Fritz (Friedrich) Schindelin (* 11. Mai 1892 in Barmen; † 14. Juli 1978 in Düsseldorf)WAZ, 19. Juli 1978: In Wedau bleibt sein Wirken unvergessen. war ein evangelischer Pfarrer in Duisburg-Wedau und Mitglied der Bekennenden Kirche; während der Zeit des Nationalsozialismus trat er in Duisburg als Gegner des NS-Regimes hervor.Albert Walter: Druckerpresse unter dem Altar. In: Tatort Duisburg 1933–1945, S. 604 ff. Später wurde er Leiter des Amtes für Evangelisation und Volksmission der Evangelischen Kirche im Rheinland.Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland: 2LR 004M – Volksmissionarisches Amt. archiv.ekir.de Seine Schriften wurden in den 1950er- und 1960er-Jahren in großen Stückzahlen verbreitet, sowohl im Westen als auch in der DDR.Albert Walter: Druckerpresse unter dem Altar. In: Tatort Duisburg 1933–1945, S. 610; vgl. die Parallelausgaben bei EVA Berlin und Brockhaus Wuppertal. Leben Herkunft und Familie
Fritz Schindelin wurde am 11. Mai 1892 in Barmen als Sohn des Missionsinspektors Jakob Friedrich Schindelin (1859–1933) und dessen Ehefrau Elisabeth, geborene Holland (1868–1953), geboren. Er war das dritte von insgesamt elf Kindern.Karin Vorländer: Frieda Schindelin, Pastorin. Neukirchener Verlagshaus 2004, S. 12. Sein Vater stammte aus dem schwäbischen Zaberfeld und kam 1883 ins Rheinland, wo er zunächst die kaufmännische Leitung des Rheinisch-Borneischen Handelsvereins übernahm. Ab 1903 war er Geschäftsführer der Rheinischen Mission, ein Amt, das er bis zu seinem Ruhestand 1927 innehatte – insgesamt 44 Jahre arbeitete er für die Rheinische Mission. Die Mutter stammte aus Stuttgart und zählte die Dichter Ludwig Uhland und Eduard Mörike zu ihren Vorfahren.Karin Vorländer: Frieda Schindelin, Pastorin. Neukirchener Verlagshaus 2004, S. 12–13.
Zu seinen Geschwistern gehörte die spätere Pfarrerin Frieda Schindelin (1895–1998), eine Pionierin der Frauenordination in der evangelischen Kirche.Karin Vorländer: Frieda Schindelin, Pastorin. Neukirchener Verlagshaus 2004.
Fritz Schindelin war verheiratet mit Dorothea Schindelin, geborene Horstmann (31. August 1900 – 14. Juli 1990).Todesanzeige von Dorothea Schindelin, Juli 1990.
Ausbildung und Ordination Schindelin besuchte das Gymnasium in Barmen und studierte von 1910 bis 1914 Evangelische Theologie in Tübingen und Halle (Saale). Am 17. Dezember 1916 wurde er in Duisburg-Wanheim zum Pfarrdienst ordiniert.WAZ, Freitag, 16. Dezember 1966: Pfarrer Fritz Schindelin feiert goldenes Ordinationsjubiläum. Als Vikar und Hilfsprediger war er zunächst in Saarbrücken tätig.
Gemeindepfarrer in Wedau (1921–1955)
Aufbau der Gemeinde Am 1. April 1921 wurde Schindelin als Hilfsprediger in den Bezirk Wedau versetzt, das damals zur Gemeinde Wanheim-Angerhausen gehörte. Wedau war eine neu entstehende Eisenbahner-Siedlung, die ab 1914 für die Beschäftigten der Preußischen Reichsbahn errichtet worden war.Evangelische Kirchengemeinde Trinitatis: Aus der Geschichte der Kirche Am See.
Unter Schindelins Leitung gründeten die evangelischen Christen einen Kirchbauverein und sammelten Spenden für den Bau einer eigenen Kirche. Die Pläne wurden vom Architekten Friedrich Mosebach entworfen. Der Bau wurde durch erhebliche Schwierigkeiten verzögert: Die gesammelten Gelder wurden durch die Hyperinflation von 1923 wertlos, und der Einmarsch französischer Truppen ins Ruhrgebiet während der Ruhrbesetzung unterbrach die Arbeiten. Die Wedauer Eisenbahner leisteten passiven Widerstand und wurden mit ihren Familien aus Duisburg ausgewiesen.
Trotz dieser Hindernisse begann man in Eigenarbeit mit dem Bau. Material wie Kies und Holz wurde gespendet, Steine wurden selbst gefertigt. Nach der Rückkehr der Bevölkerung im Sommer 1924 wurden die Arbeiten fortgesetzt. Am 16. November 1924 konnte die Kirche Am See unter Mitwirkung von Kirchen- und Posaunenchor festlich in Betrieb genommen werden.
Im Jahre 1929 übernahm Pastor Schindelin die erste eigenständige Pfarrstelle in Wedau und blieb dieser Gemeinde bis zu seiner Pensionierung 1955 treu. Am 3. Februar 1929 wurde er als Pfarrer gewählt und am 20. Mai 1929 in sein Amt eingeführt. Am 28. März 1941 feierte er sein 25-jähriges Ortsjubiläum mit dem Motto: "Nicht uns Herr, sondern deinem Namen gib Ehre!"Albert Walter: Druckerpresse unter dem Altar. In: Tatort Duisburg 1933–1945, S. 610.
Die Zeit des Nationalsozialismus
Frühe Auseinandersetzungen (1933) Im Jahr 1933, als Martin Niemöller aus Dahlem dazu aufrief, sich zum Pfarrernotbund zusammenzuschließen, um die Opfer des mittlerweile auch in der Kirche eingeführten Arierparagraphen und die aus dem Dienst entfernten Pfarrer zu unterstützen, schloss Schindelin sich diesem Notbund sofort an. Am 20. Oktober 1933 unterzeichnete er die Verpflichtungserklärung des Pfarrernotbundes mit vier Punkten:
Verpflichtung zur Verkündigung gemäß Heiliger Schrift und den Bekenntnissen der Reformation Protest gegen Verletzungen solcher Bekenntnismäßigkeit Verantwortung für Verfolgte des Bekenntnisses Ablehnung des Arierparagraphen im Raum der KircheAlbert Walter: Druckerpresse unter dem Altar. In: Tatort Duisburg 1933–1945, S. 611; dort zitiert nach: Protokoll der Ev. Gemeinde Wanheim-Angerhausen. In: Abschrift S. 27.
Am 26. November 1933 lud Schindelin zu einer Gemeindeinformation über die Kundgebung der Glaubensbewegung Deutsche Christen vom 13. November im Berliner Sportpalast ein, bei der Obmann Reinhold Krause gefordert hatte, die Bibel von „alttestamentlich-jüdischem“ und „paulinischem Minderwertigkeitsglauben“ zu reinigen.Albert Walter: Druckerpresse unter dem Altar. In: Tatort Duisburg 1933–1945, S. 604. Vor Beginn dieser Versammlung versperrte ein Kordon von SA-Männern aus Ruhrort Schindelin den Zugang zum Gemeindehaus. Der Wedauer Pfarrer wandte sich an den SA-Sturmführer von Wedau, einen seiner ehemaligen Konfirmanden. Dieser unterstützte mit seiner Truppe „SA Wedau gegen SA Ruhrort“ „seinen Pfarrer“, sodass der Weg zum Gemeindehaus frei wurde und die Veranstaltung stattfinden konnte. Die spätere Zeitzeugin Hildegard Rosendahl berichtete, dass sie mit ihrer Mutter nicht eingelassen wurde und dass die Kirche nach Öffnung „brechend voll“ gewesen sei; die Gemeinde habe mit ungewöhnlicher Kraft Ein feste Burg ist unser Gott gesungen.Sabine Merkelt-Rahm, Presse-Info der Evangelische Pressestelle des Kirchenkreises Duisburg vom 28. April 2009.
Engagement in der Bekennenden Kirche Schindelin gehörte zu den ersten Pfarrern, die dem synodalen Bruderrat der Bekennenden Kirche in Duisburg angehörten. Seit 1936 war er Abgeordneter zur rheinischen Bekenntnissynode, zusammen mit Pfarrer Otto Vetter, Pfarrer Dietrich Spering und Georg Hafkesbrink Duisburg, Fritz Weymann Ruhrort, Johann Zelles Meiderich und Johann Wenzel Laar.
Nach einem Pfarrerverzeichnis aus dem Jahre 1936 gehörten von den 30 Pfarrern des Kirchenkreises Duisburg 12 zur Bekennenden Kirche, 13 zu den Neutralen und 5 zu den Deutschen Christen.Albert Walter: Druckerpresse unter dem Altar. In: Tatort Duisburg 1933–1945, S. 617.
Konflikte mit den kirchlichen Behörden Am 30. Januar 1934 schlossen sich neun Pfarrer des Kirchenkreises Duisburg dem Protest gegen die Verordnung der Deutschen Christen an, darunter die Pfarrer Paschen, Vetter, Spering, Cleff, Pabst, Leithäuser, Bender, Dr. Heinrich und Schindelin.Albert Walter: Druckerpresse unter dem Altar. In: Tatort Duisburg 1933–1945, S. 613; dort zitiert nach: 25.29.–31.5.1934 – Verschiebung der Theologischen Erklärung zur Lage der Deutschen Evangelischen Kirche; 26. 20.10.1934 – Kirchenleistende Folgen aus Barmen.
Im Bruderrat der Bekennenden Kirche Duisburg übernahm Schindelin die Ausbildung der Lektoren für den Gottesdienst, da die kleine Zahl der Hilfspastoren nicht ausreichte, um die Bekenntnisgottesdienste in den Gemeinden zu übernehmen.
Der Superintendent des Kirchenkreises Duisburg begegnete der Bekennenden Kirche mit Distanz. 1937 bemühte sich Schindelin um ein Gespräch mit Superintendent Friedrich Horn aus Laar, um dessen Argumente zu entkräften. Superintendent Horn betätigte sich nicht wenig bei der Lähmung des gemeinsamen Widerstands. Er hatte behauptet, die Bekennende Kirche wolle durch Kirchenzucht die Einigung der Kirche bewerkstelligen.Albert Walter: Druckerpresse unter dem Altar. In: Tatort Duisburg 1933–1945, S. 614–615. In einem Brief vom 25. November 1937 stellte Schindelin klar, dass praktischer Gehorsam gegenüber der staatlichen Obrigkeit nicht bedeute, dass der Gehorsam gegenüber dem Herrn der Kirche übertroffen werden dürfe.Brief von Pfr. Schindelin an Sup. Horn vom 25.11.1937, Archiv Kirchenkreis Duisburg-Süd, zitiert nach Albert Walter: Druckerpresse unter dem Altar. In: Tatort Duisburg 1933–1945, S. 616.
Gestapo-Überwachung Mehrfach taucht seitdem der Name Friedrich Schindelin in den Gestapoakten im Laufe der Jahre 1934 bis 1945 auf. Er machte sich durch jene Informationsveranstaltung vom November 1933 bei der Gestapo aufmerksam. Als Mitglied der Niederrheinischen Brüderkonferenz war er hellhörig, wenn die Grundlage des Christusglaubens – die Bibel Alten und Neuen Testaments – manipulierend ausgelegt oder gar abgelehnt werden sollte.Albert Walter: Druckerpresse unter dem Altar. In: Tatort Duisburg 1933–1945, S. 604, 610.
Die Gestapo überwachte ihn wegen „Verstoßes gegen das Pressegesetz“, da er politische Flugblätter der Bekennenden Kirche in den Nachrichten des heimischen Bruderrates oder den „grünen Briefen“ der BK verbreitete.
Als im Jahre 1943 das Konsistorium der Rheinprovinz eingesetzt wurde, um Pfarrer der U.K. (Unabkömmlichkeit) zu stellen, war Schindelin vertrauenswürdig genug, dass ein solcher Antrag für ihn gestellt wurde.
Leiter des Volksmissionarischen Amtes (1949–1960) 1949 wurde Fritz Schindelin zum Leiter des Amtes für Evangelisation und Volksmission der Evangelischen Kirche im Rheinland ernannt. Dieses Amt übte er zunächst neben seiner Pfarrstelle in Wedau aus und führte es nach seiner Pensionierung 1955 hauptamtlich bis 1960 weiter. Zunächst stand die klassische Evangelisation im Mittelpunkt der Arbeit. In Zusammenarbeit mit anderen Ämtern und Werken wurden Gebietsmissionen durchgeführt.
1959 beschloss die Landessynode eine Neuordnung des Amtes, das sich nunmehr auch neuer Formen des Gemeindeaufbaus, Fragen des Besuchsdienstes und der Arbeit in der Freizeitwelt annahm. Der Volksmissionarische Ausschuss diente fortan als Leitungsgremium. Der Synode Duisburg-Süd blieb Schindelin durch Predigtdienste in seiner alten Gemeinde Wedau verbunden, durch rege Teilnahme an den Synoden und durch persönliche Kontakte zu den Pfarrkollegen.
Ruhestand Nach seiner Pensionierung 1955 verlegte Schindelin seinen Alterswohnsitz nach Mülheim und hielt engen Kontakt zu den Gemeinden des Duisburger Südens, wo er noch manchen Predigtdienst übernahm.
Am 4. Adventssonntag 1966 feierte er sein goldenes Ordinationsjubiläum in einem Gottesdienst um 9:30 Uhr in der Wedauer Kirche. Superintendent Mayer überbrachte ihm die Grüße und Glückwünsche des Kirchenkreises Duisburg-Süd.WAZ, Freitag, 16. Dezember 1966: Pfarrer Fritz Schindelin feiert goldenes Ordinationsjubiläum.
Fritz Schindelin verstarb am 14. Juli 1978 in Düsseldorf nach kurzer schwerer Krankheit. Die Beisetzung fand am 19. Juli auf dem Alten Friedhof am Sternbuschweg in Duisburg statt.WAZ, Todesanzeige im Juli 1978.
Werk
Theologische Haltung