Die Twin City Rapid Transit Company (TCRT) war ein US-amerikanisches Verkehrsunternehmen, das Straßenbahn-, Schifffahrts- und Buslinien im Großraum Minneapolis-Saint Paul (Twin Cities) im Bundesstaat Minnesota betrieb. Auf ihrem Höhepunkt im frühen 20. Jahrhundert betrieb die TCRT ein interurbanes Schienenverkehrssystem, das als eines der besten in den Vereinigten Staaten galt. Es war Vorgänger des heutigen Metro Transit-Systems.
Geschichte
Gründung und Aufbau mini|Pferdebahn in MinneapolisDie Ursprünge des Schienenverkehrs in den Twin Cities gehen auf das Jahr 1865 zurück, als der Geschäftsmann Dorilus Morrison erste Gleise für Pferdebahnen in der Innenstadt von Minneapolis legte. Neben Pferdebahnen wurden auch Kabelstraßenbahnen in Verkehr gesetzt.
mini|Kabelstraßenbahn um 1895 Nach anfänglichen Schwierigkeiten wurde die Minneapolis Street Railway reformiert und schloss 1875 einen Vertrag mit der Stadt ab: Die Gesellschaft erhielt exklusive Rechte für 50 Jahre, sofern sie innerhalb von vier Monaten den Betrieb aufnahm. Der Immobilienmagnat Thomas Lowry brachte am 2. September 1875 die erste Linie zwischen Downtown Minneapolis und der University of Minnesota an den Start. Lowry trieb die Elektrifizierung voran. Ab den späten 1880er-Jahren begannen elektrische Straßenbahnen sowohl in Minneapolis als auch in Saint Paul zu verkehren.
Kabelbahnen verloren rasch an Bedeutung, da sie sich in den schneereichen Wintern Minnesotas als besonders störungsanfällig erwiesen - Eindringen von Schnee und Eis in die Kabelkanäle konnte den Betrieb erheblich behindern.
Aufstieg des Systems 1890 wurden die beiden Städte Minneapolis und Saint Paul durch eine Strecke entlang der University Avenue verbunden.
1891 fusionierte Lowry die Minneapolis Street Railway mit der ebenfalls von ihm kontrollierten St. Paul City Railway zur Twin City Rapid Transit Company. Zeitweise war das Unternehmen auch als Twin City Lines bekannt. Im Jahr 1891 kam es zu einem Rechtsstreit über das Minnesota Vestibule Law - es verlangte, dass Wagenführer nur in geschlossenen Wagen fahren durften. Die TCRT beeinspruchte das Gesetz am obersten Gerichtshof von Minnesota erfolglos.
Die Gleise wurden auf den besten und gleichzeitig teuersten Standard der USA ausgelegt - inklusive thermitverschweißter Stöße und Einbettung in Asphalt oder Stein.
Diversifizierung und Expansion Von 1906 bis 1926 experimentierte die TCRT mit „Express Boats“ (Straßenbahn-Booten) auf dem Lake Minnetonka. Diese dampfgetriebenen Schiffe ähnelten optisch den Straßenbahnen der Ära. Zudem betrieb TCRT auch Taxis und sogar Freizeitparks wie den Wildwood Amusement Park und den Big Island Park, um den Ausflugsverkehr zu fördern.
Im Jahr 1906 veröffentlichte die TCRT einen Folder über Ausflugsziele, die mit der Straßenbahn erreichbar waren. Im Juli des gleichen Jahres kündigte das Straßenbahnunternehmen den Bau des Selby Hill Tunnels in Saint Paul an. Im Folgejahr erschien eine Bildreportage zum Tunnelbau und zur Geschichte der Verkehrsverbindungen über den Selby Hill.
Im Februar 1907 wurden finanzielle Ergebnisdaten veröffentlicht, die starke Steigerungen gegenüber dem Vorjahr auswiesen. +19061905Einnahmen durch Passagiere$ 5.592.079,24$ 4.733.334,80Sonstige Einnahmen$ 52.909,10 $ 25.927,96Summe$ 5.644.988,34$ 4.759.262,76
1907 stand im Zeichen großer Bauvorhaben. Einerseits wurde über die Eröffnung des Selby Tunnels berichtet. Es wurde erwähnt, dass der Tunnel eine Länge von "1,700 feet" habe, also etwa 518 Meter. Ein detaillierter Bericht über die neuen Straßenbahnwerkstätten erläuterte den sowohl den Bau an sich als auch die neuen technischen Möglichkeiten für den Werkstättenbetrieb.
Auch wurde im gleichen Jahr angekündigt, dass in Saint Paul 15 neue Triebwagen in Betrieb gehen würden. Diese würden in der eigenen Werkstätte hergestellt werden. Eine Lieferung von 12 weiteren selbst hergestellten Fahrzeugen wurde 1908 angekündigt.
Im Jahr 1908 wurde das Unternehmen Twin City Rapid Transit Company an William A. Read & Co. in New York verkauft. Im gleichen Jahr wurde ein Umspannwerk für zwei mal 1.500 kW in Betrieb genommen.mini|Kreuzung Hennepin Avenue / 6th Street (1920)Auf dem Höhepunkt 1922 betrieb das Unternehmen 1021 Straßenbahnen auf einem 850 km langen Netz, das von Stillwater am St. Croix River im Osten bis zum Lake Minnetonka im Westen reichte. Es hieß, kein Bewohner von Minneapolis lebe weiter als 400 Meter von der nächsten Haltestelle entfernt.
Arbeitsbedingungen und Streiks 1917 kam es zu einem schweren Streik, beeinflusst von den Industrial Workers of the World. Horace Lowry, der Sohn des Gründers, weigerte sich, mit den Arbeitern zu verhandeln. Es kam zu Ausschreitungen in St. Paul; der Streik wurde schließlich durch die Minnesota Commission of Public Safety gebrochen. Im gleichen Jahr schrieb das Electric railway journal über einen neuen Typ niederfluriger Straßenbahnwagen in den Twin Cities. Der Boden des Innenraumes lag hier nur 31 Zoll über der Schienenoberkante, also etwa 79 Zentimeter.
Im Oktober 1924 veröffentlichtes das Electric railway Journal einen Artikel über die Maßnahmen zur Sauberkeit in Straßenbahnwagen und deren Einfluss auf die Fahrgastzufriedenheit in den Twin Cities.
Im Jahr 1924 gab das Straßenbahnunternehmen bekannt, dass 325 langjährig tätige Mitarbeiter jährlich zu einem Abendessen im betriebseigenen Speisesaal in den Werkstätten Snelling Shops eingeladen würden. Die Einladung richtete sich an Personen die 20 Jahre oder mehr für das Unternehmen tätig waren.
Im Januar 1929 verkaufte die TCRT eine Tochterfirma, die in den Twin Cities und Duluth, Minn., Taxidienste angeboten hatte. Im gleichen Monat kam es zu einer Einigung mit dem City Council von Saint Paul in der Frage von Fahrpreisen.
In den 1930er Jahren wurde auf Einmannbetrieb umgestellt, was etwa die Hälfte der Belegschaft überflüssig machte. Dies führte zu Spannungen, doch mit Unterstützung von Gouverneur Floyd B. Olson traten die Arbeiter 1934 der Amalgamated Transit Union bei.
Niedergang und Übernahme mini|Entwicklung der FahrgastzahlenNach dem Zweiten Weltkrieg verlagerte sich der Pendlerverkehr zunehmend auf eigene Kraftfahrzeugen. Die TCRT investierte zwar noch in moderne PCC-Wagen, doch 1948 erlangte der Investor Charles Green die Kontrolle über das Unternehmen. Er stoppte Investitionen in die Schiene und plante die vollständige Umstellung auf Busse bis 1958.
Nach internen Machtkämpfen übernahm der Anwalt Fred Ossanna 1951 die Führung. Er beschleunigte den Abbau des Netzes radikal. Am 19. Juni 1954 verkehrte die letzte Straßenbahn. Ossanna und einige seiner Mitstreiter wurden später verurteilt, da sie das Unternehmen systematisch geplündert und sich persönlich am Schrottwert der Anlagen bereichert hatten. Carl Pohlad übernahm das Erbe der Gesellschaft in den 1960er Jahren, bevor er sie 1970 verkaufte.
Selbst gebaute Fahrzeuge
Die TCRT gehörte zu den vergleichsweise wenigen nordamerikanischen Straßenbahnunternehmen, die einen Großteil ihres Fahrzeugparks in eigenen Werkstätten herstellten. Diese Entscheidung war sowohl technisch als auch wirtschaftlich begründet und prägte das Erscheinungsbild des Systems über Jahrzehnte. Ausgangspunkt für den Eigenbau waren Annahme und Erfahrung, dass am Markt beschaffte Straßenbahnwagen den klimatischen Bedingungen Minnesotas – insbesondere extremen Kälteperioden, Schnee und Eis – nur unzureichend standhielten. Hinzu kamen die Transportkosten sowie die eingeschränkte Möglichkeit, serienmäßig gebaute Fahrzeuge an die spezifischen Anforderungen des TCRT‑Netzes anzupassen.
Eigenbau erlaubte es dem Unternehmen, Wagenkästen robuster auszulegen, größere Fahrzeugabmessungen zu realisieren, technische Details wie Türen, Heizung, Fahrwerke, ... gezielt an lokale Bedürfnisse anzupassen, Reparaturen und Umbauten unabhängig von externen Lieferanten durchzuführen.
mini|Dienstfahrzeug für Thomas Lowry (1912)mini|Schneepflug (1939) Ab 1898 begann das Unternehmen, seine Fahrzeuge in betriebseigenen Werkstätten selbst zu bauen. Die ersten selbst gefertigten Fahrzeuge entstanden ab 1898 in den Nicollet Shops in Minneapolis. Aufgrund steigender Nachfrage eröffnete TCRT 1906 eine weitere große Produktionsstätte, die Snelling Shops in Saint Paul. Dort wurden nicht nur Straßenbahnwagen für den Eigenbedarf gefertigt, sondern zeitweise auch Fahrzeuge und Komponenten für andere Verkehrsbetriebe, unter anderem waren das Chattanooga, Duluth, Seattle und Chicago. Die von TCRT selbst gebauten Straßenbahnwagen unterschieden sich deutlich von vielen zeitgenössischen US-Typen.
Charakteristisch waren vor allem ihre außergewöhnlich großen Abmessungen: Länge: etwa 45 Fuß (rund 13,7 m) und Breite: etwa 9 Fuß (rund 2,74 m). Damit zählten sie zu den breitesten Straßenbahnwagen in den Vereinigten Staaten. Die größere Breite erhöhte den Fahrgastkomfort und die Kapazität, schränkte jedoch später die Weiterverwendung der Fahrzeuge auf anderen Netzen ein.
Konstruktiv setzten die Wagen auf massive Rahmen, verstärkte Wagenkästen sowie eine für den Winterbetrieb optimierte Ausstattung. Viele Fahrzeuge erhielten vergleichsweise leistungsfähige Heizsysteme, um den Betrieb auch bei extrem niedrigen Temperaturen sicherzustellen. Neben regulären Personenwagen baute TCRT in eigenen Werkstätten auch eine Vielzahl von Dienst- und Sonderfahrzeugen, darunter: Schneepflüge und Schneeschleudern für den Winterdienst, Arbeitswagen für Gleis‑ und Oberleitungsbau, Kräne und Hilfsfahrzeuge für Bergungs‑ und Instandhaltungsarbeiten.
Ein besonders auffälliges Einzelstück war ein Sonderwagen für Firmenpräsident Thomas Lowry, der um 1898 entstand. Dieser Wagen verfügte über besonders große Fensterflächen an einem Wagenende und wurde bei repräsentativen Anlässen eingesetzt, etwa bei der Eröffnung neuer Strecken oder beim Besuch von US-Präsident William McKinley.
Die Beschaffung von PCC-Wagen beendete die Epoche der Eigenherstellung erst vergleichsweise kurz vor der Betriebseinstellung. Verbleib der PCC-Wagen mini|PCC 1071 in San Francisco, vormals TCRT 362Insgesamt 140 Fahrzeuge wurden an drei andere Straßenbahnsysteme in Nordamerika verkauft. +Jahr des VerkaufesHerstellerWagennummer TCRTKäufer (neue Nummer)1945General Electric299Mexiko-Stadt1946Westinghouse 300-319Mexiko-Stadt1946General Electric320-339Newark 1-20 1947General Electric340-359Shaker Heights 1947General Electric360-364Newark 21-25 1947Westinghouse 365-389Mexiko-Stadt1949Westinghouse 390-414Mexiko-Stadt1949General Electric415-419Newark 26-30 1949General Electric420-439Mexiko-Stadt In Mexiko-Stadt verkehrten die von der TCRT stammenden Fahrzeuge zuletzt auf der Stadtrandlinie Tren ligero de la Ciudad de México bis in die frühen 1980er-Jahre, bei der Newark Light Rail noch bis zum Jahr 2001. Newark verkaufte 11 Fahrzeuge aus seiner PCC-Flotte danach an die Market Street Railway in San Francisco.
Die nicht verkauften Fahrzeuge wurden überwiegend verbrannt und das Metall dem Wertstoffkreislauf zugeführt.
mini|TCRT 1300 im Minnesota Streetcar Museum mini|Straßenbahn-Boot Minnehaha Erinnerungskultur Bewegliche Objekte Obwohl der Großteil der Wagen verbrannt wurde, überlebten einige Exemplare: Das Minnesota Streetcar Museum besitzt den Wagen 1300 und den PCC-Wagen Nr. 322 und nutzt sie auf seiner Museumsstraßenbahn Como-Harriet Streetcar. Auf der Excelsior Streetcar line ebendieser Organisation steht der Wagen 1239 im Einsatz. Das im Jahr 1949 versenkte Straßenbahn-Boot Minnehaha wurde 1980 gehoben und war bis 2019 dem Lake Minnetonka in Betrieb. Da die bis dahin genützte Slipanlage nicht mehr zur Verfügung steht, kann die Minnehaha seither nicht mehr zu Wasser gelassen werden. Im Seashore Trolley Museum (Maine) wird der TCRT-Triebwagen 1267 gezeigt. TCRT-Triebwagen 1583 fährt im East Troy Electric Railroad Museum (Wisconsin). Das Museum gibt an, der frühere US-Präsident George H. W. Bush wäre einer der Unterstützer bei der Aufarbeitung des Fahrzeuges gewesen.