Das 1997 gegründete Frauenkulturarchiv Graubünden ist eine unabhängige gemeinnützige Stiftung zur Erforschung der Geschichte der Frauen in Graubünden. Das Archiv interessiert sich nicht nur für bedeutende Bündner Frauen, sondern insbesondere auch für die «Geschichte von unten», stellt also den Alltag von wenig bekannten Frauen ins Zentrum. Das Forschungsprojekt «Fraubünden», das 1999 zum 200-jährigen Bestehen des Kantons im Jahr 2003 lanciert worden war, recherchierte die Lebensbedingungen der Bündner Frauen im 19. und 20. Jahrhundert. Daraus entstand von 2003 bis 2006 die rund 1600 Seiten starke Reihe «Fraubünden. Frauen- und Geschlechtergeschichte Graubündens» mit den vier Bänden FrauenRecht, FrauenKörper, Frauenarbeit und fremdeFrau.

Das Frauenkulturarchiv organisiert Vorträge, kulturelle Veranstaltungen und wissenschaftliche Tagungen und ist Beratungsstelle für Organisationen, Private oder Medienschaffende.

Geschichte Das Frauenkulturarchiv Graubünden wurde am 23. Juni 1997 von der Germanistin Silvia Hofmann und der Historikerin und Archivarin Silke Redolfi aus privaten Mitteln als Stiftung gegründet. Mitbegründerin Redolfi tat dies aus persönlicher Betroffenheit, da ihre Lizenziatsarbeit zu einem Frauenthema ihr bewusst machte, dass Frauen in Graubünden praktisch keine Geschichte hatten. Was ihr Leben und Wirken betraf, klafften grosse Lücken in den historischen Überlieferungen, in Geschichtsbüchern und -lexika kamen sie kaum vor, die Frauenforschung steckte noch in den Kinderschuhen und in den Medien waren Frauen kaum präsent.

Am 1. Oktober 1997 nahm das Frauenkulturarchiv seine Arbeit an der Spitalgasse in Thusis auf.Frauenkulturarchiv Graubünden in Betrieb In: Engadiner Post, Band 104, Nummer 114, 30. September 1997, e-newspaperarchives.ch, abgerufen am 22. Februar 2026 Als ersten Bestand erhielt es das Archiv der Frauenzentrale Graubünden. Die Sammlung wurde kontinuierlich aufgebaut und ein Förderverein wurde gegründet, deren erste Präsidentin die Politikerin Myrtha Welti war.Myrtha Welti erste Präsidentin In: Engadiner Post, Band 104, Nummer 150, 23. Dezember 1997, abgerufen am 22. Februar 2026

1998 gestaltete die Grafikerin Anna Stoffel das erste LogoNeues Logo für das Frauenkulturarchiv In: Engadiner Post, Band 105, Nummer 34, 21. März 1998, e-newspaperarchives.ch, abgerufen am 22. Februar 2026 und die Archivzeitschrift Hortensia, benannt nach der ersten Bündner Universalgelehrten und Feministin Hortensia Gugelberg von MoosMeta von Salis, eine Frau, die zu früh war In: Engadiner Post, Band 107, Nummer 24, 26. Februar 2000, e-newspaperarchives.ch, abgerufen am 22. Februar 2026, erschien erstmals.

Im Februar 2001 erfolgte der Umzug von Thusis nach Chur an die Fontanastrasse 15Fünf Jahre Frauenkulturarchiv Graubünden In: Engadiner Post, Band 109, Nummer 118, 10. Oktober 2002, e-newspaperarchives.ch, abgerufen am 22. Februar 2026 und 2008 von dort in die Altstadt an die Goldstrasse 10, wo die geografische Lage und ein Schaufenster die Arbeit des Frauenkulturarchivs seither sichtbarer machten.«Bündnerinnen Stolz» enthüllt In: Engadiner Post, Band 119, Nummer 118, 6. Oktober 2012, e-newspaperarchives.ch, abgerufen am 22. Februar 2026 Bereits 2011 musste ein Zweitarchiv angemietet werden, das sich seit 2016 in Thusis befindet. Dort finden auch Kurse und Veranstaltungen statt.

Nach 17 Jahren an der Goldstrasse 10 wurde dem Verein im Oktober 2025 der Mietvertrag gekündigt. Nach intensiver Suche und mit Unterstützung einer Mäzenin konnte per April 2026 ein geeignetes Lokal an der Unteren Gasse 28 gefunden werden.Ursina Straub: Raum gesucht – und Mäzenin gefunden In: Bündner Tagblatt vom 12. Dezember 2025 (swissdox.ch, mit Login)

Organisation und Finanzierung Im Gründungsjahr 1997 bekam die Stiftung 50'000 Franken aus dem Verkauf von Pro-Patria-Marken für das Pilotprojekt «Fraubünden». Bereits drei Jahre später anerkannte der Kanton Graubünden das Frauenkulturarchiv als kantonale Institution und sprach erstmals einen Betriebskredit von 25'000 Franken. Damit konnten die Grundkosten gedeckt, jedoch keine Löhne bezahlt werden. 2007 erhöhte der Kanton den Betriebsbeitrag auf 40'000 Franken.

2008 übernahm Silke Redolfi die alleinige Leitung des Archivs. Silvia Hofmann schied aus der operativen Führung aus, blieb jedoch Stiftungsrätin. Seit 2014 hat das Archiv einen Leistungsvereinbarung mit dem Kanton verbunden mit einem Betriebsbeitrag von 64'000 Franken. Dazu kommen Beiträge von Gönnerinnen und Gönnern, Spenden und Sponsorenbeiträge. Für Projekte müssen Drittmittel akquiriert werden.

Sammlung Das Frauenkulturarchiv sammelt Schrift-, Bild- und Tondokumente von Privatpersonen wie Tagebücher, Fotos, Briefe oder andere Akten sowie Unterlagen von Berufsfrauen (Journalistinnen, Architektinnen, Geschäftsfrauen oder Politikerinnen etc.), Vereinen und Verbandsarchiven, Archiven politischer Parteien und Organisationen, Firmen- und Fotoarchive.

Die Institution ist seit ihrem Bestehen rasch gewachsen. Sie enthält etwa das Werkarchiv der Architektin Monica Brügger oder auch die Nachlässe der Journalistinnen Elisabeth Eggerling (1926–2012) und Imelda Coray-Monn (1933–2009). Seit 2013 besitzt das Archiv auch einen Teil der Sticksammlung von Elly Koch, ein Geschenk der Churer «Stickkönigin».

Ausstellungen (Auswahl)

2006: Praesenta Chur (Messe für Unternehmerinnen Südostschweiz) 2011: Gedenkausstellung für die Dichterin Leonie Patt 2012–2013: Schaufensteraussellung «per ün mumaint» zum 5-Jahr-Jubiläum des Frauenkulturarchivs 2018–2019: Ausstellung über die Musikerin Corin Curschellas

Ehrungen und Auszeichnungen

2007: Anerkennungspreis der Frauenstiftung Irma Landolt-Lechner 2012: Dunna-Preis der Bündner Akademikerinnenvereinigung 2022: Erhalt der Weihnachtsgabe durch die Schweizerische Interessengemeinschaft zur Erhaltung von Grafik und Schriftgut (Sigegs)Frauenkulturarchiv Graubünden mit Weihnachtsgabe geehrt In: Kurznachrichten der Südostschweiz vom 27. Dezember 2022, abgerufen am 23. Februar 2026 (swissdox.ch, mit Login)

Literatur

Silke Margherita Redolfi: Die Unsichtbaren: Traditionen von Frauen in Graubünden In: Neue Wege: Beiträge zu Religion und Sozialismus, Vereinigung Freundinnen und Freunde der Neuen Wege (Hrsg.), Band 116 (2022), Heft 4 Silke Margherita Redolfi: Bündner Frauenvereine: sozial, politisch, gesellig, Kunst und Kultur Graubünden: Bündner Jahrbuch Band 59 (2017)

Siehe auch

Gosteli-Stiftung, Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung ThurgauerFrauenArchiv

Weblinks

Website des Frauenkulturarchivs Graubünden Online-Lexikon der Frauen in Graubünden In: buendnerinnen.ch Dokumente zur Geschichte der Frauen in Graubünden In: frauengeschichte.ch (Suchplattform) Menga Huonder-Jenny: Las memorias femininas In: Radiotelevisiun Svizra Rumantscha, Sendung Cuntrasts vom 12. April 2026 (Video) Frauenkulturarchiv Graubünden In: Radio Südostschweiz vom 3. Oktober 2022 Wie können die Biografien wichtige Bündner Frauen sichtbarer werden? In: Schweizer Radio und Fernsehen, Sendung Regionaljournal Graubünden vom 8. März 2021 (ab 12:03 Min.)

Einzelnachweise

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