mini|hochkant|Titelblatt der Lettere di philosophia naturale Camilla Herculiana, auch Herculiani, Erculiani oder Herculiani é Gregetta, (* um 1540 in Padua; † nach 1588 vermutlich ebenda) war eine italienische Apothekerin. Sie verfasste die Lettere di philosophia naturale (1584) und ist damit die einzige Frau, die im Italien des 16. Jahrhunderts Theorien zur Naturphilosophie veröffentlichte.

Biographie Camilla Greghetti wurde als Tochter des wohlhabenden Kaufmanns Andrea Greghetti in Padua geboren. Sie hatte drei Schwestern und zwei Brüder; ihre Mutter ist unbekannt. Einer ihrer Brüder graduierte an der Universität Padua in Jura.Bakic, Camilla Herculiana, S. 47. Sie heiratete den Apotheker Alovisio Stella, mit dem sie einen Sohn namens Melchiorre (oder Marchioro) hatte. Alovisio Stella gehörte die Apotheke „Alle Tre Stelle“ („Zu den drei Sternen“) im Viertel Pescheria. Dort begann Camilla Stella ihre Ausbildung zur „speciala“ („Gewürzhändlerin“), was eine weitergefasste Bedeutung als „Apothekerin“ hat, da sie die bezeichnete, die pflanzliche und pharmazeutische Heilmittel – oft mit Gewürzen – herstellten und verkauften.Bakic, Camilla Herculiana, S. 49.

1573, nach dem Tod ihres Ehemannes, heiratete Camilla Stella in zweiter Ehe Giacomo Herculiani, der zuvor Apotheker in Campana und später in „Alle Tre Stelle“ war. Die Eheleute arbeiteten dort gemeinsam. Camilla Herculiana hatte ein Kind aus erster und fünf Kinder aus ihrer zweiten Ehe; die später gedruckten Briefe stammten vorrangig aus den Zeiten zwischen ihren Schwangerschaften.

1584 veröffentlichte Camilla Herculiana ihr erstes Buch, Lettere di Philosophia naturale („Briefe über Naturphilosophie“).Carinci, Erculiani, Camilla, S. 1145. Sie stellte sich darin als Frau, Hausfrau, Mutter und Ehefrau vor mit Bezügen zur Haushaltsführung, zur Lösung alltäglicher Probleme und gab an, dass sie nur in den Stunden der Nacht frei lernen konnte.Bakic, Camilla Herculiana, S. 43. Camilla Herculiana stammte nicht aus aristokratischem Hause, und es gelang ihr, ihr tiefes Interesse an Philosophie mit praktischem Wissen zu verbinden, worauf sie in ihren Schriften stets Wert legte. Wahrscheinlich verdankte sie ihren Zugang zu Bildung und Wissen vor allem männlichen Familienmitgliedern und später ihren beiden Ehemännern sowie dem Umgang mit Angehörigen der Universität Padua.Bakic, Camilla Herculiana, S. 47. Ursprünglich waren ihre Briefe an den Schriftsteller Giorgio Garner sowie an Márton Berzeviczy gerichtet, einen transsylvanischen Diplomaten und Politiker.Bakic, Camilla Herculiana, S. 49.

Vermutlich kannte Herculiana die Werke des griechischen Naturphilosophen Galenos sowie Schriften zur Naturphilosophie und Meteorologie in der Volkssprache, die sich an ein breiteres, nicht-akademisches Publikum richteten, wie etwa die von Alessandro Piccolomini; sie besaß Kenntnisse in Astronomie und Astrologie und konnte möglicherweise etwas Latein. Auch kannte sie Sebastiano Erizzos Übersetzungen von Platons Dialogen ins Italienische und führte einen Briefwechsel mit Erizzo selbst; außerdem nutzte sie die Bibel, um ihre Theorien zu veranschaulichen.

Camilla Herculianas Buch wurde in Krakau gedruckt, wahrscheinlich dank polnischer Studenten und Gelehrter an der Universität Padua, die sie in ihrer Apotheke kennengelernt hatte, möglicherweise, um so die Zensur zu umgehen.Bakic, Camilla Herculiana, S. 50. Gewidmet war es der polnischen Königin Anna Jagiellonica. Die Druckerei „Stamperia di Lazaro“ in Krakau wurde von Jan Januskowski, einem ehemaligen Studenten aus Padua, geleitet. Im Buch behandelte Herculiana Themen, die für Frauen damals ungewöhnlich waren, wie etwa die Theorie des natürlichen Ursprungs der Sintflut, die natürliche Veranlagung des Menschen und die natürliche Entstehung des Regenbogens. „Ihr Buch leistete einen wichtigen Beitrag zu verschiedenen Debatten, von der ‚Querelle des femmes‘ (Debatte über Geschlechterrollen und -identitäten) bis hin zur Naturphilosophie“, so die Historikerin Jelena Bakic.Bakic, Camilla Herculiana, S. 69. Das Textkorpus wird von weiteren Texten umrahmt, darunter zwei Gedichte, ein Widmungsbrief an die Königin von Polen und ein Vorwort an die Leser, in dem Herculiana ihre Fähigkeit verteidigt, als Frau über Philosophie zu schreiben.

Obwohl das Buch vermutlich in limitierter Auflage – bis heute sind nur vier Exemplare nachweisbar – in Krakau gedruckt worden war,Bakic, Camilla Herculiana, S. 44. fiel es der Inquisition auf, und Herculiana wurde zwischen 1585 und 1588 vom Inquisitor von Padua verhört. Nach einem Bericht ihres Anwalts Jacopo Menochio wurde sie von der Inquisition der Ketzerei beschuldigt, insbesondere wegen ihrer im Buch geäußerten Ideen, dass etwa die Sintflut keine göttliche Strafe für die Sünden der Menschen gewesen sei: Sie habe sich aus natürlichen Gründen ereignet, die mit dem Gleichgewicht der Elemente in der Welt zusammenhingen. Menochio verteidigte sie damit, sie habe philosophisch und nicht theologisch gesprochen und dass sie als schwächere Frau nicht richtig denken könne, weshalb „unwissende Menschen und Frauen leichter zu entschuldigen seien“.Bakic, Camilla Herculiana, S. 67.

Der Prozess-Ausgang ist unbekannt, aber er beendete offenbar Herculianas Ambitionen: Ihre weiteren Werke Über die Sünde und Über die Seele, die sie in ihren Briefen erwähnt und die heute verloren sind, wurden nie veröffentlicht. Über ihren Lebensweg nach den Verhören ist nichts bekannt.Carinci, Erculiani, Camilla, S. 1146. Sie starb vermutlich in Padua nach 1588.

Publikationen

Digitalisat des Exemplars der Kórnik-Bibliothek

Literatur

Einzelnachweise

Kategorie:Apotheker Kategorie:Sachbuchautor Kategorie:Person (Padua) Kategorie:Historische Person (Italien) Kategorie:Geboren im 16. Jahrhundert Kategorie:Gestorben im 16. Jahrhundert Kategorie:Frau