Die folgende Liste gibt eine Übersicht über Genozidforscher und Völkerrechtler, die das Vorgehen der israelischen Streitkräfte im Gaza-Streifen in den Jahren 2023 bis 2025 öffentlich als Genozid bewertet haben.
Genozidforscher Omer Bartov, israelischer Genozidforscher, Professor für Holocaust- und Völkermordstudien an der Brown University in Providence, Rhode Island (Inhaber der dortigen John P. Birkelund Distinguished Professur für Europäische Geschichte)Steve Inskeep: Historian Omer Bartov on why he believes Israel is committing genocide in Gaza. bei NPR, 18. Juli 2025. Bartov schrieb in einer Einschätzung für die New York Times: „Meine unausweichliche Schlussfolgerung ist mittlerweile, dass Israel einen Völkermord am palästinensischen Volk begeht. Da ich in einem zionistischen Elternhaus aufgewachsen bin, die erste Hälfte meines Lebens in Israel verbracht, als Soldat und Offizier in der IDF gedient und den Großteil meiner Laufbahn mit der Erforschung und dem Schreiben über Kriegsverbrechen und den Holocaust verbracht habe, war dies eine schmerzhafte Erkenntnis, gegen die ich mich so lange wie möglich gewehrt habe. Aber ich unterrichte seit einem Vierteljahrhundert Kurse über Völkermord. Ich erkenne einen, wenn ich ihn sehe.“Omer Bartov: “I’m a Genocide Scholar. I Know It When I See It.” In: New York Times, 15. Juli 2025. Im Original lautet die Formulierung: “My inescapable conclusion has become that Israel is committing genocide against the Palestinian people. Having grown up in a Zionist home, lived the first half of my life in Israel, served in the I.D.F. as a soldier and officer and spent most of my career researching and writing on war crimes and the Holocaust , this was a painful conclusion to reach, and one that I resisted as long as I could. But I have been teaching classes on genocide for a quarter of a century. I can recognize one when I see one.” Daniel Blatman, israelischer Historiker mit Schwerpunkt in der Geschichte des Holocaust, Leiter des Institute for Contemporary Jewry, Hebrew University of Jerusalem In einem Statement für Haaretz erklärte Blatman: „Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden 90 Prozent der Bevölkerung des Gazastreifens mehrfach aus ihren Häusern vertrieben und leben unter menschenunwürdigen Bedingungen, die die Sterblichkeitsrate nur noch weiter erhöhen. Die Tötung von Kindern, das Aushungern, die Zerstörung der Infrastruktur, einschließlich der des Gesundheitssystems, die Zerstörung der meisten Wohnhäuser, einschließlich der Auslöschung ganzer Viertel und Städte wie Dschabaliya und Rafah, ethnische Säuberungen im nördlichen Gazastreifen, die Zerstörung aller Universitäten Gazas sowie der meisten Kultureinrichtungen und Moscheen, die Zerstörung der Regierungs- und Organisationsinfrastruktur, Massengräber, die Zerstörung der Infrastruktur für die lokale Lebensmittelproduktion und Wasserverteilung – all dies zeichnet ein klares Bild von Völkermord. Gaza als menschliche, national-kollektive Einheit existiert nicht mehr. Genau so sieht Völkermord aus.“Amos Goldberg, Daniel Blatman: There’s No Auschwitz in Gaza. But It’s Still Genocide. In: Haarez, 30. Januar 2025. Im Original lautet die Formulierung: “According to the United Nations, 90 percent of Gaza’s population have been displaced from their homes multiple times and are living in subhuman conditions that only increase mortality levels. The murder of children, starvation, destruction of infrastructure, including that of the health care system, destruction of most homes, including the erasure of entire neighborhoods and towns such as Jabalya and Rafah, ethnic cleansing in the northern Strip,destruction of all of Gaza’s universities and most cultural institutions and mosques, destruction of government and organization infrastructure, mass graves, destruction of infrastructure for local good production and water distribution - all these paint a clear picture of genocide. Gaza, as a human, national-collective entity no longr exists. This is precisely what genocide looks like.” Razi Gal, Historiker, Professor für Holocaust- und GenozidstudienRaz Segal: A Textbook Case of Genocide. Israel has been explicit about what it’s carrying out in Gaza. Why isn’t the world listening? In: Jewish Currents, 13. Oktober 2023. Amos Goldberg, israelischer Historiker, Professor für Holcaust-Geschichte und Ordinarius an der Hebrew University of JerusalemStéphanie Le Bars: Amos Goldberg: ‘What is happening in Gaza is a genocide because Gaza does not exist anymore.’ In: LeMonde, 24. Oktober 2024. Goldberg befand in einem Aufsatz für die israelische Zeitschrift Sikha Mekomit: „In den meisten Fällen von Völkermord, von Bosnien bis Namibia, von Ruanda bis Armenien, behaupteten die Täter der Morde, sie handelten in Selbstverteidigung. Die Tatsache, dass das, was in Gaza geschieht, nicht wie der Holocaust ist, bedeutet nicht, dass es kein Völkermord ist. In der Art und Weise, wie wir solche Konzepte normalerweise verstehen, existiert das palästinensische Gaza als geografisch-politisch-kulturell-menschlicher Komplex nicht mehr. Völkermord ist die vorsätzliche Vernichtung eines Kollektivs oder eines Teils davon – nicht all seiner Individuen. Und genau das ist es, was in Gaza geschieht. Das Ergebnis ist zweifellos ein Völkermord. Die zahlreichen Vernichtungserklärungen hochrangiger israelischer Regierungsvertreter und der allgemeine vernichtungswillige Ton des öffentlichen Diskurses, auf den die Haaretz-Kolumnistin Carolina Landsmann zu Recht hingewiesen hat, deuten darauf hin, dass dies auch die Absicht war.“Amos Goldberg: „כן, ze retzach am“ [Ja, es ist Völkermord], in: Sikha Mekomit (Local Call) vom 17. April 2024. Im Englischen lautet die Formulierung: “In most cases of genocide, from Bosnia to Namibia, from Rwanda to Armenia, the perpetartors of the murders said they were acting in self-defense. The fact that what is happening in Gaza is not like the Holocaust does not mean it is not genocide. In the was we normally understand such concepts, Palestinian Gaza as a geographical-political-cultural-human complex no longer exists. Genocide is the deliberate annihilation of a collective or part of it - not all of its individuals. And that’s what’s happening in Gaza. The resulst is undoubtedly genocide. The numerous declarations of extermination by senior Israeli government officials, and the general exterminating tone of the public discourse, rightly pointed out by Haaretz columnist Carloina Landsman indicate that this was also the intention.” Shmuel Lederman, israelischer Politologe, Spezialist für politische Theorie und Genozidstudien an der Open University of Israel In einem Statement for India Today erklärte Lederman: “The accumulated effect of what Israel has been doing in Gaza was basically genocide in terms of the harm done to the Gazans as a group.” Lee Mordechai, israelischer Historiker, Professor an der Hebrew University A. Dirk Moses, Historiker, Professor für Internationale Beziehungen am City College of New YorkStephan Detjen: Genozid Geschichte und Aktualität eines umstrittenen Begriffs. In: Deutschlandfunk, 3. Oktober 2025. Melanie O’Brien, Historikerin, Präsidentin der International Association of Genocide Scholars Raz Segal, israelischer Historiker, Professor des Studiums für Modernen Genozid an der Stockton UniversityRaz Segal: A Textbook Case of Genocide. In: Jewish Currenty, 13. Oktober 2023. Martin Shaw, emeritierter Professor für Internationale Beziehungen mit Spezialisierung in GenozidstudienMartin Shaw: The Genocide that Changed the World. In: Journal of Genocide Research, Band 28, 2026, 19. September 2025. Uğur Ümit Üngör, Professor für Genozidstudien am NIOD Institute for War, Holocaust, and Genocide Studies an der Universität Amsterdam Iva Vukusic, kroatische Genozidforscherin an der Universität UtrechtGenocide expert Iva Vukušić on the genocide case against Israel. In: Universität Utrecht, 29. Januar 2024.
Völkerrechtler Francesca Albanese, italienische Völkerrechtlerin, seit 2022 UN-Sonderberichterstatterin für die Menschenrechtslage in den seit 1967 besetzten palästinensischen Gebieten Michael A. Becker, Assistant Professor (Juniorprofessor) im Völkerrecht, Trinity College Dublin Position: „Auf Basis öffentlich zugänglicher Informationen bis August 2025 deuten Israels Handlungen im Gazastreifen seit dem 7. Oktober 2023 stark darauf hin, dass die Situation mittlerweile unter die Definition des Völkermords nach Artikel II der Völkermordkonvention fällt.“Begründung: „Ausschlaggebend ist eine Vielzahl belastender Faktoren: entsprechende Äußerungen israelischer Regierungsvertreter über viele Monate hinweg (sowie Israels Versäumnis, offenkundige Fälle der Anstiftung zum Völkermord zu ahnden), Strategie und Taktik des militärischen Vorgehens, das offiziell gegen die Hamas gerichtet ist, dabei jedoch zentrale Grundsätze des humanitären Völkerrechts verletzt zu haben scheint, sowie die Blockade humanitärer Hilfe und das Versäumnis, die katastrophale humanitäre Situation zu lindern. Mit Stand August 2025 spricht vieles dafür, dass die einzig vernünftige Schlussfolgerung daraus – sowie aus dem Einsatz von Aushungern als Mittel der Kriegsführung – eine staatliche Politik ist, die auf die physische Vernichtung der palästinensischen Bevölkerung Gazas abzielt, auch wenn dies in früheren Phasen des Konflikts nicht zwingend die einzige mögliche Schlussfolgerung gewesen sein mag. […] Zum jetzigen Zeitpunkt scheint die Situation in Gaza die sehr hohe rechtliche Schwelle zum Völkermord überschritten zu haben.“Franziska Kring, Max Kolter: Begeht Israel in Gaza einen Völkermord? In: Legal Tribune Online, 13. August 2025. Gleb Bogush, ehemaliger Assoziierter Professor für Völkerrecht an der Wirtschaftshochschule Moskau, Forscher am Institute for International Peace and Security Law an der Universität Köln Position: „Ja, Israel begeht einen Völkermord in Gaza.“Begründung: „Während es vergleichsweise einfach ist, die Taten einzelner Täter – vor allem staatlicher Amtsträger – dem Staat zuzurechnen, halte ich es für deutlich schwieriger, mit Gewissheit von einer „staatlichen Absicht“ zu sprechen. Meiner Meinung nach begeht ein Staat einen Völkermord, wenn die genozidale Absicht seiner Führung in seinen politischen Maßnahmen verankert ist. Ich sehe gute Gründe zu der Annahme, dass zumindest einige israelische Regierungsvertreter und Militärangehörige Handlungen mit genozidaler Absicht begehen. Das würde dann die Verantwortung des Staates Israel begründen. Insbesondere gilt das für Maßnahmen, die auf die Zerstörung der Lebensgrundlagen der palästinensischen Bevölkerung im Gazastreifen abzielen, wie etwa gezielte Angriffe auf das Gesundheits- und Bildungssystem […]. Die internationale Rechtsprechung sieht solche Versuche, die Wiedererrichtung einer Gemeinschaft zu verhindern, als starke Indizien für eine genozidale.“ Tom Dannenbaum, Assoziierter Professor für Völkerrecht, Fletcher School of Law & Diplomacy