Neue Zeiten (Originaltitel: Publieke werken) ist ein 1999 erschienener Roman des niederländischen Schriftstellers Thomas Rosenboom. Die deutschsprachige Übersetzung von Marlene Müller-Haas erschien erstmals 2004 in der Deutschen Verlags-Anstalt. Kurzbeschreibung Der Roman schildert den sozialen Umbruch in den Niederlanden der späten 1880er Jahre durch zwei verflochtene Handlungsstränge, „die die isolierten, sich nach Liebe und Anerkennung sehnenden Protagonisten quälend langsam, aber zielsicher auf die Katastrophe zusteuern lassen“:Ralf Grüttemeier: Nach dem Zweiten Weltkrieg. In: Ralf Grüttemeier, Maria-Theresia Leuker (Hrsg.): Niederländische Literaturgeschichte. Metzler, Stuttgart 2006. ISBN 3-476-02061-4. S. 236–308. Hier S. 306. das Elend der Torfstecher in der Provinz Drenthe, begleitet vom Apotheker Christof Anijs, und die Großprojekt Modernisierung Amsterdams, deren Gegenstand auch das Haus von Anijs‘ Cousin Walter Vedder ist. „Ihre abwechselnd erzählten Geschichten verflechten sich, sodass die Männer schließlich gemeinsam ein unmögliches Projekt aushecken, um die Torfkolonie [...] zu retten: Mit dem Geld, das einer von ihnen für sein Haus gegenüber dem Hauptbahnhof zu bekommen glaubt, das dem Bau des Victoria-Hotels weichen muss, wollen sie den Torfstechern die Überfahrt ins gelobte Land, nach Amerika, finanzieren.“„Hun geschiedenissen, die alternerend worden verteld, raken met elkaar verweven, zodanig dat de mannen uiteindelijk samen een onmogelijk project bedenken ter redding van de veenkolonie waar de Bennemins deel van uitmaken: met het geld dat de een denkt te vangen voor zijn huis tegenover het Centraal Station, dat moet wijken voor de bouw van het Victoria hotel, willen ze de overtocht van de turfgravers naar het beloofde land, naar Amerika, financieren“ – Cyrille Offermans: Flaubert anno 1999. Over ‚Publieke werken‘ van Thomas Rosenboom. In: Ons Erfdeel, Jg. 43, Nr. 2, 2000, S. 264–267. Hier S. 266. (htm). Inhalt Erster Haupthandlungsstrang Die Torfstecher im Umland von Hoogeveen sind „die Staubablagerung der Gesellschaft, die sie immer gewesen waren, verworfen und verschwendet“, ihr Lebensmittelpunkt „die dunkle, unsichere, nahezu gesetzlose und von Armut geprägte Welt […] im Drenther Torfmoor.“„de duistere, onzekere, bijna rechteloze en doodarme wereld […] in het Drentse veen“ – Offermans, Flaubert anno 1999, S. 265. Dort verkehrt seit rund zwei Jahren Johanna Bennemin „mit einem zwanzigjährigen Mann namens Sieger […]. Nach altem Brauch durfte Sieger, um schon zuvor die Fruchtbarkeit der beabsichtigten Ehe zu prüfen und festzustellen […] allwöchentlich zur Probenacht kommen.“ Johannas Vater erduldet dieses entwürdigende Schauspiel. Einmal, als der unverschämte Sieger mitsamt seiner Clique auftaucht, „überdeutlich ein Gockel im Kreis seiner Freunde“, muss Bennemin sogar mit seiner Geige aufspielen, die er anschließend verkaufen will: „Was hatte Johanna nicht schon alles ertragen müssen, daß Bennemin keine Geige mehr im Haus dulden wollte?“ Er gibt sie bei dem Dorfapotheker Christof Anijs ab, dessen Cousin Walter Vedder Geigenbauer in Amsterdam ist. Vedder nimmt die Geige in Kommission, bekundet Anijs anlässlich ihres Treffens gegenüber, „fest steht nur, daß es mit dem Torf zu Ende geht, in Amsterdam heizt keiner mehr damit, ich auch nicht!“ Für den sozial engagierten Anijs geht das Leben zunächst weiter: Erst bekommt er mit, dass Sieger sich „am Ende doch, wegen erwiesener Unfruchtbarkeit, von Johanna getrennt“ hat, dann, dass Johanna dennoch schwanger ist; allerdings verlangt sie von Anijs während einer groß angelegten Massenuntersuchungs- und Massenmedikations-Aktion am 11. März 1889 Siebenbaum für einen Schwangerschaftsabbruch; Anijs verweigert dieses und unterrichtet Sieger von der Schwangerschaft, der die Vaterschaft verneint. Im achten Monat erleidet Johanna Bennemin eine Totgeburt, nachdem Anijs in der Absicht, ihr das Leben zu retten, den Bauch punktiert hat: „Es war nur eine Punktierung, eine einfache Punktion, um den Druck zu vermindern, und es würde mich nicht wundern, wenn eher die Schreckreaktion auf den Schmerz als die Punktierung an sich die Geburt so heilsam ausgelöst, das Leiden verkürzt hat.“ Anijs meint an der Ähnlichkeit zwischen totem Kind und geistig behinderten Bruder Johannas zu erkennen, dass der Bruder der Vater des Kindes war: „Nun erst verstand er wirklich, warum Johanna gleich am Anfang um Siebenbaum gekommen war; natürlich war Sieger erstarrt bei der Nachricht ihrer Schwangerschaft, die ihn ja zum Träger der Unfruchtbarkeit machte, für die er Johanna so schwer hatte büßen lassen“. Anijs ist sich bewusst, dass er mit der Punktierung seine Kompetenzen weit überschritten hat, und nicht zum ersten Mal, profitiert aber von „Bennemins Schweigen gegenüber Amshoff“, dem für die Torfstecher zuständigen Gemeindearzt, „als dieser nach dem Grab gesucht, es aber nicht zu Gesicht bekommen hatte“. Amshoff, unterstützt vom Bürgermeister, der Anijs‘ Treiben bei den Torfstechern generell beargwöhnt, droht Anijs, wenn „sich je herausstellen sollte, daß damals eine ausgetragene Frucht zur Welt gebracht wurde, wonach Sie sich die Feststellung des Todes angemaßt haben […] dann schwöre ich hiermit, daß ich daraus eine Disziplinarsache machen werde… Die Diagnose ist Sache des Arztes“. Zweiter Haupthandlungsstrang Der Amsterdamer Geigenbauer Walter Vedder wohnt nahe dem kurz vor Vollendung stehenden Bahnhof Amsterdam Centraal, erfährt im Herbst 1888 aus der Zeitung, dass man dort, wo sein Haus steht und das seiner Nachbarn, seit fünf Jahren ein Hotel plane. Vedder freut sich, denn „er steckte dem Projekt wie ein Steinchen im Schuh… der voraneilende Athlet würde wohl anhalten müssen und seinen mächtigen, titanischen Leib beugen, zu ihm hin, einem winzigen Steinchen“. Noch bevor die Hotelbau-Firma mit ihm Kontakt aufnimmt, kontaktiert Vedder den einzigen Nachbarn, mit dem er sich gut versteht: den alten Schneider Carstens. Vedder bringt Carstens dazu, ihm Prokura für die anstehenden Verkaufsverhandlungen zu geben: „Dann können sie uns auch nicht gegeneinander ausspielen“. Seinem Verhandlungspartner von der Hotel-Firma, Friedrich Ebert, erläutert Vedder zu Beginn der Verhandlungen seine starke Verhandlungsposition mit den Worten: „Ich sehe wirklich nicht, wie Sie uns zwingen könnten, davon abzugehen, denn Sie können sich keineswegs auf das Enteignungsgesetz im öffentlichen Interesse berufen.“ Von seinem Cousin Christof Anijs hat Walter Vedder während der Übergabe der Bennemin-Geige eine Berechnungsformel für seine Forderung erhalten und vertritt daher die Auffassung, Ebert müsse „erst mit einem Angebot kommen, dann würde er wohl mit Anijs‘ Formel seinen Preis berechnen“. Ebert bietet 20000 Gulden, erklärt auch, wie dieser Preis zustande kommt. Vedder verrechnet sich im Eifer bei „Anijs‘ Formel“ und kommt auf 50000 statt 30000 Gulden, revidiert sich aber nicht, als er seinen Fehler erkennt: „Warum sollte er nicht fordern dürfen, was er wollte, es war doch sein Haus?“ Das, was Vedder als Verhandlungen ansieht – nämlich ein reines Entgegenkommen Eberts – verläuft äußerst zäh. „Natürlich war Ebert bald nach dem ersten Verhandlungsversuch wieder aufgetaucht, um nachträglich zu einem Vergleich zu kommen, und kurz vor Jahreswechsel noch einmal, aber weil Vedder, aufgrund der Vollmacht auch für Carstens, starrsinnig bei seiner Forderung von fünfzigtausend Gulden blieb, kamen sie sich nicht näher und blieb der Abstand zu den gebotenen zwanzigtausend viel zu groß, als daß es sinnvoll gewesen wäre, diesen durch eine Aufstockung des Angebots auch nur verringern zu wollen.“ Obwohl Vedder felsenfest an seinen Verhandlungserfolg glaubt, liegen seine Nerven „allmählich blank, wie ein Alpdruck, eine Stille, eine Sackgasse, die am 10. Juni plötzlich durch eine Zeitungsmeldung in der Amsterdamsche Courant unterbrochen wurde: Die Hotelgesellschaft Victoria habe fünf Häuser am Damrak und drei an der Prins Hendrikkade angekauft; mit zwei Eigentümern sei man noch im Gespräch.“ Vedder meint triumphierend zu Carstens, das bedeute, dass die Hotel-Firma „nun mit hundertsechzigtausend Gulden im Spiel ist… sie können nicht mehr zurück, sie können nicht mehr ohne uns… Verstehst du jetzt? Der Verkauf unserer Häuser kann nicht mehr schiefgehen, er wird jetzt garantiert klappen!“ Im Hochsommer 1889 ziehen die Nachbarn aus, die verkauft hatten, „gegen Ende des Sommers kam Ebert und berichtete, daß die großen Abrißarbeiten wegen der beiden letzten Häuser nicht aufgeschoben würden“, was Vedders Aufenthalt daheim „unerträglich“ machen werde. „Zudem wird nachts durchgearbeitet, bei elektrischem Licht.“ Vedder passt seinen Lebensstil dem erwarteten Geldsegen ein wenig an, „ich esse nur noch Fleisch und meist außer Haus“. Es folgt die Nachricht, dass die Hotel-Fertigstellung für „Ende nächsten Sommers“ geplant sei, „also binnen eines Jahres, in zehn Monaten“, im Januar 1890 wird der Bau beginnen. Gleichzeitig mit dieser Nachricht erhöht Ebert das Angebot auf 25000 Gulden. Vedder bleibt bei seiner Forderung nach 50000 Gulden, trifft zufällig seinen entfernten US-Verwandten Al Vedder, der nach seinem Beruf gefragt erklärt, er betreibe „eine Art Maklergeschäft für Auswanderer […]: Die meist mittellosen Menschen verfügten nicht über eigene Quellen zur Bezahlung der Überfahrt, sondern könnten, unterstützt von irgendwem, doch dorthin kommen, dann in Amerika genug verdienen, um dem Geldgeber den vorgeschossenen Betrag mit gutem Zins zurückzuzahlen, etwa fünfhundert Gulden pro Familie.“ Außerdem kauft Al Vedder bei Walter Vedder die in Kommission gegebene Bennemin-Geige für 100 US-Dollar. Vereinigung der Haupthandlungsstränge
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