mini|Die venezianische Kirche im Plan des Jacopo de’ Barbari, um 1500 (Detail) San Severo war eine der Überlieferung nach um 820 erbaute und bis 1808 bestehende Kirche im Westen des venezianischen Sestiere Castello, östlich der Fondamenta S. Severo. Sie unterstand dem Benediktinerinnenkloster San Lorenzo, wenn sich auch über mehrere Jahrhunderte Streitigkeiten über dessen Rechte verfolgen lassen.
Geschichte mini|Abschrift des Testaments des Ursus Particiacus von 853, Staatsarchiv Padua, Demanio, b. 58, fasc. b, n. 28. Sie stammt aus dem 12. Jahrhundert und gilt als Fälschung, zumindest lassen sich Interpolationen belegen.Marco Pozza: Il testamento del vescovo Orso (853 febbraio): un documento genuino o falsificato?, in: Claudio Azzara, Ermanno Orlando, Marco Pozza, Alessandra Rizzi (Hrsg.): Historiae. Scritti per Gherardo Ortalli, Venedig 2013, S. 49–59, hier: S. 59. Die Kirche soll um 820 auf die Familie der ersten Dogen zurückgehen, die im historischen Zentrum, genauer im Dogenpalast, ihre Residenz nahmen, nämlich der Particiaco. Als Pfarrkirche wurde sie unter die Jurisdiktion des Bischofs von Castello Ursus Particiacus gestellt. Sie soll von Ursus dem neu gegründeten Benediktinerinnenkloster San Lorenzo eingegliedert worden sein. Hier fand einer der Söhne des Dogen Zuflucht, als dieser einen anderen Sohn bevorzugte. 1105 fiel das Bauwerk einem großen Stadtbrand zum Opfer. Wie aus einer Inschrift in der Kirche hervorgeht, wurde es wieder aufgebaut und an 5. Juni eines nicht überlieferten Jahres wieder geweiht.
Die Jurisdiktion der Nonnen über die Pfarrei San Severo und das daraus resultierende Ernennungsrecht des Pfarrers, das von der klösterlichen Frauengemeinschaft ausgeübt wurde, wurde von den Gemeindemitgliedern besonders ab den letzten Jahrzehnten des zwölften Jahrhunderts bekämpft. In diesem Streit entstand wohl bereits im späten 10./frühen 11. Jahrhundert mit dem Testament des Ursus Particiacus eine Fälschung oder Verfälschung, die eine grundsätzliche Entscheidung aus dem Jahr 853 behauptet: Die Kirche San Severo sollte für immer San Lorenzo unterstellt sein.
Eine erste Entscheidung von Marco Nicola, Bischof von Castello, und Johannes, Pfarrer von San Bartolomeo, sollte durch diese zu apostolischen Delegierten Ernannten beigelegt werden. Sie stammt aus dem Jahr 1185. Die Pfarreirechte am Benediktinerkloster wurden bestätigt. Die gleiche Anerkennung, die die Nachbarn der Pfarrei 1198 in Bezug auf die Rechte der Einsetzung und Präsentation des Pfarrers erhielten, wurde jedoch bald von Bischof Marco Nicola selbst widerrufen, als er 1217 den Nonnen von San Lorenzo die alten Rechte an der Pfarrkirche bestätigte.
Ende des 13. Jahrhunderts lebten die Auseinandersetzungen durch das Eingreifen der Pfarreipriester selbst wieder auf. Diese weigerten sich, weiterhin den Benediktinerinnen zu gehorchen. Erst 1391 erging ein endgültiges Urteil durch den Richter Marco Belazzini, Pfarrer von San Tomà. Er erklärte, die Kirche San Severo stehe vollständig unter dem Patronat von San Lorenzo und das Pfarrkapitel solle von der Autorität der Äbtissin abhängig bleiben. Dieses Urteil wurde in den folgenden Jahrhunderten mehrfach bestätigt und auch von den staatlichen Behörden ratifiziert, die mit einem Dekret des Senats aus dem frühen 15. Jahrhundert die Vorrechte der klösterlichen Gemeinschaft bestätigten. Am Ende bestätigte im Mai 1429 eine päpstliche Bulle die Privilegien, die das Kloster in Bezug auf Wahl und auch auf Absetzung des Pfarrers von San Severo genoss. 1561 erhielt das Nonnenkloster unter Leitung von Cipriana Michieli erneut eine päpstliche Bestätigung ihrer Rechte durch Pius IV.
Die Äbtissin von San Lorenzo, Elena Loredan (1720–1722 im Amt), sorgte für die Renovierung des Daches und der Fassade, die stark verfallen waren. Obwohl in den Jahren 1760 bis 1763 erhebliche Summen gespendet wurden, um vor allem den Glockenturm wiederherzustellen, kam es nie dazu. Allerdings wurden Restaurierungsmaßnahmen im Innern vorgenommen, vor allem an den Stuckarbeiten, wie Cicogna schreibt.
Die Pfarrei wurde von vier Kaplänen geleitet, die dem Benediktinerinnenkloster San Lorenzo unterstanden, die ebenfalls das Privileg hatten, den Pfarrer zu wählen. Eigenartigerweise versahen die vier Kapläne im Wochenrhythmus jeweils nacheinander, nicht gleichzeitig, ihren Dienst.
Unter Napoleon, der 1807 zahlreiche Gemeinden auflösen und zusammenlegen ließ, wurde die Gemeindekirche am 27. Juni 1808 geschlossen und in die neugegründete Pfarre San Zaccaria e Atanasio eingegliedert.Cesare Zangirolami: Storia delle chiese dei monasteri delle schuole di Venezia rapinate e distrutte da Napoleone Bonaparte, Mestre 1962, S. 83, Nachdruck bei Filippi, Venedig 2007. mini|Abtransport politischer Gefangener aus dem Gefängnis von San Severo Richtung GradiscaAlbum della guerra del 1866, Edoardo Sonzogno, Mailand/Florenz 1866, S. 52 („VENEZIA – Partenza de’detenuti politici dalle carceri di S. Severo per Gradisca“) (Google Books). Die Kirche wurde danach teils bewohnt, teils von einem Tischler als Holzlager genutzt, zeitweise wurden dort politische Gefangene (ab 1829) untergebracht. Die Kirche wurde während dieser Jahrzehnte weitgehend zerstört, nach Cesare Augusto Levi wurde sie 1829 abgerissen.Cesare Augusto Levi: I campanili di Venezia. Notizie storiche, Ferdinando Ongania, Venedig 1890, n. 163, S. 102.
mini|Jacopo Tintoretto: Die Kreuzigung, um 1554/55, 1834 von der venezianischen Accademia erworben Eines der Kunstwerke von Jacopo Tintoretto, die Kreuzigung von etwa 1554/55,crocifissione. dipinto 1554/ 1555, Catalogo generale dei Beni Culturali. befindet sich seit 1834 in den Gallerie dell’Accademia.Marsel Grosso: Robusti, Jacopo, detto Tintoretto, in: Dizionario Biografico degli Italiani, Bd. 88 (2017).
Eines der bekanntesten Mitglieder der Gemeinde dürfte, neben den Angehörigen der Gründerfamilie, Marino Sanudo der Ältere gewesen sein († 1338), an den seit 1881 eine Gedenktafel an einem Haus fast unmittelbar am Ponte di San Severo erinnert.
Literatur Emmanuele Antonio Cicogna: Delle Inscrizioni Veneziane, Bd. 3, Picotti, Venedig 1830, S. 97 f. (7 Inschriften). (digitalisiert beim Münchener Digitalisierungszentrum) Flaminio Corner: Notizie storiche delle Chiese e Monasteri di Venezia, Padua 1758, S. 38–41. (Digitalisat, S. 38 f.) Johann C. Maier: Beschreibung von Venedig, Teil I, Christian Gottlieb Hertel, Frankfurt/Leipzig 1787, S. 88 f. (n. 31: „S. Severo, Parrochie“). (Digitalisat)
Weblinks
Parrocchia di San Severo, Venezia, SIUSA, archive.org, 8. Dezember 2015
Anmerkungen
San Severo Severo Kategorie:Severikirche Kategorie:Zerstört in den 1820er Jahren Kategorie:Abgegangenes Bauwerk in Venetien