mini|hochkant=1.5|Muskatnuss, Paradiesapfel, Kokosnuss und Brechnuss. London, British Library, Egerton MS 747, fol. 67v–68r (ca. 1280–1310). Tractatus de herbis ist ein Sammelbegriff für eine Kräuterbuch-Familie, die auf der salernitanischen Arzneimittellehre Circa instans basiert und seit dem späten 13. und frühen 14. Jahrhundert überliefert wurde. Das unbebilderte Circa instans wird um Einträge aus weiteren antiken und mittelalterlichen Quellen erweitert und verbindet den Text erstmals in der lateinischen Tradition mit einem systematischen Zyklus von Pflanzenillustrationen, die eine an realen Pflanzen orientierte Darstellung aufweisen.Otto Pächt: Early Italian Nature Studies and the Early Calendar Landscape. In: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes 13, 1950, S. 13–47, hier S. 30.

Die ältere Forschung seit Otto Pächt (1950) und Felix Baumann (1974) behandelte die überlieferten Handschriften als Zeugen eines einzigen Werks, die Arbeiten von Iolanda Ventura haben hingegen gezeigt, dass zwei eigenständige Kompilationen zu unterscheiden sind: ein älterer, in der Londoner Handschrift Egerton 747 überlieferter Tractatus, der mit dem Namen des Bartholomaeus Mini de Senis verbunden ist (kurz BTract.), und ein jüngerer, von Manfredus de Monte Imperiali verfasster Tractatus (kurz MTract.), dessen Hauptzeuge die Pariser Handschrift lat. 6823 ist.Iolanda Ventura: Manfredus de Monte Imperiali, Tractatus de herbis: Preliminary Notes on Its Manuscript Tradition. In: Steven M. Oberhelman (Hrsg.): Manuscripts, Plants, Remedies in the Mediterranean Traditions: Studies across Disciplines for Alain Touwaide. Manuscripts. ›Codices‹, Texts, Science and Medicine. De Gruyter, 2025. S. 151–180. Beide Kompilationen unterscheiden sich in den verwendeten Quellen, dem Milieu ihrer Entstehung und den Wegen der Überlieferung.

Die handschriftliche Überlieferung umfasst neben Volltexthandschriften auch glossarartig gekürzte Fassungen, textlose Alben und eine französische Übersetzungstradition (Livre des simples médecines), die über gedruckte Nachfolger wie Arbolayre (1485/86) und Grete Herball (1526) bis in die Frühzeit des Buchdrucks fortwirkte.Jean A. Givens: Reading and Writing the Illustrated Tractatus de Herbis, 1280–1526. In: Jean A. Givens, Karen M. Reeds, Alain Touwaide (Hrsg.): Visualizing Medieval Medicine and Natural History, 1200–1550. Ashgate, Aldershot 2006, S. 115–145. Damit gehört der Tractatus de herbis zu den einflussreichsten Texten über Arzneipflanzen zwischen dem 14. und dem 16. Jahrhundert.

Das Circa instans als Ausgangstext Das Circa instans, benannt nach den Anfangsworten seines Prologs (Circa instans negotium in simplicibus medicinis nostrum versatur propositum), entstand um 1160 im Umfeld der medizinischen Schule von Salerno und wird üblicherweise dem Arzt Matthaeus Platearius zugeschrieben, der einer der bekanntesten Salerner Medizinerfamilien entstammte.Minta Collins: Introduction. In: A Medieval Herbal. A Facsimile of British Library Egerton MS 747. The British Library, London 2003, S. 1–24. Das Werk behandelt in halbalphabetischer Anordnung, geordnet nur nach dem Anfangsbuchstaben, die Heilwirkung von Simplizien, also Arzneimitteln, die im Unterschied zu den Komposita nur aus einem Grundstoff bestehen. Jeder Eintrag folgt einem festen Schema: Nennung der Droge, ihrer Qualitäten und Intensitätsgrade nach dem galenischen System (warm, kalt, feucht, trocken, jeweils in vier Graden), ihrer Herkunft, der Zubereitungsformen, der Indikationen und – bei importierten Substanzen – der Methoden zur Erkennung von Fälschungen.

Das Circa instans ist in annähernd 140 vollständigen Handschriften überliefert und wurde über einen Zeitraum von mehr als 300 Jahren in über zehn europäische Sprachen übersetzt.Darya Badikova: Tractatus de herbis: Botanical Guide to the Universe. A Case Study for Morgan MS M. 873. MA thesis, Hunter College, City University of New York, 2023. Es war Pflichtlektüre an den medizinischen Schulen von Neapel (ab 1278) und Salerno (ab 1280) und gehörte dort neben der Articella und dem Antidotarium Nicolai zum Kernbestand der pharmazeutischen Ausbildung.

Die ältere Forschung ging von einem im Wesentlichen einheitlichen Text aus, Ventura konnte anhand der Kapitelsequenzen und Textabweichungen mindestens drei Redaktionen unterscheiden: eine in der Erlanger Handschrift 674 überlieferte Fassung, eine „Lyoner Version“, die dem 1525 gedruckten Text nahesteht, und eine in der Göttinger Handschrift Hist. Nat. 12 (ca. 1300) bezeugte Fassung. Der Tractatus des Bartholomaeus baut nicht auf einer generischen Fassung des Circa instans auf, sondern auf einer der Lyoner Version nahestehenden Redaktion.

Der Tractatus des Bartholomaeus (BTract.) Text und Quellen Der älteste erhaltene Zeuge des BTract. ist die Handschrift London, British Library, Egerton MS 747, die zwischen 1280 und 1310 in Süditalien entstand, vermutlich im Umfeld der medizinischen Schulen von Neapel und Salerno.Iolanda Ventura (Hrsg.): Ps. Bartholomaeus Mini de Senis, Tractatus de herbis (Ms London, British Library, Egerton 747). (= Edizione nazionale La scuola medica salernitana). SISMEL – Edizioni del Galluzzo, Florenz 2010. Die Quellenanalyse zeigt keine Benutzung von Werken, die nach 1250 entstanden. Einen terminus ante quem liefert das Fehlen jedes Bezugs auf das Opus pandectarum medicinae des Matthaeus Silvaticus, das 1317 Robert von Anjou gewidmet wurde und an den medizinischen Schulen Süditaliens rasch weite Verbreitung fand: Ein nach 1317 kompilierendes Werk hätte dieses maßgebliche Nachschlagewerk kaum ignorieren können. Der Kompilator übernahm die Einträge des Circa instans als Grundgerüst und erweiterte sie um Kapitel aus dem Herbarius des Pseudo-Apuleius, aus Dioscorides, dem De viribus herbarum des Macer Floridus und Schriften des Constantinus Africanus. Für den Buchstaben A etwa stammen die ersten 29 Einträge aus dem Circa instans, gefolgt von 17 weiteren aus den genannten Quellen sowie drei nachgestellten Circa instans-Kapiteln in abweichender Reihenfolge. Zusätzlich wurden Exzerpte aus dem Liber dietarum des Isaak ben Salomon Israeli in kleinerer Schrift am Rand nachgetragen. Diese Nachträge gehörten nicht zur ursprünglichen Kompilation, wie das Fehlen von Illustrationen für die ausschließlich aus Isaak stammenden Einträge belegen.

Auf fol. 106r des Egerton-Kodex findet sich ein Explizit, das den Kompilator als bene instructus in cognitione speciarie („wohl bewandert in der Kenntnis der Apothekerkunst“) bezeichnet, sowie die Signatur Bartholomaeus Mini de Senis – zweimal, in schwärzerer Tinte als der umgebende Text, über Rasuren geschrieben. Dass derselbe Name sowohl für den Verfasser als auch für den Schreiber eingesetzt wurde, ist ungewöhnlich. In der Regel signierte ein Kopist seine Abschrift gesondert, während der Name des Autors im Explizit erschien. Die eradierte Schicht ist mit heutigen Mitteln nicht mehr lesbar, sodass die Identität des eigentlichen Kompilators im Dunkeln bleibt. Sergio Toresella identifizierte einen Bartholomaeus Mini unter den Operai del Duomo von Siena, den Verwaltern der Dombauhütte, dessen frühestes Auftreten in die Zeit um 1347 fällt, was den Zeitpunkt seiner Intervention in die Handschrift ungefähr eingrenzen würde.

Kodikologie des Egerton-Kodex Der Egerton-Kodex umfasst 148 Pergamentblätter im Format von 360 × 242 mm (mit Anzeichen eines Beschnitts) und ist in einer runden italienischen Gotik (littera gothica textualis rotunda media) geschrieben, zweispaltig mit bis zu 55 Zeilen je Spalte. Der umfangreiche Gebrauch von Abbreviaturen setzt eine gelehrte, mit dem medizinischen Fachvokabular vertraute Leserschaft voraus. Trotz des universitätsnahen Formats trägt der Kodex keine pecia-Marken, die auf eine gewerbliche Vervielfältigung für den Lehrbetrieb hinweisen würden.

Neben dem Tractatus de herbis (fol. 1–106) enthält der Kodex eine Reihe weiterer pharmazeutischer Texte: das Antidotarium Nicolai (fol. 112–124), De dosibus medicinarum (fol. 124v), ein Quid pro quo (Substitutionsliste für Arzneidrogen, fol. 125v), Tabellen zu Gewichten und Maßen (fol. 127v–128) sowie ein Synonymenverzeichnis (fol. 128v). Diese programmatische Verbindung von Simplizien- und Komposita, ergänzt um praktische Hilfsmittel für die Rezeptur, macht den Kodex zu einem vollständigen pharmazeutischen Arbeitsinstrument.

Der Navigationsapparat des Egerton-Kodex steht in der Tradition der scholastischen ordinatio und compilatio, wie sie Malcolm Parkes für die Buchproduktion des 13. Jahrhunderts beschrieben hat. Jede alphabetische Sektion wird durch ein Summarium der enthaltenen Kapitelüberschriften eingeleitet; innerhalb der Einträge markieren alternierend rot-blaue pieds-de-mouche (Absatzzeichen) die einzelnen Indikationen; litterae notabiliores heben die am Rand nachgetragenen Isaak-Exzerpte hervor. Auch die Illustrationen fungieren als Signalmarken: Sie ermöglichen ein rasches, nicht-lineares Auffinden einzelner Einträge, ohne den gesamten Text durchblättern zu müssen. Gebrauchsspuren in Form von Flecken und Abrieb bestätigen die intensive Nutzung des Kodex.

An der Herstellung waren mindestens drei Hände beteiligt: ein Schreiber, ein professioneller Rubrikator, der die Initialen und den Buchschmuck der Frontispizien ausführte, und ein oder zwei Illustratoren. Collins erwog die Möglichkeit, dass der Kompilator selbst die Mehrzahl der Pflanzenbilder anfertigte, mit Unterstützung eines weniger versierten Gehilfen, da die Beobachtungsgenauigkeit eine botanische Sachkenntnis voraussetzt, die einem professionellen Illuminator nicht ohne Weiteres zuzutrauen ist. Für die These einer Originalproduktion (und nicht bloßen Kopie eines älteren illustrierten Kodex) spricht auch ein kodikologisches Detail: Zu Beginn der Handschrift wurden die Illustrationen in die linierten Spalten eingefügt, wobei die Farbe sich in den eingeritzten Linien sammelte; ab fol. 76 wurde das Verfahren geändert und die Liniierung nur noch über den oberen Teil der Spalten gezogen, um in der unteren Seitenhälfte Platz für die Illustrationen zu schaffen. Dieser Wechsel im Laufe der Herstellung deutet auf eine enge Zusammenarbeit von Schreiber und Maler hin, die bei der mechanischen Reproduktion einer bestehenden Vorlage nicht zu erwarten wäre.

Illustrationen und Naturnähe mini|Wegwarte (sponsa solis), Braunwurz und Elefant (spodium). Egerton 747, fol. 91r – die sternförmig ausgebreiteten Blätter und der Elefant mit sichtbaren Rippen illustrieren Hollers hortus siccus-These und das Prinzip des „zweierlei Maß“.

Der Egerton-Kodex enthält rund 406 Pflanzenbilder in Feder und Lavierung, die ohne Rahmen im Textbereich stehen und häufig in die Ränder hineinreichen; hinzu kommen Darstellungen mineralischer und tierischer Simplizien sowie Figurenszenen zur Gewinnung von Bergbauprodukten und Jagderzeugnissen. Otto Pächt charakterisierte die Pflanzenbilder als „half picture, half diagram“ – sie geben weder stilisierte Schemata wieder wie die Herbarius-Tradition noch erreichen sie den Illusionismus späterer Handschriften wie des Carrara-Herbars (London, BL, Egerton 2020, ca. 1390–1404), zeichnen sich aber durch eine in der lateinischen Buchmalerei des 13. Jahrhunderts beispiellose Aufmerksamkeit für die reale Gestalt der dargestellten Pflanzen aus.