nur zwei Jahren eine Auflage von 4500 Exemplaren. In der neu gegründeten Zeitung Lumea noua scientiții și literară (Neue Wissenschaft und Literatur) bemerkt sie: Die Frau wird erst dann wahrhaft emanzipiert sein, wenn sie in der Produktion die gleiche Bedeutung hat wie der Mann und wenn die Produktion sozialisiert wird. Die Frage der Frauenemanzipation ist eine sozioökonomische Frage und muss ihren evolutionären Weg fortsetzen …. 1894 wurde sie zur Leiterin der Zeitung Evenimentul literar in Iași ernannt. Die letzte Ausgabe erschien im Oktober 1894. Danach zog sie nach Bukarest und begann ihre politische Tätigkeit. Sie hielt mehrere Konferenzen im Arbeiterklub ab und wurde 1897 zur Präsidentin des 4. Kongresses der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rumäniens (PSDMR) gewählt. Damit war sie die erste Frau in Rumänien, die den Vorsitz eines politischen Kongresses hatte. Bildung war ein zentraler Punkt des PSDMR-Programms. Nădejde kritisierte die mangelhaften Schulprogramme und betonte die Bedeutung von Sport in Schulen als wichtigen Faktor für die Entwicklung von Körper und Geist der Kinder. Sie setzte sich zudem für die Bildung der Landbevölkerung ein, indem sie Alkoholismus und Aberglauben bekämpfte und Hygieneregeln und gute Manieren vermittelte.
Journalistin, Schriftstellerin und Übersetzerin 1879 gab sie ihr journalistisches Debüt mit dem Artikel Die Frage der Frauen in der Femeia Română (Die Rumänische Frau). Ihr literarisches Debüt folgte 1885 mit der Kurzgeschichte Două mame (Zwei Mütter), die in Contemporanul (Der Zeitgenosse) veröffentlicht wurde. Wie viele andere Schriftstellerinnen ihrer Zeit hatte sie nur sehr eingeschränkte Publikationsmöglichkeiten.
Sie verfasste Skizzen, Kurzgeschichten, Romane und Theaterstücke und übersetzte Werke ausländischer Autoren wie Jules Verne, Henryk Sienkiewicz, Camille Flammarion, André Theuriet, Matilde Serao und Maxim Gorki. Sie schrieb auch für die Zeitschriften Gazeta săteanului, Antialcoolul und Revista scriitoarei.
Nădejde engagierte sich stark für Frauenrechte und veröffentlichte ihre Argumente für die feministische Sache unter anderem in Publikationen wie Contemporanul, Femeia Română, Basarabi (Bessarabien), Drepturile omului (Menschenrechte), Muncitorul (Der Arbeiter) und Evenimentul literar (Das literarische Ereignis), das sie auch herausgab.
Kontroverse mit Titu Maiorescu Nădejde gilt als eine der führenden Persönlichkeiten der rumänischen Frauenbewegung und war zu ihrer Zeit für ihre Auseinandersetzung mit Titu Maiorescu über die intellektuellen Fähigkeiten von Frauen bekannt. Die Zeitschrift Contemporanul dokumentierte diesen Wortwechsel zwischen Maiorescu und Nădejde. Maiorescu argumentierte, dass das Gehirn einer Frau kleiner sei als das eines Mannes und ihre intellektuellen Möglichkeiten daher geringer seien, weshalb sie der Anleitung durch einen Mann bedürfe. Nădejde widerlegte diese These in langen und fundierten Auseinandersetzungen mit Maiorescu und untermauerte sie mit Erkenntnissen aus wissenschaftlichen Studien jener Zeit. Sie bemerkte: Wenn wir die Hirnhöhle von Urmenschen und die von modernen Menschen betrachten, stellen wir eine Verringerung des Fassungsvermögens und des Volumens sowohl bei Männern als auch bei Frauen fest. Wenn wir Intelligenz anhand des Gehirngewichts beurteilen würden, dann müssten wir sagen, dass einige Vögel, die im Verhältnis zu ihrem Körper ein schwereres Gehirn haben, intelligenter sind als Menschen.
Lebensabend Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs zog sie mit ihrer Familie nach Iași. 1923 starb ihre Tochter Horia an den Folgen einer Bauchfellentzündung. Am 29. Dezember 1928 starb ihr Ehemann Ioan Nădejde. 1935 veröffentlichte sie in der Zeitung Adevărul ihre Memoiren über die sozialistische Bewegung in Iași. 1936 starb auch ihre Tochter Elena, und sie verbrachte die letzten Jahre ihres Lebens mit ihren beiden Töchtern Amelia und Victoria.
Nadejde starb am 18. Juni 1946 im Alter von 90 Jahren.
Seit 2018 organisiert der Verein Art No More die Sofia-Nădejde-Tage und den Literaturpreis Sofia-Nădejde-Preis für Schriftstellerinnen. Das Projekt ist eine Initiative der Dichterin und Journalistin Elena Vlădăreanu.
Veröffentlichungen (Auswahl) 1881: O iubire la țară 1903: Patimi. Roman din viața românească 1906: Robia banului 1907: Părinți și copii 1895: și Din chinurile vieții (Novelle) 1909: D in lume pentru lume. Povestiri din popor
Literatur Ştefania Mihăilescu (tr. Maria Bucur), Nădejde, Sofia (1856–1946), in Francisca de Haan, Krasimira Daskalova, Anna Loutfi (eds.), Biographical Dictionary of Women's Movements and Feminisms in Central, Eastern, and South Eastern Europe: 19th and 20th Centuries. Budapest: Central European University Press, 2006. Ramona Mihăilă: ON THE SUBJECTION OF (ROMANIAN) WOMEN” IN SOFIA NĂDEJDE’S FEMINIST ARTICLES. Editura Fundaţiei România de Mâine 2, 2012, S. 13–18.
Weblinks
Sofia Nădejde. A nineteenth-century Romanian Socialist Feminist (PDF) (englisch)
Einzelnachweise
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