Die Quellnymphe am Brunnen ist das früheste Exemplar aus einer Serie von Gemälden der Renaissance-Künstler Lucas Cranach des Älteren und Lucas Cranach des Jüngeren, auf denen eine Ruhende Quellnymphe dargestellt ist. Es sind 24 Versionen bekannt, die in der Cranach-Werkstatt in Wittenberg angefertigt wurden. Es ist manchmal schwierig festzustellen, inwieweit der Meister selbst gemalt hat.
Das erste wurde 1518 gemalt und befindet sich im Museum der bildenden Künste in Leipzig. Die Fassung im Nationalmuseum in Oslo aus dem Jahr 1550 wird dem Sohn Lucas Cranach dem Jüngeren zugeschrieben, der in der Werkstatt seines Vaters tätig war und diese später übernahm.
Beschreibung Im Vordergrund liegt eine vollständig unbekleidete Frau über die gesamte Breite des Bildes, die Hand des angewinkelten rechten Arms im Nacken. Die Beine sind übereinandergeschlagen. Alle Details des makellos dargestellten Körpers sind gut zu erkennen. In der linken Bildhälfte befindet sich direkt hinter dem Oberkörper der Frau das regelmäßige Rechteck eines Brunnens. Die Frau liegt auf einer karminroten Decke, deren Faltenwurf detailliert ausgearbeitet ist. Auf dem Brunnen befindet sich folgende lateinische Inschrift:
Der Blick aus halbgeschlossenen Augen ist auf den Betrachter gerichtet. Im Hintergrund befindet sich eine Landschaft und ein kleiner Ausschnitt mit Himmel mit einer drohenden Regenwolke.
Interpretation Das Bild gilt als erster „liegender weiblicher Akt in Landschaft“ nördlich der Alpen.Kluttig-Altmann, Ralf (2017), S. 249 Es wurde mit Giorgiones Schlummernder Venus verglichen, deren Motiv große Ähnlichkeit mit der Ruhenden Quellnymphe aufweist. Eine andere Quelle verweist auf eine Holzschnittillustration in dem 1499 in Venedig erschienenen allegorischen Roman, der Hypnerotomachia Poliphili, die als Vorbild gedient haben könnte.
Das Gemälde wird dem Genre der Mythologischen Malerei zugerechnet, in der klassische Themen und Figuren aufgegriffen werden. Im vorliegenden Fall ist es die Figur der Nymphe der Kastalia. Bei der Kastalischen Quelle handelt es sich um einen Brunnen, zu dem antike Dichter und Philosophen zum Trinken kamen, um Inspiration zu finden. Auch die Landschaft im Hintergrund entspricht dem Stil mythologischer Gemälde.
Das wirklichkeits- und naturverbundene Lebensgefühl, das dem Gemälde innewohnt, und die zurückgehaltene Sinnlichkeit des schlafenden weiblichen Aktes gehen jedoch über die Attitüde der Antike hinaus. Die Cranach-Werkstatt hat zahlreiche freizügige Frauendarstellungen produziert, so Venus und Amor, Das Urteil des Paris, Die drei Grazien – alle mit mythologischen Untertönen, um das Erotische zu überdecken.
In der Fassung La ninfa de la fuente (ca. 1530–34), die im Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid zu sehen ist, trägt die Quellnymphe nichts außer Schmuck und einen transparenten Schleier, der nichts verbirgt und die Aufmerksamkeit im Gegenteil noch auf die Nacktheit hinlenkt. Ein Bogen und ein Köcher hängen an einem Baum, was darauf hinweist, dass sie zum Gefolge von Diana, der Göttin der Jagd, gehört. Eine andere Interpretation ist, dass der Bogen Amor gehört, dem Begleiter der Venus. Unterhalb des Baumes sind zwei Rebhühner abgebildet, die üblicherweise als Vögel der Venus gelten. Im Hintergrund ist eine Wasserquelle zu sehen, und links oben ein Cartellino mit demselben lateinischen Text wie auf dem Bild von 1518.
Dem griechischen Mythos zufolge lebten Nymphen als Göttinnen der freien Natur auf Bergen und Bäumen, im Meer, in Grotten und in Quellen, und jedem Sterblichen, der ihnen zu nahe trat, drohte Gefahr. Die düsteren Wolken am abendlich gefärbten Himmel auf dem Bild von 1518 lassen auch den des Lateinischen unkundigen Betrachter etwas von der unheimlich-dramatischen Warnung der Brunneninschrift spüren. Alle Bilder der Serie beinhalten ein solches „Wechselspiel zwischen Verführung und Warnung“.
Versionen Bild Titel Jahr Technik Format (cm) Sammlung 100px Liegende Quellnymphe 1518 Öl auf Holz 59 × 92 Museum der bildenden Künste, Leipzig 100px Quellnymphe ca. 1515–1520 Öl auf Holz 58,1 × 86,7 Jagdschloss Grunewald, Berlin 100px Quellnymphe (schlummernde Diana) ca. 1525 Öl auf Holz 15 × 15 100px La ninfa de la fuente ca. 1530–1534 Öl auf Holz 75 × 120 Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid 100px The Nymph of the Fountain 1534 Öl auf Holz 64 × 90 Walker Art Gallery, Liverpool 100px La Nymphe à la source ca. 1537 Öl auf Holz 48,5 × 74,2 Musée des Beaux-Arts et d’Archéologie, Besançon 100px The Nymph of the Spring nach 1537 Öl auf Holz 48,4 × 72,8 National Gallery of Art, Washington 100px Quellnymphe nach 1537 Öl auf Holz 34,3 × 56 Kunsthalle Bremen 100px The Nymph of the SpringLucas Cranach dem Jüngeren zugeschrieben ca. 1540 Öl auf Holz 58 × 79 San Diego Museum of Art (seit 2018) 100px Hvilende kildenymfeLucas Cranach dem Jüngeren zugeschrieben 1550 Öl auf Holz 71,5 × 122 Nationalmuseum, Oslo
Sonstiges Die Deutsche Post der DDR brachte 1972 eine Briefmarke mit dem Gemälde in der Version von 1518 heraus.
Literatur
Weblinks
Einzelnachweise
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