mini|hochkant|Gisbert Flüggen, Stahlstich von August Weger Gisbert Flüggen, vollständiger Name Gisbert Hipolit August Flüggen, (* 9. Februar 1811 in Köln; † 3. September 1859 in München) war ein deutscher Genremaler, der zu den bekanntesten Künstlern seiner Zeit gehörte. Schon zu Lebzeiten erhielt er den Beinamen eines „deutschen Wilkie“.
Familie Flüggen kam als Sohn des Petrus Johannes Flüggen,Biografische Angaben auf einer von Nachfahren unterhaltenen Website geboren am 18. Oktober 1778 in Breyell, zur Welt. Seine Mutter Sophia Julia Josepha, geborene Capron, wurde am 22. Mai 1777 in der nordfranzösischen Gemeinde Comines geboren. Anfangs lebte das Paar in Lille in Flandern und siedelte 1811 nach Köln über.
Leben mini|hochkant|Gisbert Flüggen, Foto von Franz Hanfstaengl Gisbert Flüggen wurde am 9. Februar 1811 in der Domstadt als ältestes von vier Kindern geboren. Wie die „Illustrirte Zeitung“ aus Leipzig in ihrer Ausgabe 684 vom 9. August 1856 berichtete, lebte die Familie anfangs in „sonst so glücklichen Verhältnissen“, bevor sie durch „schwere Vermögensverluste“ verarmte. So war der junge Flüggen gezwungen, sich seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Er arbeitete drei Jahre in einer „bedeutenden“ Galanteriewaren-Fabrik in Köln und malte dort die verschiedensten Gegenstände.
Auch außerhalb der Arbeit ging Flüggen seinen künstlerischen Neigungen nach und besuchte das Wallrafianum, um dort nach der Antike zu malen und zu zeichnen. Während sich seine Familie vor allem mütterlicherseits vehement gegen eine künstlerische Laufbahn aussprach, fand er große Unterstützung bei dem Kölner Maler Joseph Weber, der Freund und Lehrer zugleich war. Großen Einfluss auf seine künstlerische Entwicklung hatte auch die benachbarte Kunstakademie in Düsseldorf, an der er einen großen Teil seiner Studienzeit verbrachte. Durch eine Erbschaft wurde Flüggen, wie die „Illustrirte Zeitung“ schrieb, „in den Stand gesetzt, seine Studien mit größerem Schwunge zu betreiben, und um der Kunst mit ganzer Seele zu dienen, scheute er kein Opfer, das ihm derselben würdig erschien.“
Nachdem Flüggen eine kurze Zeit in Gent in Flandern gelebt hatte, wählte er nach Angaben der „Illustrirten Zeitung“ im Jahr 1832 München zu seinem ständigen Aufenthaltsort. Am 24. Oktober 1833 schrieb er sich dort an der Akademie der bildenden Künste ein, die zu dieser Zeit einen weltweit führenden Ruf genoss. Gleichzeitig war er aber auch noch in Köln, wo am 5. November 1834 die Ehe mit der Friseurin Catharina Hölzgen geschlossen wurde. Zum Zeitpunkt der Eheschließung war Gisbert 23 Jahre, Catharina 19 Jahre alt. Das Paar bekam sechs Kinder.
In der Zwischenzeit war Flüggen bereits zu einem der bekanntesten Künstler Münchens aufgestiegen. Seine Bilder fanden große Anerkennung. Er beteiligte sich an den Vorbereitungen berühmter Künstlerfeste, wie dem Albrecht-Dürer-Fest 1840. Er wurde Mitglied des „unter dem Allerhöchsten Protektorate Seiner Königlichen Hoheit des Prinz-Regenten Luitpold von Bayern stehenden Kunstvereines München“ und des Vereins „zur Unterstützung Unverschuldet in Noth Gekommener Künstler und deren Relikte“.
Seine Ateliers wurden zum Ziel von Münchner Reiseführern. Hier unterrichtete Flüggen auch seine Schüler, zum Beispiel den autodidaktischen Maler Carl Spitzweg, die Augsburger Malerin Helisena Girl und den aus Roth stammenden Maler Anton Seitz. Gisberts Sohn Joseph, der als Genre- und Historienmaler des Realismus später ebenfalls sehr bekannt wurde, begann bei seinem Vater die Ausbildung. Im November 1852 nahm ihn die Akademie der bildenden Künste unter ihrem Leiter Wilhelm von Kaulbach als Ehrenmitglied auf.
Grabstätte mini|hochkant|Grab von Gisbert Flüggen auf dem Alten Südlichen Friedhof in München
Völlig überraschend starb Gisbert Flüggen am 3. September 1859. Die Grabstätte von Gisbert Flüggen befindet sich auf dem Alten Südlichen Friedhof in München (Gräberfeld 18 – Reihe 13 – Platz 32) . Auch Gisbert Flüggens Sohn Joseph Flüggen liegt in der Grabstätte.Claudia Denk, John Ziesemer: Kunst und Memoria, Der Alte Südliche Friedhof in München. (2014), Grabstätte 115, S. 390 f.
Ehrungen Im Münchner Stadtbezirk Neuhausen-Nymphenburg ist die Flüggenstraße nach Gisbert Flüggen benannt.
Werk Ein vollständiges Werkverzeichnis über das Schaffen von Gisbert Flüggen gibt es nicht. In diversen Veröffentlichungen wurden und werden zwar immer wieder Werke mit Titeln genannt und aufgezählt. Im Laufe der Jahre haben sich dabei allerdings auch unterschiedliche Titel zu ein und demselben Bild eingeschlichen.
Als Basis für ein Werkverzeichnis kann zunächst das „Flüggen-Album“ dienen, das „eine Reihenfolge von dessen sämmtlichen Werken photographirt von dem Köngl. Bayer. Hof-Photographen J. Albert nach den Originalgemälden und unter Leitung des Künstlers“ darstellt und so in Rudolph Weigels Kunstlager-Catalog von 1859 beschrieben ist. Acht vom Künstler signierte Blätter des „Flüggen-Albums“ befinden sich in der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung im Sommerpalais in Greiz, weitere Blätter und Fotografien des Albums sind in Familienbesitz.
Die Angaben in Rudolph Weigels Kunstlager-Catalog decken sich weitgehend mit einer Auflistung der „Ölgemälde von Gisbert Flüggen“, die sein Sohn August im Dezember 1910 angefertigt hat und die sich nur dadurch unterscheidet, dass die Reihenfolge ab Nummer 21 nicht identisch ist. Neben diesen Hauptwerken gibt es noch eine Vielzahl weitere Arbeiten wie Gemälde, Porträts und Skizzen, die in den meisten Fällen allerdings nicht näher bezeichnet sind.
Hauptwerke mini|Das Vorzimmer eines Fürsten, 1859 mini|Die Erbschleicher, 1855 mini|Die Prozess-Entscheidung, ca. 1850 Die genesende Mutter Ländlicher Tanz – Zwei Versionen Chorsänger – Auch als Holzstich der Xylographischen Anstalt Brend’amour Die Spieler Der Heiraths-Consens Die Politiker Der unterbrochene Ehecontract – Auch als Lithografie von Thomas Driendl Die Verlobung Die Prozess-Entscheidung – Auch als Galvanografie von Franz Hanfstaengl Die Weinprobe – Auch als Stahlstich von Johann Leonhard Raab Der Morgenkuß Die Geldmäkler Die Erbschleicher – Drei Versionen und auch als Lithografie von Franz Hanfstaengl Die Auspfändung – Auch als Holzstich in der „Illustrirten Zeitung“ Leipzig vom 1. Januar 1856 Der alte Hochzeiter Die Sonntagsfeier Der Musiker – Auch als Stahlstich Der Dorfprediger Die glückliche Wöchnerin Das Vorzimmer Der Mönch Die beiden Waisen Die Schachspieler – Zwei Versionen Die Erwartung Das Vogelnest Das Testament Die letzten Augenblicke Friedrich Augusts König von Sachsen – Auch als Holzstich in der „Illustrirten Zeitung“ Leipzig vom 9. August 1956
Über die Bilder Der alte Hochzeiter, Die glückliche Wöchnerin und Der Mönch, insbesondere den Verbleib der Originale, ist nichts bekannt. Wenn auch keine Abbildungen, so doch wenigstens ein paar Informationen lassen sich zu den Bildern Die Sonntagsfeier, Die Erwartung, Das Vogelnest und Das Testament finden.
Weitere Werke Zu den weiteren Werken zählen: Skizzen Porträts Die überraschten Diener Mutter und Kind Mutterglück Vaterfreude Die Waise
Würdigungen Zu seinen Lebzeiten Eine erste Erwähnung des Talentes Gisbert Flüggens findet sich in No. 4 der in Köln erscheinenden „Gemeinnützigen und unterhaltenden Rheinischen Provinzial-Blätter“ aus dem Jahre 1837. Dort heißt es in einem mit „Miszellen aus der Provinz – Wallrafianum in Köln“ überschriebenen Beitrag: „Seit unserem letzten Berichte haben sich die jüngern Maler Kölns ein gemeinschaftliches Atelier gemiethet, um hier vereint ihren Studien obliegen zu können. Freundschaftlicher Rath, Austausch der Ansichten und Ideen über das, was gerade geschaffen wird, fördert immer, und so auch hier, denn durch das Streben des Einen wird der Andere angefeuert und ermuthigt, wenn er neben schon gediegenern Arbeiten auch die Seinige liegen sieht. Wir sahen in diesem Atelier einige Bilder, über die wir uns vorbehalten noch weiter zu reden, wenn sie ganz vollendet sind … Eine allerliebste gemüthvolle Composition ist ein Genre-Bild von dem Kölner G. Flüggen, einen alten Landmann, der seiner Familie etwas vorliest, darstellend. Ist dieser Gegenstand auch schon zu wiederholten Malen von Malern zum Vorwurfe gemacht worden, so dürfen wir dieser Composition in Bezug der Lebendigkeit des Ganzen und der individuellen Auffassung der einzelnen Charaktere des Prädikat gelungen nicht versagen. Es wird ein allerliebstes Bildchen und bekundet, daß der Maler in dieser Sphäre noch Ausgezeichnetes leisten wird, daß er seit seinem Aufenthalt in München, wohin er auch wieder zurückkehren wird, ausserordentliche Fortschritte gemacht hat. Was auf dem Bilde fertig, z. B. der Kopf des Alten ist äusserst lebendig und wahr.“
Der polnische Graf und preußische Diplomat Atanazy Raczyński schreibt in seinem im Selbstverlag 1840 herausgegebenen Buch „Geschichte der neueren deutschen Kunst“ über Gisbert Flüggen: „Dieser Künstler verschmäht nicht gute Beispiele und guten Rath; vor allem zieht er gern Kaulbach zu Rathe. Ein Gemälde, welches ich im Jahre 1835 von ihm gesehen habe, zeigte die Wirkung des von Flüggen gesuchten Einflußes, und daß sein Talent sich zu veredeln strebt.“
Für den Kölner Sammler Johann Jakob Merlo ist Gisbert Flüggen „ein mit Hogarth’schem Geiste begabter und in wackerm Fortschreiten begriffener Künstler“, wie er in seinem 1850 erschienenen Buch „Kunst und Künstler in Köln“ formuliert.
1852 schreibt Wilhelm von Kaulbach, seit 1849 Direktor der Akademie der Bildenden Künste München, zur bevorstehenden Aufnahme Gisbert Flüggens in die Akademie in einem in Familienbesitz befindlichen handgeschriebenen Dokument
Der Beitrag der in Leipzig erschienenen „Illustrirten Zeitung“ vom 9. August 1856, in der das Gesamtwerk Flüggen bis dahin gewürdigt wird, endet mit der Feststellung: „Gisbert Flüggen tritt in Beziehung auf äußere Vorzüge seiner Bilder, Gruppenbau, Abwägung von Licht und Schatten, harmonische wohlthuende Färbung durch alle Nüancirungen, namentlich im Helldunkel, untadeligen, edlen Geschmack in allen Beiwerken, kurz in Beziehung auf alle künstlerischen Anforderungen an die Technik und Anordnung mit den ersten Meistern Deutschlands, Frankreichs und der Niederlande wetteifernd in die Schranken. Seine Bilder werden für alle Zeiten als die köstlichsten Perlen der Malerei überhaupt und speziell der historischen Genremalerei angesehen werden.“
Nach seinem Tod Eine erste Würdigung Gisbert Flüggens findet man kurz nach seinem Tod in dem mehrbändigen Werk „Die Künstler aller Zeiten und Völker“, in dem Friedrich Müller den Maler 1860 als einen „der ausgezeichnetsten deutschen Genremaler“ bezeichnet.
Wenig später widmet sich Carl Albert Regnet in den „Münchener Künstlerbildern“ Anton Seitz und schreibt 1871 in diesem Zusammenhang über Gisbert Flüggen: „In München angekommen, gelang es ihm bald, sich daselbst zu orientieren um bei Gisbert Flüggen als Schüler aufgenommen zu werden. Die Wahl des Meisters konnte kaum eine bessere sein. Flüggen, der sich den Namen des deutschen Wilkie verdiente, liebte es, namentlich solche Scenen aus dem häuslichen und gesellschaftlichen Leben zu wählen, in denen es sich um eine bedeutsame psychologische Aufgabe handelte. Mit der glücklichen Wahl seiner Stoffe verband er eine sehr geschickte und taktvolle Anordnung der Gruppen, die sich gefällig und klar von einander ablösen und welcher eine treffliche Charakterbezeichnung und Individualität zur Seite steht. Mit diesen Vorzügen Flüggen’s hält die technische Behandlung gleichen Schritt. Die Durchbildung des Ganzen ist überall gleichmäßig, frei, breit und leicht, die Stimmung fast immer gelungen und die Farbenwirkung harmonisch. Unter der Leitung dieses trefflichen Meisters verfolgte nun Anton Seitz die schwere Bahn der Kunst und verlor auch den Muth nicht, als er in den ersten Jahren sich gestehen mußte, daß das Können hinter dem Wollen zurückblieb.“