mini|Die venezianische Kirche nebst Klosterkomplex im Plan des Jacopo de’ Barbari, um 1500 (Detail) Santa Maria della Celestia (ven.: Ceza de Santa Maria Sunta in Cièło), auch Santa Maria Assunta in Cielo oder Santa Maria Celeste, war eine im 13. Jahrhundert errichtete Kirche nebst Kloster im Osten des venezianischen Sestiere Castello. Dort lebten ab dem 13. Jahrhundert Zisterzienserinnen, ab dem 16. Jahrhundert unterstand das Kloster nicht mehr dem Papst, sondern dem Patriarchen von Venedig. Die Kirche, die unweit der Kirche San Francesco della Vigna und des Arsenals lag, bestand bis Anfang des 19. Jahrhunderts.

Geschichte Die Kirche soll, so die sehr viel spätere Überlieferung, auf die Familie Celsi zurückgehen, die das Bauwerk angeblich ab 1199 errichten ließ. Fertiggestellt wurde es wohl erst ab 1237 zur Zeit des Dogen Jacopo Tiepolo. Zu dieser Zeit wurde ein Kloster von Zisterzienserinnen, die aus Piacenza kamen, gegründet. Sie unterstanden der Abtei Chiaravalle della Colomba. Deren strenge Ordnung hatte den späteren Dogen Renier Zen bei seinem dortigen Aufenthalt als Podestà im Jahr 1236–1237 so sehr beeindruckt, dass er seinen Einfluss geltend machte, um zwölf NonnenEmmanuele Antonio Cicogna: Delle Inscrizioni Veneziane, Bd. 3, Picotti, Venedig 1830, S. 195. unter Leitung der Äbtissin Carenzia Visconti nach Venedig zu holen. Ob auch diese Gründungsinitiative eines späteren Dogen eher legendär ist, bleibt unklar. In seinem Testament von 1268 erwähnt Renier Zen das Kloster jedenfalls nur am Rande, sieht hingegen reichhaltige Zuwendungen für das Kloster Santa Maria dei Crociferi vor.Jacopo Bernardi (Hrsg.): Antichi testamenti tratti dagli archivi della congregazione di Carità di Venezia per la dispensa delle visite, serie 3a, Venedig 1884, S. 3–18. Zen könnte sich im Alter allerdings auch stärker der Armenfürsorge verpflichtet gefühlt haben, wie sie die Crociferi vertraten, als der religiösen Strenge der Zisterzienserinnen.

Ab 1247 erhielten die Nonnen vom Papst das Recht, ihre Äbtissin selbst zu wählen. 1255 wurde das Institut von allen kirchlichen Abgaben befreit, und zudem sollte im Umkreis von 150 Schritten kein neuer Kultort errichtet werden dürfen. Es folgten päpstliche Indulgenzen für die Besucher und Förderer des Klosters.Flaminio Corner: Notizie storiche delle Chiese e Monasteri di Venezia, Padua 1758, S. 152. Ablässe gewährte dem Kloster zudem Ulrich von Seckau, nominell Erzbischof von Salzburg, und Tommaso, Bischof von Squillace, zwei bedeutende Prälaten, die 1260 durch Venedig reisten. Diese dienten der Beschaffung von Mitteln zur Fertigstellung des Klosters. Hinter dessen Gründung stand wohl weniger der Doge, als vielmehr Papst Gregor IX.Silvia Carraro: Tra sacro e quotidiano. Il monachesimo femminile nella laguna di Venezia in epoca medievale (secoli IX à XIV), Diss., Mailand 2012, S. 143–147 (online, PDF).

Doch venezianische Klöster dienten nicht nur der Kontemplation, dem Gebet und der Arbeit. Sie wurden auch gebraucht, um Töchter, deren Verheiratung der Familie zu teuer war, abzuschieben. Auch als Gefängnisse konnten sie dienen, etwa nach der Rebellion von 1310 (Baiamonte Tiepolo). Zizabella (Ciçabella), die Ehefrau eines der Verschwörer namens Andriolo Querini, der auch an der Barozzi-Verschwörung von 1328 einen Anteil hatte, entschied sich, nach Santa Maria della Celestia zu gehen. Dort sollte sie bis zum Tod ihres Mannes verbleiben,Anna Rapetti: La formazione di un’aristocrazia: monache e monasteri femminili a Venezia tra IX e XIII secolo, in: Anuario de estudios medievales XLIV (2014) 215–238, Anm. 59 (Ferruccio Zago: Consiglio dei Dieci, Deliberazioni Miste, registri I–II (1310–1325), 1962, n. 363 und Ders.: Consiglio dei Dieci. Deliberazioni miste. Registri III–IV (1325–1335), n. 45, 51, 58). wobei sie ihr Vermögen behalten durfteFabien Faugeron: Couverture fascicule L’art du compromis politique : Venise au lendemain de la conjuration Tiepolo-Querini (1310), in: Journal des Savants 2 (2004) 357–421, hier: S. 404 f. (online).. mini|Lorenzo Veneziano: Kleines Polyptychon, Tempera auf Holz, heute in der Pinacoteca di Brera zu Mailand. Das zentrale Panel zeigt die thronende Jungfrau und das Kind nebst Engeln, die Seitenpanele die Heiligen Katharina von Alexandrien und Nikolaus (unten links), Markus und Lucia (unten rechts), die heiligen Antonius Abbas und Johannes der Täufer (oben links), die heiligen Andreas und Viktor (oben rechts).Brera. Complete Guide to the Works in the Gallery, Scala, 1997, S. 12. 1351 kam es anlässlich einer Visitation durch Abt Jacopo della Colomba zu einem Streit über die Zustände im Kloster, der zur Exkommunikation der Äbtissin und der Nonnen führte, die sich auf die unmittelbare Unterstellung unter den Papst beriefen. In diesen sich über Jahrzehnte hinziehenden Streit um die Rechte des Bischofs von Castello im Kloster mischten sich der Papst in Avignon genauso ein wie der Doge Andrea Contarini, der Schutzherr des Hauses. Die in den Augen der Zeitgenossen untragbaren Zustände führten 1457 zur Einsetzung der Äbtissin Chiara da Mula, die harsche Reformen durchsetzte. Sie hatte schon das Kloster San Maffio auf Mazzorbo reformiert.

Anfang des 16. Jahrhunderts wurde das Kloster den Zisterziensern entzogen und dem Patriarchen von Venedig unmittelbar unterstellt. Nach Emmanuele Antonio Cicogna geschah dies, weil dort 1509 junge Adlige über Nacht im Kloster gewesen waren, man sich über die Streitigkeiten zwischen Konventualen und Observanten nicht einigen konnte. Dabei durchbrachen die Konventualen am 15. November 1521 eine Mauer, um den Observanten ihren Weizen zu nehmen. 1525 kam es zu handfesten Auseinandersetzungen, so dass der Rat der Zehn sich zum Eingreifen veranlasst sah. 1519 war es auf Initiative des Patriarchen Antonio Contarini zu Reformen gekommen, die die Verweltlichung der Klöster umkehren sollten. Sie zielten auf die Unterstellung unter strenge Observanz und die Durchsetzung der Klausur. Die Nonnen und ihre Angehörigen protestierten beim Dogen Leonardo Loredan, doch dieser lehnte ab. Der Patriarch ließ nun getrennte Räumlichkeiten für die Observantinnen einrichten. Die Nonnen riefen den Papst an, und läuteten den ganzen Tag die Glocken, als dieser am 27. Juni 1519 die zwangsweise Einquartierung der Observantinnen gegen den Willen der anderen Nonnen untersagte. Doge, Senat und Rat der Zehn jedoch lehnten das päpstliche Breve ab. Im August 1521 protestierten die betroffenen Klöster, die sich der Reform nicht fügen wollten, nämlich San Zaccaria, Santa Maria della Celestia und Santa Marta, gemeinsam, wenn auch vergeblich gemeinsam mit Familienangehörigen gegen das staatliche und kirchliche Vorgehen. Schließlich bedrohte der Patriarch jeden mit der Exkommunikation, der es wagte, weiterhin Widerstand gegen sein Vorgehen zu leisten. Am 17. September 1521 wurde unter Leitung von drei Adligen das Institut der „Provveditori sopra i Monasteri“ eingerichtet, womit die Nonnenklöster, ohne dies explizit im Titel auszudrücken, unter staatliche Aufsicht kamen.

In der Nacht vom 13. auf den 14. September 1569 wurde die Kirche von einem Großbrand und der folgenden Explosion von Schießpulver im nahegelegenen Arsenal so schwer getroffen,Flaminio Corner: Notizie storiche delle Chiese e Monasteri di Venezia, Padua 1758, S. 156. dass ein Wiederaufbau nötig wurde, der das Bauwerk nach einem Entwurf von Vincenzo Scamozzi vollständig umwandeln sollte. Die Nonnen mussten fünf Jahre lang im Kloster San Jacopo della Giudecca wohnen, auch wenn das Kloster 1571 wieder einigermaßen bewohnbar war. Sie kehrten in einer feierlichen Prozession am 14. März 1574 in ihr Kloster zurück. Doch kam es nun zu Auseinandersetzungen, in deren Folge das Bauprojekt eingestellt werden musste. Die Bauruine musste 1606 abgerissen werden. Die Kirche wurde nunmehr in Form eines lateinischen Kreuzes wieder aufgebaut und am 14. April 1611 geweiht. mini|Bogen über dem ehemaligen Zugang zur Celestia Unter Napoleons Vizekönig wurden 1806 die Nonnen von San Maffio di Mazzorbo, ebenso wie die von San Daniello, ins Kloster verbracht. Äbtissin war zu dieser Zeit Maria Chiara Dondiorologio. 1810 kam das inzwischen leere Kloster in die Obhut des Arsenals, das aus Sicherheitsgründen bauliche Beschränkungen verlangte, wie etwa den Abriss von Kaminen auf der dem Arsenal gegenüberliegenden Seite des Klosterbaus. So wurde Santa Maria della Celestia ab 1810 sukzessive abgerissen. Als Cicogna das Haus besuchte, war bereits der Fußboden herausgerissen, um im Arsenal Verwendung zu finden. Noch in einer Publikation von 1847 heißt es, das Bauwerk werde als Lager genutzt.Giovanni Correr: Venezia e le sue lagune, Bd. II, Teil II, Antonelli, Venedig 1847, S. 582.

Der Kreuzgang des Klosters, der 1571 von Andrea Palladio erbaut wurde, existiert bis heute, ebenso wie das Kloster, während von der Kirche nichts übrig geblieben ist. Das Kloster birgt heute das Archiv der Stadtgeschichte (Archivio storico del Comune di Venezia) und einige Einrichtungen der Universität.

Literatur Alessandro Gaggiato: Le chiese distrutte a Venezia e nelle isole della Laguna, Supernova, Venedig 2019. Emmanuele Antonio Cicogna: Delle Inscrizioni Veneziane, Bd. 3, Picotti, Venedig 1830, S. 193–240 (31 Inschriften). (digitalisiert beim Münchener Digitalisierungszentrum) Flaminio Corner: Notizie storiche delle Chiese e Monasteri di Venezia, Padua 1758, S. 152–157. (Digitalisat, S. 152–157) Umberto Franzoi, Dina Di Stefano: Le chiese di Venezia, Alfieri, Venedig 1976, S. 463–466. Gabriele Mazzucco: Monasteri benedettini nella Laguna veneziana, Arsenale, Venedig 1983, S. 79 f. (Ausstellungskatalog). Johann C. Maier: Beschreibung von Venedig, Teil I, Christian Gottlieb Hertel, Frankfurt/Leipzig 1787, S. 77 f. (n. 25: „S. Maria della Celestia, Cisterciensernonnen“). (Digitalisat)

Weblinks

Maria della Celestia, Santa, Website der Zisterzienser

Anmerkungen

Santa Maria della Celestia Maria della Celestia Kategorie:Mariä-Himmelfahrt-Kirche Kategorie:Zerstört in den 1810er Jahren Kategorie:Abgegangenes Bauwerk in Venetien Kategorie:Erbaut im 13. Jahrhundert Kategorie:Klosterkirche in Italien Kategorie:Ehemalige Zisterzienserkirche