Die Würzburger Federprobe (bündnerromanisch: Emprova da plima da Würzburg)Cronica. In: liarumantscha.ch. Abgerufen am 24. Februar 2026. ist eine bündnerromanische Federprobe in einem Codex der Universitätsbibliothek Würzburg. Die Marginalie bzw. Schreiberglosse «Diderros ne habe diege muscha» gilt als ältestes Schriftzeugnis in rätoromanischer Sprache und wurde Ende des 10. Jahrhunderts auf der Anfangsseite einer St. Galler Handschrift eingetragen.
Beschreibung und Deutungen Die Handschrift der Würzburger Universitätsbibliothek (Würzburg, M.p.misc.f. 1) umfasst 68 Blätter und enthält Ciceros drei Bücher «De officiis». Der Codex wurde von einer Hand in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts im süddeutschen Sprachraum niedergeschrieben. Beschreibstoff ist Kalbspergament. Die Ausstattung weist auf die Abtei St. Gallen hin. Der Codex gelangte im 12. Jahrhundert an die Würzburger Dombibliothek.M.p.misc.f. 1. auf vb.uni-wuerzburg.de. Abgerufen am 25. Februar 2026.
Die Anfangsseite enthält Besitzvermerke, Federproben und Schreibübungen verschiedener Hände. An letzter Stelle notierte ein Schreiber zwischen lateinischen Zitaten aus Mt 27,46 und Joh 1,1–7 die Zeile «Diderros ne habe diege muscha». Seine Hand findet sich an keiner weiteren Stelle des Codex’.Bernhard Bischoff, Iso Müller: Eine rätoromanische Sprachprobe aus dem 10./11. Jahrhundert. S. 138–139.
Zur Deutung der rätoromanischen Sprachprobe befragten Bernhard Bischoff und Iso Müller die Hochschullehrer Aebischer, Hubschmied, Jud, Contini sowie den Redaktor Schorta.Bernhard Bischoff, Iso Müller: Eine rätoromanische Sprachprobe aus dem 10./11. Jahrhundert. S. 139–143. Bischoff und Müller schlossen, die lateinische Übertragung «Diderros inde habet decem muscas» sei wörtlich in Diderros hat nicht zehn Fliegen oder übertragen in Diderros ist ein armer Teufel zu übersetzen.Bernhard Bischoff, Iso Müller: Eine rätoromanische Sprachprobe aus dem 10./11. Jahrhundert. S. 146. Da Diderros kein romanischer Name sei,Bernhard Bischoff, Iso Müller: Eine rätoromanische Sprachprobe aus dem 10./11. Jahrhundert. S. 140–141. vermuteten sie eine Neckerei «in mitleidiger oder humorvoller Art» zwischen jugendlichen Klosterschülern.
Ricarda Liver stellte eine weitere Deutung im Sinne Continis zur Diskussion, da sie den fehlenden Plural der Schreibprobe vermisste. Die lateinische Übertragung «Diderros inde habere debeat muscam» sei in Diderros soll da von nichts erhalten/damit nichts verdienen zu übersetzen. Diese Interpretation sei durch die lateinische Tradition und auch auf Sprichwörter aus dem romanisch-germanischen Mittelalter gestützt. Der bisherigen Deutung spricht sie nicht «ihre Überzeugungskraft» ab.Ricarda Liver: Anmerkungen zur Würzburger Federprobe (PDF). In: Vox Romanica. Heft 61/1. Francke, Tübingen 2002, ISSN 2941-0916. S. 178–180. In das aktuelle Bündenerromanische übertragen lauten die Übersetzungen von Diderros hat keine Lust / bekommt nichts für seine Arbeit «Diderros betg avair mustgas da far insatge / na survegnir nagut per la lavur ch’ins fa».
Geschichte Ein älteres Zeugnis rätoromanischer Schriftlichkeit ist mit Stand 2002 nicht bekannt. Zweitältestes Schriftzeugnis ist die Versiun interlineara da Nossadunnaun (deutsch: Einsiedler Interlinearversion), eine rätoromanische Interlinearübersetzung in einem Codex der Bibliothek des Klosters Einsiedeln, die Ende des 11. Jahrhunderts verfasst wurde. Ein unbekannter Pfarrer hat einen Teil einer lateinischen Predigt des heiligen Pirmin in die Volkssprache übersetzt.
Von 1389 stammt eine Zeugenaussage aus dem Münstertaler Urbar.Zeugnisse für mittelalterliches Bündnerromanisch. Zeugenaussage aus dem Münstertaler Urbar 1389. In: Ricarda Liver: Rätoromanisch. Eine Einführung in das Bündnerromanische. Narr, Tübingen 2010. S. 91.
Spätere Zeugnisse rätoromanischer Literatur wurden mündlich weitergegeben und sind nur in späteren Abschriften des 16. Jahrhunderts überliefert. Jachiam Tütschett Bifruns «L’g Nuof Sainc Testamaint» von 1560 gilt als der erste erhaltene gedruckte Text in Rätoromanisch. Der Übergang zur Schriftlichkeit vollzog sich vor allem unter dem Einfluss der Reformation und weiterer Reformen.
Siehe auch Hebban olla vogala, Federprobe in altniederländischer Sprache
Literatur Bernhard Bischoff, Iso Müller: Eine rätoromanische Sprachprobe aus dem 10./11. Jahrhundert. In: Vox Romanica. Band 14 (1954/1955). S. 137–146. Zeugnisse für mittelalterliches Bündnerromanisch. Die Würzburger Federprobe. In: Ricarda Liver: Rätoromanisch. Eine Einführung in das Bündnerromanische. Narr, Tübingen 2010. ISBN 978-3-8233-6556-3. S. 86. Ornella Castellani Pollidori: Le dieci mosche de Diderros. In: Cultura neolatina. Band 29 (1969). ISSN 0391-5654. S. 283–286. Rolf Bergmann: Mittelalterliche volkssprachige Glossen. Winter, Heidelberg 2001. Gerold Hilty: Gallus und die Sprachgeschichte der Nordostschweiz. St. Gallen 2001.
Weblinks Abbildung der Seite 1r (recto) des Codex bei vb.uni-wuerzburg.de.
Belege
Kategorie:Historisches Dokument (Mittelalter) Kategorie:Handschrift der Universitätsbibliothek Würzburg Kategorie:Rätoromanische Sprache Kategorie:Handschrift (10. Jahrhundert)