Der Sommer an jenem Tag () ist ein Roman der Schriftstellerin Saegusa Kazuko. Nachdem der Roman als Serie in der Literaturzeitschrift Gunzō erschienen war, wurde er 1987 als Buch veröffentlicht. Die deutsche Übersetzung von Irmela Hijiya-Kirschnereit erschien 1990 im Insel Verlag. Er setzt ein mit einer Schlüsselszene der neueren japanischen Geschichte: der überhaupt ersten Radioansprache des Kaisers an sein Volk am 15. August 1945, in der er das Ende des Großostasiatischen Kriegs verkündete, und der Roman erzählt in zehn Kapiteln über diesen und die nachfolgenden neun Tage aus der Sicht des 16-jährigen Mädchens Takako. In den 1980er Jahren setzte in der japanischen Literaturwelt eine erneute Beschäftigung mit der eigenen Geschichte während des Krieges ein. Die Besonderheit von Saegusas Roman ist, dass sie das Thema explizit aus einer weiblichen und jungen Perspektive darstellt.

Inhalt 15. August Leitmotivisch beginnt der Roman in medias res mit der glühenden Hitze eines vermeintlich alltäglichen Sommertags im Leben von Takako und ihren Freundinnen. Die Mädchen der Pädagogische Fachoberschule H., eingeschult am 1. August 1945, sind mit dem Nähen von Militäruniformen beschäftigt. Vor ihrer Einschulung war Takako für den Arbeitsdienst in der Rüstungsindustrie eingezogen worden. Unvermittelt kündigt die Musiklehrerin Fr. Hisanaga ohne weiteren Kommentar den Mädchen eine wichtige Rundfunkansprache für 12:00 Uhr an, zu der sie sich in der Schulaula versammeln sollen. Die Radioansprache beginnt mit der Nationalhymne, woraufhin sich alle Schülerinnen reflexartig ehrfürchtig verbeugen. Sie hören die schwer verständliche Rede des Kaisers, in der er das Ende des Kriegs verkündet, und kehren ungläubig und verwirrt an ihren Arbeitsplatz zurück. Es herrscht allgemeine Ratlosigkeit über die Bedeutung und Tragweite der kaiserlichen Erklärung. Es entspinnt sich eine Diskussion über die Sinnlosigkeit weiter an Militäruniformen zu arbeiten. Die Verunsicherung zeigt sich darin, dass es plötzlich Fliegeralarm gibt und kurz darauf Entwarnung. Ein erster Einordnungsversuch mündet in der Feststellung: „Wir haben den Krieg nicht verloren, sondern beendet.“ (S. 21) Das Kapitel endet mit einem Zeitungsbericht über weinende Erwachsene, die in Tokio die Rundfunkansprache des Kaisers hörten.

16. August In einer Rückblende erfährt der Leser im zweiten Kapitel, dass Takako vom 25. Juli 1944 zum Schülerarbeitsdienst in der Flugzeugfabrik K. in der Stadt A. verpflichtet worden war. Das Nähen der Militäruniformen wird ausgesetzt. Stattdessen werden die Mädchen zur Landarbeit und Trümmerbeseitigung eingeteilt. Es werden sechs Gruppen gebildet. Die Gruppen 1, 3 und 5 müssen Trümmer beseitigen, die Gruppen 2, 4 und 6 leisten Feldarbeit. Takako ist Gruppe 5 zugeteilt und erhält in der zerbombten Vorstadt beim Wohnheim der Flugzeugfabrik die Aufgabe zwei Bombentrichter zuzuschütten. Takako erinnert sich ferner an den Angriff mit Brandbomben auf die Stadt vom 19. Januar 1945 und an ein Mädchen mit roten Wangen aus der Fabrik. Den Nachmittag sollen die Mädchen zum Selbststudium nutzen, Unterricht findet nicht statt. Einige Mädchen erfahren aus dem Radio vom Selbstmord General Anamis am 14. August 1945. Ihre Gedanken kreisen um alltägliche Fragen wie das Hina-Matsuri und das Sprichwort, wer seine Puppen zu lange stehen lasse, werde auch erst spät heiraten. Takako fragt sich, welchen Sinn eine Heirat nun noch haben könnte. Takako hat als Lektüre ein konfuzianisches Erbauungsbuch, eine Auswahl von Man’yōshū-Gedichten von Saitō Mokichi und Rousseaus Émile oder Über die Erziehung im Gepäck.

17. August Takako fühlt sich beklommen. Die langen Stunden des Selbststudiums fühlen sich an wie Hausarrest. „Ich habe meine innere Ruhe verloren, da das Leben mit körperlich anstrengender Arbeit [..] so unversehens geendet hatte.“ (S. 48) Nach der FeldarbeitNun leisteten die dritte und die fünfte Gruppe Feldarbeit leiht sich Takako ein Ausgabe des Genji Monogatari im Original aus der Bibliothek aus. Die Ausgabe mit Tanizaki Junichirōs moderner Übersetzung war während des Krieges verboten.Irmela Hijiya-Kirschnereit: Vorwort zu Saegusa Kazukos Der Sommer an jenem Tag, Frankfurt 1990 Takako bemerkt in der Bibliothek einen durch ein Seil abgetrennten Bereich, in dem die verbotenen Bücher aufbewahrt werden. Sie fragt sich, ob die Bücher verbrannt werden sollen, so wie in China unter Kaiser Qin Shihuangdi. In einer Rückblende erinnert sie sich, während des Arbeitsdienstes in der Flugzeugfabrik unerlaubt „Die Perlendame“ (, Shinju fujin, 1920), einen Unterhaltungsroman von Kikuchi Kan, gelesen zu haben. Ihre Gedanken kreisen um die Frage, ob sie selbst wohl der Lektüre von Tanizakis Ausgabe und Kikuchi Kans Roman wegen ein „Volksfeind“ sei. Am Nachmittag sprechen die Mädchen über das Gedicht „100 Millionen trauern“ von Takamura Kōtarō, das in einer Zeitung abgedruckt ist. Von Noriko direkt angesprochen, bemerkt Takako, dass sie an die Göttlichkeit des Tenno geglaubt habe. Dieser Glaube hat sie in einen Widerspruch zur christlichen Lehre ihrer Mutter gebracht. Die Frage nach der Göttlichkeit des Tennō und der von Jesus Christus löst Takako für sich so auf, dass sie zum Schluss kommt, der Kaiser und Jesus seien dasselbe, denn Gott habe Jesus als Sohn nach Europa und den Kaiser nach Japan geschickt. Aus der Zeitung erfahren sie auch, dass Prinz Higashikuni Premierminister geworden ist und dass die Potsdamer Erklärung angenommen wurde. Takako glaubt, dass die Heiligkeit des Kaisers unantastbar sei und dass das ein Grundsatz des japanischen Staates sei; sie fragt sich, ob dieser Status den Kaiser vor einer Hinrichtung schütze.

18. August Der Abschnitt beginnt mit einer Meldung zum Selbstmord von Vizeadmiral Ōnishi. Takako ist irritiert darüber, auf welch unterschiedliche Weise das Führungspersonal Verantwortung übernimmt. Damit verbunden ist für Takako der Glaube an einen nutzlosen und sinnvollen Tod. In einer Rückblende erinnert sie sich, dass ein Major von den Mädchen in der Zahnradfabrik 1944 verlangte, bei einem Luftangriff Kugellager mitzunehmen und wenn nötig mit dem eigenen Körper zu schützen. Im Sinne Ōnishis, des geistigen Vaters der Kamikaze-Einheiten, sah sie darin eine Möglichkeit, sich als Mädchen „sinnvoll“ aufzuopfern. Die Anweisung, Japan wenn nötig mit Bambusspeeren zu verteidigen, sei nun nach der Niederlage obsolet.

In diesem Kapitel beginnen neben praktischen Fragen wie den Gerüchten von Vergewaltigungen durch amerikanische Soldaten und die Verteilung von Zyankali-Kapseln an Frauen und Mädchen durch die Nachbarschaftsvereine, die Takako ratlos lässt, zusehends Details zum Schicksal der einzelnen Mädchen ans Licht zu kommen. Sumi deutet an, dass sie sich ihrem Freund vor dessen Einberufung nicht freiwillig hingegeben hat. Es wird erzählt, dass Sumi eine Fehlgeburt gehabt und zwei Selbstmordversuche unternommen habe (S. 77 + 78). Diese Andeutungen stehen im Kontrast zur weitverbreiteten Meinung, dass „eine Frau, die vergewaltigt wird, selbst schuld“ (S. 80) sei.

19. August Der Tag beginnt mit einem Foto vom Atombombenabwurf auf Hiroshima in der Zeitung sowie Erläuterungen von Dr. Nishina und Professor Asada. Takako kann nicht recht verstehen, warum die Zerstörungen durch die Atombombe der Grund für das Kriegsende sein sollen. Aus ihrer Sicht ist der Krieg nur deswegen zu Ende gegangen, weil der Kaiser es angeordnet hatte. Sie entdeckt bei ihr Lektüre des Genji Monogatarideutsch in zwei Bänden der Corona-Reihe der „Manesse Bibliothek der Weltliteratur“ als Genji Monogatari. Die Geschichte vom Prinzen Genji. Altjapanischer Liebesroman aus dem 11. Jahrhundert, verfaßt von der Hofdame Murasaki. Vollständige Ausgabe aus dem Japanischen von Oscar Benl, Manesse Verlag, Zürich 1966, dass die Hauptperson Prinz Genji sich wie sie selbst in seinem 17. Lebensjahr befindet - nach der alten Lebensalterszählung. Im Unterschied zu Takako, die sich mit diesem Klassiker der japanischen Literatur befasst, liest Noriko den Roman Tess von D'Urbervilles von Thomas Hardy. Die Zeitenwende, die die Radioansprache des Kaisers eingeläutet hat, wird deutlich in Takako Feststellung: „Ich bemerkte, daß meine Orientierung nicht mehr mit der meiner Umwelt übereinstimmte. Vor dem 15. August hatte ich ganz im Einklang mit der Nation gelebt.“ (S. 86) Die ersten Lebensmittelkürzungen greifen, die Rationen für die Hauptnahrungsmittel werden um 10 % gekürzt, doch über die Familie und den Hunger zu sprechen, war tabu.

20. August Die Zeitung des Tages berichtet von Verhandlungen über einen Waffenstillstand Chinas in Manila, einem Treffen von Harry S. Truman mit Charles de Gaulle in Amerika und der Einnahme der italienischen Stadt Andria in Apulien. Takakos Onkel ist zum Militärdienst eingezogen, die Großmutter, Tante und Cousinen sind von ihrer Heimatinsel Amami nach Saitama evakuiert worden. Noriko kritisiert erneut Takako für ihre Beschäftigung mit dem Genji Monogatari und nennt stattdessen eine Stelle über den Selbstmord des Taira no Tomomori aus der „Geschichte des Hauses Taira“.

21. August Der siebte Tag beginnt mit dem Schöpfen von Meerwasser. Auf dem Weg durch die Trümmer erinnert sich Takako an ihre Ankunft in der Stadt, die bald darauf durch Brandbomben in Schutt und Asche gelegt wurde. Ihre Freundin Keiko war Zeugin und Betroffene des Bombardements. Gemeinsam mit Bewohnern, ihrer Tante und deren dreijährigem Sohn flüchtete sie während der Bombardierung zum Strand. Durch das kalte Meerwasser erkältete sich der Kleine, zog sich eine Lungenentzündung zu und verstarb in der Folge. Zudem erfährt der Leser, dass Keiko einen Verlobten hat, der nicht eingezogen wurde, da er in jungen Jahren an Kinderlähmung litt und eine Gehbehinderung zurückbehielt. Auch Miyako offenbart, dass sie einen Freund hat, der nicht eingezogen wurde, weil er Ingenieurwissenschaften studiert. Takako wird befragt und erinnert sich an zwei Mittelschüler, für die sie geschwärmt, mit denen sie aber nie gesprochen hatte.

Die Ernüchterung und der innere Prozess Takakos seit der Radioansprache werden deutlich in den Worten: „Die kaiserliche Rundfunkansprache hatte alles zerstört, an das ich geglaubt hatte. Aber sie hatte mir keinerlei Anweisung für das Morgen gegeben. [...] Mehr noch, die Gewißheit, daß der nächste Tag auch ohne Anweisungen anbräche, solange man lebte, war es, von der alles seinen Ausgang nahm.“ (S. 111)

22. August Die Besetzung durch die alliierten Truppen steht mit dem 26. August unmittelbar bevor. Bei der Lektüre der Zeitung entdeckt Sumi in der Liste der Gefallenen ihren Freund, was eine Diskussion der Mädchen über „Liebe“ auslöst. Der Tag endet mit der Ankündigung des Internatsleiters, dass die Mädchen für drei Tage (vom 24. bis zum 26. August) mit einer Heimkehrbescheinigung nach Hause fahren könnten. Vom 30. September bis 10. Oktober 1945 seien Schulferien und danach wieder regulärer Unterricht. Beim Abholen der Bescheinigungen für sich und die anderen denkt Takako wieder über den Krieg und den Arbeitsdienst sowie den Unterschied von vor und nach der kaiserlichen Ansprache nach.

23. August Am vorletzten Tag des Romans berichtet die Zeitung ausführlich über die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. Nachdem Takako ihre Fahrkarte gekauft hatte, kommen diese und Noriko, die sie begleitete, ins Gespräch. Noriko ist besorgt, da ihr Vater Kapitän eines Zerstörers in Kure und ihre Mutter gerade erst am 29. Juli dorthin gefahren sei, um ihn zu treffen, und da sie seither von beiden keine Nachricht mehr erhalten habe. Am Ende des Gesprächs entdeckt Takako am Strand einen toten Hund: ein böses Omen?

Inzwischen ist Takako nicht mehr so einfältig wie früher: „Doch nun, nicht einmal zweihundert Stunden nach der Kaiserlichen Rundfunkansprache, konnte ich schon nicht mehr begreifen, wie ich mich von solch leeren Formeln hatte dirigieren lassen.“ (S. 140)

24. August