Die Vergötterung des Aeneas ist ein Gemälde von Johann Heiss (1640–1704). Das Bild, das in der Literatur auch als die Vergöttlichung des Aeneas betitelt wird, hat eine Größe von 100 × 121 cm und hängt in der Staatsgalerie im Neuen Schloss Schleißheim. Es ist undatiert, doch lässt sich vermuten, dass es um 1690 entstanden ist.
Bildbeschreibung In dem Bild sind fünf Kinder, fünf weibliche und drei männliche Personen sowie eine kaum sichtbare Gestalt in einer Landschaft zu sehen.
In der rechten unteren Bildhälfte stehen zwei unbekleidete Frauen bis zu den Knien in einem Fluss. Beide haben offene Haare bis zu den Schultern und halten jeweils einen Krug in einer Hand. Die vordere steht mit dem Rücken zum Betrachter und blickt nach links. Ihr Krug liegt halb im Wasser und sie hält ihn mit der rechten Hand. Die Frau, die ihr gegenüber steht, hält den Krug seitlich an ihre linke Hüfte angelehnt. Ihre rechte Hand hält sie an ihre Stirn und ihr Gesicht ist im Profil.
Zur Linken der beiden Frauen stützen zwei ältere Männer einen weiteren Mann, welcher tot zu sein scheint. Dieser steht mit seinen Füßen noch im Wasser des Flusses. Seine Hüfte ist mit einem Tuch bedeckt und er trägt einen Bart. Sein linker Arm hängt leicht angewinkelt herunter. Der andere liegt um die Schulter des Mannes, der rechts unter ihm sitzt und ihn stützt. Dieser blickt nach unten zu dem Krug, den er mit der rechten Hand an der Öffnung berührt und aus dem Wasser fließt. Seine Beine verschwinden hinter dem Körper des Toten. Der zweite Mann ist nur mit dem Oberkörper zu sehen und er hält den Toten von hinten mit einem Arm vor seinem Bauch umschlungen. Sein Gesicht dreht er dabei nach rechts.
Über der leblosen Person kommt eine Frau auf einem zweirädrigen Wagen mit Wolken herangefahren. Sie sitzt auf den vordersten Wolken mit ihrem Oberkörper leicht nach vorne gelehnt. In ihrer rechten Hand befindet sich ein kleines Fläschchen, welches sie über den Kopf des Toten hält und woraus eine Flüssigkeit tropft. Sie trägt Haarschmuck und über ihren Knien liegt ein Tuch. Ihr Oberkörper bleibt frei und ein leichtes Band hängt um ihre Hüften. Ein zweites Tuch liegt über ihrer linken Schulter und ihrem Arm. Dieses verläuft nach hinten weiter und geht dort ebenfalls über die linke Schulter eines Kindes, welches zu größtem Teil von dem Stoff bedeckt wird. Hinter seinem Knie schaut ein Köcher mit Pfeilen hervor. Er blickt zu den beiden Tauben unter sich, die ebenfalls auf der Wolke sitzen. Von dem Wagen ist nur das rechte Rad mit einer sitzenden Frau an der Vorderkante zu sehen sowie zwei Voluten. Über dem Rad liegt ein langes Kissen mit einer Kordel am Ende.
Vor dem Wagen in der linken unteren Bildhälfte sind vier weitere Kinder, drei davon unbekleidet. Unterhalb des Rades steht das erste Kind mit einem Schwert in der rechten Hand, wie zum Schlag ausholend. Hinter ihm liegt ein rundes Schild am Boden. Vor ihm sitzt das zweite, die rechte Hand wie zum Schutz erhoben, mit dem Rücken zum Betrachter. Rechts neben ihm liegt der Helm einer Rüstung. Das dritte Kind trägt einen übergroßen Rüstungsüberwurf. Dieses Kind steht in der linken unteren Ecke, wobei es fast im Schatten verschwindet. Es hält den linken Arm ausgestreckt zu dem Kind mit dem Schwert. Zur Rechten der Drei zieht das vierte Kind ein Tuch, vermutlich einen Umhang, aus dem Wasser des Flusses. Unter der Frau mit dem Wagen, am Ufer des Flusses, sind ein Arm bis zur Schulter und der Ansatz eines Kopfes zu sehen.
Rechts am äußeren Bildrand in der Mitte stehen zwei weibliche Gestalten hinter einem Baum und beobachten das Geschehen. Die Vordere ist im Profil abgebildet und hält sich mit beiden Händen am Baumstamm fest. Die Zweite steht hinter ihr und verschwindet beinahe im Schatten des Baumes, an dem sie sich mit ihrem rechten Arm abstützt.
Im Hintergrund erstreckt sich eine bergige Landschaft mit Wäldern und einem wolkenüberzogenen Himmel, in dem weit entfernt Vögel fliegen. Auf der linken Seite sind Wiesen und Bäume auf Abhängen zu sehen. Darauf folgt eine Schlucht, durch die nach hinten in die Weite ein Berg zu sehen ist. In der Mitte erhebt sich ein felsiger Berg. Auf der rechten Seite sind mehrere Laubbäume, deren Blätter im Wind wehen sowie ein Stamm ohne Blätter dargestellt. Bei Letzterem ragen unten einzelne Stämme und Wurzeln ins Wasser hinein. Im unteren Viertel des Gemäldes fließt ein Fluss von der linken äußeren Bildseite zur Rechten hin, wo er wieder eine leichte Kurve nach links macht.
Komposition, Licht und Farbe Die Figuren der Szene sind in einem Dreiecksaufbau angeordnet. Die Eckpunkte bilden dabei die Frau auf dem Wagen, die beiden Frauen rechts im Fluss sowie links die spielenden Kinder. Eine räumlich dynamische Wirkung entsteht durch Hell-Dunkel-Kontraste bei den Körpern, die durch das Licht entweder hervortreten oder im Schatten verschwinden.
Das Licht fällt von der linken Seite in das Bild ein, wie in den meisten Bildern von Heiss. Besonders hell sind dabei die drei Frauen in den oben genannten Eckpunkten, das stehende Kind unterhalb des Wagens sowie das Kind, das den Umhang aus dem Wasser zieht.
Die Farben in dem Gemälde sind vorwiegend kühl. Das Inkarnat der Frauen weist helle Rot-, Gelb- und Grüntöne auf. Die Hautfarbe der beiden älteren Männer ist hingegen brauner und dunkler. Der Tote hat eine gelbliche Haut. Das Inkarnat der Kinder geht hingegen eher ins rötliche. Besonders auffällig ist der intensiv rote Mantel der Frau auf dem Wagen. Das Tuch über ihren Beinen ist weiß und der Umhang, den das Kind aus dem Wasser zieht, ist dunkelrot. Die Farben der Landschaft sind überwiegend Grün, Blau und Braun. In der Ferne ist eine leichte Verblauung zu erkennen.
Deutung Das Historiengemälde zeigt eine Ansammlung von mythologischen Figuren. Bei dem noch toten Mann handelt es sich um Aeneas, den Sohn der Göttin Venus (griech. Aphrodite) und des Anchises. Er ist eine Heldenfigur in der griechischen und römischen Mythologie. Die Frau, die auf dem Wagen heranfährt, ist Venus, die gekommen ist, um Aeneas zum Gott zu machen. In ihrer Hand hält sie das Salbgefäß, mit dem sie „das Leben spendende Öl über den Toten ausgießt“. Begleitet wird sie von zwei Tauben, die zu ihren Attributen gehören. Ebenfalls bei ihr ist Amor (griech. Eros), der hier als Putto dargestellt ist. Sein Erkennungsmerkmal ist der Köcher mit Pfeilen. Bei den vier Kindern handelt es sich ebenfalls um Putten, die ohne Flügel dargestellt werden. Diese spielen mit den Rüstungsteilen des Helden Aeneas und machen dadurch deutlich, dass er „die Vergöttlichung dem Ruhm seiner Waffen verdankt.“ Die beiden Männer neben Aeneas sind Flussgötter, erkennbar an dem Krug, aus dem Wasser fließt und den eine der beiden Männerfiguren bei sich trägt. Bei den Frauen im Fluss und hinter dem Baum handelt es sich um Nymphen.
Mythologie Das Geschehen ist eine mythologische Szene aus den Metamorphosen des Ovids, Buch 14 und zeigt die Vergötterung des Aeneas.
Dabei fliegt Venus mit dem Taubengespann herab zum Ufer des Flusses Numicius, nachdem sie ihren Vater Jupiter (griech. Zeus) gebeten hat, ihren Sohn Aeneas zum Gott zu machen. Venus befiehlt, dass alles „was Sterbliches war an Aineias“ hinweg geschwemmt und gespült werden soll. Den Gereinigten salbt sie mit Duft und göttlichem Nektar und macht ihn zum Gott. Das Bild zeigt den Übergang nach der Reinigung durch den Fluss, aus dem er gerade gezogen wird, und während der Salbung durch Venus, die das Salbgefäß über Aeneas Kopf hält.
Erhaltungszustand Seit 1982 ist das Gemälde in einem guten Erhaltungszustand. Einzelne Stellen weisen allerdings Restaurierungsarbeiten durch Aquarellretuschen auf. Nachgewiesen sind diese am Körper der Venus, an der Wolke bei ihrem rechten Fuß und an dem stehenden Putto unter dem Rad sowie an dem Oberarm der rechten Nymphe und des linken Flussgottes.
Provenienz Das als Vergötterung des Aeneas betitelte Gemälde ist vermutlich um 1690 entstanden. Später tauchte es im Londoner Kunsthandel auf und ging anschließend in Schweizer Privatbesitz über. 1984 gelangte es als Schenkung an die Staatsgalerie Schleißheim, wo es heute zu sehen ist.
Ähnliches Gemälde: Die Vergöttlichung des Aeneas (verschollen) Es existiert ein weiteres Ölgemälde von Johann Heiss mit dem Motiv der Vergöttlichung des Aeneas, welches zuerst fälschlicherweise als Venus vor der Leiche des Anschises (Aeneas) betitelt wurde.
Das Entstehungsdatum des Gemäldes ist unklar. Später befand es sich in der Sammlung von Herzog Joachim Ernst von Anhalt im Dessauer Schloss. Seit 1945 ist das Gemälde verschollen und dürfte bei der Bombardierung des Dessauer Stadtschlosses im Zweiten Weltkrieg zerstört worden sein.
Die Vergöttlichung des Aeneas (verschollenes Bild) ist dem Gemälde der Vergötterung des Aeneas (im Neuen Schloss Schleißheim) sehr ähnlich. Es ist eine spiegelverkehrte Variante, die einzelne Darstellungselemente enthält, wie z. B. Venus auf dem zweirädrigen Wagen, die Putten mit den Rüstungsteilen und die zwei Nymphen hinter dem Baumstamm. Anders dargestellt ist die Lage von Aeneas und dem Flussgott. Im verschollenen Bild sitzt Aeneas am Ufer des Flusses, während der Gott im Wasser steht und Aeneas Beine aus dem Wasser hievt. Zu lesen ist dieses Bild von links nach rechts und nicht in einem Dreiecksaufbau.
Literatur
Peter Königfeld: Der Maler Johann Heiss. Memmingen und Augsburg 1640–1704. Konrad, Weißenhorn 1982. ISBN 3-87437-158-1. Peter Königfeld: Der Maler Johann Heiss. Memmingen und Augsburg 1640–1704. Konrad, Weißenhorn 2001. ISBN 3-87437-451-3.
Weblinks
Sammlung Pinakotheken Ovids Metamorphosen und die bildende Kunst Lost Art: Venus vor der Leiche des Anschises (Aeneas)
Einzelnachweise
Kategorie:Gemälde (17. Jahrhundert) Kategorie:Griechische Mythologie in der bildenden Kunst Kategorie:Barockgemälde Kategorie:Gruppendarstellung (Gemälde)