mini|Die Salzmann-Fabrik im Kasseler Stadtteil Bettenhausen (Aufnahme von 2009). Die Salzmann-Fabrik ist ein Industriedenkmal im Kasseler Stadtteil Bettenhausen. Sie wurde ab 1891 als Werk Bettenhausen I des Unternehmens Salzmann & Comp. errichtet.

Lage Das Fabrikgebäude befindet sich an der Adresse Sandershäuser Straße 34 im östlichen Kasseler Stadtteil Bettenhausen. Östlich grenzt das Gelände an die Agathofstraße. Südlich verläuft die Großalmeroder Straße.

Architektur

Denkmalschutz Der zweiflüglige, L-förmige Gebäudeteil der Salzmann-Fabrik steht unter Denkmalschutz, der vierfach begründet wird: aus geschichtlichen, aus künstlerischen, aus städtebaulichen sowie aus technischen Gründen.

Architekturgeschichte Die folgenden Beschreibungen stützen sich auf einen Artikel zur Architekturgeschichte der Salzmann-Fabrik von Dr. Folckert Lüksen-Isberner, erschienen in Ausgabe 3/2014 der Zeitschrift Hessische Heimat der Gesellschaft für Kultur- und Denkmalpflege – Hessischer Heimatbund e. V.

Der Gebäudeteil der Salzmann-Fabrik an der Sandershäuser Straße wurde 1905 gebaut. Die Gebäude auf der Grundstückstiefe waren 1912–13 entstanden. Für die Bauzeichnung der beiden Gebäudeteile war vermutlich das Kasseler Architekturbüro Eubell & Rieck verantwortlich, das auch das Rote Kreuz-Krankenhaus in Kassel entwarf. Die großvolumigen mehrgeschossigen Produktions- und Verwaltungsbauten entsprachen zum Zeitpunkt ihrer Errichtung dem modernsten Stand.

Historisierende Fassade Die in Backstein gemauerten Fassaden erinnerten dabei an frühere Baugeschichtsepochen. Auch die Formensprache erinnerte an die Vergangenheit. Beispiele sind vorgesetzte „gotische“ Treppengiebel, vertikal gegliederte Wandflächen, horizontal umlaufende Ornamentbänder und Fenster mit Halbrundbögen.

Kennzeichnend für die Salzmann-Fabrik ist somit der Widerspruch von moderner Ingenieurkonstruktion und historisierender Fassade. Hintergrund ist, dass die Architektur in den 1910er-Jahren noch keine eigene Formensprache für die neuen Industriebauten gefunden hatte, die im Inneren modernste Produktionsanlagen bargen. Stattdessen wurden die Großanlagen für die neuen Aufgaben des Industriezeitalters mit historisierenden Fassaden verkleidet. Das galt davor schon für Bahnhöfe, Markthallen oder Einkaufsgalerien. Die Industriebarone wollten mit ihren Funktionsbauten repräsentieren, wie die Feudalherren mit ihren Herrensitzen vor ihnen. Zugleich galt es, das hässliche Gesicht der industriellen Produktion ästhetisch zu kompensieren.

Moderne Ingenieurkonstruktion Beide Gebäudeflügel haben ein Tragwerk aus Eisenbetonstützen, die durch Moniereisen mit den Eisenbetondecken verbunden sind und diese tragen. Das war ein damals neuer konstruktiver Materialverbund, der die bis dahin üblichen Decken aus Eisenträgern mit Mauergewölbe ablöste. Die Stützen stehen gereiht frei im Raum. Tragende Wände im Innern entfallen somit. Folglich konnten Maschinen heute so und morgen anders platziert werden: Was vorher schon in der früheren Phase der Industrialisierung mit Stützen aus Eisen ebenso möglich war, ging jetzt in einer feuerfesten Ausführung.

Speziell die Dachgeschosse haben die Besonderheit, dass sie ganz ohne Stützen auskommen. Dabei dokumentieren die Dachkonstruktionen der beiden Gebäude die Entwicklung von einer Holz-Eisen-Konstruktion hin zu einer reinen Eisenbeton-Konstruktion (innerhalb weniger Jahre) in ein und derselben Anlage. Handelt es sich bei dem Gebäude an der Sandershäuser Straße um eine damals schon lange etablierte Eisengitterkonstruktion, die das Dach stützenfrei trägt, so ist es bei dem jüngeren Bau eine Eisenbetonkonstruktion mit halbrund ausgebildeten Rippen. Längsträger aus Beton verbinden die Rippen miteinander und tragen eine traditionell aussehende (aber in Beton ausgebildete) seitliche Dacheindeckung. Der Mittelteil des Daches ist flach ausgebildet und weist eine gläserne Dachlaterne auf. Diese kantige Dachhülle steht noch im Widerspruch zu der modernen Betonrippenkonstruktion, deren Schwung sie eigentlich aufnehmen könnte.

Dass ein ähnlicher Bau bereits an anderem Ort schon in diesem Gleichklang von innen und außen realisiert wurde, zeigt die zeitgleich entstandene Emaille- und Metallwarenfabrik in Bratislava: Die rein gläserne Dachhülle nimmt dort vollkommen harmonisch den konstruktiven Schwung der Betonrippen auf. Die Tragkonstruktion der Ingenieure ist hier jetzt von der Architektur unverfälscht akzeptiert. Der Architekt Heinrich Zieger lässt die Konstruktion als von innen wie außen gleichermaßen elementares, sichtbares Element der Gesamtgestalt des Baukörpers zur Geltung kommen. Es bedarf also keiner kaschierenden Fassade mehr.

Wegweisende Betonrippenkonstruktion Das Dachgeschoss des jüngeren Salzmann-Flügels dokumentiert heute im originalen Zustand die architekturhistorisch letzte Stufe vor eben genau dieser Vollendung, die vermutlich an keinem anderen Ort mehr so vorhanden ist. Die bei Salzmann in Kassel und der Emaille- und Metallfabrik in Bratislava angewandten Betonrippenkonstruktionen wurden integraler Architekturbestandteil bei vielen weiteren Bauten, im Industriebau ebenso wie bei Bauten für Handel, Messen, Versammlungen und auch Kirchen.

Aufruf des Werkbunds Im Jahre 2014 rief der Deutsche Werkbund europaweit zur Erhaltung des Industriedenkmals auf. Beim damaligen Werkbundtag in Leipzig wurde davon berichtet. Aktivisten, darunter zwei Mitglieder des Werkbunds, retteten damals wertvolle Buntglasfenster aus der Chefetage der Salzmann-Fabrik und brachten ein „Salzmannwatch“-Banner an. Eigentümer Dennis Rossing drohte daraufhin mit rechtlichen Konsequenzen. Geschichte

Eröffnung der Weberei mini|Heinrich Salzmann Im April 1891 eröffnete der Unternehmer Heinrich Salzmann in Bettenhausen eine Weberei mit 60 mechanischen Stühlen und den angegliederten Abteilungen zur Veredelung der Erzeugnisse durch Färben und Imprägnieren. Heinrich Salzmann war am 1. November 1876 in das väterliche Textilgeschäft Salzmann & Behrens eingetreten. Dieses Datum gilt als Gründungstag seiner späteren Firma Salzmann & Comp.

Bereits im Jahr 1900 erreichten die Fertigungsanlagen in Bettenhausen die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit.

Rechtzeitig zum 25-jährigen Firmenjubiläum errichtete Salzmann & Comp. im November 1901 an der Sandershäuser Straße auf einer Fläche von 8000 m² einen Weberei-Neubau mit 22 Sheddächern von je 90 Metern Länge. Es folgte eine Vergrößerung der Imprägnieranstalt (1901), der Färberei (1902) und der Kraftanlage (1905) durch die Aufstellung zweier Dampfkessel mit 700 PS Leistung zum Antrieb der Transmissionsriemen.

Für ihren Güterverkehr betrieben Salzmann & Comp. sowie fünf weitere Firmen seit 1901 die Bettenhäuser Industriebahn. Zweck der Bahn war es, den Transport der Güter zwischen dem Bahnhof Bettenhausen und den Standorten der angeschlossenen Fabriken in Zeitablauf und Menge selbst bestimmen zu können.

Ab 1902 errichtete Salzmann & Comp. zwischen dem Bettenhäuser Werk und dem Dorf Sandershausen die Werkssiedlung Salzmannshausen.

Schon 1906 waren die Bettenhäuser Fabrikgebäude den gestiegenen Anforderungen abermals nicht mehr gewachsen.

Um seine Produktion auslasten zu können und nicht von den Lieferungen anderer Spinnereien abhängig zu sein, ließ Heinrich Salzmann eigene Zwirnmaschinen zur Herstellung bestimmter Zwirnsorten aufstellen. Für diesen neuen Betriebszweig wurde an der Sandershäuser Straße ein Neubau von 80 m Länge und 20 m Tiefe errichtet und am 1. Oktober 1913 eingeweiht. Der viergeschossige Bau umfasste 8000 m² Arbeitsfläche und bot neben der Spinnerei noch Platz für die Zwirnerei, Sattlerei, Näherei und den Zeltbau.

Als Anfang 1913 die Zündholzfabrik Otto Miram in Bettenhausen mit ihren fast neuen Anlagen in Konkurs ging, zögerte Heinrich Salzmann nicht lange und erwarb das Werk. Durch Umbaumaßnahmen wurden im dadurch geschaffenen Werk Bettenhausen II zwischen Sandershäuser Straße und Miramstraße die Veredelungsabteilungen wie Färberei, Appretur und Imprägnierung untergebracht.

Während des Ersten Weltkriegs stieg der Bedarf an schweren Textilien für Zelte und Boote sprunghaft an. Damit Salzmann & Comp. den erhöhten Materialanforderungen des deutschen Heeres gerecht werden konnte, erweiterte das Unternehmen im Jahr 1914 bei voller Aufrechterhaltung des Betriebes den viergeschossigen Flügel an der Sandershäuser Straße. Dort entstanden Räume für die neu organisierte Verwaltung. Zweiter Weltkrieg Die Flutwelle nach der Zerstörung der Edertalsperre, in der Nacht vom 16. zum 17. Mai 1943, richtete in den Kasseler Werken schwere Schäden an und beeinträchtigte die Fabrikation von Rüstungsgütern erheblich. In der Gartenstadt Salzmannshausen stand das Wasser der Fulda teilweise bis an das Obergeschoss der Häuser.

Bei Kriegsende waren 70 Prozent der Gebäude und 90 Prozent der Maschinen im Hauptwerk Bettenhausen I zerstört.

Auf dem Gelände der Textilfirma Salzmann & Co. betrieb die Organisation Todt in der Zeit von September 1944 bis zum Kriegsende ein Lager für Zwangsarbeiter, das Lager Bähr. Zwischen 1000 und 3000 Personen wurden hier untergebracht. Die Mehrheit von ihnen waren „Ostarbeiter“ und Juden aus „Mischehen“. Rund 40 Männer wurden vom Arbeitsamt Kassel aus dem Lager Wartekuppe in dieses Lager verlegt. Die Zwangsarbeiter wurden zum Bunker- und Stollenbau, aber auch zu Aufräumarbeiten nach Luftangriffen eingesetzt. Das Lager Bähr befand sich in einer ehemaligen Werkhalle, die 100 Meter lang und 30 Meter breit war. Die Halle wurde mit doppelstöckigen Betten sowie einem einzigen Kohleofen für die gesamte Halle ausgestattet. Frauen und Männer waren gemeinsam in der Halle untergebracht. Da die sanitären Verhältnisse im Lager äußerst dürftig waren, waren sowohl die Kleider als auch die Betten der Häftlinge voller Ungeziefer. Das Lager wurde bewacht.

Nachkriegszeit

Im Sommer 1945 barg eine Gruppe von 46 Mitarbeitern unter der Leitung des Betriebsratsvorsitzenden Heinrich Linge die Maschinen aus den Trümmern des Werks I in Bettenhausen. Noch im selben Jahr waren die ersten sechs Webstühle wieder betriebsbereit. Für den Wiederaufbau wurden Steine aus den Schuttbergen verwendet.

Ein Großbrand ergriff am 15. März 1965 weite Gebäudeteile des Werks in Bettenhausen an der Sandershäuser Straße und richtete einen Millionenschaden an.

Ende von Salzmann & Comp. Im März 1971 kündigte Salzmann & Comp. an, aufgrund von wirtschaftlichen Schwierigkeiten seine Produktion auch in Kassel abbauen zu müssen. Zeitweise hatte die Firma allein in Bettenhausen über 5000 Arbeiter und Angestellte beschäftigt, nun waren es nur noch insgesamt 500. Angesichts von billigeren Wettbewerbern aus Fernost und dem Ostblock sei man nicht mehr konkurrenzfähig, teilte das Unternehmen mit. Die Geschäftsleitung kündigte daraufhin den verbliebenen 440 Beschäftigten in den drei Werken Kassel-Bettenhausen, Verna und Schwarzenborn. Lediglich 60 Mitarbeiter sollten an der Sandershäuser Straße weiter beschäftigt bleiben und dort unter der Marke Excalor-Schutzbekleidung beschichtete Gewebe und Einlagestoffe herstellen. Die Hessische Allgemeine schrieb: „Alle übrigen frei werdenden Räume des Kasseler Werkes, rund 20.000 m², sollen vermietet werden. Sie eignen sich besonders für leichtere Produktionen und für Lagerzwecke.“

Weiternutzung der Fabrik mini|Blick vom Verwaltungsgebäude der Kulturfabrik Salzmann auf den Innenhof (2005).

Unterschiedliche Mieter