mini|Das Salis-Denkmal im Jahr 1935 Das Salis-Denkmal ist ein 1866 eingeweihtes Personendenkmal in Chur im Schweizer Kanton Graubünden. Es steht im Stadtgarten und erinnert an den Lyriker und Generalstabschef der Helvetischen Republik Johann Gaudenz von Salis-Seewis (1762–1834). Die Porträtbüste und die drei Reliefs wurden von Ludwig Keiser geschaffen. Das Salis-Denkmal ist das älteste Bündner Denkmal im engeren Sinne des Wortes.
Geschichte
mini|hochkant|Das Salis-Denkmal in einer zeitgenössischen Darstellung
Im Vorfeld von Salis’ hundertstem Geburtstag 1862 konstituierte sich in Chur ein Komitee zur Errichtung eines «einfachen, doch würdigen» Denkmals.Graubünden. In: Neue Zürcher Zeitung. 22. Februar 1862, S. 202 (). Den Vorsitz führte der ehemalige Erziehungsdirektor Jakob Martin Raschèr. Die übrigen Mitglieder waren Träger des Adelsprädikats, die ihrem bedeutenden Standesgenossen seine Verachtung des «Junkergeists»Adolf Frey: J. Gaudenz von Salis-Seewis. J. Huber, Frauenfeld 1889, S. 153 f. (). nachsahen (Oberingenieur Adolf von Salis-Soglio, Aktuar Johann Andreas von Sprecher, Nationalrat Peter Conradin von Planta, Ständerat Johann Baptista von Tscharner und Bürgermeister Fortunat Ambrosius von Sprecher). Am 18. Februar 1862 wandte sich das Komitee in einem schweizweit publizierten Aufruf mit der Bitte um Spenden an die Öffentlichkeit:
Salis’ hundertster Geburtstag wurde am 26. Dezember 1862 mit einem Festmahl in Chur gefeiert.Graubünden. In: Berner Zeitung. 8. Dezember 1862, S. 2 (). Im September 1863 beschloss das Komitee, das Denkmal auf dem aufgehobenen Friedhof in Chur zu errichten.Graubünden. In: Neue Zürcher Zeitung. 20. September 1863, S. 1114 (). Ludwig Keiser1816–1890, aus Zug, Professor am Polytechnikum in Zürich. entwarf die Pläne und schuf die Skulpturen, die er im März 1866 vollendete.Zürich. Denkmal des Dichters Salis. In: Neue Zürcher Zeitung. 7. März 1866, S. 275 f. (). Die Einweihung fand am 17. Juni 1866 statt. Ein imposanter Festzug begab sich vom Rathaus zum Stadtgarten, wo das Denkmal unter Gesang enthüllt wurde. Der Rektor der Bündner Kantonsschule Paul Christ hielt die Festrede.
Zwischen 2021 und 2023 wurde das Salis-Denkmal von der Stadtgärtnerei Chur restauriert.
Standort
Das Denkmal steht im Stadtgarten, auf dessen Gebiet sich seit 1529 der städtische Friedhof befand. Dieser wurde 1862 durch den Friedhof Daleu abgelöst und in der Folge zu einer öffentlichen Promenade umgestaltet. Die Zeitung Der Bund kritisierte den Standort im Vorfeld der Platzierung:
mini|hochkant|Salis vor einem Gräberfeld, Titelkupfer einer Wiener Ausgabe der Gedichte, Johann Blaschke (1815)Gedichte. Neueste Auflage. B[ernhard] Ph[ilipp] Bauer, Wien 1815 ().
Paul Christ rühmte den Platz als ideal für Salis, «der gern über Gräber wandelte», womit er Bezug auf eines seiner bekanntesten Gedichte, Das Grab, nahm.Gedichte von Joh. Gaudenz v. Salis. Ausgabe letzter Hand. Orell, Füßli und Comp., Zürich 1848, S. 37 f. (); Alexander Weinmann: «Das Grab» von J. G. v. Salis-Seewis. Ein literarisch-musikalischer Bestseller. (Wiener Archivstudien. Band 4.) Krenn, Wien 1979. Ferner sei Salis einer gewesen, «der mit Vorliebe stille Orte wählte, der mit Innigkeit an der hehren Natur seines Vaterlandes hing. Hier steht das Bild des Dichters auf dem zu einer Zufluchtsstätte aus dem Gewühle des städtischen Verkehrs bestimmten Friedhofe, umgeben von einer großartigen Gebirgswelt mit ihren Schönheiten, den Blick nach der Heimath Seewis gerichtet.»
Beschreibung
Der quadratische Fuss des Denkmals wird von Gitterwerk zwischen niedrigen, von Phialen bekrönten Eckpfeilern eingefasst. In der Mitte erhebt sich auf einer zweistufigen Krepis das Postament, an dessen Seitenflächen drei Reliefs mit weiblichen Allegorien angebracht sind:
Auf der linken Seite erinnert die Muse der Lyrik, Erato, mit einer Lyra in den Händen, an Salis’ Bedeutung als Dichter. Die Frontseite zeigt Mnemosyne, Mutter der Musen, wie Salis sie im Gedicht An die Erinnerung schildert.Gedichte von Joh. Gaudenz v. Salis–Seewis. Ausgabe letzter Hand. Orell, Füßli und Comp., Zürich 1848, S. 30 [=39] f. (). Sie lehnt sich nach vorn, in die Zukunft, und blickt gleichzeitig, träumend und versunken in vergangene Freuden, hinter sich. Dabei hebt sie den vom Kopf fallenden Schleier. («Süßer Wehmut Gefährtin, Erinn’rung, / Wenn jene die Wimper sinnend senkt, / Hebst du deinen Schleier und lächelst / Mit rückwärts gewandtem Gesicht.») In der Linken hält sie einen Kranz («Oftmals […] reihst in Kränze die Veilchen, / So Liebe mir, sparsam nur, las.») Dies symbolisiert, dass sie die Prüfungen der Vergangenheit erfolgreich bestanden hat.Graubünden. In: Neues Tagblatt aus der östlichen Schweiz (St. Gallen), 22. Juni 1866, S. 572 (). Auf der rechten Seite verkörpert Minerva, als Kriegsgöttin mit Lanze und Schild, Salis’ Beruf als Militär.
Die Rückseite mit dem Namen – ohne ererbten Freiherrn- und Grafentitel – und den Lebensdaten des Geehrten zitiert die letzten drei Distichen der Elegie An mein Vaterland, die er vor seiner revolutionären Schaffensperiode verfasste:Gedichte von Joh. Gaudenz v. Salis–Seewis. Ausgabe letzter Hand. Orell, Füßli und Comp., Zürich 1848, S. 6–8 (); Erstfassung: Schweitzersches Museum. Orell, Geßner, Füßli und Comp., Zürich 1786, S. 84–86 ().
Auf dem Postament steht ein Säulenschaft, der eine Porträtbüste trägt, über die die Neue Zürcher Zeitung schrieb:
mini|hochkant|Salis und Mnemosyne (1808)
Vorlage war in Wirklichkeit das stark idealisierte Porträt des 45-Jährigen, das Johann Heinrich Lips1758–1817, aus Kloten, galt seit dem Tod Chodowieckis als bester Graveur Europas. nach Christian Gottlob Richter1759–1830, aus Zittau, Zeichenlehrer an der evangelischen Kantonsschule Chur. gestochen hatte. Es erschien 1808 als Titelkupfer einer der zahlreichen Zürcher Ausgaben von Salis’ Gedichten.Gedichte von Joh. Gaudenz v. Salis-Seewis. Neue Ausgabe. Orell, Füssli und Compagnie, Zürich 1808. Auf der gegenüberliegenden Seite war als Titelvignette Mnemosyne dargestellt. Über das wenig ähnliche Porträt schrieb Salis dem Verleger Johann Heinrich Füssli sarkastisch: «Mein Bild von RICHTER und LIPS soll, sagt man, verzeichnet, aber gut gestochen seyn […].»Felix Humm (Hrsg.): Johann Gaudenz von Salis-Seewis und Johann Heinrich Füßli in ihren Briefen. Hans Huber, Bern etc. 1976, S. 56.
Büste und Reliefs bestehen aus Carrara-Marmor, Krepis und Postament wurden vom Churer Bildhauer Leoni aus schwarzem «Bündner Marmor» gearbeitet.
Siehe auch
Liste von Denkmälern im Kanton Graubünden
Literatur
Das Salis-Denkmal für Chur. In: Illustrirte Zeitung (Leipzig). 21. April 1866, S. 264 f. () L. S.: Zur Erinnerung an Joh. Gaudenz von Salis. (Anläßlich der Eröffnung seines Denkmals in Chur.) In: Alpenrosen. Illustrirte Zeitschrift für Haus und Familie (Bern). 1. Jahrgang, September 1866, S. 340–342 (). Friedrich Pieth: Denkmal des Dichters J. G. von Salis auf dem alten Friedhof in Chur […]. In: Bündnerisches Monatsblatt. 1938, S. 353–364 (). Rolf Selbmann: Dichterdenkmäler in Deutschland. Literaturgeschichte in Erz und Stein. Metzler, Stuttgart 1988, ISBN 3-476-00640-9 (), S. 100. Ursula Jecklin (Hrsg.): Churer Stadtgeschichte. Band 2, Verlag Bündner Monatsblatt, Chur 1993, ISBN 3-905241-33-1, S. 316 f.
Weblinks
Liste von Denkmälern im Kanton Graubünden
Einzelnachweise und Anmerkungen
Kategorie:Denkmal in der Schweiz Kategorie:Bauwerk in Chur