mini|Abanindranath Tagore Abanindranath Tagore (; * 7. August 1871 in Kalkutta; † 5. Dezember 1951 ebenda) war ein indischer Maler und Schriftsteller. Er gilt als Begründer der Bengal School of Art und als einer der bedeutendsten Vertreter der indischen Swadeshi-Bewegung in der Kunst.

Leben

Abanindranath Tagore wurde am 7. August 1871 als Sohn von Gunendranath Tagore und Saudamini Devi im Stadtteil Jorasanko in Kalkutta geboren. Er entstammte der angesehenen bengalischen Tagore-Familie, die durch Grundbesitz zu Wohlstand gekommen war. Sein Großvater Girindranath Tagore war der zweite Sohn von Dwarkanath Tagore, der das Familienvermögen im 19. Jahrhundert begründet hatte. Abanindranaths älterer Bruder Gaganendranath war ebenfalls Künstler und seine Schwester Sunayani Malerin. Zu seinen berühmtesten Verwandten zählte sein Onkel Rabindranath Tagore, der 1913 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Abanindranath wuchs in einem bildungsorientierten und kulturell verfeinerten Umfeld auf, das von westlichen und traditionellen indischen Einflüssen geprägt war. Er begann sein Studium in den 1880er Jahren am Sanskrit College in Kalkutta, wo er sich mit traditioneller indischer Literatur und Kunst sowie mit englischer Literatur beschäftigte. Nach neun Jahren am Sanskrit College wechselte er für eineinhalb Jahre an das St. Xavier’s College, wo er Englisch als Spezialfach belegte.

1888 heiratete er Suhasini Devi, die Tochter von Bhujagendra Bhusan Chatterjee. 1890 begann er sein Kunststudium an der Calcutta School of Art, wo er Pastellmalerei bei dem europäischen Lehrer Olinto Ghilardi und Ölmalerei bei Charles Palmer erlernte. Diese Ausbildung vermittelte ihm Kenntnisse der britisch-akademischen Kunsttradition seiner Zeit. Eine entscheidende Wende in seiner künstlerischen Entwicklung erfolgte durch die Begegnung mit Ernest Binfield Havell, der 1896 zum Rektor der Calcutta School of Art ernannt worden war. Havell erkannte Abanindranaths Talent und ernannte ihn 1905 zum Vizerektor der Hochschule. Dieses Amt hatte er bis 1915 inne. Gemeinsam mit Havell und seinem Bruder Gaganendranath setzte er sich für eine grundlegende Neuausrichtung der Kunstausbildung in Indien ein. Diese sollte sich von westlich-akademischen Vorgaben lösen und stattdessen auf indischen Kunsttraditionen aufbauen.

Um 1902 lernte Abanindranath den japanischen Kunsthistoriker Okakura Kakuzō kennen, der nach Indien gereist war und Verbindungen zur Familie Tagore knüpfte. Okakura brachte ihm Prinzipien der Komposition und der künstlerischen Einheit bei. Im Jahr 1903 schickte Okakura seine Schüler Yokoyama Taikan und Hishida Shunso nach Kalkutta. Sie unterrichteten Abanindranath in japanischen Maltechniken, insbesondere in der Aquarellmalerei und Kalligrafie. Diese Begegnungen prägten Abanindranaths künstlerische Entwicklung nachhaltig und führten dazu, dass er Elemente chinesischer und japanischer Kunsttraditionen in seine Arbeit integrierte. mini|Abanindranath Tagore unterrichtet Mukul Chandra Dey Im Jahr 1907 gründete Abanindranath gemeinsam mit seinem Bruder Gaganendranath die Indian Society of Oriental Art, um orientalische Kunst zu fördern. Ab 1933 war er zusammen mit der Kunsthistorikerin Stella Kramrisch Herausgeber des Journals Journal of the Indian Society of Oriental Art. Von 1921 an hatte er zudem eine Professur für Schöne Künste an der Universität von Kalkutta inne. 1942 wurde er zum Kanzler der von seinem Onkel Rabindranath Tagore gegründeten Visva-Bharati-Universität in Santiniketan ernannt. Eine lebenslange Freundschaft verband ihn mit dem englischen Maler William Rothenstein, der später Präsident des Royal College of Art in London wurde. Rothenstein besuchte Indien zwischen 1910 und 1911, verbrachte einige Zeit in Kalkutta und arbeitete dort mit Abanindranath und dessen Schülern zusammen. Diese Verbindung spielte eine wichtige Rolle bei der Vermittlung zwischen indischer und europäischer Kunst und trug dazu bei, dass Rabindranath Tagore in London bekannt wurde, was schließlich zu dessen Nobelpreis führte.

Für seine Verdienste um die indische Kunst wurde Abanindranath Tagore mit dem Titel Companion of the Order of the Indian Empire ausgezeichnet. Er starb am 5. Dezember 1951 in Kalkutta. Kurz nach seinem Tod vermachte sein ältester Sohn Alokendranath nahezu die gesamte Familiensammlung von Abanindranaths Gemälden der neu gegründeten Rabindra Bharati Society Trust. Diese hat ihren Sitz im historischen Familienanwesen in der Dwarakanath-Tagore-Lane.

Werk mini|Bharat Mata von Abanindranath Tagore (1905) Abanindranath Tagores künstlerisches Schaffen zeichnet sich durch die Entwicklung eines eigenständigen Stils aus, in dem er traditionelle indische Kunstformen mit modernen Ausdrucksformen verband. In seinen frühen Arbeiten, die stilistisch noch den Werken von Raja Ravi Varma nahe standen, beschäftigte er sich zunächst mit europäischen Maltechniken. Eine Serie von Radha-Krishna-Szenen aus dieser Zeit zeigt den Einfluss britischer Miniaturmalereien.

Ein Wendepunkt in seiner künstlerischen Entwicklung war die Entdeckung eines alten, illuminierten indo-persischen Manuskripts in der Familienbibliothek in Jorasanko. Die darin enthaltenen Zeichnungen und Kalligrafien inspirierten ihn zu einer intensiven Auseinandersetzung mit den Maltechniken Indiens, insbesondere mit der Mogul- und Rajput-Miniaturmalerei. Seine besondere Vorliebe galt der Aquarellmalerei mit Gouache, die der traditionellen indischen Technik der Miniaturmalerei nahesteht. In dieser Phase entstanden Miniaturen, die sich stilistisch und kompositorisch zwischen exakter Kopie traditioneller Vorbilder und kreativer Neugestaltung bewegten. Werke wie Abhisarika (1892) und Moonlight Dance (1895) belegen diesen Entwicklungsprozess. Mit diesen Arbeiten begründete Abanindranath die sogenannte Bengal School of Art, eine Kunstrichtung, die eine Loslösung von westlich-akademischen Vorgaben forderte und stattdessen auf indischen Kunsttraditionen aufbaute.

Nach 1902 integrierte Abanindranath unter dem Einfluss seiner Begegnungen mit japanischen Künstlern Elemente der chinesischen und japanischen Kalligrafie und Aquarellmalerei in seine Werke. Er entwickelte eine Technik, die als japanische Wash-Methode bekannt wurde und die er mit der traditionellen Tempera-Malerei verband. Diese Technik zeichnet sich durch freie, reduzierte Formen und eine subtil abgestufte, intensive Farbgebung aus. Gemälde wie Journey's End (1913) zeigen seine meisterhafte Beherrschung dieser Technik, mit der er die Erschöpfung des dargestellten Lastkamels mit fein gesetzten Akzenten einfängt.

Ein Höhepunkt seines Schaffens war das im Jahr 1905 entstandene Gemälde Bharat Mata (Mutter Indien), das ursprünglich als Banga Mata (Mutter Bengalen) konzipiert war. Das Werk zeigt eine vierarmige Göttin in safranfarbenen Gewändern, die ein Buch, Reisgarben, ein weißes Tuch und eine Gebetskette hält – Symbole für Bildung, Nahrung, Kleidung und spirituelle Kraft. Das Gemälde wurde zu einer Ikone der Swadeshi-Bewegung, die als Reaktion auf die Teilung Bengalens im Jahr 1905 durch die britische Kolonialregierung für die kulturelle und politische Eigenständigkeit Indiens kämpfte. Sister Nivedita, eine britische Schülerin von Swami Vivekananda und enge Freundin der Familie Tagore, erkannte das Potenzial des Bildes und sorgte für dessen weite Verbreitung.

Abanindranaths Werke wurden in den neu gegründeten bengalischen Zeitschriften Prabasiund Modern Review publiziert. Er schuf auch zahlreiche Buchillustrationen, unter anderem für Kalidasas Sanskrit-Gedicht Ritusamhar sowie für eine Übersetzung von Omar Khayyams Rubaiyat. Seine um 1930 entstandene Serie Arabian Nights gilt als einer seiner größten künstlerischen Erfolge. In diesen Arbeiten verwendete er die Geschichten aus Tausendundeine Nacht, um das aufstrebende, kosmopolitische Kalkutta darzustellen. Nach 1930 entstanden kaum noch neue Gemälde. Seine letzte Werkgruppe war eine Serie von Skulpturen aus Treibholz und Fundmaterialien, die ab 1930 unter dem Titel Some Toys entstanden. Im Alter von etwa 60 Jahren zog sich Abanindranath weitgehend aus der aktiven künstlerischen Produktion zurück und widmete sich verstärkt der Lehre und dem Schreiben.

Als Lehrer an der Government School of Art in Kalkutta prägte er die Entwicklung der indischen Kunst und Kunstausbildung grundlegend. Zu seinen bedeutendsten Schülern zählten Nandalal Bose, Mukul und Manishi Dey, Sarada und Ranada Ukil, Surendranath Ganguly, Asit Kumar Haldar, K. Venkatappa und Kshitindranath Majumdar. Diese verbreiteten in den 1920er- und 1930er-Jahren den Neo-Bengalen-Stil durch neu gegründete Kunstschulen in ganz Indien.

Neben seiner künstlerischen Arbeit war Abanindranath auch als Schriftsteller tätig. Er verfasste mehrere Kinderbücher, die zu Klassikern der bengalischen Literatur wurden, darunter Rajkahini, Buro Angla, Nalakund Khirer Putul. Darüber hinaus publizierte er kunstwissenschaftliche Arbeiten wie Some Notes on Indian Artistic Anatomy (Kalkutta, 1914) und L'alpona ou les décorations rituelles au Bengale (Paris, 1921).

Seine Werke befinden sich heute in bedeutenden Sammlungen, darunter in der Rabindra Bharati Society, im Indian Museum und in der Victoria Memorial Hall in Kolkata, in der National Gallery of Modern Art und in der Lalit Kala Akademi in Neu-Delhi, in der Jaganmohan Palace Picture Gallery in Mysuru, in der Kala Bhavan der Vishwabharati University in Santiniketan sowie im Bharat Kala Bhavan in Varanasi.

Nach dem Tod Abanindranath Tagores im Jahr 1951 geriet sein Werk rasch in Vergessenheit, da sich der Großteil seiner Gemälde in den Archiven der Rabindra Bharati Society befand und der Öffentlichkeit nicht zugänglich war. Erst in den 1990er Jahren wurde sein Werk wiederentdeckt und umfassend gewürdigt. Im Jahr 2019 fand in der National Gallery of Modern Art in Neu-Delhi die große Retrospektive Indian Art since the 18th century statt, die die Bedeutung Abanindranath Tagores für die moderne indische Kunst hervorhob.

Werke (Auswahl)

Literatur

Allgemeines Künstlerlexikon – Internationale Künstlerdatenbank – Online. Herausgegeben von Andreas Beyer, Bénédicte Savoy und Wolf Tegethoff. De Gruyter 2009. R. Bajpeyi, Modern Art and the Indian Painter, Kanpur, 1982 B. B. Mukherjee, Abanindranath Tagore, National Gallery of Modern Art, Neu-Delhi, 1988 V. Purohit, Arts of Traditional India. Twentieth Century, Neu-Delhi, 1988 R. Siva Kumar, Paintings of Abanindranath Tagore, Kolkata, 2008 Regina Bittner; Kathrin Rhomberg (Hrsg.): Das Bauhaus in Kalkutta. Katalog Bauhaus Dessau, Ostfildern, 2013 Alokendranath Tagore; D. Kowshik, Abanindranath Tagore. Prince among Painters, Neu-Delhi, 2017

Weblinks

Encyclopædia Britannica Werke von Abanindranath Tagore bei Google Arts & Culture Abanindranath Tagore Biographie bei der MAP Academy

Abanindranath Tagore’s Bharat Mata: Bengal School painting and the idea of India

Einzelnachweise

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