Joseph Adolph Sonnabend (geb. 6. Januar 1933, Johannesburg, Südafrika; gest. 24. Januar 2021) war ein südafrikanischer Arzt, Wissenschaftler und HIV/AIDS-Forscher, der sich durch seine Pionierarbeit in der gemeindebasierten Forschung, die Verbreitung von Safer Sex zur Infektionsprävention und ein frühes multifaktorielles AIDS-Modell auszeichnete.
Als einer der ersten Ärzte, der bei seinen homosexuellen Patienten die Immunschwäche erkannte, die später als AIDS bekannt werden sollte, behandelte er in den 1980er und 1990er Jahren Hunderte HIV-Positive. Auf dem Höhepunkt der AIDS-Krise war Sonnabend maßgeblich an der Gründung mehrerer AIDS-Organisationen beteiligt, darunter die AIDS Medical Foundation (heute amfAR), die gemeinnützige Community Research Initiative (heute ACRIA), die Pionierarbeit in der gemeinschaftsbasierten Forschung leistete,Celia Farber: AIDS: Words from the Front. In: Spin, April 1989, vol.5, is. 1 google books ISSN 0886-3032 die erste PWA-Gesundheitsgruppe und einen weitgehend anerkannten Buyers’ Club (Käuferclub).Howard Lune: Urban Action Networks: HIV/AIDS and Community Organizing in New York City. Rowman & Littlefield 2007. ISBN 978-0-7425-4084-2 53–54, 106–107. archive.org
Sonnabend geriet in die Kritik, weil er sich dafür aussprach, dass schwule Männer ihr Sexualverhalten ändern sollten, um sexuell übertragbare Infektionen zu vermeiden, anstatt – wie von der Gay Men’s Health Crisis und anderen Organisationen der schwulen Community befürwortet – einfach weniger Sexualpartner zu haben. Zudem stellte er die Hypothese auf, dass ein multifaktorielles Kausalitätsmodell auch einen Zeitraum nach der Entdeckung von HIV einschließt. Er wurde weithin als wegweisender und mitfühlender Kliniker und Forscher respektiert.
Hintergrund mini|Mount Sinai School of Medicine, wo Sonnabend Anfang der 1970er Jahre als außerordentlicher Professor tätig war. Sonnabend wurde am 6. Januar 1933 in Johannesburg, Südafrika, geboren und wuchs in Bulawayo, Südrhodesien (heute Simbabwe) auf. Seine Mutter war Ärztin, sein Vater Soziologe. Beide Eltern waren jüdische Einwanderer aus Europa. id=MssCol 6223Bruce Nussbaum: The Clap Doctor. Exzerpt aus: Good Intentions; How big business and the medical establishment are corrupting the fight against AIDS. archive.org Atlantic Monthly Press 1990. ISBN 0-87113-385-7
Er absolvierte eine Facharztausbildung im Bereich Infektionskrankheiten an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg und am Royal College of Physicians of Edinburgh. Während der 1960er forschte er am National Institute for Medical Research in London unter Alick Isaacs, einem Pionier der Interferonforschung.
Anfang der 1970er Jahre zog Sonnabend nach New York City, um als außerordentlicher Professor an der Mount Sinai School of Medicine zu arbeiten. Nachdem sein Forschungsstipendium für Interferon ausgelaufen war, war er am Kings County Hospital Center tätig und leitete die Fort- und Weiterbildung im Büro für Geschlechtskrankheitenbekämpfung (Continuing Medical Education at the Bureau of VD Control) des New Yorker Gesundheitsamtes (New York City Department of Health and Mental Hygiene). 1978 eröffnete er eine Privatklinik für sexuell übertragbare Infektionen in Greenwich Village, für die er sich einen hervorragenden Ruf erwarb.
Sonnabend starb am 24. Januar 2021 im Wellington Hospital in London an den Folgen eines Herzinfarkts, den er drei Wochen zuvor erlitten hatte.
Frühe AIDS-Arbeit Sonnabend war einer der ersten Ärzte, der bei seinen homosexuellen Patienten die Immunschwäche bemerkte, die später als AIDS bekannt werden sollte. Seine Kenntnisse in Mikrobiologie, Virologie und Infektionskrankheiten, sowie seine vorherige Erfahrung in der Behandlung immungeschwächter Transplantationspatienten ermöglichten es ihm, einige der ersten AIDS-Forschungen durchzuführen, oft auf eigene Kosten und unabhängig von staatlichen Stellen, die nur zögerlich auf die Epidemie reagierten, 1983 war er Gründungsherausgeber einer der ersten AIDS-Fachzeitschriften, AIDS Research (ab 1986: AIDS Research and Human Retroviruses, nachdem Sonnabend von der Zeitschrift entlassen worden war).
Multifaktorielles Modell von AIDS Vor der Identifizierung von HIV als Ursache von AIDS im Jahr 1984 führten Sonnabends Untersuchungen zu der Annahme, dass AIDS bei homosexuellen Männern durch mehrere Faktoren, darunter das Epstein-Barr-Virus und wiederholte Exposition gegenüber dem Cytomegalovirus und Sperma, verursacht werden könnte.Joseph Sonnabend, Steven S. Witkin, David T. Purtilo: Acquired immunodeficiency syndrome, opportunistic infections, and malignancies in male homosexuals. A hypothesis of etiologic factors in pathogenesis. In: Journal of the American Medical Association. (JAMA) vol. 249, is. 17; 6. Mai 1983: S. 2370–74. pmid=6300480 doi=10.1001/jama.1983.03330410056028 Diese Annahme stand im Widerspruch zur Ansicht, dass wahrscheinlich ein einzelner Erreger verantwortlich sei, was Sonnabend jedoch nicht ausschloss.
Sonnabends „multifaktorielles Modell“ („multifactorial model“) veranlasste ihn bereits früh in der beginnenden Pandemie zu der Annahme, dass häufiger ungeschützter Analverkehr das Risiko für das erhöhte, was später als AIDS bekannt werden sollte.Joseph Sonnabend, Steven S. Witkin, David T. Purtilo: A multifactorial model for the development of AIDS in homosexual men. In: Annals of the New York Academy of Sciences. vol. 437, is. 437; 1984: S. 177–183. pmid=6100000 doi=10.1111/j.1749-6632.1984.tb37134.x bibcode=1984NYASA.437..177S s2cid=22801074 Dies war die Inspiriation zu der Broschüre How to Have Sex in an Epidemic, welche unter Sonnabends Anleitung 1983 von zwei seiner Patienten, Michael Callen und Richard Berkowitz, verfasst wurde. Damals stießen Versuche, das Sexualverhalten zu ändern und die Verwendung von Kondomen beim homosexuellen Sex zu empfehlen, auf Kritik von vielen prominenten Persönlichkeiten der schwulen Community. Später wurden Sonnabends Empfehlungen bezüglich Kondomen als grundlegend für die HIV-Prävention anerkannt.
Rolle bei der Gründung von AIDS-Organisationen Um seine Forschung und die anderer Wissenschaftler zu finanzieren – und weil die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) seine Expertise ignorierte und kein Interesse an seiner Unterstützung zeigte —wandte sich Sonnabend an seine Freundin Mathilde Krim und bat sie um finanzielle Hilfe. Gemeinsam mit Krim und anderen gründete er 1983 die AIDS Medical Foundation (AMF). Diese Organisation wurde später zu amfAR, The Foundation for AIDS Research, einer der weltweit führenden gemeinnützigen Organisationen zur Förderung von HIV/AIDS-Forschung, -Prävention und -Aufklärung.
mini|Pneumocystis-pneumonia-Zysten aus bronchoalveolärer Lavage, gefärbt mit Toluidinblau 0. Als Pionier der gemeindebasierten Forschung in Ermangelung effektiver staatlicher Bemühungen, war Sonnabend 1987 auch an der Gründung der gemeinnützigen Community Research Initiative (CRI, später CRIA, dann ACRIA) in New York beteiligt. Zu den frühen Erfolgen der CRI gehörte eine Studie, die zur Zulassung von inhalativem Pentamidin zur Prävention von Pneumocystis-Pneumonie, einer häufigen AIDS-assoziierten Infektion, beitrug. Sonnabend war Medical Director der CRI/CRIA bis 1996.
Sonnabend beschäftigte sich besonders mit den ethischen Fragen der AIDS-Krise, und erhielt 1983 zusammen mit seinen Koautoren den Nellie-Westerman-Preis für ethische Forschung für den Artikel „Confidentiality, Informed Consent and Untoward Social Consequences in Research on a 'New Killer Disease' (AIDS)“ („Vertraulichkeit, informierte Einwilligung und unerwünschte soziale Folgen in der Forschung zu einer ‚neuen Killerkrankheit‘“) in der Fachzeitschrift Clinical Research. Er schrieb darüber, wie die AIDS-Krise eine „persönlichere“ („more intimate“) Art der Behandlung erforderte; Krim beschrieb ihn als „den einzigen Arzt, den ich kenne, der zu jeder Beerdigung geht“ („he’s the only doctor I know who goes to every funeral“).
Diese Besorgnis veranlasste ihn 1986 zur Gründung der PWA Health Group zusammen mit Michael Callen und Thomas Hannan.Sean Strub: Body Counts: A Memoir of Politics, Sex, AIDS, and Survival. Simon and Schuster 14. Januar 2014: S. 178. google books ISBN 978-1-4516-6197-2 Diese gemeinnützige Organisation war der erste und größte offiziell anerkannte Käuferclub für AIDS-Medikamente, und hatte zum Ziel, den Zugang zu vielversprechenden, aber noch nicht von der Food and Drug Administration (FDA) zugelassenen AIDS-Therapien zu erweitern. Die PWA Health Group entwickelte sich zu einer wichtigen Quelle für Aufklärung und Interessenvertretung im Bereich der AIDS-Behandlung. Im Jahr 2000 fusionierte die PWA Health Group mit Direct Aids Alternative Information Resources (DAAIR), doch die fusionierte Organisation wurde 2003 aufgelöst und im Juli des folgenden Jahres durch den New York Buyers’ Club ersetzt.
Kontroversen Als hochangesehener Arzt war Sonnabend bekannt für seinen Einsatz für die Rechte seiner Patienten. Er scheute sich nicht, die etablierte Wissenschaft zu kritisieren, wenn er der Ansicht war, dass sie die Interessen der Patienten nicht an erste Stelle setzte. Oftmals widersprach er der gängigen Meinung zu AIDS.
Ansichten zur AIDS-Behandlung und ihren Ursachen mini|AZT in orale, injizerbarer Form und als Zäpfchen Ende der 1980er-Jahre kritisierte Sonnabend die Anwendung von Zidovudin (AZT) als Monotherapie bei asymptomatischen HIV-positiven Personen, da er die klinische Evidenz für unzureichend hielt. Dennoch verschrieb er das Medikament in Kurzzeittherapien für Patienten mit Anzeichen erhöhter Interferonwerte, da er annahm, dass diese eine wichtige Rolle in der Pathogenese spielen und durch AZT kontrolliert werden könnten. 2006 äußerte er die Ansicht, dass hohe AZT-Dosen Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre „Tausende von Menschenleben gekostet“ („killed thousands“) hätten.
Bis Ende der 1990er-Jahre beharrte Sonnabend darauf, dass die Frage nach den Ursachen von AIDS „weiterhin ungeklärt“ („remained open“) sei und viele Faktoren eine Rolle spielen könnten.Joseph Sonnabend: ‘The Duesberg phenomenon’: what does it mean?. In: Science, vol. 267, is. 5195; 13. Januar 1995: S. 159. pmid=7880263 doi=10.1126/science.7880263 s2cid=41611784 Dies veranlasste einige Forscher und Aktivisten, ihn mit den „AIDS-Leugnern“ („AIDS denialists“) in Verbindung zu bringen, die jegliche Beteiligung von HIV an AIDS bestreiten – ein Vorwurf, den Sonnabend zurückwies:
Seine unkonventionellen Ansichten zu den Ursachen und der Behandlung von AIDS führten zu Vorwürfen der Kunstfehler („Medical malpractice“); er sagt, er sei von etablierten Wissenschaftlern gemieden und ihm seien Fördermittel verweigert worden.
Sonnabend setzte sich früh für die antiretrovirale Kombinationstherapie ein, die er zahlreichen Patienten verschrieb. Er lehnte jedoch die frühen US-amerikanischen Leitlinien, die eine Behandlung im Frühstadium der HIV-Infektion empfahlen (bekannt als „früh und hart behandeln“ – „hit early, hit hard“), entschieden ab.
Die Auswirkungen moderner Medikamente trugen dazu bei, Sonnabends Ansichten zur Entstehung von AIDS zu verändern, sodass er schließlich behauptete: „Die Beweislage spricht nun stark für eine Beteiligung von HIV“ („the evidence now strongly supports a role for HIV“). Dennoch widersprach er weiterhin dem wissenschaftlichen Konsens und vertrat die Ansicht, dass HIV-Infizierte nur dann an AIDS erkranken, wenn sie Kofaktoren wie anderen Viren und Bakterien ausgesetzt sind. Er vermutete, dass HIV bei vielen Menschen latent vorhanden ist und keine ausreichende Immunantwort auslöst, um ein positives Antikörpertestergebnis (Serokonversion) zu erzielen.
Weitere kontroverse Ansichten