mini|Major Ch. L. v. Kaphengst; verschollenes Gemälde von Anton Graff, 1790. Kaphengst in der Uniform eines Offiziers des Füsilier-Regiments Prinz Heinrich von Preußen trägt die Insignien des Johanniterordens.Zur Datierung siehe Ekhard Berckenhagen: Anton Graff. Leben und Werk. Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft, Berlin 1967, S. 225, Nr. 783; auch führte Friedrich Wilhelm II. nach 1786 zugehakte Röcke mit hochgeschlagenen Kragen ein und ließ die bisher roten bzw. [hier] schwarzen Halsbinden der Offiziere durch weiße ersetzten; siehe dazu Richard Knötel: Die Uniformabzeichen der preussischen Infanterie in den Jahren 1785, 1789, 1799 und 1806. In: Richard Knötel (Hrsg.): Mittheilungen zur Geschichte der militärischen Tracht. Babenzien, Rathenow Januar 1897, S. 2 f. mini|Schloss Rheinsberg um 1740 mini|hochkant|Prinz Heinrich, Ölgemälde von Anton Graff, um 1780[?] mini|Schloss Meseberg in der Sammlung Duncker (Zustand 1881/1883) mit dem von Kaphengst nach 1774 angelegten Rasenrondell vor dem Hauptportal. Die beiden Eichen sind ein Zusatz aus dem 19. Jahrhundert.Das Rondell musste Anfang der 2000er Jahre bei der Herrichtung zum Gästehaus der Bundesregierung der Wiederherstellung des gepflasterten und vergitterten Ehrenhofes des Grafen Wartenberg weichen. Hierzu Markus Jager: Schloss Meseberg. Bäßler, Berlin 2021, ISBN 978-3-945880-84-5, S. 24. mini|Deckengemälde von Christian Bernhard Rode im Festsaal von Schloss Meseberg Christian Ludwig von Kaphengst (* 25. November 1743 in Gülitz; † 1. Februar 1800 im Schloss MesebergZu den Lebensdaten siehe Hannelore Lehmann: Christian Ludwig von Kaphengst als Favorit des Prinzen Heinrich von Preußen. In: Jörg Meiner (Hrsg.): Prinz Heinrich von Preussen. Ein Europäer in Rheinsberg. Deutscher Kunstverlag, München 2002, ISBN 3-422-06396-X: Geburtstag S. 500, Sterbedatum S. 502; dieser Titel im Folgenden als „Lehmann“; die Geburtsjahre „1749“ bei DDB und „1740“ bei NDB beruhen offensichtlich auf Lesefehlern der Adelsprobe (siehe Weblink), die Kaphengst 1772 für die Aufnahme in den Johanniterorden hatte anfertigen lassen.) war der langjährige Günstling des Prinzen Heinrich, des bedeutendsten Bruders von König Friedrich II. von Preußen. In seinen letzten Jahrzehnten war Kaphengst der Herr im Schloss Meseberg, dem heutigen Gästehaus und Klausurtagungsort der deutschen Bundesregierung.

Leben Christian Ludwig von Kaphengst entstammte der kleinadeligen Prignitzer Familie von Kaphengst und wuchs, ohne höhere Bildung zu genießen, in bescheidenen Verhältnissen auf. Im Siebenjährigen Krieg trat er am 17. Januar 1761 als Kornett in das Husarenregiment von Kleist (H 1) ein. Das Regiment gehörte zu dem Teil der preußischen Armee, der dem Prinzen Heinrich in Sachsen zugeteilt war. Kaphengst kämpfte am 29. Oktober 1762 in der siegreichen Schlacht bei Freiberg und wurde im selben Monat zum Leutnant befördert. Vermutlich hatte ihn Prinz Heinrich im Krieg kennengelernt und Gefallen an ihm gefunden. Heinrichs emotionales Bedürfnis nach der Liebe von Männern und seine nahezu exklusive sexuelle Ausrichtung auf Männer waren bekannt.Siehe dazu Christoph Martin Vogtherr: Favoriten am Hofe des Prinzen Heinrich. In: Jörg Meiner (Hrsg.): Prinz Heinrich von Preussen. Ein Europäer in Rheinsberg. Deutscher Kunstverlag, ISBN 3-422-06396-X, München 2002, S. 495–499, hier S. 495 Kaphengst wusste mithin, was Heinrich von ihm erwartete und welche Möglichkeiten sich ihm boten.Lehmann, S. 500.

Favorit in Rheinsberg Nach Kriegsende wollte Heinrich sein Schloss in Rheinsberg nicht länger als Sommerfrische, sondern als Dauerwohnsitz benutzen. Seinen Neigungen folgend, begann er sofort, von Männern umgeben, mit dem Aufbau eines Musenhofes in Rheinsberg. Unter der „Herrengesellschaft“, die er nach Kriegsende in Rheinsberg um sich sammelte, befand sich im Juli 1763 auch der 19-jährige Leutnant Kaphengst.Eva Ziebura: Prinz Heinrich von Preußen. Biographie. Aufbau-Taschenbuch, Berlin 2004, ISBN 3-7466-1770-7, interpretiert einen Brief Heinrichs an seinen Bruder Ferdinand, Zitat S. 171; dieser Titel im Folgenden als „Ziebura“. als Kommandant der Husaren seiner Leibwache.Lehmann: S. 500. Die erste Erwähnung aus der Hand Heinrichs findet sich in einer Zusammenstellung von Instruktionen für das Leitungspersonal von Schloss Rheinsberg aus dem Jahr 1767. Dort erscheint ein „Leutnant v. Kaphengst“ als verantwortlich für den Marstall.Ziebura, S. 162–164.

Nach Dieudonné Thiébault war Kaphengst „ein großer, fröhlicher, mutiger und geistvoller Mann von außerordentlicher Körperstärke, der jede Gesellschaft zum Lachen bringen konnte“.Ziebura zitiert aus Thiébaults Erinnerungen, S. 186. Heinrich ließ seine Umgebung spüren, wie sehr ihn Kaphengst entzückte. Sein Favorit Major Friedrich Adolf von Kalckreuth bemerkte, dass ihn Kaphengst aus seiner Position verdrängte. Kalckreuth war im Siebenjährigen Krieg am 1. November 1758 als 21-jähriger Leutnant von Heinrich zu seinem Generaladjutanten ausgewählt worden. Er trat am Hof in Rheinsberg selbstherrlich auf und sah in allen Herren in Heinrichs Umgebung Konkurrenten. Aus Rache für seine Zurücksetzung spann Kalckreuth, inzwischen Major, 1766 in Rheinsberg unter Einbeziehung der ahnungslosen Wilhelmine von Hessen-Kassel, der Ehefrau Heinrichs, eine Intrige, um diesen lächerlich zu machen und bei den Hofdamen zu verleumden. Sie schlug fehl und gab Heinrich den willkommenen Anlass, sich für immer von seiner Frau räumlich zu trennen und Kalckreuth aus seinem Dienst und damit seiner Umgebung zu entfernen. Er ließ ihn durch den König, der Kalckreuth ohnehin nicht mochte, in das Dragonerregiment Jung-Platen (D XI) ins 600 Kilometer entfernte Königsberg versetzen.

Kaphengst dagegen konnte zum neuen Favoriten Heinrichs aufsteigen. Der Prinz beförderte ihn am 20. Mai 1767 zum Rittmeister „von der Armee“ und ernannte ihn anstelle Kalckreuths zu seinem Generaladjutanten.Ziebura, S. 186 f. Die Stelle des Kommandeurs der Rheinsberger Leibhusaren hatte bereits am 27. Dezember 1766 Kaphengsts jüngerer Bruder Ernst bekommen.Zu Ernst von Kaphengst siehe Lehmann, S. 503. Ohne die ständigen Gunstbezeigungen des in ihn verliebten Heinrich zu erwidern, nutzte Kaphengst fortan seine Position, um sich auszuleben. Während Heinrich ihm eine große Rolle in der Gesellschaft wünschte, beherrschte Kaphengst bald den Hof in Rheinsberg und nach dem Urteil der Zeitgenossen, den Prinzen selbst. Er glänzte durch überraschende Einfälle, die Heinrichs Feste und Aktivitäten bereicherten.

Als Heinrich Ende Juli 1770 zu einem Besuch seiner Schwester Ulrike, der Königin von Schweden, zum Stockholmer Hof aufbrach, gehörte Kaphengst zu seiner Begleitung. Der König hatte ihn zuvor auf Heinrichs Wunsch aus protokollarischen Gründen zum Major von der Armee befördert. Die Reise gewann europapolitische Bedeutung, weil Heinrich im Oktober weiter nach Sankt Petersburg reiste, wo er im Auftrag seines Bruders Friedrich in Verhandlungen mit der Kaiserin Katharina II. die Erste Teilung Polens verabredete. Bei der Rückreise auf dem Landweg bereitete Heinrich im Februar 1771 in Königsberg Kaphengst eine besondere Freude, indem er den ehemaligen Rivalen Kalckreuth demütigte: Heinrich wendete während der ihm zu Ehren veranstalteten Militärparade der Garnison sein Pferd und ritt fort, als sich Major Kalckreuth an der Spitze seiner Eskadron näherte. So musste er dem gleichrangigen Kaphengst den Heinrich zustehenden militärischen Gruß mit der Waffe entbieten.Zur Reise siehe Ziebura S. 197–217, zum Vorfall in Königsberg S. 213 f.

Im Februar 1771 war Heinrichs Schwester Ulrike Witwe geworden und hielt sich für längere Zeit bei ihrer heimischen Familie auf. Anlässlich ihres festlichen Besuchs in Rheinsberg hatte Heinrich für Bootsausflüge vom Schloss aus die im Rheinsberger See gelegene unbewohnte „Remusinsel“ durch Kaphengsts mit drei chinesischen Tempeln bebauen und einweihen lassen. Die Insel selbst hatte Heinrich 1770 erst sich und dann Kaphengst beschafft, der sie mit Hilfe von Heinrichs Garteninspektor und Architekten Karl Wilhelm Hennert in einen anglois-chinoisen Park verwandelt hatte. Der Vergnügungsort hieß nun auch „Kaphengstinsel.“ In seinen späten Jahren besuchte Heinrich die Insel nicht mehr, sie blieb der Natur überlassen und ihre Bauten gingen unter.Michael Niedermeier: Von Wotan, Radegast und Remus – Mythische Vorfahren in herrschaftlichen Landschaftsgärten. Colloquiumsbeitrag vom 21. Dezember 2023 in: Perspectivia.net S. 58 f., mit Abbildungen (PDF).

Bis in die späten 1770er Jahre stand Kaphengsts Ansehen bei Heinrich im Zenit. Die Beziehung der beiden gab den Zeitgenossen Rätsel auf. Obwohl Kaphengst, wie Heinrichs Freund Ernst Ahasverus Heinrich von Lehndorff mitteilt, zu Heinrich „schon hundert Mal gesagt hat, dass seine Neigungen denen seines Herrn gerade entgegengesetzt sind“, und sich dem Prinzen gegenüber „nicht im geringsten gefällig [erweist]“, kam Heinrich für Kaphengsts Schulden auf und bezahlte ihm nicht nur die von ihm veranstalteten üppigen Feste, sondern auch den Ball, den Kaphengst für seinen, Heinrichs, Geburtstag gab.Zitat Lehndorff bei Ziebura, S. 234. Verbrachte Heinrich die Wintermonate in Berlin, blieb Kaphengst an seiner Seite. Heinrichs Interesse am Theater ermöglichte ihm den Zugang zur Berliner Bühnenwelt, wobei ihn besonders deren weiblicher Teil interessierte. Als Kaphengst und die Schauspielerin Fleury am französischen Theater in Berlin einander zugeneigt waren, engagierte Heinrich sie 1776 für seine Bühne in Rheinsberg, wo er zusammen mit ihr auftrat. Entscheidend für die Beziehung war wohl Heinrichs Bedürfnis nach der Liebe von Männern, verbunden mit seiner Maxime, „dass der Freund nicht sein eigenes, sondern das Glück des Freundes suchen solle“.Ziebura, S. 233.

Herr auf Meseberg