Ahmad ibn Muhammad Zain al-Fatānī (, auch Ahmad Patani; geboren am 11. April 1856 in Yaring; gestorben am 14. Januar 1908 in Minā) war einer der einflussreichsten islamischen Gelehrten aus Pattani im heutigen Südthailand.Matheson/Hooker: “Jawi Literature in Patani: the Maintenance of an Islamic Tradition”. 1988, S. 28. Er verbrachte die meiste Zeit seines Lebens in Mekka und betätigte sich dort als Herausgeber islamischer Literatur in malaiischer Sprache, Lehrer, Autor gelehrter Werke, Dichter und Mufti. Als Pionier der Edition von Jawi-Texten war er an Redaktion und Druck zahlreicher Bücher von bekannten malaiischen Scheichen und angesehenen arabischen Gelehrten beteiligt. Die Publikationsprojekte von Ahmad al-Fatānī wurden dabei von der osmanisch-türkischen Verwaltung und wahrscheinlich auch von Sultan Abdülhamid II. persönlich unterstützt.Braginsky: “The Turkic-Turkish Theme in Traditional Malay Literature.” 2015, S. 218. Die in al-Fatānīs Druckerei erstellten Ausgaben von Jawi-Werken bildeten ab den 1890er Jahren das Fundament der malaiisch-islamischen Bildung und erlangten durch Verlage in Kairo, Singapur, Bombay, Penang und Bangkok weite Verbreitung. Diese Verlage beliefern bis heute die malaiisch-islamischen Internatsschulen des Pondok-Typs mit Exemplaren dieser Texte.Francis R. Bradley: al-Faṭānī, Aḥmad b. Muḥammad Zayn. In: Encyclopaedia of Islam Three. Brill, Leiden 2016, DOI: https://doi.org/10.1163/1573-3912_ei3_COM_30122 Durch seine zahlreichen Schüler stand Ahmad al-Fatānī an der Spitze eines Netzwerks islamischer Gelehrter, das Pattani, Kelantan und die muslimischen Gemeinden Kambodschas umfasste.Bruckmayr: Cambodia's Muslims and the Malay world: Malay language, Jawi script, and Islamic factionalism from the 19th century to the present. 2019, S. 171.
Abstammung Ahmad ibn Muhammad Zain al-Fatānī stammte aus einer Familie hadramitischer Scheiche, die ihre Herkunft auf al-ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muttalib, den Onkel des Propheten Mohammed, zurückführte und sich im Norden des damals halbautonomen Sultanats Patani niedergelassen hatte. Sein Großvater Mustafā ibn Muhammad Faqīh al-Fatānī, bekannt als Tok Bendang Daya Tua, hatte den Pondok Bendang Daya gegründet, eines der wichtigsten Zentren für islamische Bildung in Patani. Nach seinem Tod ging die Leitung dieser Schule an seinen Sohn ʿAbd al-Qādir (gest. 1894), genannt Tok Bendang Daya Muda, über.Bruckmayr: Cambodia's Muslims and the Malay world: Malay language, Jawi script, and Islamic factionalism from the 19th century to the present. 2019, S. 165. Diese Schule, die auch vom Sultan von Patani gefördert wurde, zog viele Studenten aus Kambodscha, Niederländisch-Indien (dort besonders Sumatra) und British Malaya an. Ahmad al-Fatānīs Vater Muhammad Zain al-Fatānī verbrachte viele Jahre mit Unterricht in diesem Pondok, bevor er nach Mekka reiste, um den Haddsch zu vollziehen und seine religiöse Ausbildung zu vertiefen.Rahimmula: The Patani fatawa. A case study of the Kitab al-fatawa al-fataniyyah of Shaykh Ahmad bin Muhammad Zain bin Mustafa al-Fatani. 1990, S. 313. Während seines Aufenthalts in Mekka beschäftigte er sich damit, Bücher seines Vorfahren Dā'ūd ibn ʿAbdallāh al-Fatānī (1769–1847) abzuschreiben, aus Sorge, dass sie als Einzelexemplare verloren gehen könnten.Rahimmula: The Patani fatawa. A case study of the Kitab al-fatawa al-fataniyyah of Shaykh Ahmad bin Muhammad Zain bin Mustafa al-Fatani. 1990, S. 314.
Jugend und Ausbildung Ahmad ibn Muhammad Zain al-Fatānī wurde am 12. Schaʿbān 1272 (= 11. April 1856) in Kampung Sena Jajar im Bezirk Jambu (Yaring) von Pattani geboren. Als er vier Jahre alt war, zogen seine Eltern mit ihm nach Mekka, wo er fast sein ganzes Leben verbrachte.Braginsky: “The Turkic-Turkish Theme in Traditional Malay Literature.” 2015, S. 217. In Mekka nutzte er die Gelegenheit, bei den besten malaiischen und arabischsprachigen Gelehrten seiner Zeit zu studieren, darunter Nik Mat Kecil Muhammad ibn Ismāʿīl al-Fatānī (gest. 1915), Muhammad ʿAli Kutan ibn ʿAbd ar-Rahmān al-Kalantānī (gest. 1913), Nik Dir ʿAbd al-Qādir ibn ʿAbd ar-Rahmān al-Fatanī (gest. 1898), ʿUmar asch-Schāmī al-Baqāʿī (1829–1896), Saiyid Husain al-Habschī, Saiyid Abū Bakr Schatha (gest. 1893), Ahmad ibn Zainī Dahlān (gest. 1886), Hasballāh Muhammad ibn Sulaimān al-Makkī (gest. 1915/16),Rahimmula: The Patani fatawa. A case study of the Kitab al-fatawa al-fataniyyah of Shaykh Ahmad bin Muhammad Zain bin Mustafa al-Fatani. 1990, S. 309. Muhammad Haqqī an-Nāzilī und Ibrāhīm al-Rāschisī (gest. 1874).
In Medina besuchte er außerdem den Unterricht des vom indischen Subkontinent stammenden Arztes ʿAbd ar-Rahīm al-Kabūlī.Muhammad Arafat Bin Mohamad: "Be-Longing: Fatanis in Makkah and Jawi." Doctoral dissertation, Harvard University 2013. Digitalisat S. 56. Danach studierte Ahmad al-Fatānī drei Jahre lang in Jerusalem. 1876Bruckmayr: "The Long Shadow of Malay kitab jawi. Publishing in the Hejaz and Cairo". 2025, S. 38. begab er sich nach Kairo, wo er wahrscheinlich als erster Student aus Patani an der Azhar studierte. Hier studierte er bei bekannten islamischen Modernisten wie Muhammad ʿAbduh (1849–1905).
In seinem arabischen Gedicht Ǧumānat at-tauḥīd, das er 1876 in Ägypten verfasste, erwähnt al-Fatānī, dass er hinsichtlich des Madhhab ein Schafiit, hinsichtlich der Glaubenslehre ein Aschʿarit und hinsichtlich der Tarīqa ein Schattārit sei.Abdullah: Syeikh Ahmad al-Fathani pemikir agung Melayu dan Islam. 2005. Bd. I, S. 95. Der ägyptische Sufi Muhammad Ahmad ad-Dandarāwī (gest. 1909) führte ihn außerdem in die auf den marokkanischen Scheich Ahmad ibn Idrīs (gest. 1839) zurückgehende Ahmadīya-Tarīqa ein.Abdullah: Syeikh Ahmad al-Fathani pemikir agung Melayu dan Islam. 2005. Bd. I, S. 78.
Aktivitäten als Herausgeber Erste Druckaktivitäten in Kairo Ab den späten 1870er Jahren engagierte sich Ahmad Patani stark im Druck von malaiischen Büchern. Schon in Kairo, wo er sieben Jahre studierte, knüpfte er Kontakte zu Mustafā al-Bābī al-Halabī, dem Spross einer Verlegerfamilie syrischer Herkunft, die seit 1859 in Kairo tätig war. Al-Bābī al-Halabī stellte al-Fatānī als Korrekturleser/Redakteur ein. Mit finanzieller Unterstützung des indischen Verlegers al-Amdschad al-Kaschmīrī Fidā Muhammad (gest. 1909/10) und dessen Sohn ʿAbd al-Ghanī fing er 1880 hier an, auch malaiische Bücher zu drucken. Das erste Buch, das er drucken ließ, war das Sufi-Handbuch Hidāyat al-sālikīn fī sulūk maslak al-muttaqīn des sumatranischen Autors ʿAbd as-Samad al-Falimbānī (gest. 1789). Es wurde von Hasan Ahmad at-Tūchī gedruckt, dessen Betrieb sich in der Nähe der Azhar-Moschee befand. Der Druck wurde 1886 abgeschlossen.Rahimmula: The Patani fatawa. A case study of the Kitab al-fatawa al-fataniyyah of Shaykh Ahmad bin Muhammad Zain bin Mustafa al-Fatani. 1990, S. 323f.
Gewinnung osmanischer Unterstützung Da der Scherif von Mekka ihm nicht erlaubte, in Mekka und Medina Bücher in anderen Sprachen als Arabisch zu veröffentlichen, schrieb Ahmad al-Fatānī einen Beschwerdebrief an Sultan Abdülhamid II. und bat um eine Audienz. Nachdem er mehrere Länder in Europa und dem Nahen Osten bereist hatte, um sich über moderne Druckgeräte und -techniken zu informieren, kam er nach Istanbul, wo er angeblich ein Jahr verbrachte und den Sultan traf, bei dem er mit seinen Ideen auf offene Ohren stieß. Zu dieser Zeit bestand im Osmanischen Reich ein politisches Interesse daran, die südostasiatischen Muslime durch religiöse Maßnahmen, darunter die Produktion und Verbreitung religiöser Literatur, enger an das Reich zu binden. Dies erklärt zum Teil, warum al-Fatānīs Pläne für den malaiischen Buchdruck bei den osmanischen Behörden und Istanbuler Verlegern auf positive Resonanz stießen.Bruckmayr: "The Long Shadow of Malay kitab jawi. Publishing in the Hejaz and Cairo". 2025, S. 39.
Von 1882 bis 1889 reiste al-Fatānī im Rahmen seiner Publikationstätigkeit ständig zwischen Ägypten, Mekka und Istanbul hin und her. Zunächst druckte er die Bücher in der ägyptischen staatlichen Druckerei (Matbaʿa Mīriyya) in Būlāq. Im Laufe der Zeit wurde aber Mekka zu seinem Hauptwirkungsort.Bruckmayr: "The Long Shadow of Malay kitab jawi. Publishing in the Hejaz and Cairo". 2025, S. 40. 1884 wirkte er an der Gründung des „Gremiums für Emendation und Druck malaiischer religiöser Werke“ (Badan Pentashih dan Mencetak Kitāb Jawi) in Mekka und Ägypten mit und wurde zu dessen Chefredakteur gewählt.Rahimmula: The Patani fatawa. A case study of the Kitab al-fatawa al-fataniyyah of Shaykh Ahmad bin Muhammad Zain bin Mustafa al-Fatani. 1990, S. 321.
Als Leiter der malaiischen Abteilung der osmanischen Druckerei in Mekka 1884 wurde al-Fatānī vom Vertreter der türkisch-osmanischen Regierung in Mekka zum Leiter der malaiischen Abteilung der neuen dortigen Druckerei ernannt. Diese veröffentlichte mithilfe lithografischer Reproduktionsverfahren Bücher in Jawi. Als Chefredakteur hatte Ahmad al-Fatānī auch die Verantwortung, den Kontakt zu den türkisch-osmanischen Vertretern in Mekka aufrechtzuerhalten, um von dort Hilfe und finanzielle Unterstützung für das Gremium zu erbitten.Rahimmula: The Patani fatawa. A case study of the Kitab al-fatawa al-fataniyyah of Shaykh Ahmad bin Muhammad Zain bin Mustafa al-Fatani. 1990, S. 322.
In den ersten Jahren ihres Bestehens konzentrierte sich die Druckerei stark auf Werke von Gelehrten aus Ahmad al-Fatānīs Heimat Patani wie die Schriften von seinem Vorfahren Dā'ūd ibn ʿAbdallāh al-Fatānī sowie von ʿAbd al-Qādir ibn ʿAbd ar-Rahmān al-Fatānī (1829–1898) und Muhammad ibn Ismāʿīl al-Dāwūdī al-Fatānī (1844–1915). Die Bevorzugung von Büchern gelehrter Autoren aus Patani durch die Druckerei ist schon Christiaan Snouck Hurgronje aufgefallen, der Ahmad al-Fatānī in Mekka traf und ihn als „einen verdienstvollen Gelehrten“ bezeichnete.Christiaan Snouck Hurgronje: Mekka. 2. Aus dem heutigen Leben. Nijhoff, Haag, 1889. S. 386. Digitalisat Etwa 75 % der in der Druckerei veröffentlichten Werke von 1884 bis zum Tod Ahmad al-Fatānīs im Jahr 1908 stammten von Dā'ūd al-Fatānī.Bradley: The Social Dynamics of Islamic Revivalism in Southeast Asia: The Rise of Patani School, 1785-1909. 2010, S. 477. Filiz Dığıroğlu führt das auf die Popularität dieser Schriften zurück.Filiz Dığıroğlu: “Malay Publications printed in the Ottoman Empire and Mecca Provincial Printing House” in İsmail Hakkı Göksoy, İsmail Hakkı Kadı (Hrsg.): Studies on the Relations between the Ottoman Empire and Southeast Asia. YTB Publications, Istanbul 2024. S. 105–140. Digitalisat
In der späteren Phase erstellte die Druckerei aber auch Druckausgaben anderer wichtiger Jawi-Bücher,Bruckmayr: "The Long Shadow of Malay kitab jawi. Publishing in the Hejaz and Cairo". 2025, S. 34. so von Werken der bedeutendsten Gelehrten von Palembang und Banjarmasin aus dem 18. und 19. Jahrhundert.Bruckmayr: Cambodia's Muslims and the Malay world: Malay language, Jawi script, and Islamic factionalism from the 19th century to the present. 2019, S. 169. Mit der redaktionellen Arbeit an Texten aus Aceh, wo das einheimische Malaiische oft Einflüsse der acehnesischen Sprache aufwies, beauftragte al-Fatānī einen seiner Schüler, der aus dieser Region stammte, Ismāʿīl ibn ʿAbd al-Mutallib al-Āschī.Bruckmayr: "The Long Shadow of Malay kitab jawi. Publishing in the Hejaz and Cairo". 2025, S. 42f. Al-Fatānī vermerkt in einigen seiner Kolophone zu verschiedenen Druckausgaben, dass er diese durch Kollationierung mehrerer Manuskripte und früherer lithographischer Drucke erstellt habe. Um die Erzeugnisse seiner Druckerei zu vertreiben, gründete er zusammen mit seinem ehemaligen Lehrer Nik Mat Kecik die Buchhandlung al-Maktaba al-Fatānīya im Quschāschīya-Viertel in Mekka.Bruckmayr: "The Long Shadow of Malay kitab jawi. Publishing in the Hejaz and Cairo". 2025, S. 42.