mini|hochkant|Darja Jegerewa (2022) Darja Anatoljewna Jegerewa, in den deutschen und internationalen Medien normalerweise Daria Egereva (, geb. am 7. April 1977 in Kolpaschewo, RSFSR, Sowjetunion), ist eine indigene Klima- und Menschenrechtsaktivistin aus Russland und Ko-Vorsitzende des Internationalen Forums indigener Völker zum Klimawandel (IIPFCC).

Seit dem 18. Dezember 2025 befindet sie sich unter dem Vorwurf von Extremismus und Terrorismus in Untersuchungshaft. Ein Prozesstermin war im Mai 2026 nicht festgesetzt. Internationale Medien berichten über den Fall, und er wird von Wissenschaftlern kommentiert.Unter anderem in der wissenschaftlichen Zeitschrift Arctic Review on Law and Politics () Neben dem IIPFCC und weiteren Organisationen fordert der Hohe Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte ihre Freilassung. Die russische Menschenrechtsorganisation Memorial stuft Jegerewa als politische Gefangene ein. Amnesty International verlangt in einer Urgent Action vom 8. April 2026 ihre sofortige Freilassung.

Leben Jegerewa lebt in Moskau und gehört dem Volk der Selkupen an, einem der indigenen kleinen Völker des russischen Nordens mit etwas mehr als 3500 Mitgliedern.

Sie wurde 1977 in der Stadt Kolpaschewo (Oblast Tomsk) geboren und verbrachte ihre Kindheit in Iwankino, einem selkupischen Dorf am Ob. Das Dorf liegt etwas nordwestlich von Kolpaschewo im gleichnamigen Rajon.

Wie ihre Mutter, die als Lehrerin arbeitete und sich im Sinne von bürgerschaftlichem Engagement um die Bewahrung der selkupischen Sprache und Kultur im Ort bemühte, interessierte sich auch Jegerewa für diese Fragen und engagierte sich bereits während ihres Studiums an der Staatlichen Pädagogischen Universität Tomsk als Interessenvertreterin des selkupischen Volkes.

Später zog sie nach Moskau, wo sie diese Arbeit fortsetzte. Dort wurde sie am 17. Dezember 2025, kurz nach ihrer Rückkehr von der UN-Klimakonferenz in Brasilien festgenommen.

Wirken mini|Darja Jegerewa auf der COP29 in Baku, Aserbaidschan, im November 2024 Als Repräsentantin des indigenen Volkes der Selkupen übernimmt Jegerewa seit mehreren Jahren fachliche Aufgaben zur Beteiligung indigener Völker an multilateralen politischen Prozessen. Als technische Expertin für Klimawandel befasst sie sich mit Fragen der globalen Klimakooperation sowie mit der Einbindung indigener Völker in offizielle Rahmen der Vereinten Nationen, darunter auch Foren unter Beteiligung der Russischen Föderation.

Ihr Engagement steht zugleich im Kontext einer jüngeren Generation indigener Führungspersonen in Russland, die nach dem Ende der sowjetischen Abhängigkeit vieler indigener Organisationen von staatlichen Strukturen stärker auf Selbstorganisation und Selbstermächtigung indigener Gemeinschaften setzte.

Sie hatte leitende Funktionen innerhalb der offiziellen indigenen Interessengruppe im Rahmen der Klimarahmenkonvention, des Internationalen Forums indigener Völker zum Klimawandel (IIPFCC). Seit 2023 ist sie Ko-Vorsitzende dieses Gremiums, das die indigenen Völker im Rahmen der UN-Klimaverhandlungen repräsentiert.

In dieser Funktion nahm sie an mehreren Vertragsstaatenkonferenzen der Klimarahmenkonvention teil, darunter an COP28, COP29 sowie COP30. Ihre Tätigkeit ist koordinierender und vermittelnder Natur und zielt auf einen konstruktiven und geordneten Dialog zwischen indigenen Vertretungen und staatlichen Delegationen innerhalb der offiziellen Verhandlungsprozesse. Bei der COP30 in Brasilien wirkte sie wenige Wochen vor ihrer Festnahme als Ko-Vorsitzende des Indigenous People’s Forum on Climate Change mit. Zudem setzt sie sich aktiv für eine stärkere Beteiligung indigener Frauen an den Klimaverhandlungen ein, so während ihrer Teilnahme an COP30 in Brasilien.

Ihre Arbeit konzentriert sich auf internationale Klimapolitik sowie die Rechts- und Lebensgrundlagen indigener Gemeinschaften in Russland, deren Siedlungsgebiete im Norden durch überdurchschnittliche Erderhitzung, auftauenden Permafrost und neu zugängliche Rohstoffvorkommen zusätzlich unter Druck geraten.

Darüber hinaus war Jegerewa Mitglied der Local Communities and Indigenous Peoples Platform (LCIPP)https://lcipp.unfccc.int/about-lcipp/un-indigenous-sociocultural-regions/eastern-europe-russian-federation-central-asia-and-transcaucasia unter der Klimarahmenkonvention. In diesem Rahmen wirkte sie an der Stärkung von Beteiligungsformaten zwischen Staaten und indigenen Völkern in der Ausarbeitung und Umsetzung klimapolitischer Maßnahmen mit. Ferner beteiligte sie sich an der Arbeit des Expert Mechanism on the Rights of Indigenous Peoples (EMRIP) sowie des Ständigen Forums für indigene Angelegenheiten (UNPFII) der Vereinten Nationen und brachte dort fachliche Beiträge im Rahmen der jeweiligen Mandate dieser Gremien ein.

Neben Umweltfragen machte Jegerewa auch auf weitere Probleme des selkupischen Volkes aufmerksam. Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit lag auf Fragen der Bildung. Sie setzte sich für eine Reform der Schulbildung für die Selkupen ein und forderte Schulunterricht in selkupischer Sprache. Dieser ist gesetzlich zumindest als Wahlfach vorgesehen, es gibt ihn in der Praxis jedoch nicht. Schließlich setzte sie sich für ländliche Armutsbekämpfung durch Stärkung von Sozialunternehmertum indigener Frauen ein.

Strafverfolgung Am 17. Dezember 2025 wurden mehrere prominente Vertreter kleiner indigener Völker aus den Republiken Altai und Sacha sowie aus den Oblasten Tomsk, Murmansk und Kemerowo wie auch der Region Krasnojarsk und der Stadt St. Petersburg von Polizeikräften aufgesucht. Die Operation begann um 9 Uhr Moskauer Zeit und wurde nahezu gleichzeitig über alle elf Zeitzonen Russlands hinweg durchgeführt; betroffen waren die Wohnungen und Arbeitsstätten von 17 indigenen Aktivisten. Sie wurden verhört – manche vorläufig festgesetzt – und ihre elektronischen Geräte beschlagnahmt. Die Befragungen betrafen unter anderem die Teilnahme an internationalen Foren. Gegen alle von ihnen wurden Ermittlungen eingeleitet.

Diese Polizeiaktion zielte auf Vertreter der Selkupen, Samen, Tubalaren, Tchulymen, Schoren, Kumandinen, Dolganen, Jukagiren, Ewenken und Nganasanen. Alle betroffenen Personen hatten sich über viele Jahre für die Rechte dieser indigenen Völker eingesetzt und waren in irgendeiner Form an der Umweltarbeit von Indigenen innerhalb der Vereinten Nationen beteiligt. Viele der Betroffenen haben auch an anderen UN-Gremien und internationalen Treffen teilgenommen, bei denen rechtliche Probleme indigener Völker und des Schutzes ihrer Territorien behandelt wurden.

Manche der festgesetzten Aktivisten wurden sofort wieder freigelassen, aber Jegerewa und Natalia Leonhardt wurden am 18. Dezember in Untersuchungshaft genommen. Viele der übrigen Betroffenen verließen anschließend Russland; andere blieben im Land, äußerten sich aber nicht mehr öffentlich.

Aborigen Forum Die Verfolgung von Jegerewa steht in Verbindung mit den Aktivitäten des Aborigen Forum (), eines informellen Zusammenschlusses von Experten zu den sogenannten indigenen Völkern des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens. Die Ermittlungsbehörden stützten die Vorwürfe gegen Jegerewa und Leonhardt auf ihre angebliche Beteiligung an Aborigen Forum und stellten das Netzwerk als Teil eines staatsfeindlichen „Post-Russia Free Nations Forum“ dar. Aborigen Forum war 2015 in Reaktion darauf gegründet worden, dass der Dachverband RAIPON 2013 unter vollständige staatliche Kontrolle gekommen war. Das Forum, in dem bestehende Gesetzgebung analysiert wurde, setzte sich für die Rechte, Interessen und Kulturen dieser indigener Gemeinschaften ein, löste sich aber sofort nach dem offiziellen Einschluss als Teil einer angeblichen „separatistischen und antirussischen Bewegung“ im Juli 2024 selbst auf. Erst nach dieser Auflösung wurde Aborigen Forum als „terroristisch“ eingestuft, als im November 2024 der Oberste Gerichtshof der Russischen Föderation 172 Organisationen mit Bezug zu indigenen Völkern und anderen Minderheiten in die Liste terroristischer Organisationen aufnahm, darunter Aborigen Forum.

Verhandlung Für den 11. Februar 2026 wurde der Beginn des gerichtlichen Verfahrens gegen Jegerewa angekündigt. Aus öffentlich zugänglichen Berichten geht jedoch nicht eindeutig hervor, ob es sich dabei bereits um die Hauptverhandlung oder um eine vorbereitende Anhörung im Rahmen des Strafverfahrens handelte. Am 12. Februar verlängerte das Moskauer Bezirksgericht Basmanny nach einer Anhörung die Untersuchungshaft bis Mitte März 2026. Am 12. März verlängerte das Gericht die Untersuchungshaft um drei weitere Monate. Bei einer Haftprüfung am 29. April 2026 bestritten Jegerewa und Leonhardt, Teil einer staatsfeindlichen Verschwörung zu sein; das Gericht lehnte eine Freilassung gegen Kaution ab und beließ sie mindestens bis Mitte Juni 2026 in Untersuchungshaft. Ein Termin für eine Hauptverhandlung war im Mai 2026 weiterhin nicht festgesetzt.

Neben Jegerewa ist Natalia Leonhardt aus der indigenen Menschenrechtsarbeit angeklagt, die ebenfalls auf UN-Ebene tätig ist.

Artikel 205.5 Teil 2 Konkret werden Jegerewa – auf Grundlage von Artikel 205.5 Teil 2 des russischen Strafgesetzbuches – „Aktivitäten zur Untergrabung der territorialen Integrität Russlands und zur Zerstörung seiner verfassungsmäßigen Ordnung“ vorgeworfen, das bedeutet „Extremismus“ und „Terrorismus“, wofür eine Freiheitsstrafe von zehn bis zu 20 Jahren droht.

Nach internationalen Menschenrechts- und Rechtsanalysen wird diese Rechtsnorm häufig in politisch motivierten Verfahren angewendet, um Aktivitäten zu ahnden, die nicht zwingend mit konkreten Gewalttaten verbunden sind, sondern etwa die Teilnahme an Gruppierungen oder Unterstützungshandlungen betreffen, die offiziell als „terroristisch“ eingestuft wurden. Auf dieser Rechtsgrundlage wurden unter anderem der Krimtatare Emir-Ussejin Kuku sowie der russische Jugendliche Arsenij Turbin strafrechtlich verfolgt; beide werden von Menschenrechtsorganisationen als politische Gefangene bezeichnet.

In seinen abschließenden Bemerkungen von 2023 äußerte sich der UN-Antidiskriminierungsausschuss (CERD) besorgt über die zu weit gefasste und vage Definition des Begriffs „extremistische Aktivitäten“ in der russischen Gesetzgebung, die eine gezielte Anwendung gegen Akteure der Zivilgesellschaft und insbesondere gegen diejenigen ermöglicht, die sich für die Rechte indigener Völker einsetzen. Der Ausschuss warnte davor, dass solche Gesetze dazu genutzt werden, Menschenrechtsverteidiger und Vertreter indigener Völker einzuschüchtern, zu schikanieren und strafrechtlich zu verfolgen, weil sie ihr Recht auf freie Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit ausüben. Auch der UN-Ausschuss für Bürgerliche und Politische Rechte kritisierte Russland deutlich für dessen unspezifische Extremismusgesetzgebung und deren Nutzung zur Verfolgung von Minderheiten.

Reaktionen Die Verhaftung von Darja Jegerewa und der bevorstehende Prozess haben eine Reihe von Reaktionen hervorgerufen, vor allem im Ausland.

Russland Mehr als einen Monat nach der Polizeiaktion gab Alexander Nowjuchow, Präsident der Assoziation der indigenen kleinen Völker des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens (RAIPON), am 28. Januar 2026 eine Stellungnahme ab. Ohne Jegerewa namentlich zu erwähnen, bezeichnete er die betroffenen indigenen Aktivisten als Extremisten und verteidigte das Vorgehen der Regierung gegen sie.

Die russische Botschaft in London erklärte im Mai 2026, die Ermittlungen gegen Jegerewa seien eine innerrussische Rechtsangelegenheit und würden im Einklang mit russischem Recht geführt; zugleich wies sie Vorwürfe von Verletzungen indigener Rechte zurück und verwies auf gesetzliche Schutzgarantien für indigene Völker. Klima- und Rohstoffprojekte in nördlichen Regionen beschrieb sie als Teil regionaler Entwicklung, Arbeitsplatzschaffung und Investitionen, auch zugunsten indigener Gemeinschaften.

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