Die Gesellschaft zur Förderung und Pflege Deutscher Kulturdenkmäler e. V. war eine am 1. Februar 1936 von Heinrich Himmler im Stab des Reichsführers der Schutzstaffeln der NSDAP gegründete SS-Institution. Infolge ihrer Tarnung als eingetragener Verein war ihr nationalsozialistisches Wesen für Außenstehende nur durch genaue Recherche erkennbar. Diese Tarnung ermöglichte es ihr auch, ihre Finanzströme der üblichen Kontrolle durch Franz Xaver Schwarz, den Reichsschatzmeister der NSDAP, zu entziehen.Vgl. Karl Hüser: Wewelsburg 1933–1945. Kult- und Terrorstätte der SS, Paderborn 1982, S. 44–49.
Gründung, Sitz und Organisation Die in München, dem ursprünglichen Sitz des Vereins, ausgestellte Gründungsurkunde wurde mitunterzeichnet von Oswald Pohl, Rudolf Brandt, Karl Diebitsch, Karl Wolff, Luitpold Schallermeier und Walter Salpeter. Spätestens 1940 verlegte die Gesellschaft den Sitz des Vereins nach Berlin-Lichterfelde. Dort residierte sie Unter den Eichen 129, wo zugleich das SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt, die Zentralverwaltung zur Organisation und wirtschaftlichen Nutzung aller Konzentrations- und Vernichtungslager, ihren Sitz hatte.Vgl. die heute dort vorhandene Gedenktafel, abgerufen am 31. Januar 2026. Die Gesellschaft gilt als eine der ersten wirtschaftlichen Unternehmungen der SS.Vgl. Enno Georg: Die wirtschaftlichen Unternehmungen der SS. Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (Nr. 7), Stuttgart 1963, S. 21 ff.
Die Vertretung der Gesellschaft nach außen übernahm Oswald Pohl, der auch die beiden SS-Hauptämter ‚Haushalt und Bauten‘ sowie ‚Verwaltung und Wirtschaft‘ befehligte. Über ihn heißt es: „Er koordinierte die Zwangsarbeit der KZ-Häftlinge und führte die Geschäfte der Gesellschaft zur Förderung und Pflege deutscher Kulturdenkmäler, die auch für die Finanzierung der Wewelsburg zuständig war.“Jan Erik Schulte: Himmlers Wewelsburg und der Rassenkrieg. Eine historische Ortsbestimmung. In: Ders. (Hrsg.): Die SS, Himmler und die Wewelsburg. Schriftenreihe des Kreismuseums Wewelsburg (Nr. 7), Paderborn u. a. 2009, S. 3. Leiter war anfangs Bruno Galke.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Frankfurt am Main 2007, S. 173. Ab September 1941 oblag die Leitung der Gesellschaft Horst Klein.Walter Naasner (Hrsg.): SS-Wirtschaft und SS-Verwaltung, Düsseldorf 1998, S. 342 f.
Zweck Ausweislich ihrer Satzung bestand der Zweck der Gesellschaft
Damit diente sie vor allem der Realisierung von „Himmlers Privatprojekt“,Als solches bezeichnet es Jakob Saß: Gewalt, Gier und Gnade: der KZ-Kommandant Adolf Haas und sein Weg nach Wewelsburg und Bergen-Belsen, Berlin 2019, S. 79 ff. dem Umbau der Wewelsburg zu jenem auf diverse Mythen gegründeten Großprojekt, das in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre mit einer „ins Unermessliche gesteigerte[n] Planungshybris der lokalen SS-Bauexperten“ betrieben wurde, weshalb manche Architekten darin nicht weniger sahen als den „Mittelpunkt der Welt“: Um den Nordturm der Burg als Zentrum sollte das Dorf Wewelsburg kreisförmig mit einem Radius von 635 Meter neu errichtet werden.Vgl. etwa Jan Erik Schulte: Himmlers Wewelsburg und der Rassenkrieg. Eine historische Ortsbestimmung. In: Ders. (Hrsg.): Die SS, Himmler und die Wewelsburg. Schriftenreihe des Kreismuseums Wewelsburg (Nr. 7), Paderborn u. a. 2009, S. 3 ff; Zitat S. 10 mit weiteren Nachweisen.Zu den Plänen, nach denen Wewelsburg zu einem „Ort der Gigantomanie“ werden sollte, siehe etwa In der Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg 1933–1945 können diese Pläne auch betrachtet werden. Die Bewohner sollten ausgesiedelt werden. Einigen Handwerks- und Landwirtschaftsbetrieben wurden Ersatzbetriebe „in den neuen Ostgebieten“ angeboten.Dies erwähnt, allerdings ohne Details, Michael Drewniok: Wewelsburg in der NS-Zeit (1933 bis 1945), in: Heimatschutzverein Wewelsburg e. V. (Hrsg.): Wewelsburg : Geschichte eines Burgdorfes, Wewelsburg 2012, S. 265 (291).
Tätigkeiten Alle Schritte, die für dieses Vorhaben notwendig waren, wurden, soweit es zu ihrer Realisierung gekommen ist, mithilfe der Gesellschaft, teilweise auch unmittelbar durch sie selbst, realisiert:
Enteignung der betroffenen Eigentümer Als erstes traf die Gesellschaft alle notwendigen Vorbereitungen zur systematischen Enteignung der Dorfbevölkerung und aller betroffenen Institutionen. Dazu beantragte sie am 4. September 1940 beim Regierungspräsidium Minden die Enteignung der für das Bauvorhaben Wewelsburg benötigten Grundstücke. In der Wewelsburger Dorfchronik heißt es dazu:
Infolge dieser Ankündigung erhielten zahlreiche Bürger die nachdrückliche Aufforderung, mit der Gesellschaft in Kontakt zu treten, ohne dass bisher im Detail bekannt ist, wie derselbe ablief und zu welchem Ergebnis er führte. Die Dorfchronik vermerkt lediglich, dass drei Familien nach Niederschlesien umgesiedelt seien.Michael Drewniok: Wewelsburg in der NS-Zeit (1933 bis 1945), in: Heimatschutzverein Wewelsburg e. V. (Hrsg.): Wewelsburg : Geschichte eines Burgdorfes, Wewelsburg 2012, S. 265 (291).
Zu den der SS im Wege stehenden Gebäuden zählte auch die katholische Kirche. Über ihren Erwerb verhandelte, im Auftrag des Reichsführers SS, bereits seit 1937 der Mindener Regierungspräsident Adolf von Oeynhausen mit dem Paderborner Erzbischof. Gegen den Willen des Wewelsburger katholischen Pfarrers, der zumindest einen deutlich höheren Kaufpreis hatte erzielen wollen, wurde die Kirche am 4. Juli 1940 für 200.000 Reichsmark an die Gesellschaft verkauft.Markus Moors: Das „Reichshaus der SS-Gruppenführer“. Himmlers Pläne und Absichten in Wewelsburg. In: Jan Erik Schulte (Hrsg.): Die SS, Himmler und die Wewelsburg. Schriftenreihe des Kreismuseums Wewelsburg (Nr. 7), Paderborn u. a. 2009, S. 161 (178).
Kreditfinanzierung des geplanten Umbaus Als eingetragener Verein kam der Gesellschaft, im Unterschied zur SS als einer Unterorganisation der NSDAP, Rechtsfähigkeit zu. Sie konnte daher in eigenem Namen Rechtsgeschäfte aller Art abschließen, u. a. die so wichtigen Kredite zur Finanzierung der geplanten Umbauarbeiten aufnehmen. „Allein die Dresdner Bank beteiligte sich mit 13 Millionen RM am Bauprojekt, das bis 1943 rund 15 Millionen RM verausgabt hatte. Die megalomanen Planungen des Architekten Bartels betrugen gegen Ende des Krieges einen Gesamtkostenaufwand von weiteren 250 Millionen RM bei einer Bauzeit von 20 Jahren“.Vgl.
Errichtung und Betrieb des Konzentrationslagers Niederhagen
Die Gesellschaft war ferner der organisatorische Dreh- und Angelpunkt des Konzentrationslagers Niederhagen. Die sich ausweitenden Umbauarbeiten erforderten ständig zusätzliche Arbeitskräfte. Im Mai 1939 wurde ein erstes Häftlingskommando aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen nach Wewelsburg abkommandiert. Es wurde zunächst in einem provisorischen Zeltlager unterhalb der Burg untergebracht. Organisatorisch wurde es als Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen geführt, „finanziell wurde die Errichtung und Unterhaltung des Lagers [indes] von der ‚Gesellschaft zur Förderung und Pflege deutscher Kulturdenkmäler‘ (‚Gesellschaft‘) getragen“.Kirsten John-Stucke: Zur Entwicklung des Konzentrationslagers in Wewelsburg 1939–1945. In: Jan Erik Schulte (Hrsg.): Die SS, Himmler und die Wewelsburg. Schriftenreihe des Kreismuseums Wewelsburg (Nr. 7), Paderborn u. a. 2009, S. 337. In der Literatur heißt es dazu weiter:
Literatur Enno Georg: Die wirtschaftlichen Unternehmungen der SS. Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (Nr. 7), Stuttgart 1963. Karl Hüser: Wewelsburg 1933–1945. Kult- und Terrorstätte der SS. Bonifatius-Druckerei, Paderborn 1982, ISBN 3-87088-305-7. Karl Hüser, Wulff E. Brebeck: Wewelsburg 1933–1945. Kult- und Terrorstätte der SS. Bonifatius-Druckerei, Paderborn 1999, ISBN 978-3-87088-534-2. Markus Moors: Die SS und die Wewelsburg – Heinrich Himmlers ideales Machtmodell. In: Markus Moors; Moritz Pfeiffer: Heinrich Himmlers Taschenkalender 1940: kommentierte Edition. Schriftenreihe des Kreismuseums Wewelsburg (Nr. 9), Paderborn u. a. 2013, S. 55 ff. Jan Erik Schulte (Hrsg.): Die SS, Himmler und die Wewelsburg. Schriftenreihe des Kreismuseums Wewelsburg (Nr. 7), Paderborn u. a. 2009, ISBN 978-3-506-76374-7 (Rezension).
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