Rechtsextremismus an deutschen Schulen bezeichnet innerhalb des Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland einen Komplex politisch motivierter Einstellungen und Verhaltensweisen, der sich an Schulen nicht nur, aber auch in Deutschland zu einem den schulischen Alltag prägenden Problem entwickelte. Antidemokratische Positionen breiten sich aus, demokratisch gesinnte Schüler werden verängstigt, deren Eltern verunsichert und Lehrer eingeschüchtert. Verstärkt durch gesellschaftliche Krisen und das Erstarken der AfD nimmt der Rechtsruck an Schulen seit Jahren zu und löst bei demokratischen Kräften auch jenseits der Schulen Besorgnis aus. Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) hat den Rechtsextremismus an Schulen spätestens seit Beginn der 2000er Jahre im Blick, der Deutsche Bundestag war im Jahr 2023 mit dem Thema befasst und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier äußerte sich 2025 dazu. Die bei Beltz verlegte Zeitschrift Pädagogik widmete als eine der zentralen Zeitschriften innerhalb der deutschsprachigen Schulpädagogik Anfang 2026 ein ganzes Heft dem Thema Rechtsextremismus an Schulen.
Veränderungen im schulischen Alltag „Antidemokratische Tendenzen sind kein neues Phänomen, sie sind nur sichtbarer und sagbarer geworden“ lässt ein wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Bildung der Universität Potsdam verlauten.
Laut dem Vorsitzenden des Landesschülerausschusses Berlin bewegt sich die Schülerschaft seit Jahren in eine „antidemokratische Richtung“. Die Bereitschaft steige, Diskriminierungen und rassistische Narrative „als legitime Meinungsäußerung hinzunehmen“, zumal die Schüler selbst oft davon überzeugt wären, „prodemokratisch eingestellt zu sein“.
Die hessenschau erinnerte Ende Januar 2026 an die Liebigschule Gießen, die wegen des Rechtsextremismus-Vorfalls bei der Wahl des Abiturmottos 2025 bundesweit für Empörung sorgte, weil „etwa die Hälfte der Jahrgangsstufe“ dem Oberstufenleiter zufolge für das Motto „NSDABI“ mit seinem Bezug zur NSDAP votiert haben soll.
Erscheinungsform rechten Gedankenguts Der „Rechtsruck in Klassenzimmern stellt Lehrkräfte vor Herausforderungen“, sie sehen sich zunehmend mit „Hitlergrüßen, Hakenkreuz-Schmierereien, rassistischen, sexistischen und homofeindlichen Äußerungen“ konfrontiert, die inzwischen zum Alltag gehören, in Teilen der Bevölkerung jedoch „große Besorgnis“ auslösen. Hinzu kommen „antisemitische und rassistische Hetze sowie körperliche Gewalt“. Bezüglich antisemitischer Tendenzen an Schulen ist zu vermerken, dass sie nicht zwingend mit einer parteipolitischen oder rechten Meinung einhergehen, denn sie finden sich ebenfalls bei linken und muslimischen Jugendlichen, insbesondere, wenn sie einem ausgeprägten Islamismus anhängen.
Dem Extremismus von rechts steht als Richtungsbegriff ein ebenfalls zunehmender Linksextremismus gegenüber, wie unter anderem in der sogenannten Hufeisentheorie beschrieben.
Zahlen
Wie das Bildungsministerium verlauten ließ, wurden 2024 an Schulen in Thüringen „120 rechte, rassistische oder extrem rechte Vorfälle registriert, 64 Prozent mehr als im Vorjahr“. An manchen Schulen drohe „eine rechte Vorherrschaft“. Wie viele Vorfälle es bundesweit gibt, ist schwer zu sagen, denn die Zahlen werden, wenn überhaupt, nicht einheitlich erfasst. Allein sechs Bundesländer haben keinen Überblick zu rechtsextremen Vorfällen an Schulen (Stand: Oktober 2025). Mitunter ermittelt der Staatsschutz.
Lehrer dürfen nicht politisch neutral sein mini|Erklärvideo der Landeszentrale für Politische Bildung NRW zur Entstehung des Beutelsbacher Konsenses Im Herbst 1976 wurde in Beutelsbach auf einer Tagung der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg von Politikdidaktikern unterschiedlicher parteipolitischer und konfessioneller Ausrichtung der Beutelsbacher Konsens verabschiedet, der Grundsätze für die politische Bildung festlegte.
Mit dem darin festgeschriebenen „Überwältigungsverbot“ sollen Lehrer daran gehindert werden, Schülern ihre politische Meinung aufzuzwingen. Stattdessen sollen Schüler dazu befähigt werden, sich zu mündigen Bürgern mit eigener Meinung zu entwickeln. Unter dem Stichwort „Kontroversität“ wird festgehalten, dass gesellschaftliche Kontroversen sich auch im Unterricht als solche abbilden sollen. Als dritter Grundsatz habe die „Schülerorientierung“ Schüler in die Lage zu versetzen, eigene und gesellschaftlich vertretene poitische Positionen zu analysieren und sich an der Gestaltung politischer Prozesse zu beteiligen.
Im Jahr 2016 veröffentlichte die Bundeszentrale für politische Bildung unter dem Titel Brauchen wir den Beutelsbacher Konsens? einen fast 400 Seiten umfassenden Band zur Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte des Beutelsbacher Konsenses mit 26 kontroversen Beiträgen über die „aktuelle Bedeutung, Funktion und Auslegung“. Zu Wort kamen Vertreter „aus Wissenschaft und Praxis der schulischen Politikdidaktik und der außerschulischen politischen Jugend- und Erwachsenenbildung“. Auch Leitbilder, heißt es im Schlusswort, seien „immer wieder neu zu diskutieren und zeitgemäß zu interpretieren“.
Lehrer müssen sich jeglicher Techniken der Propaganda und Manipulation enthalten. Der Beutelsbacher Konsens verlangt ihnen eine parteipolitische, aber keine politische Neutralität ab. Dieser scheinbar kleine, doch überaus bedeutungsvolle Unterschied führt zu Missverständnissen, die teils unbeabsichtigt, von rechtsextremen Organisationen jedoch absichtsvoll herbeigeführt werden. Seit 2018 richtet die AfD „Meldeportale“ ein, auf denen Lehrkräfte denunziert werden sollen, die sich an das angeblich geforderte Neutralitätsgebot nicht hielten. Im Gegensatz zur Meinung von Vertretern der AfD sind Lehrer „dazu verpflichtet, gegen antipluralistische, diskriminierende und geschichtsrevisionistische Tendenzen einzutreten“.
Im Zusammenhang mit den sogenannten Meldeportalen initiierte Johannes Varwick, Politikwissenschaftler an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) Anfang 2024 einen von mehr als 50 Professoren unterzeichneten Aufruf zur Prüfung eines AfD-Verbots und plädierte dafür, dem Rechtsextremisten Björn Höcke einen Teil seiner Grundrechte zu entziehen. Die seit Anfang 2021 vom Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) als rechtsextremer Verdachtsfall eingestufte Partei versucht, „Lehrkräfte einzuschüchtern und argumentiert mit dem Neutralitätsgebot, das sich aus dem sogenannten ‚Beutelsbacher Konsens‘ ableite“. Auf ihrer Website bringt die AfD den Beutelsbacher Konsens fälschlich mit dem Begriff der Neutralität in Verbindung.
Sibylle Reinhardt sprach im Jahr 2020 als Politikdidaktikerin der MLU auf der Herbsttagung der DVPB gut 20 Minuten über Politische Bildung und das vermeintliche Neutralitätsgebot. Eine Vorabveröffentlichung ihres Vortrags ist auf YouTube hinterlegt, bei der DVPB zusätzlich mit einer PDF zum Nachlesen.
Der rbb berichtete im Juli 2024 über das „viel beschworene“, aber oft missverstandene Neutralitätsgebot. Das Gegenteil des von der AfD Behaupteten ist der Fall: Lehrkräfte haben den Auftrag, Schülern demokratische Werte zu vermitteln und sind gehalten, klare Haltung gegen verfassungswidrige Positionen zu beziehen. „Gegenüber demokratiefeindlichen Meinungen dürfen sie nicht neutral sein“.
Klaus Hirsch von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW): „Die AfD instrumentalisiert den Beutelsbacher Konsens, um eine kritische Aufarbeitung ihrer menschenverachtenden Ideologie an den Schulen verächtlich zu machen und Lehrkräfte einzuschüchtern.“ Zur Debatte um Neutralität im Klassenraum schreibt die GEW:
Für die Waldorfschulen meldeten sich unter dem Titel Wider den Missbrauch der Neutralität die beiden Waldorf-Lehrer Albrecht Hüttig und Frank Steinwachs im Dezember 2024 auf dem Online-Portal der Zeitschrift Erziehungskunst zu Wort, um den „Mythos gewordenen Begriff Neutralität“ klarzustellen und seiner Instrumentalisierung entgegenzutreten. Der Abschnitt Antidemokratisches Denunzieren ihres Positionspapiers nimmt Bezug auf die „Meldeportale“ der AfD.
Der Stern bezog 2025 mit einer groß angelegten Reportage unter dem Titel Inside Schule Position. Immer häufiger werde „aus dem staatlichen Neutralitätsgebot abgeleitet, dass sich Schulen nicht gegen Rechtsextremismus positionieren dürften.“ Vor allem die AfD habe „dieses Missverständnis in den vergangenen Jahren befeuert“. Tatsächlich verlange „das Gebot zwar politische Unparteilichkeit von den Vertretern des Staates – aber keine Gleichgültigkeit“. Im Gegenteil: Staatsbedienstete seien „verpflichtet, die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu schützen“. Die Verunsicherung sei groß: „Viele Lehrkräfte fragen sich, wie sie auf die wachsende Zahl rechtsextremer Vorfälle reagieren können, ohne sich angreifbar zu machen – und andere Eltern fragen sich, wie offen sie gegen rechte Positionen auftreten können, ohne ihre Kinder zu gefährden.“ Während „demokratisch gesinnte Eltern“ zunehmend zögern, „sich klar zu positionieren“, werden von anderen, die sich gern in den Elternbeirat wählen lassen, „rechtsextreme Ansichten offen vertreten“. Dies geschehe „zulasten sozialer Inklusion und des Schutzes diskriminierter Gruppen“, bevorzugt „queere Familien, Familien mit behinderten Angehörigen oder Familien mit Migrations- und Fluchthintergrund“. Auch der Bundespräsident meldete sich im Rahmen dieser Recherche zu Wort.
Aufklärung Um Aufklärung bemühen sich zahlreiche staatliche und außerstaatliche Institutionen, Beratungsstellen, Vereine, NGOs, Fachzeitschriften und viele Massenmedien.
Zentralen für politische Bildung Spätestens seit Beginn der 2000er Jahre informiert die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) regelmäßig über das Thema Rechtsextremismus an Schulen. So wurde im Jahr 2003 unter dem Schlagwort Schritte gegen Gewalt über ein Heft ihrer Reihe Informationen zur politischen Bildung (IzpB) berichtet, das die Ergebnisse einer Umfrage zum Ausmaß rechtsextremistischer Vorfälle an Schulen zusammentrug. In dem vor mehr als 20 Jahren verfassten Bericht über die Erhebung wird Rechtsextremismus noch als ein „zahlenmäßig geringer“ Bestandteil der Gesellschaft bezeichnet. Ein Jahr später wurde im Juli 2004 eine Pressemitteilung darüber herausgegeben, dass die rechtsextreme Szene „im Rahmen des "Projekts Schulhof" rund 250.000 CD-ROMs mit rassistischer Musik vor Schulen verteilen“ wolle. Die Bundeszentrale und jugendschutz.net wollten laut damaligem bpb-Präsidenten Thomas Krüger dem Treiben der Szene „gezielt durch Informations- und Bildungsangebote“ entgegentreten. Im Jahr 2008 veröffentlichte die bpb ein von Madeleine Warsitz zusammengestelltes Muster-Seminar über Rechtsextremismus.
Bis heute ist es zu zahlreichen Veröffentlichungen der bpb über das Thema gekommen. Die Volltextsuche nach Rechtsextremismus an Schulen warf im Januar 2026 dort 250 Treffer aus. Im fluter, dem Jugendmagazin der bpb, stellte Doreen Reinhard im April 2025 für Jugendliche beispielhaft eine kurze „Chronik rechtsextremer, rassistischer und antisemitischer Vorfälle“ zusammen, die sich von April 2023 bis Mai 2024 an deutschen Schulen zutrugen. „Keine Form von Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus“ dürfe an Schulen hingenommen werden, heißt es im fluter, doch würden Lehrkräfte in ihrer Ausbildung „kaum auf den Umgang mit extremen Haltungen vorbereitet“.