Das Geheimtreffen von Straßburg fand am 10. August 1944, wenige Monate vor Kriegsende, im Straßburger Hôtel de la Maison Rouge als konspirative Zusammenkunft hochrangiger NS- und Wirtschaftsvertreter statt. Nach amerikanischen Geheimdienstberichten besprachen dort SS-Führungskräfte und Vertreter der Großindustrie Strategien für den Erhalt und die Finanzierung deutscher Kapazitäten nach einer Niederlage. Dem SHAEF-Intelligence-Report EW-Pa 128 zufolge ging es um „Untergrundaktivitäten nach der Niederlage Deutschlands“ und den Transfer von Kapital in neutrale Länder. In populärer Literatur und Presse (z. B. als „Red House Report“) wurde das Treffen als Beginn des angeblichen Aufbaus eines „Vierten Reichs“ interpretiert. Historiker weisen jedoch darauf hin, dass zwar reale Gespräche stattfanden, diese aber meist sachlich auf die Rettung von Firmen, Kapital und Patenten sowie das Verstecken von NS-Funktionären abzielten – Mythen um eine globale Nazi-Verschwörung (Stichwort „Projekt Odessa“) wurden meist als Legendenbildung eingestuft.

Hintergrund Im Spätsommer 1944 zeichnete sich die deutsche Niederlage im Zweiten Weltkrieg ab. Nach der erfolgreichen Landung der Alliierten in der Normandie begann der Rückzug aus Frankreich. Der Stauffenberg-Plan zur Ermordung Hitlers am 20. Juli 1944 schlug fehl. Die NS-Führung setzte verstärkt auf geheimdienstliche Operationen, um Reichsgold und Devisen vor den Siegermächten zu retten. Heinrich Himmler wollte offenbar für den Fall einer Niederlage Vorbereitungen treffen: Noch im Januar 1945 wies er Gauleiter an, potenzielle NS-Funktionäre auf Auslandseinsätze vorzubereiten. Die alliierten Geheimdienste hatten bereits davor begonnen, Informationen über Treffen von Nazis und Industrievertretern zu sammeln, die Pläne für den Untergrund nach Kriegsende diskutierten. Der Bericht über das Straßburger Treffen wurde daher ins „Safehaven“-Dossier aufgenommen und im November 1944 an das US-Außenministerium weitergeleitet. Die Alliierten erfuhren offenbar dank der Aussage eines französischen Informanten mit guten Kontakten zur deutschen Industrie, der von US-Geheimdienstkreisen als glaubwürdig eingestuft wurde, von dem Treffen.

Angebliche Teilnehmer Von verschiedenen Quellen sind folgende Gruppen und Personen genannt worden:

NS-Führungskräfte: Ein SS-Obergruppenführer (in den Berichten „Dr. Scheid“ genannt) leitete offenbar das Treffen. Der DDR-Propagandist und Schriftsteller Julius Mader nannte Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht, Ernst Kaltenbrunner und Abwehrchef Wilhelm Canaris als weitere Teilnehmer (was allerdings als unglaubwürdig gilt). Als eigentliche Kräfte hinter dem Treffen und den Plänen zur Verlagerung von NS-Vermögen wurden Reichsführer SS Heinrich Himmler und I.G. Farben-Mitarbeiter Max Faust genannt.Adam LeBor: Revealed: The secret report that shows how the Nazis planned a Fourth Reich ...in the EU Industrielle Großunternehmen: Vertreter großer Rüstungs- und Industriekonzerne waren anwesend. Erwähnt werden insbesondere Krupp, Messerschmitt, Röchling und Rheinmetall. Auch Manager weiterer bekannter Firmen waren dabei – etwa von Volkswagen, Brown Boveri, Zeiss und Leica. Ein früherer Mythos nannte fälschlich Emil Kirdorf, Fritz Thyssen und Gustav Krupp als Teilnehmer; Kirdorf war aber 1938 gestorben und Thyssen 1944 in Haft. Amtsträger aus Wehrmacht und NS-Ministerien: Die Quellen erwähnen zudem Offiziere oder Beamte der Marine und des Rüstungsministeriums. Teilweise ist von Treffen kleinerer Fachgruppen (z. B. unter Leitung eines Dr. Bosse vom Rüstungsministerium) die Rede, in denen Kapitalflucht und die Fortführung von NS-Netzwerken diskutiert wurden.

Das Treffen Das Treffen fand laut dem Geheimbericht am 10. August 1944 im Hôtel de la Maison Rouge (dem „Roten Haus“) in Straßburg statt. Den Aussagen der französischen Informanten zufolge wurde hier der endgültige Lagebericht der deutschen Industrie erstellt und ein Geheimplan beschlossen. Dabei ging es um die sofortige Evakuierung von Ausrüstung aus Frankreich, die Anerkennung der militärischen Niederlage und die Vorbereitung von Untergrundaktivitäten, um trotz deutscher Kapitulation handlungsfähig zu bleiben. In dem Bericht heißt es etwa, laut den Aussagen von Dr. Scheid müsse die deutsche Industrie „realisieren, dass der Krieg nicht mehr gewonnen werden kann“ und müsse sofort Kontakte und Allianzen mit ausländischen Firmen anbahnen sowie finanzielle Grundlagen für die Zeit nach dem Krieg legen. Angeblich ordneten die SS-Führung und Ministeriumsvertreter in einem zweiten Treffen dem engsten Kreis der Industriellen zu, über Banken in der Schweiz eine zukünftige illegale NS-Untergrundorganisation zu unterstützen, indem sie Vermögen in neutralen Staaten deponierten und die Nachkriegspläne der NSDAP finanzieren sollten.

Nachwirkungen Kurzfristig hatte das Treffen keine praktischen Auswirkungen mehr auf den Kriegsverlauf – Deutschland kapitulierte wenige Monate später. Die Alliierten nutzten den Bericht jedoch als Teil ihrer Safehaven-Ermittlungen, um die Flucht deutscher Vermögenswerte zu verhindern. In Nachkriegsdebatten und Medien wurde das Straßburg-Meeting lange Zeit häufig als Beleg für ein geplantes „Viertes Reich“ stilisiert (beispielsweise zitierten Elan Steinberg vom World Jewish Congress 1996 den Bericht, um von einem umfangreichen Nazi-Netzwerk zu sprechen) und auch Simon Wiesenthal vertrat bereits in den 1960er Jahren ähnliche Thesen. Der Bericht trug auch zur Mythenbildung über angeblich über die ganze Welt verteiltes Nazi-Gold bei. Historische Untersuchungen jedoch ordnen das Treffen in einen realen Kontext der Schließung von Unternehmen und Kapitalflucht ein: Es ging vor allem um den Schutz von Patenten, Firmen und Personalkontinuität, nicht um einen geheimen Neustart des NS-Regimes. So sei der 1944er-Geheimbericht kein einmaliger Beleg, sondern Teil einer Vielzahl ähnlicher Nachkriegsberichte, wobei der französische Informant möglicherweise die Bedeutung des Treffens überhöht hatte. Die Vorstellung eines organisierten Nazi-Untergrunds namens „Odessa“ oder eines unmittelbar anschließenden Vierten Reichs wird aufgrund mangelnder Belege von den meisten Historikern heute als Mythos gewertet. Belegt ist, dass die Schweiz tatsächlich für großangelegte Kapitalflucht aus Deutschland genutzt wurde und viele der Gelder nicht mehr wiedergefunden wurden.

Weblinks

SHAEF-Intelligence-Report EW-Pa 128 (englisch) Video des britischen Historikers Mark Felton auf YouTube (englisch)

Siehe auch Freundeskreis Reichsführer SS

Einzelnachweise

Kategorie:Wirtschaft (Deutsches Reich, 1933–1945) Kategorie:Politische Veranstaltung 1944 Kategorie:Veranstaltung in Straßburg